Zukunft der Stadt

Städte, da geht noch was!
Titelgeschichte - Städte, da geht noch was!

Tim Dinter

Titelgeschichte - Städte, da geht noch was!

Bislang war in den Innenstädten nur Shopping. Jetzt ist Krise. Das ist die Chance, mehr aus den Zentren zu machen. Es gibt viele Ideen. Manche sind sehr pragmatisch, andere geradezu genial.

Schon bald wird es anders aussehen in den Einkaufszonen vieler Innenstädte: Schaufens­ter­scheiben werden mit Packpapier abgeklebt sein. Über Jahre hatten Ketten die Innenstädte geprägt – Zara, Douglas, Pimkie, Esprit, Galeria Karstadt Kaufhof, Runners Point, Depot . . . Nun schließen viele Filialen. ­Corona hat diese Entwicklung nur beschleunigt, denn schon vorher sanken die Umsätze der Läden, weil die Menschen mehr und mehr im Internet einkauften. Diese Kaufkraft fehlt nun in den Innenstädten.

Ödnis in den Zentren muss trotzdem nicht sein. Es gibt viele Ideen – pragmatische, mutige, auch ein paar verrückte. Manche Ideen haben das Zeug dazu, Menschen glücklich zu machen. Auch diejenigen Menschen, die gerade kein Geld ausgeben ­wollen oder können.

Fluss befreit, Uni verlegt

Man könnte ganz frisch auf die ­eigene Stadt gucken: Muss das eigentlich so? Warum ist die Universität am Rand der Stadt und nicht in der Mitte, wo Leerstand herrscht? Das fragte sich Siegen, mit rund 100 000 Menschen der Typ kleinere Großstadt. Und weiter: Warum ist unser Fluss mit einer Parkplatzplatte zubetoniert? Jetzt wird im Stadtzentrum studiert. Im letzten November wurde dann auch ein neues Hörsaalzentrum eröffnet – im obersten Geschoss von Galeria Karstadt Kaufhof. In den drei Etagen darunter läuft der Kaufhausbetrieb weiter. Selbst abends ist die Innenstadt nun belebt: Da sitzen junge Menschen auf der neuen, 200 Meter langen Freitreppe am Ufer der renaturierten Sieg, auf leuchtenden Stufen, und schauen aufs Wasser oder gehen sogar hinein.

Was soll in die Kaufhauskiste?

Viele Städte mühen sich ab mit den ehemaligen Kaufhausgebäuden in ihren Zentren. 2009 schlossen die Hertie-Häuser, und zum Beispiel in Herne eröffnen erst in diesem Sommer die "Neuen Höfe" im ehemaligen Hertie – gefüllt zum Beispiel mit Fitnesscenter und Restaurant. ­ Die Strategie heißt "Nutzungsmischung" und bedeutet: Neben Shoppen gibt es ganz viel anderes, was für Leben in der City sorgen könnte.

In Recklinghausen, rund 100 000 Einwohner:innen, mischt man besonders viel. Das ehemalige Karstadt-Haus, das seit 2016 leer steht, wird umgebaut zum "MarktQuartier": im Erdgeschoss Apotheke, Lebensmittel und Café, darüber Seniorenwohnungen und ein Hotel, ganz oben dann – mit Dachspielplatz – ein städtischer Kindergarten.

Kleiderstangen und Regale raus, Alte und Kinder rein, das klingt so einfach. Dabei erlebte Investor Gerd Rainer Scholze von der AIP-Unternehmensgruppe beim Umbau manch böse Überraschung. Einige tragende Wände waren nur halb so dick wie in den alten Bauplänen von 1928 angegeben, historischer Pfusch am Bau also; unter der Bodenplatte entdeckte man Hohlräume; und sowieso hatte sich das ganze Gelände durch den Steinkohleabbau um 70 Zentimeter abgesenkt . . .

Warum hat er nicht abgerissen und neu gebaut? Wollte er nicht. Denn bei der Herstellung von ­Zement – das ist das Bindemittel im Beton – entsteht viel CO2, pro Jahr sind es unglaubliche acht Prozent des weltweiten jährlichen Treibhausgas-Ausstoßes. Deshalb baut man besser um als neu.

Büro in der Wohnung, Wohnen in Büros

Die Zentren von Großstädten bestehen nicht nur aus Einkaufs­straßen, sondern auch aus Bürogebäuden, etwa von Banken und Versicherungen. Für die älteren finden sich oft keine Mieter mehr. Die Besitzer bauen diese Bürohäuser dann gern zu Wohnungen um, meist zu Eigentumswohnungen. In guten Lagen oft zu Luxuslofts, wie das Bündnis "Soziales Wohnen" jüngst kritisierte. Das Bündnis, zu dem sich unter anderem der Mieterbund DMB oder die Gewerkschaft IG Bau zusammengeschlossen haben, möchte, dass die Bundesregierung den Bau von bezahlbaren Mietwohnungen deutlich besser fördert. Auch in Innenstädten, denn die sind für alle da.

Übrigens leben in luxuriösen Wohnanlagen Menschen, die oft auf Dienstreise sind (oder in Urlaub) – die sorgen also gerade nicht für mehr Leben in der Stadt.
Womöglich werden künftig deutlich weniger Büros ­gebraucht, weil mehr Angestellte im Homeoffice arbeiten. Selbst wenn man nur ein Prozent der deutschen Büro­fläche umbauen würde, wären das 50 000 Wohnungen à 70 Quadratmeter, hat das Bündnis "Soziales Wohnen" ausgerechnet.

Sogar Parkhäuser taugen noch zu was

Manch innerstädtisches Parkhaus wird schon jetzt nicht mehr gebraucht. So wie das städtische Parkhaus von 1963 in der Neuen Gröningerstraße im Herzen der Hamburger Altstadt. Eine Gruppe engagierter Bürger und Bürgerinnen hat eine Genossenschaft gegründet, die erwirbt nun von der Stadt das Parkhaus zur Erbpacht – um es zu einem Haus mit circa 80 Wohnungen umzubauen. Mit unterschiedlichen Grundrissen: für Familien, für Einzelne, für Wohngemeinschaften. Für Leute mit wenig oder auch mit etwas mehr Geld.

Das Haus soll in den Stadtteil ausstrahlen und zeigen, wie man künftig in Innenstädten miteinander wohnen, arbeiten und leben könnte. Deswegen wird es im Erdgeschoss Gastronomie geben, Werkstätten, Kleingewerbe und außerdem eine Concierge-Loge, in der Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten. Viele Genossenschaftsmitglieder haben Anteile erworben – manche, weil sie dort mal wohnen wollen, andere aus purer Begeisterung für das Projekt.

Die Begeisterung bekommt allerdings immer wieder Dämpfer. Es ist vieles eine Herausforderung – das Baurecht, die Finanzierung . . . "Uns wird nichts geschenkt", sagt Frank Engelbrecht, Sprecher der Genossenschaft und im Hauptberuf Pastor an der St.-Katharinen-Kirche, die gleich gegenüber dem Parkhaus liegt. "Wir sind wirklich Pioniere. Die Verwaltung kann mit uns kein Standardverfahren ­machen, wir machen ihr Stress." Vielleicht sei es wie in einer Familie: Erstgeborene haben es schwer, sie nerven auch. Aber alle Initiativen, die das später bundesweit nachmachen wollen, werden es leichter haben, so hofft er.

Planschen neben Hochkultur

So neu und fragend, wie man sich Büro- und Park­häuser anschauen kann, kann man auch auf die Kanäle und eingedeichten Flüsse gucken, die sich durch viele Stadt­zentren ziehen. Meist kommt man nicht ans Wasser, das verhindern verkehrsreiche Straßen – oder hohe Mauern, so wie beim Spreekanal in Berlin. Der führt an Museen vorbei, an Ministerien, Plattenbauten, einer Hoch­schule. Eine steinerne Ecke, sommers sehr heiß. Viele Berliner:innen fühlen sich hier eher fremd, das ist nicht ihr identitätsstiftendes Zentrum.

Ein Flussbad mitten in Berlin, das wär doch was, dachten sich die Künstler und Architekten Jan und Tim ­Edler. ­Damit das Flusswasser sauber wird, würde es in einem Teilstück des Kanals durch eine filternde Biotoplandschaft mit Schilf geleitet werden. Großzügige Ufertreppen ­würden zum 850 Meter langen Flussbad hinunterführen; alle dürften hier sitzen und gucken und schwimmen, die Studierenden der nahen Hochschule, die Bewohnerinnen der Plattenhochhäuser, die Leute, die gerade erschöpft aus einem der Museen torkeln . . . Ein Flussbad ohne Eintritt und ohne Aufsicht, aber mit Toiletten und einfachen Umkleidekabinen.

Die Idee mit dem Flussbad erdachten die Brüder Edler vor über 20 Jahren. Aber erst, als sie im Ausland eine hohe Auszeichnung dafür erhielten, nahm man ihr Projekt auch in Berlin ernst. Ein rühriger Verein gründete sich, es gab politische Beschlüsse, Fördergelder. Nun macht sich ein Büro an die Feinplanung.

Immer mal wieder ploppt Kritik hoch: Man würde mit dem Flussbad das Weltkulturerbe Museumsinsel ­wegen "kurzlebiger Vergnügungsabsichten erheblich be­einträchtigen", und die geplante "Versumpfung" sei ein "unfassbarer Eingriff". Solche Kritik gibt es schon lang. Jan Edler, der Erfinder des Projekts, ist guten Mutes und bekanntermaßen beharrlich. Für ihn ist das Flussbad auch ein Forschungsprojekt, ein Ausprobieren für andere ­Städte, die ebenfalls an unzugänglichen Gewässern ­liegen.

Christine Holch

Christine Holch, Chefreporterin, liebt es, anderen Menschen ­zuzugucken. Für sie kann es gar nicht genug Bänke ­geben.
Manfred Dworschak

Tim Dinter

Tim Dinter, ­Illustrator, findet das Flussbad ­Berlin toll. Nicht so preußisch wie die ganze Umgebung dort, sondern so spielerisch.

Taschenparks und Promenaden

Noch ganz andere Eingriffe in den öffentlichen Raum hat Felix Weisbrich vor, er ist der Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Der ­Bezirk mit seinen fast 300 000 Menschen liegt innerhalb des S-Bahn-Rings in Berlin, gehört also zur Innenstadt. "Die Pandemie ist die kleine Krise vor der ganz großen Krise, die heißt Klimawandel", sagte Felix Weisbrich auf einer Podiumsdiskussion in Berlin im Juni vergangenen Jahres. "Wir haben in Friedrichshain-Kreuzberg 50 000 Parkplätze im öffentlichen Raum, das sind 50 Hektar. Aber die öffentlichen Räume müssen Kühlleistung erbringen, damit die Bevölkerung sich da überhaupt noch aufhalten kann. Es gibt keinen Anspruch auf einen Parkplatz im öffentlichen Raum."

Das bedeutet: "Parkplätze ent­siegeln, Asphalt weg und dann dort Grünstrukturen rein." Also Bäume und Sträucher. Weisbrich sagt das entschieden und ganz ruhig, der Mann ist von Haus aus Förster. Er denkt nicht nur ans pure Aushalten der Sommermonate in der Stadt. Er denkt auch an die Bevölkerungs­gruppen, die sich keine Reise ins Ausland oder ins Umland leisten können, für die müsse die Stadt als Erholungsort geeignet sein.

Also müssen Grünanlagen her, wo immer es geht, auch als kleine "Taschenparks" zwischen Häusern und in bisher schmuddeligen Ecken; Schulhöfe entsiegeln; Promenaden wie grüne Bänder durch die Stadt führen; Gebäude begrünen – wenn das auf dem Dach nicht geht, dann hausnah Erde freilegen, Selbstklimmer rein oder ein Trägersystem vorhängen. Pflanzsäcke aufstellen, das ist das Mindeste, das schaffen auch Laien. "Wir haben eine gigantische Aufgabe zum Umbau unserer gesamten Städte vor uns, in klimatischer und sozialer Hinsicht", sagt Weisbrich.

Und wo sollen die Autos hin? Man brauche hier kein Auto, sagt die Sprecherin des Bezirks, zur nächsten ­ÖPNV-Haltestelle seien es nie mehr als fünf Minuten.

Das Beste in die Mitte!

Ein Donut ist ein Teigkringel mit Loch in der Mitte. Genau wie ein Donut sehen immer mehr Gemeinden aus: Um einen entleerten Ortskern legt sich ein Ring von ­Ein­familienhaussiedlungen, Gewerbegebieten und ­Supermärkten. So beschreibt es die Bundesstiftung Baukultur in ihrem Handbuch "Besser bauen in der Mitte". Die Gegenstrategie: "Die Donuts müssen wieder zum Krapfen werden: ­Das Bes­te muss nach innen!"

Wie das gelingen kann, zeigt Burbach, eine ländliche Gemeinde mit knapp 15 000 Menschen, ganz im Süden von Nordrhein-Westfalen, der Fernwanderweg Rothaarsteig führt hier längs. Es gibt viele Arbeitsplätze, etwa bei der Weltzentrale einer Lasertechnikfirma oder beim ­Hersteller von Gabelstaplerzinken. Junge Familien, angeregt von Bildern aus der Werbung, wollen immer gern auf der grünen Wiese bauen, sagt Christian Feigs, der Stadt­planer Burbachs. Aber die Gemeinde hat vor Jahren schon beschlossen: kein neues Baugebiet, bevor nicht alle Lücken im Inneren bebaut sind. Mittlerweile sind 80 Prozent der Leerflächen bebaut.

Auch Ladenleerstand ist selten geworden, weil Einzelhandel auf der grünen Wiese gar nicht erst genehmigt wird. Und für die Sanierung alter Häuser gibt es eine Förderung – "das sind keine Millionen, aber doch so viel, dass die Leute sich angeregt fühlen, auch mal über diese ­Variante nachzudenken", sagt der Stadt­planer. Hat schließlich Vorteile – die kurzen Wege zu Kita, Schule und Läden. Und man weiß bereits, wen man als Nachbarn haben wird . . .

 Tim Dinter

"Tante Emma" mit E-Ladesäule

Ein Lebensmittelladen in Dörfern mit um die 1000 Seelen, das soll funktionieren? Ja, das funktioniert. Mit Coaching für die Ladenbetreiberin, ob das im Einzelfall die Gemeinde ist oder eine Kauffrau; mit staat­lichen Zuschüssen für Ladeneinrichtung und Kühltheke; mit möglichst vielen weiteren Angeboten unter einem Dach – Paketservice, ­Café, Zweigstelle der Physiotherapie, ­Annahme für Schuhreparatur, Sprechstunde der Bürger­meisterin, E-Ladesäule, Sozialstation . . . Damit es viele Gründe gibt, dort hinzugehen.

43 solcher Läden wurden bereits in Schleswig-Holstein gegründet, sie heißen "MarktTreff". In Mecklenburg-­Vorpommern gibt es 36 solcher unterstützten Läden, hier nennt sich das Projekt "Neue Dorfmitte". In dem dünn besiedelten Bundesland leben in den Dörfern oft nur ­wenige Hundert Menschen. Trotzdem kann das was werden mit einem Laden, sagt Ingwer Seelhoff. Er ist Projekt­manager im Auftrag beider Landesregierungen und der ­"Kümmerer". Voraussetzung: "Es muss in den Gemeinden noch eine Energie sein: Wir wollen was tun, dass es uns künftig noch gibt als Dorf!"

Wie bedeutsam ein Laden sei, hat der Projektmanager auch von Maklern gehört. Wenn Leute von auswärts überlegen, in einem Dorf ein Haus zu kaufen, stellen sie dem Maklerbüro auch diese Frage: Gibt es hier Kita, Kirche, Landarzt, Schule, Laden? Jeder Punkt, den ein Ort nicht erfüllt, mindert den Wert der zum Verkauf stehenden ­Immobilie um mindestens zehn Prozent, so die Erfahrung der Makler:innen.

Natürlich durchleben die kleinen Dorfläden immer mal wieder schwere Krisen. Aber in der Corona-Zeit hätten sie profitiert, erzählt die für Schleswig-Holstein zuständige Referentin im Ministerium in Kiel, Christina Pfeiffer. "Weil die Leute tatsächlich wieder mehr vor Ort eingekauft haben und dabei Neuigkeiten austauschten. Das persönlich Nahe scheint wichtiger geworden zu sein."

Damit Milieus sich mischen

Den beiläufigen Kontakt mit Bekannten haben viele ­Menschen während der Lockdown-Phasen vermisst. Auch die Zufallsbegegnung mit Fremden, mit Leuten, die ein bisschen anders sind als man selbst. Man fühlt sich dadurch nämlich belebt, erfährt womöglich Nützliches oder Neues, hat hinterher was zu erzählen.

Aber an welchen Orten kann sich die Gesellschaft überhaupt noch erleben in ihrer Verschiedenheit? Klar, im Lockdown waren alle draußen zu sehen, im Park und auf den Wegen – aber da durfte man sich ja nicht zu nahe kommen. Eine "bunte Mischung" erlebt man auch in manchem Möbelhaus, in der Post­filiale, im Krankenhaus, auf dem Einwohnermeldeamt – aber da sind alle so mit sich und ihren Anliegen beschäftigt.

"Da sich die Milieus zunehmend seltener mischen, braucht unsere Gesellschaft neue Orte der Begegnung", sagt Laura-­Kristine ­Krause. Sie ist Geschäftsführerin von ­More in Common (übersetzt: Mehr gemeinsam). Das ist eine gemeinnützige Organisation, die den Zusammenhalt stärken will. Gerade erforschen sie, welche Orte das sein könnten, an denen Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen und mit unterschiedlichen Erfahrungen aufeinandertreffen.

Avantgarde: die Stadtbibliotheken

Solch ein Ort sind Bibliotheken. Denn welcher Ort ist ­offen für alle, warm, anregend, mit WLAN, kostenlos, ­ohne Konsumzwang und manchmal auch mit gemütlichen ­Sesseln ausgestattet?

Wer es noch nicht mitbekommen hat: Die Büchereien haben sich in den letzten Jahren erheblich gewandelt. Sie wurden totgesagt, als das Internet aufkam; sie mussten sich neu erfinden; es gelang, die Besuchszahlen stiegen ­sogar. "War man früher damit beschäftigt, dafür zu ­sorgen, dass es den Medien gutgeht, dass sie gut aufgestellt sind, dass man sie gut findet, richtet sich der Fokus nun auf unsere Nutzerinnen und Nutzer – was brauchen die, wie können wir sie mit einbeziehen", so beschreibt Barbara Schleihagen, Geschäftsführerin beim Deutschen Bibliotheksverband, den Wandel.

Vielerorts breitet sich nun Wohnzimmer­atmosphäre aus – etwa in der neuen Stadtteilbibliothek in Köln-Kalk mit ihrem gemütlichen Lichtkonzept, der Kissenlandschaft, den Holzmöbeln. Die Bücher seien aber nicht zur Büchertapete mutiert, sagt Schleihagen, im Mittel­punkt stehe immer noch der Zugang zu Information. Aber dazu gehört nun eben auch, dass man sich in Sprachlern­gruppen treffen oder Computerspiele spielen kann.

Für viele Menschen ist ihre Bibliothek geradezu zu einem zweiten Zuhause geworden. Gut, auf dem Boden mit Schlafsack schlafen, das gehe nicht, meint Barbara Schleihagen, aber ein Nickerchen im Sessel schon.

Leerstand auffüllen: mit Sozialem, mit Kultur

Bibliotheken liegen in der Innenstadt selten in 1-a-Lagen, eher abseits in 2-b-Lagen. Noch weiter weg dann Jugendzentren und andere soziale Einrichtungen. Könnten die nicht in die leerstehenden Läden und Büroanlagen ziehen? Ja, das ginge – wenn denn diese Gebäude der Stadt gehörten, der Allgemeinheit.

Aber sie gehören anderen – oft Versicherungen oder im Ausland residierenden Investmentfonds. Die hatten spätestens seit der weltweiten ­Finanzkrise die ­Immobilien in Städten als sichere und lukrative Anlagen entdeckt und also viele Gebäude gekauft. Sie verlangten hohe Mietpreise, und die konnten bald nur noch die Filialen großer Ketten erwirtschaften. Eigentümergeführte Läden, oft Spezialisten, gaben auf. Aber nun ziehen sich vielerorts auch die Ketten aus den Fußgängerzonen zurück.

"Die Immobilieneigentümer in den Stadtzentren konnten bisher einfach die Hand aufhalten, sie haben gutes Geld gemacht, aber diese Zeit ist vorbei", sagt Marion Klemme; sie leitet das Referat für Stadtentwicklung im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. "Die müssen nun aktiv überlegen, wie sie ihre Immobilien weiterentwickeln, im Zweifel müssen sie auch mit den Preisen ­runtergehen, ­irgendwann werden sie sehen, dass sie bei den hohen ­Mieten keine Mieter finden." Aber das könnte ein ­längerer Prozess sein. Heißt: Mancherorts müsse man mit ­mehreren Jahren Leerstand rechnen.

Um wenigstens die deprimierendsten Leerstände aufzufüllen, ­kommen nun manche Städte den Eigen­tümer:innen entgegen: Sie mieten leer stehende Laden­räume an und vermieten sie preiswert weiter – zum ­Beispiel an Kultur­einrichtungen, kleine besondere Geschäfte, Bildungsträger, die sich eine so zentrale Lage sonst nie leisten könnten. Nordrhein-­Westfalen hat dafür gerade ein "Sofortprogramm Innenstädte" aufgelegt.

Bloß nicht noch mehr Weinfeste!

Na, dann holen wir doch mehr Events in die Innenstadt – mehr Weinfeste, noch einen Lauf, Festivals, Karussells und andere Fahrgeschäfte. In diese Richtung gingen wohl in ­vielen Rathäusern die ersten Gedanken, als klar wurde, dass demnächst viele Geschäfte für immer schließen würden.

Das ist keine gute Idee, finden die Fachleute der Bundes­stiftung Baukultur in ihrem neuen Bericht über öffent­liche Räume. Denn diese Events richten sich nur an zahlendes Publikum, sie verkleinern die konsumfrei ­nutzbaren öffent­lichen Flächen noch weiter. Deshalb empfand ­Stefan Forster, meinungsfreudiger Architekt in Frankfurt am Main, einen Aspekt des Lockdowns als Wohltat: ­"Diese ganze Kommerzialisierung der ­Innenstadt fiel flach!"

"Warum", fragt Stefan Forster, "verlassen jeden Sommer Millionen Deutsche das Land, um in Italien auf irgend­welchen Plätzen zu sitzen, einen Cappuccino für zehn ­Euro zu trinken und selig zu sein? Weil sie diese Sehnsuchtsorte hier nicht haben." Weil es hier nur Konsum­flächen gebe. Sein Traum sind ­Innenstädte, wo man einfach sein und einander zuschauen kann. Gern auch ohne Autolärm.

Das Glück auf der Treppe

Eine Innenstadt besteht nicht nur aus Gebäuden, sondern auch aus Plätzen und Fußgängerzonen. Da ließe sich ­einiges denken zur Belebung. Freitreppen zum Beispiel. Breit dahingelagert, mit Rampe für Menschen mit Beeinträchtigung, mit Blick auf Wasser, Platz oder einfach nur auf andere Menschen. Wo immer eine Stadt eine Frei­treppe hingebaut hat, hat sich der Ort sofort belebt. Da einfach nur zu sitzen, Teil des Geschehens zu sein, macht viele Menschen schon ziemlich glücklich. Köln hat sich am Rheinufer sogar eine Freitreppe mit üppigen 500 Meter Länge gegönnt.

Bitte Platz nehmen

Wer Constanze Petrow auch nur kurz zuhört, schaut auf einmal ganz anders auf die eigene Innenstadt: Was sich da an manchen Stellen alles angesammelt hat – Verteilerkästen, jede Menge Schilder, Müllcontainer, verkümmertes Grün in Waschbetonkübeln. "Wenn man da ein bisschen aufräumen würde", sagt die Professorin für Freiraumplanung und Gesellschaft an der Hoch­schule Geisenheim, "dann könnte man ­lange Tische und Bänke aufstellen, da könnten die Leute, die in der Stadt arbeiten, mittags hier ihr Brot essen statt in ihrem Büro."

Überhaupt ließe sich der öffentliche Raum deutlich verbessern – sie nennt das "ertüchtigen": weg mit den Sitzblöcken aus Beton, die in den Augen von Architekten vielleicht gut aussehen, auf denen aber niemand gern sitzt. "Man hat einen kalten Hintern, es gibt keine Lehne, null Komfort." Dann lieber die gute alte Parkbank aufstellen und gern auch Liege-­Gelegenheiten. Die Bänke auch mal über Eck gestellt, damit die Leute nicht wie auf einer Hühnerstange sitzen, sondern sich als Gruppe unterhalten können.

Hier dürfen alle spielen – auch die Erwachsenen

Und die Jugendlichen nicht vergessen! Eine Tischtennisplatte oder besser zwei. Holzpodeste, sehr beliebt! Und überall sollte man Grün in die Stadt "einweben", sagt Freiraumplanerin Petrow. Ist unter dem Platz ein Parkhaus oder die U-Bahn, pflanzt man das Grün eben in Hochbeete.

Auch Spielplätze müssten überall sein. Und zwar nicht als abgeschottete Orte, sondern als Bewegungsgelegenheit für alle. Am schönsten seien begehbare Wasserflächen, mit Fontänen, die mal niedrig, mal hoch, mal gar nicht ­sprühen. Wenn die Felder richtig groß sind und nicht bloß ein paar Meter im Quadrat, wie man das oft sieht, dann laufen auch Erwachsene rein, so Petrows Erfahrung.

Natürlich, die Grünflächenämter bräuchten dafür ­deutlich mehr Geld. Aber das wäre eine Innenstadt, die Menschen verbindet. Die auch stolz macht, die man ­Besuch gern zeigt.

Was sagen Sie dazu? Sagen Sie doch mal!

Bänke mit Anschluss, da würde Andreas Isenburg gern mitmachen. Der Pfarrer ist bei der Evangelischen Kirche von Westfalen zuständig für die rund 40 Citykirchen in Mittel- und Großstädten. Citykirchen haben viel Laufkundschaft. Aber nicht alle Vorbeilaufenden möchten in die Kirche. "Kirche muss draußen stattfinden", sagt ­Isenburg, "oder, wie man im Ruhrpott sagt: Wichtig ist draußen auf’m Platz." Man könnte doch rund um die ­Kirche Bänke aufstellen – und dann geht die Citypfarrerin herum und setzt sich dazu. "Auch wenn das vielleicht nur kurze Kontakte sind – für manche Menschen ist so eine Begegnung das Highlight des Tages", sagt der Pfarrer, "wir haben so viele Singlehaushalte in Großstädten, in allen Generationen."

Wahrscheinlich müssen wir nun erst wieder lernen, wie man einander begegnet, vermutet Laura-­Kristine Krause von More in Common. Sie hofft, dass die Menschen wieder ein bisschen neugierig aufeinander sind, einander zuhören. Und bezweifelt zugleich, dass das von selbst passiert. Sie fände es schön, im öffentlichen Raum Fragen zu sehen, als Gesprächsanregung.

Besonders Schätzfragen eigneten sich als Eisbrecher, sagt Krause: "Was glauben Sie, wie viele der ­Menschen in Deutschland sagen, dass sie einsam sind?" (Es sind ein Drittel.) Oder: "Was glauben Sie, wie viele Menschen finden, dass es in Deutschland gerecht zugeht?" Genau 37 Prozent finden, dass es gerecht zugeht, hat Krause mit ihrer Organisation herausgefunden. Na, wenn das nicht zu einem Gespräch anregt.

Infobox

In Deutschland leben 32 % der Menschen in Großstädten mit mehr als 100 000 Einwohner:innen (15 Großstädte haben sogar mehr als 500 000 Einwohner:innen, zum Beispiel Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main).

29 % leben in Mittelstädten mit 20 000 bis 100 000 Einwohner:innen, weitere 29 % in Kleinstädten mit 5 000 bis 20 000 Menschen.
10 % leben in Land­gemeinden.

Die meisten Menschen leben also in Klein- oder Mittelstädten.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,
​​​das Projekt "Flussbad in Berlin" begeistert die Redaktion so sehr, dass es sogar zum cover gereicht hat. Tatsächlich scheint es den "Erfindern der Brotsuppe" um den Kick für die Reichen und Schönen dieser Stadt, die sich Mieten ab 5000 € monatlich leisten können, zu gehen, nämlich "Planschen neben Hochkultur", Pergamon-Altar neben Freibad. Schon der Einleitungssatz "Meist kommt man nicht ans Wasser..." ist reine Demagogie, Berlin gehört zu den wasserreichsten Städten Europas. Aber der Bau eines Schwimmbads in, sagen wir, Berlin-Marzahn, hätte es vermutlich nicht ins "chrismon" geschafft. Recht haben Sie, eine steinerne Ecke in Ostberlin als identitätssiftendes Zentrum vermag man sich auch nach 30 Jahren nicht vorzustellen, Preußen Hin oder Her. Im übrigen, ich nehme an, nur in Berlin torkeln Leute aus dem Museum, das wäre in Stuttgart sicher undenkbar.
Die sachliche Kritik kann man nur als Erfinder des Projekts wegwischen. Schon das Titelbild zeigt eine Heideröschen- Idylle, die jeder Realiät hohnspricht, ein Besuch in jedem beliebigen Berliner Freibad würde sich lohnen. Ein Freibad ohne Aufsicht (und ohne Mülltonnen!!), welche Folgen dies hätte, kann man jedes Wochenende in den Berliner Parks besichtigen.
Angemessener wäre meine Erachtens davon auszugehen, dass sich dieses Schwimmbad in eine Art Kottbusser Tor mit Schwimmbad verwandwln würde.
Mit freundlichen Grüßen
Boris Mindach
Berlin

Herr MINDACH, Sie haben getroffen. Mit Unwirklichkeit kaum zu übertreffen ist folgendes Zitat: "Ein Lebensmittelladen in Dörfern mit um die 1000 Seelen, das soll funktionieren? Ja, das funktioniert. Mit Coaching für die Ladenbetreiberin, ...".

1000 (alte?) Personen reichen nicht. Auf Dauer gäbe das einen kommunalen Zuschußbetrieb. Eine Alibi-Versorgung. Wenn schon Sparkassen, Banken und Tankstellen aus Orten mit 3000 Einwohner verschwinden, dann mit noch so schönen aber unrealistischen Ideen etwas ändern zu wollen? Allein schon die Vorstellung, dass ein Coaching, (was versteht man denn eigentlich in diesem Zusammenhang von diesem Allerweltsbegriff?) in der Lage wäre, systemimmanente Veränderungen in der Gesellschaft zu beeinflussen, ist haarsträubend. Nahezu alle Städte, mit Ausnahme von einigen touristischen Schwerpunkten, leiden. Warum? Weil sich die Deckung des täglichen Bedarfes verlagert hat. In den Zentren leben zudem nicht mehr genügend Menschen, um Konsumtempel zu erhalten. Berlin und München mögen zwar Ausnahmen sein, aber gehen Sie doch mal in deren Vorstädte! Außerdem sorgt auch dort zuverlässig die Amazon-Bequemlichkeit dafür, das seit nahezu 15 Jahren die Besucherfrequenzen in den größen Städten sinken (Handesblatt). Mit Events wird versucht, dagegen zu halten. Aber das Eventpublikum trinkt nur einen Kaffee. Wo funktioniert denn eine "Tante Emma"? Doch nur dort, wo entweder die Entfernung zur nächsten Lebensmittelversorgung sehr weit ist, die Kinder nicht die Fahrten übernehmen, und sich eine idealistische "Aktivistin" findet. Aber leben und die Sozialversicherungsleistungen bezahlen, kann auch eine "Tante Emma" mit mehreren 1000 potentiellen (mögliche aber nicht tatsächliche) Kunden nicht. Was für die Städte vermutlich kommen wird, ist, dass vermehrt bisherige Gewerbeimmobilien zu Wohnraum (Garagen im Erdgeschoss?) umgebaut werden. Aber das kostet und treibt die Mieten. Dann werden dort vorrangig die urbanen "Eliten und Schöngeister" (möglichst kein Garten aber eine städtische Grünanlage) leben können. Erst wenn die Wohnverdichtung in den Städten erheblich steigt, werden als "Nachzügler" auch wieder Versorger und Dienstleister folgen. Aber Schuster bestimmt nicht. Sneaker ahoi! Schöne Wünsche aus der guten alten Zeit sind nur hilflose Ansprachen. Häufig auch von denen, die in ihren urbanen Blasen langsam merken, wie die Virulenz ihrer Städte schwindet. Da gibt es einen prägnanten Vergleich. Viele reden von Bio, vom Segen der Natur, von einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Dann vermieten Sie doch mal eine Wohnung, ein Haus mit Garten. Ach was freuen sich die Kinder. Im ersten Jahr wird noch mit großem Elan gepflanzt. Aber im 2. Jahr wird es dann doch weniger. Zuletzt wird eine Sichtschutz-Plastikwand errichtet, um nicht die Verwahrlosung des Grundstückes zeigen zu müssen. Mit der "Tante Emma" von vor 50 Jahren wäre das nicht passiert. Die gleiche Dimension des Wunschdenkens: Kürzlich wurden Kinder dazu aufgefordert, auf den Fensterbänken Waldmoos zu pflanzen, um das Klima zu retten.