Judenhass im Christentum

"Jetzt zeige ich mit dem Finger auf Euch Christen!"
Zwei Kirchturmspitzen nebeneinander, eine mit Davidstern eine mit Kreuz

KaraGrubis/iStockphoto/Getty Images

Mirna Funk: "Die Christen sind schuld am Unrecht, das Juden täglich widerfährt."

Perspective of church and synagogue spires atopped with a cross and Star of David. The two spires appear to be overlapping in a clear sky.

Wir haben die Schriftstellerin Mirna Funk gebeten, einen Bibelvers vorzustellen. Der christliche Antijudaismus sei schuld daran, dass Juden bis heute gehasst werden, schreibt sie. Eine Wutrede.

Ich will ganz ehrlich sein. Ich habe die Bibel nie gelesen. Ich habe auch keine Beziehung zur Bibel. Das liegt vor allem daran, dass ich in der DDR aufgewachsen bin. In einer säkularen Familie. Ein Teil sind Deutsche, der andere kommunistische Juden. Wir haben keine Schabbatkerzen gezündet, aber eine Menora auf dem Fensterbrett und im Bücherregal stehen gehabt. Mit zehn Jahren war ich das erste Mal in einer Synagoge. In Israel zur Bar-Mitzwa meines Cousins. Da gab es schon keine Mauer mehr, keine DDR. 

Mirna Funk

Mirna Funk ist Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchschreiberin. Sie wurde 1981 in eine jüdische Familie in Ostberlin geboren, ihr Urgroßvater ist der Schriftsteller und Übersetzer Stephan Hermlin. Mirna Funk studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität und lebt mit ihrer Tochter in Berlin und Tel Aviv. 2015 erschien ihr Roman "Winternähe" (S. Fischer) und 2021 "Zwischen Du und Ich" (dtv).
Shai Levy

Weil ich die Bibel nicht kenne, fragte ich drei jüdische Freunde nach den besten Zitaten. Zitate, über die ich etwas schreiben könnte, die mein Denken und Fühlen widerspiegeln, so lautete mein Auftrag an sie. Und erst mein guter Freund Shlomo aus Jerusalem erfüllte ihn erfolgreich:

"Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden." (Kohelet 3,1-8)

Und genauso wie es in Kohelet heißt, gibt es eine Zeit zum Steinewerfen und zum Steinesammeln, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden. Es gibt auch eine Zeit für mich als Jüdin, offen darüber zu sprechen, wie viel Leid das Christentum verursacht hat und auch, wie sehr ich die Christen dafür verachte.

Denn die vergangenen Wochen haben wieder einmal gezeigt, was 2000 Jahre Antijudaismus angerichtet haben. Der Antijudaismus, der im Holocaust mündete und fast die Hälfte der jüdischen Weltbevölkerung vernichtete. Der Antijudaismus, der nicht mit dem Holocaust endete, sondern der dazu führte, dass jeder einzelne Jude in dieser Welt täglich Hass, Gewalt und Ressentiments erlebt. Denn was vor Jahrhunderten noch Antijudaismus hieß und dann zu Antisemitismus umgedeutet wurde, wird heute allgemeinhin Antizionismus genannt. Im Kern geht es um das Gleiche. Auch der Ursprung ist gleich: Es ist die Vorstellung, wir hätten Jesus auf dem Gewissen, es ist die Vorstellung, wir wären mächtig, reich, hinterlistig und bösartig. Es ist das dichotome Weltbild, in dem es nur gut und böse, unschuldig und schuldig, richtig und falsch gibt. Der Jude wird dabei immer der "anderen Seite" zugeordnet. Der nämlich, die böse, schuldig und falsch ist. 

Quasi ins Erbgut eingeschrieben

Weil nun seit Hitler niemand mehr Antisemit sein möchte, aber die antijudaistischen Ressentiments quasi ins Erbgut eingeschrieben sind, muss eben ein neuer Begriff gefunden werden. Wie praktisch, dass sich drei Jahre nach dem Ende der Schoah ein jüdischer Staat bildete, und die ganze Welt seit Tag eins mit ihrem Selbstverantwortung verneinenden Finger auf dieses Miniland im Nahen Osten zeigen kann und Buh-buh schreit. Buh-buh-buh, böse, schuldig, falsch.

Und immer, wenn wir Juden daran erinnern, dass die Obsession mit diesem Miniland, ja, dass die Vorwürfe, Behauptungen und Begrifflichkeiten, die an dieses Land gerichtet werden, etwas gemeinsam haben und dass diese Gemeinsamkeit nichts anderes ist als der tief sitzende Antisemitismus, der, wie soll man es anders sagen, nichts anderes ist als ein 2000 Jahre alter Antijudaismus, dann kommen die Antizionisten und behaupten, dass das natürlich alles völliger Quatsch sei. Aber brennende Synagogen, blutige jüdische Nasen und Todesdrohungen auf propalästinensischen Demonstrationen beweisen das Gegenteil, das so gut wie jeder Nichtjude mit einem ekelhaften Lächeln ignoriert. 

Wehrhaftigkeit und Rache

Und weil ihr das die ganze Zeit tut, mit dem Finger auf Juden zeigen, zeige ich jetzt mal mit meinem Finger auf euch: auf die Christen, die an diesem Unrecht, das uns immer noch und täglich widerfährt, schuld sind. Einfach, weil es wirklich so gar keinen Grund für Juden gibt, Christen gegenüber noch mit Nächstenliebe und Verständnis zu begegnen. Nicht nach diesem 2000 Jahre alten Alptraum, der einfach nicht endet. Die Antwort darauf ist der Unmut, das Unverständnis, die Wehrhaftigkeit und vielleicht sogar, ihr werdet es nicht glauben, die Rache. 2000 Jahre Wut auf jüdischer Seite und 2000 Jahre Demut auf christlicher. Das ist die Zeit, die jetzt anbricht.

Bibelzitat

Kohelet 3,1-8

"Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden."

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Lesermeinungen

Die europäischen Juden haben kein genetisch einheitliches Erbe. Reinrassisch sind sie genau so wenig wie wir. Allein ihr mosaischer Glaube lässt die europäischen Juden als Einheit erscheinen. Wären sie nie verfolgt worden, hätte die Assimilation längst alle seit dem Jahre Null noch vermuteten Unterschiede verwischt. In Deutschland war es um die 1900 beinahe so weit. Sie wären jetzt als Gläubige Randgruppen in ihren Heimatländern, in ganz Europa, weltweit. Aber wie jede Großmacht, wie jeder Nachbar, jede Partei, braucht auch jeder Herrscher, jede Religion und jedes ideologische System einen Schuldigen, der für alle Fehler, Versäumnisse und Untaten, die man selbst zu verantworten hat, herhalten muß. Für die unwissenden Gläubigen und Bevölkerung, die bei jeder Gelegenheit mit vermeintlich Schuldigen versorgt werden mussten, war die angebliche Schuld der Tötung Jesu eine zusätzliche Rechtfertigung für alle erdenklichen Gräuel. Grotesk ist dabei die Ursünde des Christentums, dass sie die unbarmherzig verfolgten, die mit ihrer angeblichen Tat erst die christliche Religionsgründung initiierten. Aber wenn man krampfhaft einen Schuldigen für die eigenen Unzulänglichkeiten sucht, setzt jeder Verstand aus. Aus dieser geradezu irrealen Situation haben die Juden, um zu überleben, für sich das Beste gemacht. Weil sie in der globalen Diaspora keine Dörfer und Städte hatten, in denen sie zusammen mit ihren Rabbinern, mit dem Talmud ihrer Religion dienen konnten, waren die Eltern gezwungen, ihren Kindern für die Weitergabe ihrer Überlieferungen Lesen und Schreiben zu vermitteln. Und damit begann alles. Denn mit Lesen und Schreiben waren sie allen anderen überlegen. Konkurrenten waren nur die Mönche und die Priester. Eine total unchristliche Konkurrenz! Jeder Despot und Monarch, der nicht selbst über die Hilfsdienste von Schreibern, Lesern, Fremdsprachen und Auslandserfahrung verfügte, sich aber nicht in die Abhängigkeit der Kirche begeben wollte, mußte das Können der Juden annehmen. Sie waren deren einzige Bildungsalternative. Durch die Vertreibung und ihre globalen Erfahrungen waren sie zudem fremdsprachlich und kulturell allen anderen haushoch überlegen. Diese Situation führte unabwendbar zu Macht und Reichtum. Sie waren den Mächtigen sowohl für Kriege als auch für Reichtum und Fortschritt unersetzlich. Es dauerte nicht lange, dann hat der politisch Mächtige Fehler gemacht. Dafür wurden Schuldige gesucht. Die Juden standen parat. Wenn es opportun wurde, haben sich auch Kirche und Despoten erneut verbündet (Konkordat von 1933). Dann nahm das Schreckliche seinen Lauf. Von den Judenpogromen früherer Zeiten unterscheidet sich die NS-Zeit auch dadurch, dass sie andere technische und organisatorische Möglichkeiten hatten und diese Verirrung vorübergehend auf ein großes Territorium ausdehnen konnten. Die Motivation, einen Überlegenen total zu vernichten, war die gleiche. Eine uralte Erkenntnis, Bildung erzeugt Neid und Macht, Reichtum und Elend. Vermutlich haben die Juden bis heute nur deshalb überlebt, weil sie aus der Not der Diaspora ihre Kraft schöpfen konnten. Den vietnamesischen Flüchtlingen in den USA ergeht es ähnlich. Die Erfolge der Inder in Südafrika haben auch diese Struktur.