Hilfsorganisation in Afghanistan: Evakuierung aus Kabul

"Wenn man uns lässt, machen wir weiter!"
Taliban Kämpfer auf den Straßen der Stadt in Kabul

Stringer/Sputnik/dpa/picture alliance

Machtübernahme in Kabul, Taliban-Kämpfer auf den Straßen der Stadt am 16.08.2021

6626212 16.08.2021 Taliban fighters are seen on the back of a vehicle in Kabul, Afghanistan. The Taliban (designated terrorist and banned in Russia) took over the capital city of Kabul on August 15, sweeping to power in Afghanistan as President Ashraf Ghani resigned and fled abroad. Stringer / Sputnik

Claudia Peppmüller vom Friedensdorf International in Oberhausen ist gerade in Kabul. Sie und ihre Kollegen wurden von der Machtübernahme der Taliban überrascht. Im Moment warten sie darauf, ausgeflogen zu werden. Das Interview fand via Sprachnachrichten statt.

Wie ist gerade die Stimmung in Kabul?

Claudia Peppmüller: Bei meinen Kollegen und mir ist die Stimmung gut. Wir sind ein Spitzenteam. Traurig gestimmt hat uns die Sorge unseres afghanischen Partners, wir würden unsere Arbeit hier nicht fortsetzen, weil wir Schiss hätten, wiederzukommen nach Afghanistan. Diese Sorge konnten wir ihm nehmen. Wir hoffen, dass wir am 31. August 27 kranke und verletzte Kinder ausfliegen können!

Unser Reporter hat 2020 eine Reportage über die Arbeit des Friedensdorfs International geschrieben.

Das heißt, Ihr Plan ist, die Arbeit des Friedensdorfs in Afghanistan auch zukünftig fortzusetzen? Sie denken nicht ans Aufhören?

Sind Sie verrückt? Wir pausieren auf gar keinen Fall in Afghanistan. Wir haben schon in der Vergangenheit, als die Taliban das erste Mal die Macht hatten, weitergemacht. Wenn man uns lässt – und danach sieht es aus -, machen wir weiter. Gestern haben wir mitbekommen, dass Gespräche laufen und unsere Hilfe von den Taliban wertgeschätzt wird. Es ist aber noch nicht fixiert. Wir helfen allen Kindern Afghanistans. Darunter werden auch Kinder der Taliban sein.

Claudia Peppmüller

Claudia Peppmüller ist Pressesprecherin des Friedensdorf International. Seit über 50 Jahren fliegt die Hilfsorganisation pro Jahr 250 bis 300 versehrte Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland. Sie bleiben ein halbes Jahr oder länger im Friedensdorf, danach kehren sie in ihre Heimat zurück. Claudia Peppmüller ist gerade in Kabul, sie und ihre Kollegen wurden von der Machtübernahme der Taliban überrascht, als sie gerade Kinder für den nächsten Deutschlandflug auswählen wollten.
privat

Michael Güthlein

Michael Güthlein, Jahrgang 1990, ist Redakteur bei chrismon. Nach dem Studium der Germanistik und Geografie in Bamberg sowie dem Masterstudiengang Journalismus in Mainz hat er in den Redaktionen von chrismon und epd volontiert. Praktika führten ihn zur "Allgemeinen Zeitung" Mainz, zum "Fränkischen Tag", SWR-Fernsehen, HR-Hörfunk sowie den Kinozeitschriften "Cinema" und epd Film. Er interessiert sich besonders für die Themenfelder Politik, Gesellschaft und Kultur.
Lena UphoffMichael Güthlein, chrismon-Redakteur

Wie sichern Sie ab, unter einem solchen Regime arbeiten zu können?

Hier verlassen wir uns komplett auf unsere Partnerorganisation, den Roten Halbmond. Die können wunderbar einschätzen, mit wem und wer dafür zuständig sein wird. Auch das ist noch ungeklärt: Wer übernimmt diese Position, diese Ämter, die das zu entscheiden haben? Unser Partner sagt: Wir werden alle Wege gehen, damit ihr bleibt. Darauf vertrauen wir.

Wie haben Sie den Moment wahrgenommen, als die Nachrichten kamen, dass Kabul in die Hand der Taliban fällt?

In dem Raum, wo wir die kranken Kinder vorgestellt bekommen, hängt eine Karte von Afghanistan, die wir seit Beginn unter Beobachtung hatten. Immer, wenn Eltern hereinkamen aus unterschiedlichen Provinzen, haben wir nachgefragt, wie die Lage dort aussieht. Außerdem haben wir über die afghanischen Medien mitbekommen, welche Provinzen eingenommen wurden. Als die Umzingelung Kabuls am Samstag begann, haben wir uns immer noch bei den Afghanen erkundigt: Na, meint ihr, es geht los? Eigentlich war jeder im Glauben, dass sie es nicht wagen, so früh anzugreifen. Man hat hier in Afghanistan mit einem Zeitfenster von drei bis sechs Monaten gerechnet. Wir allerdings haben unter uns gedacht: Oh-oh, hoffentlich geht das noch bis 31. August gut, weil das unser Termin für den Rückflug mit den Kindern war. Wir hatten gelesen, dass die Amerikaner bis dahin das Land verlassen wollten. Von daher war es für uns alle – für die Partnerorganisation, für die Eltern, die uns die Kinder vorgestellt haben sowie für uns – eine totale Überraschung, dass das von jetzt auf gleich losging. Auf einmal wurde es still, dann waren Schüsse zu hören. Es war relativ schnell klar, was passiert ist. Da haben wir die Nerven bewahrt und gesagt: Das Friedensdorf geht nicht, ohne nicht alles für die Kinder erledigt zu haben - sonst können wir sie nicht am 31. August holen. Wir haben in Ruhe die Unterlagen fertiggemacht und sind dann ins Gästehaus gefahren und haben uns, wie Millionen in dieser Stadt, gefragt: Was passiert jetzt?

 Der Arzt Abdul Marouf Niazi, Partner des Friedensdorfs International, untersucht ein Kind
Friedensdorf International

Haben Sie oder Ihre Partner Angst gehabt?

An dem Abend der Machtübernahme gab es hier unmittelbar am Gästehaus einen Schusswechsel, weil sich Kriminelle als Taliban ausgegeben haben und vom Roten Halbmond ein Auto stehlen wollten. Wir geraten erst in Sorge, wenn unsere Partner hektisch werden. Dann sind wir verdonnert worden, sofort aufs Zimmer zu gehen, Licht auszumachen und abzuwarten, was passiert, weil das Gerücht ging, dass der Flüchtende – man konnte den Diebstahl verhindern – in unsere Richtung gelaufen ist und unter Umständen ins Gästehaus kommt. Das war einer der Momente, wo man nicht genau wusste, was gleich passiert. Ansonsten: Wir kommen ja nicht raus aus dem Haus. Wir kriegen drumherum nicht ganz so viel mit. Wir hören, was unsere Partner uns erzählen von der Situation. Einer unserer Partner vor Ort, Dr. Marouf, ist mein Held. Er sagt: Ich habe nicht den Wunsch zu gehen. Ich bin Afghane, bleibe Afghane und werde hier sterben und alles geben, damit meine Familie weiter versorgt werden kann. Wir haben aber auch jemanden kennengelernt, der weg möchte. Diesen Menschen so traurig zu sehen, dass das wohl nicht funktionieren wird und seine Angst vor dem, was ihn erwartet … Was die Menschen hier stemmen müssen, ist der Wahnsinn. Die Angst, was aus denen wird, die den Ausländern geholfen haben, weil sie ihre Familien ernähren mussten, ist groß.

Wissen Sie, wann Sie Kabul verlassen werden? 

Wir haben die Mitteilung bekommen, uns bereitzuhalten. Es wird geschaut, wie man am sichersten zum Flughafen kommt. Mehr wissen wir auch nicht. Wir sitzen hier und warten auf Godot.

 

Anmerkung der Redaktion: Am 17. August abends teilte das Friedensdorf International mit, dass das Team mit dem zweiten Evakuierungsflug aus Afghanistan ausgeflogen wurde.

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Sie sind zu Gast im Friedensdorf International in Oberhausen – so lange, bis sie wieder gesund sind. Unser Reporter hat Shekiba aus Afghanistan und viele andere versehrte Kinder fast ein Jahr lang begleitet

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