Arnd Brummer über Identität

Ich bin ich! Wer sonst?
Wie ich einem alten Kumpel meine Identität erklärt habe.

Neulich fragte mich mein alter Kumpel Fritz (natürlich in Corona-Zeiten tele­fonisch), was ich ihm denn über meine "Identität" sagen könnte. Ich stutzte und stellte ihm die Gegenfrage, was er denn unter "Identität" verstünde. "Das will ich doch von dir wissen!", war seine Antwort. Er habe die zahlreichen Debatten über die Thesen von Wolfgang Thierse, Sahra Wagenknecht und Wolfgang Kubicki verfolgt. Und nun interessiere ihn eben, wie seine Bekannten sich selbst sehen würden. Da ist der liebe Fritz bei mir an den Falschen geraten. Meine schlichte Antwort wird ihm wenig Aufklärung bescheren. Sie lautet: "Ich bin ich!"

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Immerhin muss ich Fritz zugestehen, dass ich mich in einigen Punkten tatsächlich identifizieren kann. Ich bin Demokrat, deutscher Staatsbürger und evangelisch. Ich liebe Menschen, vor allem Frau und Sohn. Und ich bedauere, in diesen pandemischen Zeiten Freunde selten persönlich er­leben zu können und Theater, Kino und Restaurants fernbleiben zu müssen.

Einige Sekunden Schweigen im Telefon. Dann fragte Fritz: "Und wie siehst du die anderen?" Genauso. Ich freue mich, in einer offenen Gesellschaft zu leben, in der Meinungsvielfalt herrscht und niemand behaupten kann, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Daraus folgt, dass Streit mit Worten und Argumenten – aber ohne Gewalt – selbstverständlich ist.

Ich kann Tätowierungen nicht leiden

Nicht alles, was meine Mitmenschen machen, finde ich schön. Zum Beispiel kann ich Tätowierungen nicht leiden. Als Fußballfan ärgert es mich ungeheuer, dass sich inzwischen die Mehrheit der Kicker an Armen, Beinen und Hals bebildern lässt. Dennoch schaue ich ihnen beim Spielen zu. Und ich muss zugeben, dass ich nach Ab­pfiff am Spielfeldrand den einen oder anderen lobe und ihm gratuliere.

Meine Freunde sind sehr unterschiedlich in Herkunft, sozialem Verhalten und Religiosität. Wenn uns das vegetarische Paar Joe und Linda besuchen kommt, bleiben die Steaks im Kühlschrank. Dass uns Joe schon beim ersten Zusammentreffen geduzt hat, empfinde ich so wenig aufdringlich wie seine Vorliebe für "lieblichen" Weißwein schrecklich – solange ich den nicht trinken muss.

Joe, der türkische Schwabe

Joe ist Schwabe mit türkischen Wurzeln, was ich freudig zur Kenntnis nahm. Als ich dann den von mir geschätzten Politiker Cem Özdemir erwähnte, entgegnete er mir: "Du als Fleischfreund findest den sympathisch? Er hat mal erzählt, wie sein ­Vater ihn als Teenager zum Fleisch­essen zwingen wollte und seine ­Mutter ihm heimlich Fleisch ins ­Essen mischte. Am Ende hat Cem die Eltern vor die Wahl gestellt: Entweder ihr habt einen vegetarischen Sohn – oder gar keinen!"

"Er ist wie ich Schwabe", stellte Joe grinsend fest. "Du weißt, dass er in Berlin nicht mehr mit Taxis fährt, weil ihn einige türkischstämmige Fahrer wegen seiner kritischen Haltung gegenüber Erdoğan beleidigt haben." So viel zum Thema Identität. Als ich Fritz dies erzählt hatte, blieb es still im Telefon. Hallo, Fritz? Nach kurzem Räuspern ließ er mich wissen: "Mit dieser Özdemir-Info hast du mich überzeugt: Du bist nicht der einzige Mensch, der seine Identität mit ,Ich bin ich!‘ beschreibt. Schönen Tag noch."

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Lesermeinungen

Herrn Brummer wünsche ich, er möge aus seiner Identitäts-Konfort-Zone heraustreten.
Ich empfehle das Buch von Robin Diangelo, im Original „White Fragility“, deutscher Untertitel: „Was es bedeutet, in unserer Gesellschaft weiss zu sein“.
Aber die Rede von Ingo Schulz zur Verleihung des Kunstpreises der Stadt Dresden würde auch schon reichen. Wer in der BRD aufgewachsen ist, diesem „zivilisatorischen Goldstandard“, also Westler / Mann / Weißer / Hetero / Nicht-Behinderter ist, darf sich unreflektiert und tautologisch definieren.
Der Redaktion von chrismon wünsche ich alles Gute, wir freuen uns immer, am Anfang des Monats chrismon in der SZ zu finden,
mit freundlichen Grüßen
Luísa Costa Hölzl