Olympia 2021: Leonie Ebert, jüngste deutsche Fechterin

"Ohne euch hätte ich es nicht geschafft"
Leonie, Amélie und Constantin Ebert

Sebastian Lock

Die "Ebert-Gang": Leonie, Amélie und Constantin Ebert (von links nach rechts).

von links nach rechts: Leonie Ebert startet als Jüngste der deutschen Fechtdelegation bei den Olympischen Spielen in Tokio.
Amélie Ebert, 26, erreichte als Synchronschwimmerin den achten Platz bei der Weltmeisterschaft, gab den Sport auf, um ihr Medizinstudium zu beenden – mit Ausbildung in Osteopathie. Sie engagiert sich für den Verein Athleten Deutschland, die Anti-Dopingagentur und den DOSB/ Bereich Medizin.
Constantin Ebert, 25, spielte Basketball in der ersten Bundesliga, entschied aber verletzungsbedingt in die 3. Liga zurückzugehen und sich mehr auf sein Studium internationales Management zu konzentrieren.

Am Sonntag starten in Tokio die Fechtwettkämpfe. Mit dabei: Leonie Ebert, 21, Florettfechterin und vierfache deutsche Meisterin. Wir haben sie und ihre Geschwister getroffen.

chrismon: Wenn ihr euch trefft, spielt ihr gern Basketball oder Volleyball. Nach Punkten?

Amélie Ebert: Klar! Es macht einfach Spaß, sich mit jemandem zu messen, mit dem man sich gut versteht.

Wer gewinnt?

Amélie und Leonie Ebert: Constantin natürlich, er ist einfach ein Allrounder.

Leonie Ebert

Leonie Ebert, geboren 1999, ist Florettfechterin und vierfache deutsche Meisterin. Sie startet als Jüngste der deutschen Fechtdelegation bei den Olympischen Spielen in Tokio.
Sebastian Lock

Amélie Ebert

Amélie Ebert, 26, erreichte als Synchronschwimmerin den achten Platz bei der Weltmeisterschaft, gab den Sport auf, um ihr Medizinstudium zu beenden – mit Ausbildung in Osteopathie. Sie engagiert sich für den Verein Athleten Deutschland, die Anti-Dopingagentur und den DOSB/ Bereich Medizin.
Sebastian Lock

Constantin Ebert

Constantin Ebert, 25, spielte Basketball in der ersten Bundesliga, entschied aber verletzungsbedingt, in die dritte Liga zurückzugehen und sich mehr auf sein Studium Internationales Management zu konzentrieren.
Sebastian Lock

Beim Blick auf Instagram merkt man, wie dick ihr miteinander seid. Da gibt's den Hashtag "Ebert Gang". Woher kommt das?

Leonie: Wir haben viel zusammen durchgemacht. Ich weiß, dass ich mich zu hundert Prozent auf die beiden verlassen kann.

Amélie: Wenn ich fürs Examen lerne und nebenbei auf einem Minibildschirm Leonies Fechtwettkampf anschaue, sagen meine Kommilitonen: die Ebert-Gang mal wieder.

Leonie: Amélie fährt manchmal stundenlang zu meinem Trainingslager, um mir nachts einen Muskel zu behandeln. Und wenn Consti ein wichtiges Spiel hat, fahren wir alle hin.

Was hat euch zusammengeschweißt?

Leonie: Unser Leben war nicht immer einfach, meine Mutter musste alles allein stemmen.

Amélie: Der Leistungssport hat das gesamte Leben beeinflusst. In der Schule hat man eine besondere Stellung, weil man viel weg ist, was Mitschüler oft nicht verstehen. Man kann nur selten auf Partys. Man ernährt sich gesund und meidet die Mensa. Man ist nicht Mainstream.

Leonie: Viele haben nicht verstanden, dass der Sport für mich einen so hohen Stellenwert hatte, mich die unterschiedlichen Anforderungen glücklich machten. Aber meine Geschwister haben das Gleiche gemacht. Sie waren als Vorbilder extrem hilfreich.

"Jeder hatte eigene Herausforderungen" (Amélie)

Amélie, wie war es für dich, die Älteste zu sein? 

Amélie: Ich habe mich nie in der Vorreiterrolle gesehen. Jeder hatte eigene Herausforderungen.

Leonie: Ich habe Amélie verehrt. Weil sie so vieles gemacht hat. Auch den Consti, der in allen Nachwuchsnationalmannschaften krass unterwegs war.

Constantin: Amélie war ja nur eine Klasse über mir. Leonie ist drei Jahre jünger, hat sich aber viel schneller entwickelt. Ich glaube, auch deshalb verstehen wir uns so gut.

Amélie: Consti war schon immer superreflektiert, auch während der Scheidung unserer Eltern. Da waren wir beide emotional, und du warst sehr besonnen und fair.

Damals wart ihr Kinder. Wie habt ihr die Scheidung erlebt?  

Leonie: Wir wollten unbedingt zu unserer Mutter, es war damals für uns eine enorm unsichere Zeit.

Constantin: Unser Vater hat unsere Entscheidung nicht hingenommen. Selbst das Gutachten einer Psychologin hat er infrage gestellt. Ich wollte einfach nur Harmonie.

Wie hat euch diese Zeit geprägt? 

Amélie: Ich war zehn und habe den Konflikt mit meinem Vater gesucht und dafür gekämpft, dass wir bei unserer Mutter sein können. Das hat die späteren Konflikte in meinem Leben beeinflusst. Gegen Ungerechtigkeiten habe ich mich immer eingesetzt.

Leonie: Ich habe gemerkt, dass meine Geschwister mich beschützen. Seitdem sind wir ein starkes Team. Meine Mutter hat uns dann fast ohne finanzielle Unterstützung von unserem Vater großgezogen. Trotz Fulltime-Job hat sie uns mit Leichtigkeit das Gefühl gegeben, dass alles gut ist, und uns alles ermöglicht.

Sabine Oberpriller

Sabine Oberpriller ist freie Autorin bei chrismon. Sie studierte Deutsch-Italienische Studien in Regensburg und Triest und absolvierte die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Sie interessiert sich besonders für den Austausch zwischen Kulturen, Fragen der Gleichberechtigung in der Gesellschaft – und für Menschen in besonderen Situationen.
Lena UphoffPortrait Sabine Oberpriller, chrismon Redaktion, Redaktions-Portraits Maerz 2017

In den Leistungssport rutscht man nicht mal eben so … 

Leonie: Auf Amélies Schreibtisch standen Pokale von der deutschen Meisterschaft. So etwas wollte ich auch. Für mich war klar: Ich gehe nach der Schule ins Training, ich mache als Letzte das Licht aus, ich gehe nicht auf Partys. Als ich älter wurde, wart ihr schon professionell und habt mir alles beigebracht, so dass auch ich schon früh meinen Sport professionell betrieben habe.

Man hat das Gefühl, ihr pusht euch gegenseitig. Kommt da Druck auf?

Constantin: Nein, sondern gegenseitiger Respekt. Jeder hatte seinen eigenen Weg. Ich bin zum Profibasketball gegangen, weil ich große Freude an dem Sport hatte. Ein Kreuzbandriss warf mich etwas aus der Bahn. Daraufhin bin ich in die dritte Liga gewechselt, wo ich auf hohem Niveau spiele, aber auch Zeit für die Uni habe.

Amélie: Ich liebe es einfach, mich nach Musik im Wasser zu bewegen und die Musik zu interpretieren ...

Leonie: Amélies Training war immer extrem hart. Wir haben riesigen Respekt vor dem, was sie geleistet hat. Ich genieße das Abenteuer Nationalmannschaft. Ich bin ziemlich jung schon überall hingereist. Mein Gefühl war eher: "Wow, ich bin in Havanna oder Schanghai, da sind ein Wettkampf und viele Leute und ich freue mich drauf." Diese Begeisterung habe ich heute noch. 

"Im Fechten hat man kaum Chancen auf große Sponsoren" (Leonie)

Die Finanzierung in euren Sportarten ist schwierig. Ist das nicht frustrierend?

Constantin: Ich bin privilegiert und werde dafür bezahlt, dass ich Basketball spiele. Ich kann mich dadurch auch als Student finanzieren. Das sieht bei Leonie und Amélie anders aus. Nur wenige bekommen Sporthilfe und nur etwa 300 bis 400 Euro im Monat.

Leonie: Im Fechten hat man kaum Chancen auf große Sponsoren. Während der Corona-Krise habe ich zwei verloren. So versuchen wir, uns gegenseitig zu unterstützen. Meine Mutter hat ihre Altersvorsorge investiert. Ich kann meine Dankbarkeit gar nicht ausdrücken.

Amélie: Die Nationalmannschaft hat mich 1000 Euro Eigenbeitrag im Jahr gekostet. Dazu Vereinsbeitrag, Startgeld, Trainer, Choreographie. Consti hat als Erstligist sein Geld damals nicht zurückgelegt, sondern mich unterstützt. Jetzt geht es darum, dass Leonie ihren Athletiktrainer und Osteopathen finanzieren kann in der Olympiavorbereitung! Man strengt sich so an, und dann scheitert es am Geld. Traurig!

Ihr habt so volle Terminpläne, wie schafft ihr es, eure Beziehung zu pflegen?

Amélie: Wir versuchen wirklich, uns zu dritt zu sehen. Und wenn es ein Kurztrip für ein Wochenende ist. Weihnachten ist heilig, schon weil dann endlich mal alle zu Hause sind!

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