Die Bundesregierung und die afghanischen Ortskräfte

Unverantwortlich
Die afghanischen Ortskräfte der Bundeswehr schweben in Lebensgefahr. Doch die Bundesregierung reagiert bürokratisch und kleinlich

Rund 2400 afghanische Männer und Frauen haben für die Bundeswehr, für die deutsche Entwicklungshilfeorganisation GIZ und die Entwicklungsbank KfW in Afghanistan gearbeitet. Sie haben übersetzt, Kontakte zu Einheimischen geknüpft, Delegationen begleitet, Einrichtungen bewacht, sie sind mit den Soldaten auf Patrouille gefahren, haben für sie gekocht und geputzt. Für die radikalislamischen Taliban gelten Landsleute, die für die ausländischen Streitkräfte gearbeitet haben, als Verräter. Auf Verrat steht die Todesstrafe.

Claudia Keller

Claudia Keller ist stellvertretende Chefredakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Davor war sie viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

"Wir lassen euch nicht im Stich", versicherte die Bundesregierung den "Ortskräften", und die haben sich darauf verlassen. Doch nun sind die Deutschen abgezogen und haben die einheimischen Helfer und Helferinnen zurückgelassen – in akuter Lebensgefahr.

Denn die Taliban erobern Region um Region zurück, haben mittlerweile viele Provinzhauptstädte eingekreist und kontrollieren wichtige Verbindungsstraßen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen warnt vor einer humanitären Krise, weil nach dem Abzug der internationalen Truppen immer mehr Menschen unter der eskalierenden Gewalt litten.

Die Zeit drängt also sehr, jeder Tag zählt. Wer sich durch die Arbeit in Gefahr gebracht hat, kann ein Visum für Deutschland beantragen. Doch die Hürden sind hoch und die bürokratischen Wege lang. Es beginnt damit, dass ein Hinweis auf die Sicherheitslage nicht ausreicht, die Gefahr muss individuell nachgewiesen werden. Dann die Frage: wohin den Antrag schicken?

Solange die Bundeswehr noch da war, konnten die Mitarbeitenden den Antrag direkt im Camp in Masar-i-Scharif abgeben. Nach dem Abzug wollte die Bundesregierung dort ein Visumsbüro einrichten. Dazu kam es nicht – wegen der heiklen Sicherheitslage. Nun nimmt ein Dienstleister in Kabul stellvertretend für die Bundesregierung die Anträge entgegen. Da aber auch dieser Dienstleister seine Mitarbeitenden aus Afghanistan abzieht, wird es enger und enger. "Ich hoffe, dass es die Gefährdungslage zulässt, Visumsanträge zeitnah zu bearbeiten", sagte Unionsfraktionsvize Thorsten Frei vor zehn Tagen dazu in einem Interview. Die Bearbeitungszeit für das Visum beträgt weitere drei bis vier Wochen.

Die Flüge müssen sie selbst bezahlen

"Wir stehen zu unserer Verantwortung für die afghanischen Ortskräfte", beteuert die Bundesregierung. Man arbeite mit "Hochdruck". Doch hätte man nicht schon vor dem Abzug mit Hochdruck daran arbeiten können? Der Abzug kam ja nicht von heute auf morgen. Wenn Ende August auch die letzten ausländischen Organisationen und Streitkräfte das Land verlassen haben werden, ist es vermutlich zu spät.

Knapp 1400 Ortskräfte haben mittlerweile eine Zusage bekommen, dass sie nach Deutschland ausreisen dürfen. Immerhin. Die Reisekosten müssen sie allerdings selbst zahlen, "eigenverantwortliche Ausreise" heißt das auf Behördendeutsch. Das kann einige Tausend Euro kosten. Da die Ortskräfte am Ende des Dienstverhältnisses eine Abfindung erhalten, erscheine dies "angemessen", schreibt eine Sprecherin des Bundesentwicklungsministeriums.

Es schadet der Glaubwürdigkeit

Deutschland wollte Afghanen und vor allem den Frauen ein Leben in Sicherheit und Freiheit ermöglichen. Damit wurde der 12,5 Milliarden Euro teure Einsatz der Bundeswehr wieder und wieder begründet. Doch jetzt, wo man konkret ein paar Tausend Menschen das Leben retten könnte, ist kein Geld da, um diesen Menschen die Flüge zu bezahlen? Ist das zu fassen?

Es darf sowieso nur die engste Familie mitreisen: der Ehepartner oder die Ehepartnerin plus die eigenen ledigen minderjährigen Kinder. Ist der Sohn verheiratet oder die Tochter schon 20, müssen sie in Kandahar bleiben. Auch die Großeltern dürfen nicht mit. Diese Kleinlichkeit gegenüber Menschen, die ihr Leben für Deutschland riskiert haben, ist beschämend. Und ein Signal an Ortskräfte überall auf der Welt, den hehren Worten der Deutschen lieber doch nicht so ganz zu vertrauen.

 

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Lesermeinungen

Das chaotische, Menschen unwürdige Dilemma als beschämend zu bezeichnen reicht nicht aus: Es ist ein Sündenfall! Die Mitgliedskirchen der EKD - mit ihren korrespondierenden NGS - sollten sich zu ihrer Mitschuld bekennen. Immerhin gibt es Militärgeistliche, die auch vor Ort waren. Sie müßten mehr wissen als NEWS darüber berichten.
Dass die Regierungsverantwortlichen der BRD versagt haben, kommt beschämend stotternd ans Licht. In diesen abgründigen Fällen treten mehr Fragen als Antworten auf. Einige meiner aufdringlichsten lautet: Welche plausiblen Gründe können dafür benannt werden, dass in den zurückliegenden 20 Jahren die TALIPAN (und ihr islamistisches System) nicht zu schlagen sind? Was ist das für ein lästerlicher "Gottes-Staat" , der jetzt trotz aller ausländischer Bemühungen zwanghaft-siegessicher auf dem Vormarsch ist? Was bleibt, was ist sofort zu tun?
Wolfgang Rein