Mail aus Lesbos: Flüchtlingslager

Ein neues Moria?
Flüchtlingslager Mavrovouni auf Lesboa

NurPhoto via Getty Images

Der Wind weht ungebremst über die Zelte des neuen Lagers, das direkt am Mittelmeer liegt

The Covid-19 quarantine area with fences made of barbed wire for the Coronavirus positive cases in the new refugee camp in Kara Tepe - Mavrovouni a former military area, shooting range of the Hellenic Army, near Mytilene city in Lesbos island Greece. The new temporary camp was created after the fire of September 9, 2020 when one of the largest in Europe refugee camp, Moria ( reception and registration center ) was burned. All the residents, the asylum seekers inside the camp have been tested for the Covid virus and those who are positive are living in two designated quarantine areas. Until now 242 people, migrants and refugees in the camp are tested positive cases. Kara Tepes, Lesbos Island, Greece, on 19 September 2020. (Photo by Nicolas Economou/NurPhoto via Getty Images)

Das abgebrannte Flüchtlingslager Moria war berüchtigt. Ist das Nachfolgecamp besser oder schlechter? Die Helferin tut sich schwer mit einer Antwort.

Neutral über die Situation von Flüchtlingen auf Lesbos zu berichten, ist schwer. Es beginnt schon damit, wie ich das Lager ­nenne, das nach dem Brand des Camps ­Moria aus dem Boden gestampft wurde. 7000 Menschen leben hier. Offiziell heißt das Lager Mavrovouni oder Kara Tepe – griechisch und türkisch für "Schwarzer Berg".

Manche Aktivisten aber sagen schlicht "Moria 2.0", um auszudrücken: Hier sei es mindestens genauso schlimm wie in Moria. Denn die Zelte stünden bei jedem Regenguss komplett unter Wasser, Kinder würden von Ratten gebissen, und die Regierung setze alles daran, die Lage möglichst unerträglich zu gestalten.

Andrea Wegener

Andrea Wegener arbeitet für die Hilfsorganisation EuroRelief, einer Partnerorganisation von Campus für Christus auf der griechischen Insel Lesbos - bis zum Brand im September 2020 im Füchtlingscamp Moria und seitdem ­im neuen Lager Kara Tepe/Mavrovouni, das oft auch Moria 2.0. genannt wird.
PrivatAndrea Wegener

Ich tue mich schwer mit dem Begriff "Moria 2.0". Vor Ort stellt sich vieles differenzierter dar. Das Regen-Ableitungssystem funktioniert mittlerweile. Das mit den Ratten passierte auf einer anderen Insel. Und auch in den Behörden gibt es durchaus Menschen, die sich für die Geflüchteten einsetzen. Aber kann ich deswegen sagen: Ganz so schlimm ist es nicht?

Es ist ja immer noch schlimm genug, wenn Menschen zusammengepfercht sind – in den 16-Quadratmeter-Zelten leben bis zu drei Familien, in Großzelten 150 Menschen zusammen –, wenn Kinder nicht zur Schule gehen können und Männer und Frauen psychisch zerbrechen, weil sie keine Perspektive haben. Trotzdem: Ärger und Bitterkeit vertragen sich schwer mit Mitgefühl und Zuversicht, die hier alle brauchen. 

Bessere Sicherheitslage

Mir hilft es, zu feiern, was gut ist: Es gibt inzwischen Duschen und warmes Wasser. In den Massenzelten sind Zwischenwände und -decken eingezogen worden. Die Sicherheitslage ist ­besser als vorher: Wir hatten noch ­keine tödliche Messerstecherei – in Moria passierte das oft. Über solche Dinge freuen wir uns. Erst recht die unter uns, die auch Moria kannten.

Leseempfehlung

Safa ist aus Afghanistan geflohen, weil er dort um sein Leben fürchtet und weil er etwas aus sich machen will. Jetzt sitzt er in einem Flüchtlingslager auf Lesbos fest und ist zur Untätigkeit verdammt
Moria-Helferin Andrea Wegener war gerade in Deutschland, als das Lager brannte. Die Bilder der Zerstörung erträgt sie kaum
Posteingang - Moria
In Moria träumen alle davon, das Lager zu verlassen. Doch manche bleiben, obwohl ihr Asylantrag gestattet wurde. Warum?

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.