Schauspieler Oliver Wnuk und ARD-Programmchefin Christine Strobl über Kitsch und gutes Fernsehen

Der Berg muss mehr sein als Kulisse
Begegnung zwischen Oliver Wnuk und Christine Strobl

Ines Janas

Oliver Wnuk und Christine Strobl im Inselhotel Konstanz

Begegnung zwischen Oliver Wnuk und Christine Strobl

Idylle am Bodensee, raues Stadtleben in Berlin? Ein Gespräch über die Rolle von Stadt und Land im Fernsehen - und warum Corona so schnell keine große Rolle in Filmproduktionen spielen wird.

chrismon: Wir sind am Bodensee, Herr Wnuk, was kann man hier gut spielen, was gar nicht?

Oliver Wnuk: Die Geschichte muss ja nicht zwingend ­etwas mit dem Ort zu tun haben. In der Kleinstadt kennst du die Menschen und die Wege. Du wirst direkter mit dir selbst konfrontiert als in einer Großstadt, die es vielleicht leichter hat, dich von dir selbst abzulenken.

Christine Strobl: Der See ist ein Sehnsuchtsort. Wasser und Berge erzählen von Weite und Größe, das Wasser spiegelt das Licht – allein die Naturereignisse können Menschen, die filmisch denken, faszinieren. Aber man muss die Intensität der Landschaft auch für die Geschichte nutzen, sonst wär’s verschenkt. Es wäre schade, hier ein Kammerstück spielen zu lassen.

Oliver Wnuk

Oliver Wnuk, ­geboren 1976 in ­Konstanz, ist Autor und Schauspieler. ­Bekannt wurde er zum Beispiel mit der TV-Serie "­Stromberg" und als dauerverliebter Kommissar in "Nord Nord Mord". Für "Das ­Leben ist kein Kindergarten" schrieb er die Dreh­bücher. Der zweite Teil wurde jetzt am ­Bodensee gedreht. Wnuk ist mit der Schauspielerin und Sängerin Yvonne ­Catterfeld liiert, lebt in Berlin und hat zwei Kinder.
Ines JanasOliver Wnuk

Christine Strobl

Christine Strobl, ­geboren 1971, ist Programm­direktorin der ARD. Nach dem ­Jurastudium ging sie zum SWR und übernahm die Leitung des Familienprogramms. Von 2012 bis April 2021 leitete sie die Degeto, die für die ARD fiktionale Spielfilme und Serien auswählt, entwickelt und umsetzt. Sie ist mit dem baden-­württembergischen Innen­minister ­Thomas Strobl ­verheiratet und lebt in Heilbronn, ihr ­Vater ist der CDU-­Politiker Wolfgang Schäuble.
Ines JanasChristine Strobl

Wnuk: Manchmal ist es ja auch zum Kotzen schön, wenn der Zeppelin aus Friedrichshafen über dem tänzelnden Schwanenpaar im Sonnenuntergang schwebt. Dabei gibt es hier wahrscheinlich genauso Mord und Totschlag wie überall und eine hohe Selbstmordrate. Vielleicht triggert einen die Schönheit im Außen und lässt einen dunkler über sich selbst reflektieren. Von der Dissonanz zwischen der Außen- und der Innenwelt zu erzählen, das finde ich spannend.

Strobl: Beides stimmt. Eine Landschaft kann schön und zugleich bedrohlich sein. Ich kenne viele Menschen, die halten das im Herbst und Winter nicht aus, überall scheint die Sonne, nur hier am See hängt der Nebel.

Als Filmemacher ist man auf dem Land ganz schön abhängig vom Wetter, oder? Mehr als in der Stadt . . .

Wnuk: Als wir den zweiten Teil von "Das Leben ist kein Kindergarten" drehten, wollte ich auf dem See paddeln, die Schönheit, die Weite zeigen. Anschließend zieht ­diese Familie nämlich nach Berlin, und der Zuschauer soll mitkriegen, was die für eine Sehnsucht in sich tragen. Wir hatten tolles Wetter, und das war wunderbar, weil das ­diese Sehnsucht unterstützt. Aber natürlich hätten wir auch im Regen gedreht, dann hätten wir ein bisschen ­"Grading" machen müssen, das Wetter auf digitalem ­Wege aufbessern. Ich drehe ja auch auf Sylt, da kann man an einem Tag vier Jahreszeiten haben. Egal! Die Zeiten, wo man sich leisten kann, aufs Wetter zu warten, sind vorbei.

Über die ARD Themenwoche 2021

Gleichwertige Lebensverhältnisse in Dörfern, Städten und Regionen ist das Thema der 16. ARD-Themenwoche "Stadt.Land.Wandel – Wo ist die Zukunft zu Hause?". Vom 7. bis 13. November 2021 beschäftigen sich Das Erste, die Dritten Programme, die Digitalprogramme der ARD, tagesschau24, ONE, 3sat, ARTE, KiKA, Phoenix, ARD-alpha, Deutsche Welle, funk sowie die Radioprogramme und Onlineangebote der ARD, ebenso die Social-Media-Kanäle von ARD, Das Erste und den verschiedenen Landesrundfunkanstalten mit der Frage, wie die Transformation in eine zukunftsfähige Gesellschaft gelingen kann.

Oliver Wnuks Film "Das Leben ist kein Kindergarten 2" läuft im Rahmen der Themenwoche am Freitag, den 12. November um 20:15 Uhr im Ersten.

 

Strobl: Gutes Wetter ist immer besser, es ist auch leichter, den Regen künstlich zu erzeugen, als digital verschwinden zu lassen.

"In Berlin hatte ich achtjährige Filmkinder, die mir erzählt haben, dass sie vor zwei Wochen mit Til Schweiger am Set waren" - Wnuk

Wnuk: Aber ich hab schon das Gefühl, dass ich zum ­Beispiel über die Kinder in Konstanz anders geschrieben habe als über die Kinder in Berlin. Meine Tochter hatte in Berlin mit elf einen Schulweg von einer Dreiviertelstunde, mit Straßenbahn und U-Bahn, da musste sie wahnsinnig viele Entscheidungen treffen: Der Mann da riecht, der ist komisch, da geh ich lieber nicht hin. Diese Denke macht was mit Kindern. Schon die Fünf- oder Sechsjährigen – wir haben meistens mit Sechsjährigen gedreht, weil die länger drehen dürfen als die Kleineren – haben hier andere "Augen", einen anderen Blick. In Berlin hatte ich achtjährige Filmkinder, die mir erzählt haben, dass sie vor zwei Wochen mit Til Schweiger am Set waren und dass die Schwester auch dreht. Checker eben. Ich selber hatte hier in Konstanz eine großartige Kindheit, mein Stadtteil hieß Paradies, und so war der auch.

Strobl: Es ist viel lieblicher hier, Berlin ist rauer, das wird bei den Kindern auch so ankommen.

Im "Südkurier", Herr Wnuk, hatten Sie heute eine ganze Seite, das würde der Berliner "Tagesspiegel" wohl nicht machen . . .

Wnuk: Moooment . . .!

Ist das Landleben fürs Drehbuchschreiben einfacher, weil das Personal überschaubarer ist?

Wnuk: Nein, einfacher ist es nicht. Es ist vielleicht ­klarer geordnet, weil es in jeder kleineren Stadt den einen gibt, der die Position hat: den Bürgermeister, den Bandleader, die Radiomoderatorin, mit dem die Kleinstadtgemeinde ­einen identifiziert. In der Großstadt gibt es diese ­eindeutige Zuordnung nicht.

Noch mal zur dramatischen Kulisse, es gibt ja so viele Bergserien. Ist das wichtig fürs Marketing?

Strobl: Wenn wir Orte als Sehnsuchtslandschaften darstellen, machen wir sie oft erst dazu. Monschau ist so ein Ort. Der ist ohnehin pittoresk, aber seit die Stadt oft Dreh­ort ist wie für unsere "Eifelpraxis", pilgern Menschen da hin. Das darf niemals die Entscheidung darüber beeinflussen, was wie erzählt wird. Die Geschichte beginnt bei den Figuren, es gibt eine Idee, und da kommt einem manchmal sofort ein Ort in den Kopf. Manchmal hat man aber auch eine Geschichte, da weißt du nicht genau, wo die spielen soll, bis du an der Kalkulation sitzt.

Aber man muss die Filme mal hier und mal dort spielen lassen, damit die Zuschauerin sich wiederfindet?

Strobl: Ja, klar, Ost- oder Westdeutschland zum Beispiel. Als öffentlich-rechtlicher Rundfunk haben wir ja den Auftrag, Deutschland und Europa in seiner Gesamtheit abzubilden, drum achten wir drauf, dass wir "Käthe und ich" an der Müritz erzählen, "Toni, männlich, Hebamme" in München, "die Müllmänner" in Berlin, aber am Ende muss die Idee an sich überzeugen. Diversität ist uns wichtig, wir wollen Deutschland in all seinen Facetten zeigen, nicht nur landschaftlich, sondern auch in seinen regional unterschiedlichen Lebensentwürfen. Deshalb war auch Oliver Wnuks Erzieher im Kindergarten so überzeugend, weil er hier klar verortet ist und gleichzeitig dieses Klischee so wunderbar bricht. Wenn wir das noch ein bisschen weitererzählen, wird es mehr männliche Kindererzieher geben!

"Es kommt immer wieder zu Schief­lagen bei der ausgewogenen Darstellung aller Landstriche und Lebensentwürfe" - Strobl

Wie kommt der Osten weg in Fernsehfilmen? Uns schien: In den Ostdörfern wird viel getrunken, da ist viel Arbeits­losigkeit, viel Elend. Selbst in so tollen Filmen wie ­ "Für immer Sommer 90".

Strobl: Aber gerade in "Sommer 90" gibt’s auch diesen wunderschönen See, mit dem Café im Strandbad, die ­Figur von Karoline Schuch lebt dort entspannt und gelassen. Und wenn man Charly Hübner sein Goldschnitzel essen sieht, ist Frankfurt am Main nicht so richtig sympathisch.

Und doch wohnen die Arrivierten meistens in der Großstadt, die Abgehängten auf dem Land . . .

Strobl: "Sommer 90" ist sicher eine spezielle Ost-West-­Geschichte. Wir können auch über "Wolfsland" reden, eine Krimiserie, die in Görlitz spielt. Da stimmt das ­Klischee dann wieder nicht. Aber wir müssen an dem Punkt ­dauernd arbeiten, und es kommt immer wieder zu Schief­lagen bei der ausgewogenen Darstellung aller Landstriche und Lebensentwürfe. Ein anderes Beispiel für Diversität: Wir haben jetzt erstmals eine queere Serie produziert, die im Schwulenmilieu in Berlin spielt, "All You Need". Das ist eine Seite von Berlin, die wir früher fürs klassische ­Fernsehen so nicht erzählt hätten.

Wnuk: Wenn ich in einer Stadt eine Geschichte ­erzähle, will ich ja auch nicht lügen. In "Wolfsland" ist meine ­Freundin Yvonne Catterfeld Kommissarin, deshalb war ich oft in Görlitz und hab auf unser Kind aufgepasst, ich hab mir den Film angeschaut und dachte, huch, ist das leer, so viele Häuser und keiner läuft rum, aber so war das da wirklich. Es hat einen Charme, den ich aus keiner östlichen Stadt so kenne, das hat was ganz Besonderes, aber bestimmt auch seine Schattenseiten. "Wolfsland" bildet die Stadt ganz toll ab, die Schönheit und den Dornröschenschlaf, die Atmosphäre spiegelt sich in den Charakteren . . .

Strobl: Ja! Früher hatten wir oft Kulissen und ließen die Geschichte davor spielen, wie im "Traumhotel" – die Zeiten sind aber vorbei. Bergserien reizen mich dann, wenn der Berg was mit den Figuren macht, wenn die tiefen Täler, die Schatten aufs Gemüt wirken, Abgründe hervorbringen.

Da hat sich ja in Ihrer Zeit als Chefin der Filmproduktions­firma Degeto auch was verändert.

Strobl: Wenn die Redakteurinnen und Redakteure nicht mehr gern an ihren Arbeitsplatz gehen, weil das Haus als Süßstofffabrik verschrien ist, dann spätestens ist was zu tun. Wir alle zusammen haben in der Degeto etwas verändert, wir produzieren inzwischen andere Filme, so eine Veränderung gelingt nur im Team. Geschichten brauchen wir weiterhin, ein richtig gutes Drehbuch ist was Seltenes!

Herr Wnuk, lassen Sie uns noch einen Blick in Ihre Werkstatt als Drehbuchautor tun. Ist zum Beispiel dieses ­Motiv "Bleiben oder Gehen?" ein Konflikt, aus dem sich was machen lässt?

Wnuk: Ja, klar! Mein Vater ist ein unheimlich interessierter Mensch, der kann einem jeden aktuellen geopolitischen Zusammenhang aus dem Stegreif erklären, trotzdem ist sein persönlicher Bezugsrahmen überschaubar. Er weiß, wo seine Stadt, die er nie verlassen hat, anfängt und wo sie aufhört. Dass der Olli im "Südkurier" steht, ist ihm wichtig. Wichtiger als im "Tagesspiegel". Früher konnte ich diese Lebensgestaltung nicht nachvollziehen, heute beneide ich ihn um diese bescheidene Betrachtungsweise. Dennoch merke ich, da sind zwei Seelen in meiner Brust. Heimat und Vertrautheit genieße ich. Aber dann hab ich wieder Angst, etwas zu verpassen, sehne mich nach dem Lauten, dem Anonymen und will nach Berlin.

Haben Sie eigentlich schon mal einen Vater gespielt,­ der ein Gute-Nacht-Gebet spricht?

Wnuk: Nee. Ist mir noch nicht untergekommen, dass ­jemand betet.

"Ich glaube, es wäre schwierig, einen Vater zu zeigen, der beim Zubettgehen mit der Tochter betet" - Wnuk

Strobl: Na ja, es gibt Pfarrer und Nonnen im Film, aber dass ganz beiläufig mal ein Kreuz an der Wand hängt, das passiert zu selten. In Wirklichkeit gibt es ja Eltern, die mit ihren Kindern beten, aber im Fernsehen wird davon zu wenig erzählt. Da bin ich selbstkritisch.

Wnuk: Ich glaube tatsächlich, es wäre schwierig, einen Vater zu zeigen, der beim Zubettgehen mit der Tochter betet. Das könnte ich nicht so stehen lassen. Weil ich als Drehbuchschreiber sofort überlege, was das jetzt für die Figur bedeutet. Ist der jetzt besonders moralisch? Was hat es mit seinem Glauben auf sich?

Warum eigentlich?

Wnuk: Weil es in der modernen Gesellschaft nicht mehr so selbstverständlich dazugehört. Das ist aber vielleicht auch nur mein persönliches Klischeedenken.

Noch mehr Klischees: Sind Fernsehpfarrerinnen eher auf dem Land tätig?

Strobl: Eigentlich nicht. Wir hatten den Hamburger ­"Hafenpastor" mit Jan Fedder, "Frau Pfarrer und Herr Priester" waren auch städtisch, Robert Atzorn war damals ein moderner Pfarrer. Es gab tatsächlich mal eine gewisse Pfarrerphase, denken wir nur an Pfarrer Braun. Mal ist aber auch Internat ganz toll, mal Hotel, jetzt sind es gerade die Medicals, als Nächstes kommt vielleicht der Erzieher.

Herr Wnuk, die beiden Protagonisten in Ihrem Film ­haben Medizin studiert. Warum sind Ärzte so gut fürs Fernsehen?

Wnuk: Ärzte beruhigen, erklären, sie sind kompetent, ­lösen Probleme – ebenso wie Polizisten und Anwälte. ­Menschen mit solchen Berufen, die viel wissen, die das anwenden, damit es dem anderen besser geht, guckt man gern zu. Sie stillen das Bedürfnis nach Sicherheit. Wenn wir gut sind, zeigen wir dabei nicht nur heile Welt, ­sondern tragen Probleme und Konflikte ernsthaft aus. Wahrhaftig, ohne kitschig zu sein.

Was wäre kitschig?

Wnuk: Wenn die Macher, die Schauspieler selber vor den Gefühlen Angst haben; wenn sie schnell drüber wegspielen. Ist das Spiel aufrichtig und hat es für mich als Spieler eine Bedeutung, dann kann es berühren. In der Komik ist das auch so. Erst wenn ich dem Clown glaube, dass er sich wirklich nicht traut, von dem Stuhl runterzusteigen, fange ich an zu lachen, habe Mitleid und lasse mich berühren.

Im Moment interessieren wir uns ja sehr für Medizin, für Virologie. Wann kommt das an im fiktionalen Fernsehen?

Strobl: Natürlich kommt das irgendwann an. Das heißt nicht, dass bald alle Schauspielerinnen mit Masken auf­treten. Aber die Geschichten, die dahinterstecken, ­kommen an. In den "Tagesthemen" sterbenskranke Corona- Patienten zu sehen und dann draußen auf der Straße die Leugner und Leugnerinnen – das macht ja was mit einem, auch mit den Kreativen, die Geschichten aufgreifen und erzählen. Geschichten vom verpassten Abschied von den Sterbenden oder die Geschichte: Ich glaube an etwas, an das der andere in der Familie gar nicht glaubt.

Wnuk: Ich habe gerade den fünften Film in der Pandemie gedreht, und ich bin dankbar, dass ich vor der Kamera auch knutschen und kuscheln darf, weil wir ja getestet sind. Und doch fühlt es sich immer ein bisschen an wie ­lügen. Aber ich weiß nicht, ob ich als Zuschauer jetzt ­Corona auch noch als Fiktion sehen möchte.

Und was ist mit Masken?

Strobl: Wir erzählen Dinge, die stimmen können ­müssen, aber wir verlegen ganze Orte von A nach B oder legen Landschaften zusammen, die nicht zusammen sind. Man darf verdichten oder Dinge weglassen, wenn es der ­Authentizität keinen Abbruch tut. Also müssen wir nicht zwingend mit Masken spielen. Maske nimmt auch viel vom Gesicht weg. Ich stelle mir ganz andere ­Fragen: ­Werden wir je wieder so knuddeln wie früher? Mit ­Fremden zur Begrüßung? Werden wir uns zukünftig die Hand geben? Da ändert sich vielleicht was.

Abstandsregeln, funktionieren die im Fernsehen?

Strobl: Die Zuschauer akzeptieren es offensichtlich, wie bei den täglichen Serien "Sturm der Liebe" oder "Rote ­Rosen". Da haben wir sehr schnell während des ersten Lockdowns wieder mit dem Drehen begonnen und es gelingt, glaube ich, ganz gut, die Nähe anders herzustellen.

"Kein guter Krimi gleicht dem anderen" - Strobl

Wnuk: Auch das Studiopublikum bei Unterhaltungsshows ist nicht mehr da. Selbst das funktioniert er­schreckend gut. Der Warm-upper, der früher dem Publikum einheizte, bedient jetzt die Applausmaschine. Man gewöhnt sich an so vieles. Ich weiß gar nicht, ob ich das Handgeben und Küsschen noch brauche. Eine Berlinale wie früher kann ich mir zum Beispiel so gar nicht mehr vorstellen.

Warum gucken die Leute eigentlich so gern Krimis?

Strobl: Krimi ist ein Grundprinzip – wie Fußball. Beim Krimi ist am Anfang einer tot, und am Schluss weiß man, wer’s war. Das ist der Aufbau, und damit endet aber auch schon jede Gemeinsamkeit. Kein guter Krimi gleicht dem anderen. Es ist eine Form, in der man eigentlich alles erzählen kann. Ein einfaches ­Grundprinzip, das einem vielleicht erzählerische Sicherheit gibt.

Wnuk: Obwohl ich jetzt bald 20 Jahre in verschiedenen Serien Kommissar bin, bin ich kein Freund von Krimis. Es ist doch seltsam, dass zehn Millionen Menschen ihr Wochenende mit Mord und Totschlag beim "Tatort" ­ab­schließen. Ich habe mal bei einem Hörspiel mitgemacht, wo es um Snuff-Videos ging. Das ging mir zu weit. Ich sagte: Wollen wir das wirklich – die Fantasie in so ­eine Richtung lenken? Was ich an Krimis mag, ist die zwischen­menschliche, manchmal komödiantische Ebene wie in "Nord Nord Mord", wo ich einer der ­Kommissare bin.

Strobl: Komödie ist ja viel schwieriger, weil man genauso den echten Konflikt braucht, um die Fallhöhe auszulösen. Es ist komplizierter als im Krimi. Wir brauchen intelligente Unterhaltung, nicht nur Spannung.

Was ist ein gutes Ende?

Strobl: Wenn ich was mitnehme! Auch offene Enden ­können mir etwas auf den Weg geben.

Wnuk: Ich will jetzt nicht kitschig klingen, wenn ich den Begriff Versöhnung ins Spiel bringe. Wenn ich mit den Figuren versöhnt werde; wenn ich merke, dass ich nicht nur konsumiert habe – das wäre doch ein gutes Ende.

Nebenbei gefragt

Frau Strobl, wer waren Ihre ersten Serienhelden?

Christine Strobl: Schwer zu sagen, ich glaube, die ­Waltons.

Für welche regionale Lieblingsspeise ­lassen Sie jedes ­Sushi stehen?

Linsen mit Spätzle.

Welche ist die meist­unterschätzte Stadt?

Heilbronn. Früher!

Der sensationellste Ausblick?

Bei gutem Wetter auf der Hirzer Spitze in den Sarntaler Alpen. Südtirol.

 

Herr Wnuk, wer waren Ihre ersten Serienhelden?

Oliver Wnuk: Colt Seavers.

Für welche regionale Lieblingsspeise ­lassen Sie jedes ­Sushi stehen?

Reichenauer Salat­teller mit Fisch­knusperle und ein Glas Bodenseewein.

Welche ist die meist­unterschätzte Stadt?

Vielleicht Freiburg im Breisgau?

Der sensationellste Ausblick?

Stellen Sie sich ­irgendwo ans Ufer des Bodensees. Ganz egal wo.

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