Ursprung der Religionen

Wer hat die Religion erfunden?
Wer hat die Religion erfunden?

Lisa Rienermann

Religiöse Rituale existieren, seitdem es Menschen gibt. Buddha, Jesus und Mohammed kamen viel später dazu.

Vorgelesen: Religion für Einsteiger "Wer hat die Religion erfunden?"

Folgt man dem australi­schen Archäologen Gregory Wightman, dann entstand die Religion mit dem Menschen. Wightman macht das an steinzeitlichen Kultobjekten fest: ornamentierten Muscheln, Pigmentresten von Zeichnungen, Begräbnisstätten. Sie halfen Menschen, ihrem Bedürfnis nach Sicherheit und Vertrautheit in ­ritualisierten Handlungen Ausdruck zu verleihen, unbekannte Gefahren abzuwehren, die Rangfolge in der ­Gruppe zu klären. An Ritualen bilde­ten sich Vorstellungswelten – auch die Ehrfurcht vor unsichtbaren Mächten, die den eigenen Einfluss überstiegen. 

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist chrismon-Redakteur und zusammen mit Claudia Keller  verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.      
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Religion stabilisierte zuerst den Clan. Später, in der Bronze- und Eisen­zeit, sogar die Herrschaft von Eliten über ganze Städte und Völker. Mit den Nationalkulten entstanden Priester­kasten, Tempelbauten, schriftliche Überlieferungen von Helden­sagen wie dem Gilgameschepos und Homers Gesängen von der Eroberung Trojas und Odysseus’ abenteuerlicher Heimkehr – und Mythen wie Hesiods Werk über die Entstehung der Götter.

Erst ab dem 6. vorchristlichen Jahrhundert bildeten sich Religionen heraus, wie wir sie kennen. Da konnten Menschen bereits auf alte schriftliche Überlieferungen zurückblicken und hatten sich in der Auseinandersetzung mit diesen Traditionen ein hohes Maß an Selbstreflexion erarbeitet.
Religionswissenschaftler sagen: Die Weltreligionen gehen auf Religionsgründer zurück, auf Buddha, Jesus, Mohammed. 

Für die Ewigkeit

Gläubige sehen das etwas anders. Nicht erst Buddha, Jesus und Mohammed hätten ihre Botschaften erdacht. Was sie verkündigten, sei vielmehr ewig gültig, seit Anbeginn der Welt. Buddhisten sagen: Buddha habe das Mitgefühl mit anderen leidenden Lebewesen entdeckt, nicht erfunden. Christen sagen: Jesus habe mit seiner Liebe und Opferbereitschaft deutlich gemacht, wozu der Mensch erschaffen sei – weshalb die ersten Christen Jesus "Ebenbild des unsichtbaren Gottes" nannten (Kolosser 1) und in ihm das "Mensch gewordene Wort Gottes" erkannten (Johannes 1), das schon an der Schöpfung mitwirkte. Muslime sagen: Den Koran, der dem Propheten Mohammed offenbart worden sei, habe es schon von Anbeginn der Welt gegeben; es seien göttlich-poetische Worte der Rechtleitung für die weltweite Gemeinschaft derer, die sich fünf­mal täglich vor dem Höchsten ver­neigen und einander im weißen Pilger­kleid von gleich zu gleich begegnen.

Heute mag das zeitlos Gültige der Weltreligionen, die Vision von persönlicher Reife und friedlichem und gerechtem Miteinander, schwer vermittelbar sein. Daran sind keinesfalls die Religionskritiker und Spötter schuld. Gläubige sollten sich jeder Kritik stellen. Und mitlachen, wo es witzig wird. 

Fundamentalisten entstellen die Religionen

Es sind ihre selbst ernannten Wächter, die Religion wie etwas schlecht Ausgedachtes erscheinen lassen: fanatische Mönche, die gegen muslimische Rohingyas hetzen; bärtige Männer, die "Allahu akbar" schreien und unschuldige Menschen niedermachen; biedere Evangelikale, die einen egomanen Ex-Präsidenten verehren, weil er Fremde ausgegrenzt und konser­vative Richter ernannt hat. Sie alle entstellen bis zur Unkenntlichkeit, was sie angeblich beschützen wollen.

Ihnen gelten die Worte Nathans des Weisen. In seinem Theaterstück lässt Gotthold Ephraim Lessing ­seine jüdische Hauptfigur eine Parabel über den Wahrheitsanspruch der Religionen erzählen. Nathan erzählt von einem Ring, der vor Gott und den Menschen angenehm macht. Dieser Ring kommt in den Besitz eines Vaters von drei Söhnen, die er gleich gern hat. Um den Ring an ­alle vererben zu können, muss er zwei identische Nachbildungen anfertigen. Nun streiten die Söhne, wer den ­wahren Ring hat. Schließlich rät ein weiser Richter: Wenn der Ring die Kraft ­habe, vor Gott und den Menschen angenehm zu machen, dann möge doch ein jeder danach trachten, die Kraft des Rings an den Tag zu legen.

Niemand hat die Religion erfunden. Sie war da, seitdem es Menschen gibt. Und wenn die Weltreligionen wirklich Wissen in sich tragen, das überzeitlich ist und vor Gott und den Menschen angenehm macht – dann wäre es schön, wenn sich Menschen aller Religionen zusammentäten, um ihre Schätze gemeinsam zu heben.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren!
Wenn man über vierzig Jahre Grundschulkinder im Religionsunterricht erlebt hat, interessiert einen diese Frage wohl ganz besonders. Ich hätte nie gedacht, wie sehr dieses „Schulfach“ die Kleinen begeistern kann. So fragte mich einmal ein Zweitklässler: „Wann kommst du mal wieder in unsere Klasse und erzählst uns von dem tollen Mann?“ Er meinte Jesus, der die Menschen liebt, ihnen sagt, was gut und böse ist und wie man friedlich miteinander umgeht. Wir sollten vielleicht häufiger auf unsere Kinder hören, deren originäre Bedürfnisse ernster nehmen und vielleicht auch unser Verhalten etwas mehr danach ausrichten: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder,“ lehrt uns Jesus „könnt ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“
Mit freundlichen Grüßen
und guten Wünschen für Ihre Gesundheit
in Zeiten von Corona

Sehr geehrter Herr Weitz,
der Beitrag: "Wer hat die Religion erfunden" ist interessant. Es sind aber etliche Mängel darin:
Mosche ist als Lehrer und Gründerfigur des Judentums nicht genannt. Selbst, wenn die Exegese Schwierigkeiten mit einer historisch greifbaren Person hat, so darf doch die Wirkungsgeschichte nicht vergessen werden. Christentum und Islam sind ohne die Bibel nicht zu verstehen.
Mit Buddha endet der Horizont. Ostasien (China als Hochkultur) und die dort üblichen Religionen haben Sie nicht erwähnt. China kennt ursprünglich keine Erlösungsreligion (vgl. W. Bauer, Geschichte der chines. Philosophie). Für das Verständnis von Religiosität sollte der Begriff Erlösung als eine besondere Form von Religion nicht vergessen werden.
Mit freundlichen Grüßen
Peter Duell
Göttingen

"Religion stabilisierte zuerst den Clan."

Zuerst formte die Spiritualität des Menschen instinktive Bewusstseinsschwäche in Angst, Gewalt und "Individualbewusstsein".
Dann begann der Machtmissbrauch, der heute nun in wettbewerbsbedingter Symptomatik und immernoch geistigem Stillstand konfusioniert/gelebt wird, anstatt den Worten unserer philosophischen Führer entsprechend OHNE Konkurrenzdenken zur Vernunft "wie im Himmel all so auf Erden" Mensch zu werden.

Stabilisiert ist bis heute noch garnichts!

Allein schon die Frage zu stellen, ist der Anfang vom Ende einer jeden Religion. Der Mensch in Konkurrenz zu Gott? Die Frage impliziert, dass jede Religion von Menschen nach eigenen Zielen (auch bösen!) willkürlich gemacht worden sein könnte. Die Frage der Schöpfung ist eh schon mehr als das Gegenteil von sakrosankt. Mit der Frage, man sollte nicht jede stellen, werden Mauern gestürzt, die nicht wieder aufbaubar sind. Die Gedanken sind frei, freie Gedanken sind ohne Resonanz. Erst ihre öffentliche Formulierung und die Tat der freien Gedanken kann zum Verbrechen oder zum Guten führen. Eine Exegese des Lebens könnte den Tod aller Menschlichkeit bedeuten. Hände weg davon.

Lieber Herr Ockenga, bei Ihrer Frohen Botschaft läuft mir das Wasser im Munde zusammen! Man braucht nur die Frage zu stellen, wer die Religion erfunden hat und schon ist der Anfang vom Ende der Religion eingeläutet? Das wäre wirklich wunderbar, wenn das so einfach ginge. Ich fürchte, auch diese Frohe Botschaft hält nicht, was sie verspricht.

Ist die Religion übrigens eine Mauer, die bei geeigneter Fragestellung zusammenkracht? Vielleicht sollte man sich die Konstruktion dieser Mauer dann genauer ansehen.

Im Artikel finde ich bemerkenswert, dass ausgerechnet von "ornamentierten Muscheln" ausgehend gefolgert wird, dass da niemand was erfunden hat, sondern Religion einfach schon immer da war. Sollte man vielleicht mal die Muschel fragen, was die dazu meint.

Fritz Kurz

Mit dem ersten geistigen Evolutionssprung (die "Vertreibung aus dem Paradies"), oder: "Als Mensch anfing seine Toten zu bestatten, wurde Mensch zum Mensch", hat Religion ihren Beginn.