Wohnglück Folge 6: Zusammen wohnen im Klarissenkloster Köln

Leben in der Bude
Leben in der Bude

Julia Pfaller, www.zusammenhaltbrauchtraeume.de

Leben in der Bude

Einst lebten im Klarissenkloster in Köln Nonnen - heute Studentinnen, geflüchtete Familien aus Kurdistan, einige von ihnen Handicap. Bunt zusammengewürfelt. Funktioniert ganz gut.

chrismon: Warum sind Sie hier eingezogen?

Kathrin Hölscher: Unsere WG brauchte eine neue Bleibe, und eine von uns hatte vom Kloster gehört. Die wollten eigentlich Familien, aber wir haben gesagt: Hey, Studierende bringen Leben in die Bude. Wir wohnen jetzt in einer 5er-WG, wir studieren Medizin, Sonderpädagogik, VWL und ich studiere Psychologie.

Kathrin Hölscher

Kathrin Hölscher ist Studentin, 27 Jahre alt und wohnt in einem integrativen Wohnprojekt des Caritas Verbandes in Köln. Der mit dem Deutschen Bauherrenpreis 2020 ausgezeichnete Neubau mit 24 Wohnungen steht auf dem Gelände des historischen, Federführung des Erzbistums Köln, gemeinsam mit den Partnern Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft (Aachener SWG), der Stiftung Die Gute Hand und dem Caritasverband für die Stadt Köln e.V. in enger Abstimmung mit der Stadt Köln." ehemaligen Klarissenklosters in Köln.
PrivatKathrin Hölscher

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Julia Pfaller

Diese Wohnglück Folge hat mich beim Illustrieren sehr berührt, ich finde es richtig bewundernswert, wie diese Junge Frau trotz Sehbehinderung ihren Alltag stemmt und mit welcher positiven Energie sie ihre Ziele angeht. Finde ich toll! Respekt!
Moritz Kipphardt

Was ist hier anders?

Wir haben mehr Platz und es ist bezahlbar, zwischen 260 und 320 Euro pro Zimmer. Und der Stadtteil ist spannend. Man kennt sich im Viertel.

Im Klarissenkloster wohnen zur Hälfte Geflüchtete, einige mit einer Behinderung. War das ein Grund, hier einzuziehen?

Ich bin nicht hergezogen mit dem Gedanken: Hier willst du helfen. Ich habe von Leuten gehört, die dachten, das ist hier so ein kleines Paradies hinter dicken Mauern, wo man heile Welt spielen kann. Das ist Quatsch. Wir begegnen den Nachbar:innen auf Augenhöhe, wir ­helfen uns gegenseitig.

Wo begegnen Sie sich?

Am meisten über die Kinder. Mit denen spielen wir Fußball oder fahren Skateboard. Gestern habe ich mit ein paar Kindern bunte Kreidekreise auf den Innenhof gemalt . . .

Sitzen Sie oft im Hof zusammen?

Nö, die meisten sitzen vorn am Eingang. Als wir vor drei Jahren eingezogen sind, haben wir ein großes Fest gefeiert, da waren vier oder fünf Familien. Seither kennen wir die gut, einer Tochter helfe ich seit Corona in Deutsch und Chemie. Aber das meiste läuft über das Essen.

Wie das?

Leider sprechen die Frauen immer noch wenig Deutsch, aber sie versorgen uns mit selbst gemachtem Joghurt oder gefüllten Weinblättern. Superlecker. Die jesidischen Familien feiern um Ostern rum immer groß, dann gibt es noch mehr Essen. Als unsere WG in Quarantäne war – eine von uns hatte ­Corona – haben sie für uns eingekauft, Gemüse, Obst, alles. Sogar ­Vitamine aus der Apotheke haben sie für uns geholt.

Einige der hier lebenden Menschen haben ein Handicap, was heißt das genau?

Ein kleines Mädchen hat Trisomie 21, die lieben wir am ­meis­ten! Unter uns wohnt ein Mann im Rollstuhl, nebenan ein Junge mit Gehhilfen. Hier ist alles barrierefrei. Ich selbst habe eine Sehbehinderung, ich sehe nur zwei Prozent. Aber ich kann alle Menschen an ihren Stimmen erkennen – gar nicht so einfach bei lauter Fremdsprachen!

Wie bleiben Sie in Kontakt?

Über eine Whatsapp-Gruppe. Leider wird da oft genörgelt. Aber es steht da auch: Wer kann mir einen Hammer leihen? Oder: Ich habe Schränke ausgemistet, kommt alle gucken.

Was nervt?

Ich ärgere mich schon mal, wenn die Mülltonnen überquellen, aber dann denke ich: Die Leute haben echt andere Sorgen als Mülltrennung. Hier leben Menschen, die sind nur mit einer Flasche Wasser übers Gebirge geflüchtet. Solche Geschichten gibt es nicht in meiner akademischen Bubble.

Und wenn Sie mit dem Studium fertig sind?

Würde ich gern hier wohnen bleiben oder in ein Hausprojekt mit anderen einsteigen. Allein wohnen will ich nicht. Als ­Therapeutin würde ich mich gern spezialisieren auf traumatisierte Kinder und Jugendliche. Dafür will ich vielleicht bald Arabisch oder Paschtunisch lernen.

Infobox

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Lesermeinungen

Die bunte Lebensgemeinschaft im ehemaligen Klarissenkloster in Köln ist ein vielversprechendes Projekt.
Integration unterschiedlicher Kulturen sollte dort optimale Voraussetzungen haben.
Ich frage mich, warum die geflüchteten Frauen, die seit mindestens drei Jahren dort wohnen, immer noch so wenig Deutsch sprechen? Kein Interesse am tieferen interkulturellen Austausch? Keine Notwendigkeit, da man vorwiegend die Gesellschaft Gleichsprachiger sucht?
Und warum ist es Geflüchteten, die bereits mehrere Jahre dort leben nicht zuzumuten, Müll zu trennen bzw. zu vermeiden?
Ich finde, Regelakzeptanz und Rücksicht fängt im Kleinen an und muss von allen Seiten kommen - nur dann gelingt harmonisches, bereicherndes Zusammenleben im Wohnprojekt und gesamtgesellschaftlich.