Mail aus Dublin: Grenzkonflikte

Irland kommt nicht zur Ruhe
Dublin - Unruhen in Nordirland

Liam McBurney / empics / dpa / picture-alliance

Schilder wie diese erklären Zollbeamte zu Freiwild

Dublin - Unruhen in Nordirland

Der deutsche Auslandspfarrer Stephan Arras über die angespannte Situation auf der grünen Insel nach dem Brexit.

Die Situation auf der irischen Insel ist verfahren. Nach dem Brexit wurde die Grenze ­zwischen Nordirland und der Republik ­Irland zur EU-Außengrenze. Sie ist aber nach wie vor offen. Denn um den Frieden nicht zu gefährden, hat man beim Aushandeln des Brexits die Zoll- und Personenkontrollen in die Irische See verlegt. Das bedeutet de facto, dass die EU-Grenze durch das Vereinigte Königreich (UK) verläuft und Nordirland vom Rest der Nation trennt. Kein Wunder, dass Anfang 2021 mehrere Graffiti in den Fähr­häfen von Larne und Belfast auf­tauchten: "All Irish Sea border staff are targets" (Alle irischen Zollmit­arbeiter sind Angriffsziele). Aus Angst vor Anschlägen werden die Kontrollen nun sehr lax gehandhabt.

Stephan Arras

Stephan Arras ist in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen und arbeitete mehrere Jahre als Pfarrer und Dekan im Evangelischen Dekanat Odenwald. Seit 2015 ist er Pfarrer der evangelischen Gemeinde St. Finian´s in Dublin.    
privatStephan Arras, Pfarrer, E-mails aus, Dublin

Ende März bis Mitte April gab es dann in Derry, Belfast und anderen Orten Nordirlands gewalttätige Zusammenstöße. Auch bei uns in Dublin war die Sorge groß, dass die Lage eskaliert. Anders als früher ­gingen aber nicht die üblichen Lager aufeinander los, ­also die katholischen Nationalisten, die für den Anschluss an Irland sind, und die protestantischen Unionisten, die dagegen sind. Diesmal waren es vorwiegend Straßenschlachten ­zwischen jungen Leuten und der ­Polizei.

Soweit man das ­herausfinden konnte, waren die Gründe vielschichtig und haben nicht nur mit der Grenzfrage zu tun. Einer der ­Auslöser: Bei der Beerdigung eines früheren IRA-Anführers wurden sämtliche Covid-19-Regeln missachtet, was straffrei blieb – das verärgerte Unionisten. Ein anderer: Die Polizei war sehr erfolgreich im Kampf gegen den Drogenhandel. Zudem spielt ­eine ­Rolle, dass viele junge Menschen unter der Covid-19-bedingten Schließung sämtlicher Jugendzentren leiden.

Kirchen rufen zu Besonnenheit auf

Die religiöse Frage des Konfliktes ist meiner Einschätzung nach in den Hintergrund getreten. Die leiten­den katholischen und protestantischen Geistlichen Irlands haben am 12. April ein viel beachtetes Papier veröffentlicht, in dem sie zu besonnenem Handeln aufrufen: Alle Verantwortlichen in Nordirland müssten ihrer Verantwortung für das Gemeinwohl in der Europäischen Union und im Vereinigten Königreich gerecht werden. Derzeit ist es friedlich im Land, aber wirkliche Fortschritte sind nicht erkennbar.

Leseempfehlung

Der Nordirlandkonflikt spaltet, auch die Fußballfans. Ein Vikar aus Deutschland bekam das im Glasgower Stadion hautnah mit
Der Weltkriegsopfer können Katholiken und Protestanten in Nordirland gemeinsam gedenken. Die Opfer der Troubles zählen sie einander immer noch vor
Seit 20 Jahren herrscht Frieden in Nordirland. Doch jetzt kommt der Brexit. Ein kleines Land am Scheideweg: Bleibt es zwischen Protestanten und Katholiken friedlich? Oder bricht der Konflikt wieder auf?
Eine EU-Außengrenze quer über die irische Insel? Auslandspfarrer Stephan Arras über das Dilemma der Nordiren
In Großbritannien tritt Ausländerfeindlichkeit immer offener zutage. Die Auslandspfarrerin in Schottland berichtet

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.