Jochen Schmidt über den Schrebergarten

Paar Kartoffeln, das genügt
Paar Kartoffeln, das genügt

Riikka Laakso

Paar Kartoffeln, das genügt

Aber mit dem Schrebergarten kam der Ehrgeiz. Nun beherrscht unser Autor Baumschnitt und die Goldrute, er rettet Schnecken und ein bisschen auch das Klima.

Vorgelesen: Standpunkt "Paar Kartoffeln, das genügt"

Wenn ich mit dem Rad auf der dicht befahrenen und viel zu breiten Storkower Straße die ersten Lichtenberger Plattenbauten erreiche, frage ich mich immer, ­unter welcher Kreuzung der Schreber­garten meiner Eltern begraben liegt, der ­ihnen 1973 weggenommen ­wurde, als hier ein neues Wohnviertel entstand. Sein Leben lang hat mein Vater von einem Garten geträumt, aber keine "Beziehungen" gehabt, um an einen neuen zu gelangen. Im Gegensatz zu ihm habe ich mich nie damit an­freunden können, im ­nassen Gebüsch Apfelmumien aufzusammeln, ich war schon mit meinen Zimmerpflanzen ausgelastet, die ich immer zu gießen vergaß.

Jochen Schmidt

Jochen Schmidt, 1970 in Ostberlin ­geboren, ist ­Schriftsteller und Übersetzer. Zuletzt erschien ein Band mit Erzählungen: "Ich weiß noch, wie King Kong starb" (C. H. Beck, 22 Euro). Für chrismon schreibt er die komischen Miniaturen "Paargespräche".
Voland&Quist/Tim Jockel

Meine Frau findet allerdings, dass Kinder in die Natur gehören, womit sie nicht die Hundehaufen in unserer Straße und die oft vermüllten und meist überfüllten Spielplätze des Bezirks meint. Wir bewarben uns deshalb erfolgreich als Pächter eines Schrebergartens in Berlin. Auf den berüchtigten zehn Prozent der Fläche, die man dort mit Gemüse bebauen muss, wollte ich pro forma Kartoffeln legen, weiter reichte mein Ehrgeiz nicht.

Die Wegverantwortliche unserer Zeile ahnte das wohl und klärte uns bei einer ersten Begehung auf: "Urlaub im Liegestuhl is’ hier nich’ drin." Anfangs kam es mir auch vor, als hätte ich jetzt einen zweiten Job, nur ohne Bezahlung. Der Garten war ziemlich verwahrlost ("naturnah" gehalten, würde ich heute sagen), ich verbrachte den ersten Sommer damit, die Goldrute zu bekämpfen, eine ­invasive Pflanze, zunächst riss ich sie aus, aber man muss die Wurzel, über die sie sich vermehrt, ausgraben. Inzwischen lasse ich sie stehen, weil sich die Bienen noch im Spätherbst daran erfreuen. 

Was ist Unkraut?

Obwohl ich in den ersten Schuljahren noch das Fach "Schulgar­ten" gehabt hatte, wusste ich praktisch nichts. Sollte man die Beete umgraben, oder stört man damit das Bodenleben? Waren die Platterbsen, die sich überall hochrankten, ein sogenanntes Unkraut? Die riesigen schwarzen Holzbienen, die uns im Frühjahr überraschten, lieben ihre rosa Blüten. Ich lernte zu beobachten, statt zu bekämpfen. Dazu war auch keine Zeit, denn unser Häuschen musste renoviert werden. Das machte zahlreiche Besuche im Baumarkt nötig, worüber ich nicht traurig war, denn mir ge­fielen die neuen Wörter, die ich von dort mitbrachte: "Ablaufventil" (ich hätte "Wasserhahn" gesagt), "Einschlaghülse", "Türband".

Meine Frau schenkte mir zum Geburtstag einen Baumschnittkurs an der Volkshochschule. Mit meinem neuen Wissen über Erziehungsschnitt, Verjüngungs­schnitt und Erhaltungsschnitt versuchte ich, dem viel zu dichten Boskop Licht und Luft zu verschaffen (wovon die ­Krone bisher nur noch dichter wurde). Ich legte einen Ehrenhain für Pflanzen an, die das erste Jahr bei uns nicht überlebt hatten. Wie können wir ­ohne Keller unsere Äpfel lagern? Wie baut man eine Gemüsemiete? Wie fermentiert man Sauerkraut? Bekomm’ mal raus, wie man ohne Teichfolie einen Teich baut! Ist es sinnvoll, sich mit all dem zu befassen, oder sollte man nicht von der gesellschaftlichen ­Arbeitsteilung profitieren?

Auf Kriegsschutt gebaut

Am meisten Freude machte mir der archäologische ­Aspekt, unsere Anlage ist auf Kriegsschutt gebaut worden, in einem Meter Tiefe ­beginnt die deutsche Geschichte. Vielleicht sollte ich mir einen Metalldetektor besorgen. Laubenkolonien haben mich schon immer fasziniert, das Improvisierte der Behausungen, wie Ideen aufgenommen und variiert werden, das ist gebauter Jazz. Unser Häuschen stammt aus den 70ern, wir besitzen die handgezeichneten Pläne auf Millimeterpapier. Die Papptür ist die gleiche wie in der Ostberliner Neubauwohnung, in der ich aufgewachsen bin. In der Bastelkammer fanden wir eine jahrzehntealte Glühbirnensammlung, in der der ganze Ostblock vertreten ist.

Manchmal verbringe ich einen Sommerabend damit, die Schubladen zu durchwühlen und mir Werkzeug anzusehen, dessen Zweck ich mir nicht erklären kann. Beeindruckend sind auch die Chemikalien, zum Beispiel eine Flasche Hylotox 59 aus der DDR, DDT- und lindanhaltig, vermutlich hat Herr Wrubel, der sagenhafte Erbauer unseres Häuschens, damit unseren Dachstuhl behandelt. Sollte man das nicht mal überprüfen lassen? ("Ach, der ist 85 Jahre alt geworden . . .", meinte unsere ­Nachbarin.)

Die Schnecke, unsre Freundin?

Nachts wurde der Garten erst richtig lebendig. Beim Zähneputzen sah ich im Schein meiner Stirnlampe eine riesige gescheckte Schnecke, die eine braune Nacktschnecke verfolgte, ein Mord in Zeitlupe. Ich beobachtete, wie elegant die Schnecken über die scharfe Plastikkante der Schneckenkragen rutschten. Die Nachbarin sagte, sie lege ein Blatt drüber und trete drauf. Aber dreihundertmal am Tag? Es ist traurig, wenn die selbst vorgezogenen Zucchini über Nacht verschwinden. Ich sammelte jeden Abend Hunderte Schnecken ab und trug sie über die Straße zu einem Rasenstück. Natürlich setzen wir kein Schneckenkorn ein, wir wollen ja den Klimawandel bekämpfen, Insekten retten, eine Humusschicht aufbauen, Wasser speichern, die Biodiversität fördern, vertikal gärtnern, das Haus mit Wein begrünen, eine Totholzhecke anlegen, den Rasen in eine Blumenwiese verwandeln (schwer!).

Wir säen Borretsch und Phacelia und lassen Radieschen, Salat und Grünkohl schießen, denn die herrlichen Blütenstände gefallen den Bienen, die Forsythie, die von sämtlichen Insekten ignoriert wird, wird dagegen nur noch geduldet. Ich habe aus dem Bauschutt eines Hauses einen Balken mitgenommen und tiefe Löcher hineingebohrt. Die erste Wildbiene, die eines der Löcher mit Pollen verdeckelte, nannten meine Kinder "Biene Mayer". Wenn es sich schon so gut anfühlte, eine Wildbiene zu be­herbergen, wie müsste es sich erst anfühlen, die Welt zu retten? Gärtnern ist politisch. Am wenigsten wollen wir ernten. Ich bin schon glücklich, unseren Küchenabfall auf den Kompost kippen zu können, wo man alles Weitere den Würmern, Tausendfüßlern und Kellerasseln überlassen kann.

Raus aus der eigenen Blase

In den Beeten wuchs auch praktisch nichts (war es "lehmiger Sandboden" oder "sandiger Lehmboden"?). Ich baute deshalb ein Hochbeet. Das fühlte sich ökologisch an, da man den Holzkasten ja mit Gartenabfällen befüllte, erst später machte ich mir Gedanken, was es für unsere Ökobilanz bedeutete, wenn wir sibirische Lerche aus dem Baumarkt verwendeten. Der ökologische Selbstbetrug lauerte überall. (Eine Dauerklage unserer Gartenfreunde ist, dass es zu wenig Park­plätze gibt. Was ist Gärtnern wert, wenn man dafür ein Auto braucht?)

Schrebergärten gelten als spießig, Deutschlandfahnen, manchmal auch Reichskriegsflaggen, Plastikwasserspeicher in Form von Baumstümpfen oder römischen Amphoren, Lichtverschmutzung durch blinkende Lichter­ketten und Lampen in Gestalt von Findlingsattrappen. Beim Gartenfest lief Andrea Berg auf Anschlag, das Buffet bestand hauptsächlich aus Fleisch. Aber wir wurden herzlich aufgenommen. Man hat hier die Chance (oder Aufgabe), sein vertrautes Milieu zu verlassen und über Generationen hinweg ins Gespräch zu kommen (im Lockdown war das für alle ein Segen). Die Szene bewegt sich, die Immobilienwirtschaft macht Druck, man muss sich mit grünen Argumenten wappnen und den Beitrag zur Stadtökologie betonen. Mein Eindruck ist, dass die Gärten in urbaneren Zonen im guten Sinne unaufgeräumter und ökologischer wirken (siehe Totholzhecken), so würde auf dem Land kaum jemand gärtnern. Wenn ich höre, dass man doch hier die dringend benötigten Wohnungen bauen könnte, denke ich an die Flächen, die in der Stadt für (nachts leere) Parkplatz­­- wüs­ten vor Einkaufscentern verschwendet werden.

Ich stelle mir immer vor, wie ich eines Tages an unserem Garten vorbeigehe und mich freue, wie Nashi- Birne, Berner Rosenapfel, Aprikose und Kirschbaum, Spilling, Clematis, Wein, Holunder, die ich gepflanzt ­habe, wachsen, wenn der Garten längst von anderen betreut wird, wir sind ja hier nur Gäste. Manchmal sehe ich auch vor mir, wie die Anlage planiert wird, wie beim Garten ­meiner Eltern, und denke daran, was das für die Menschen bedeuten würde, die hier ihr halbes Leben verbracht haben. So ein Stück Natur mitten in Berlin ist natürlich ein Luxus, aber das sind Eigentumswohnungen auch, nur dass sie nicht gepachtet sind.

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