Rollifahren mit Hund an der Leine

Unterwegs auf Rädern und Pfoten
Unterwegs auf Rädern und Pfoten

Melina Mörsdorf

Heike Wandke, 59: "Meist hört Paula auf mich. Andere Hundebesitzer wundern sich oft darüber."

Unterwegs auf Rädern und Pfoten

Verkriechen ist nicht mehr. Jetzt muss sie mehrmals täglich raus – weil der Hund rausmuss.

Heike Wandke, 59:

Ich mochte Paula von Anfang an sehr gern. Sie ist ein kleiner Mischlingshund, sehr lieb und offen. ­Eine Organisation in Hamburg, die rumänische Straßenhunde rettet, hat sie mir vermittelt. Im letzten Spätsommer ist Paula bei mir eingezogen.

Die Idee, mir einen Hund anzuschaffen, ist in der Psychotherapie entstanden. Ich mache die ­Therapie schon länger, um besser mit meiner Situation im Rollstuhl klarzukommen. Mit 18 bekam ich Knochenkrebs, ein Teil meines Beckens musste entfernt werden. Seit der ­Operation sind meine Beine teilweise gelähmt. ­Glücklicherweise kann ich mich weitgehend selbst versorgen, konnte auch viele Jahre halbtags in der Sozialbehörde arbeiten. Und ich habe mehrere gute Freunde und Freundinnen. Aber es fehlte immer etwas – jemand, der sich freut, wenn ich nach Hause komme.

Seit ich Paula habe, ist alles anders. Wenn ich ­morgens an der Garderobe mit meiner Jacke raschele und die Schuhe anziehe, weiß sie, dass es rausgeht. Sie wedelt wild mit dem Schwanz und ist glücklich. Ich bin das dann auch, Freude ist ansteckend.

Notfalls nehme ich den Greifer für das Häufchen

Als ich Paula bekam, war sie eineinhalb und noch nicht richtig erzogen. Ich habe mir Videos angeschaut, Rat­geber gelesen, eine Hundetrainerin engagiert. Paula musste ­lernen, draußen ihr Geschäft zu machen. Ich bin oft mit ihr raus, habe sie gelobt und ihr Leckerlis gegeben, wenn sie ihr Häufchen gemacht hat. Normalerweise komme ich mit dem Beutel ran, notfalls nehme ich einen Greifer.

Am Anfang hat Paula auch mal ins Wohnzimmer gepieschert, aber das hörte schnell von selbst auf. Wenn sie etwas nicht darf, sage ich laut Nein und schüttele den Kopf. Ich bin auch konsequent, wenn sie zu mir ins Bett will. Ich sage Nein und bleibe dabei, auch wenn ich es manchmal schön fände.
Früher hatte ich die Tendenz, mich zu verkriechen, in der Wohnung zu bleiben, weil jeder Ausflug für mich eine logistische Herausforderung bedeutet. Corona ist durchaus eine Erleichterung: Ich muss mich nicht vor meinen Freundinnen rechtfertigen, wenn ich diese Ausstellung oder jenen Film nicht gesehen habe. Geht halt nicht.

Mit Paula rauszugehen, tut mir gut, ich muss ja ­ständig kurbeln, um voranzukommen. Aber ich bin auch ge­fordert. Was ist, wenn sie zu sehr an der Leine zieht? Ich sage dann immer wieder: "Bei Fuß!" Oder: "Zu mir!" Meist klappt das. Im Park lasse ich auch mal die Leine los, Hunde dürfen dort frei laufen. Damit sie zurückkommt, klatsche ich energisch in die Hände, und meist hört sie auf mich. Andere Hundebesitzer wundern sich oft, dass das so gut klappt. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Überhaupt habe ich im Park viele liebe Leute kennengelernt, wir sprechen über unsere Hunde, und meine Behinderung ist nebensächlich.

Einmal hatte ich große Angst. Paula ist einem großen Hund ins Gebüsch gefolgt und nicht wiedergekommen. Sie hat überhaupt nicht mehr reagiert. Ich war in Panik. Eine andere Hundebesitzerin hat sie dann gefunden, sich die Leine geschnappt und Paula zu mir zurückgebracht.

Ich war unglaublich erleichtert. In dem Moment ist mir klargeworden, wie wichtig mir Paula geworden ist. Es ist wunderschön, wenn sie losläuft und nach einiger Zeit wieder fröhlich auf mich zurennt. Ich sehe, dass sie sich auf mich freut. Seit ich sie habe, kann ich mich auch viel mehr über ganz alltägliche Dinge freuen, zum Beispiel über die klare Abendluft, wenn ich spät noch mal mit ihr rausgehe.

Aber es gab eine Situation ...

Aber es gab eine Situation . . . Ich fuhr über die ­Kreuzung einer großen Straße, dabei hat sich die Leine in einem Rad meines Rollstuhls verheddert. Die Leine wurde ­immer kürzer und hat Paula gewürgt. Glücklicherweise war ­meine Schwester dabei und hat Paula von der ­Leine genommen. Was hätte ich ohne meine Schwester gemacht? Ich muss die Angst wegschieben.

Früher fühlte ich mich als Rollstuhlfahrerin oft blöd angeschaut, mitleidig. Das hat mir wehgetan und mich runtergezogen. Jetzt schauen die Leute anders, neugierig, manche ein bisschen skeptisch, wie ich das wohl schaffe mit Rollstuhl und Hund. Aber ich achte jetzt viel ­weniger auf ihre Blicke, weil ich ja auf Paula aufpassen muss. ­Früher haben mich häufig andere Hunde angekläfft, weil der Rollstuhl ihnen Angst machte. Jetzt riechen sie Paula und meine Leckerlis, und es ist Ruhe.

Protokoll: Franziska Wolffheim

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