Konflikt im Nahen Osten

"Es gibt in diesem Konflikt keine Wahrheit"
Nahost-Konflikt - Gaza-City

Majdi Fathi/NurPhoto/picture alliance

Gaza City, ein Palästinenser läuft an den Ruinen eines kürzlich von den israelischen Streitkräften bombardierten Gebäudes vorbei

A Palestinian man walks near the remains of a building after it was destroyed in Israeli air strikes, amid a flare-up of Israeli-Palestinian fighting, in Gaza City May 18, 2021. (Photo by Majdi Fathi/NurPhoto)

Der evangelische Propst von Jerusalem, Joachim Lenz, über nächtliche Kämpfe, eine Hochzeit und seine Hoffnung auf Frieden.

Herr Lenz, Sie leben in Ostjerusalem. Was bekommen Sie von den Auseinandersetzungen mit?

Joachim Lenz: Die Erlöserkirche, die Propstei und das Gästehaus, die den deutschen Campus bilden, liegen in der Altstadt am Schnittpunkt vom jüdischen, muslimischen und christlichen Viertel. Wenn man in die Erlöserkirche reingeht, ist man im christlichen Viertel. Auf der Rückseite ist die Basarstraße, da beginnt das muslimische Viertel. Am Gästehaus auf der anderen Straßenseite beginnt das jüdische Viertel.

Finden vor der Haustür Kämpfe statt?

Wenn ich vorne aus der Propstei schaue, ist alles ruhig und friedlich. Rückseitig höre ich manchmal die nächtlichen Kämpfe zwischen Palästinensern und israelischer Polizei am Damaskustor und auf dem Haram al Sharif, dem Tempelberg, der ist ja nur 350 Meter entfernt. Vergangene Woche habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Luftalarm gehört. Von den sieben Raketen, die die Hamas dann auf Jerusalem abgeschossen hat, richtete nur eine materiellen Schaden an. Die weiteren 3500 Raketen, die die Hamas mittlerweile abgeschossen hat, waren Kurzstreckenraketen auf andere Städte wie Tel Aviv oder Ashkelon.

Joachim Lenz

Joachim Lenz ist seit 1. August 2020 evangelischer Propst in Jerusalem. Er wurde 1961 in Wuppertal geboren, war Pfarrer in Enkirch, danach rund zehn Jahre als Pastor für den Evangelischen Kirchentag tätig und von 2015 bis 2019 Theologischer Vorstand und Direktor der Berliner Stadtmission.
privat

Fühlen Sie sich sicher?

Ja, ich fühle mich persönlich sicher, mehr noch, vergangenen Freitag war ich auf einer Hochzeit in Westjerusalem eingeladen: Die Tochter unseres palästinensischen Hausmeisters in der Propstei hat geheiratet, es war der vierte Anlauf, die drei früheren Termine mussten wegen Corona ausfallen. Wir haben mit 250 geimpften Gästen gefeiert, es war ein wunderbarer Tag, als wäre tiefster Frieden. Doch als ich nach Mitternacht auf meinem Heimweg durch die Altstadt kam, habe ich sehr genau nach rechts und links geschaut, ob nicht irgendwo jüdische extremistische Hooligans lauern, die Araber verprügeln wollen, oder islamistisch verhetzte junge Araber, die Jagd auf Juden machen. Eine sehr eigentümliche Erfahrung! Hier eine Hochzeit und das Gefühl, in Sicherheit zu sein, und zugleich die Bedrohung zu spüren und zu wissen, gar nicht weit weg herrscht Krieg und sterben Menschen. Der Gaza-Streifen ist ja nur 75 Kilometer entfernt!

Kam die Eskalation der Gewalt überraschend?

Ja und nein. Von den Menschen, mit denen ich gesprochen habe, hat niemand damit gerechnet, dass die Auseinandersetzungen diese Ausmaße annehmen könnten. Seit 2014 hat es das so nicht mehr gegeben. Andererseits sagen sowohl manche jüdische Israelis als auch christliche und muslimische Palästinenser fast fatalistisch: So ist es halt hier. Jedes Jahr gibt es ein paar Raketen, dann wird zurückgeschossen, das ist normal. Im Ramadan ist die Stimmung abends oft aufgeheizt, und bei den großen jüdischen Festen wird die Westbank abgeriegelt, da lässt Israel keine Leute zur Arbeit nach Israel – aus Sorge vor Anschlägen. Mit dieser Dauerbedrohung lebt man hier. Am Tag bevor es richtig losging, wurde man gewarnt, nicht zum Damaskustor und nicht zum Tempelberg zu gehen. Das finde ich verstörend, dass man genau vorhersagen kann, was passieren wird, aber trotzdem kann man es offenbar nicht verhindern.

"Schuldzuweisungen sind Teil des Problems"

Welche Seite hat "Schuld" an der aktuellen Eskalation?

Die Gründe für die aktuellen Demonstrationen und Streitigkeiten liegen oft viele Jahrzehnte zurück. Die Situation in den besetzten oder annektierten Gebieten ist für viele Menschen schwer erträglich, es sind keine Besserungen oder gar Lösungen in Sicht. Ich bin nicht Richter darüber, wer auf israelischer oder palästinensischer Seite welche Verantwortung oder Schuld hat. Ich sehe, dass beide Seiten auf ihre Weise wie immer agieren. Einseitige Schuldzuweisungen, gern gegenseitig vorgetragen, sind Teil des Problems.

Einige befürchten den Beginn einer neuen Intifada. Wäre das möglich?

Vor einer Woche wurde uns ein lange geplanter Handwerkertermin abgesagt, weil der Elektriker als Reservist eingezogen wurde. Jetzt sagen die israelischen Streitkräfte, sie bräuchten noch ein, zwei Tage, dann hätten sie die Bunkeranlagen der Hamas zerstört und die Hamas weitgehend entwaffnet. Danach könnte es ruhiger werden, aber man weiß es nicht. Ich hoffe, dass der Hamas die Raketen ausgehen und dass die israelische Regierung sagt: Jetzt reicht es mit den Bombardierungen.

Wie verhalten sich die Kirchen?

Alle Kirchen rufen zum Frieden auf, das ist gut. Doch fast alle christlichen Gemeinden hier haben überwiegend palästinensische Gemeindemitglieder und sind daher klar positioniert. Sie sehen das heutige Israel nicht in der Nachfolge des alten Israels, sondern als moderne Besatzungsmacht. Wir sind eine deutsche Auslandsgemeinde, und ich bin der Repräsentant der Evangelischen Kirche in Deutschland in Jerusalem und halte mich mit Beurteilungen sehr zurück. Die EKD hat eine klare theologische Haltung: Dass es den Staat Israel gibt, ist für uns ein Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk. Christen wie Juden hoffen auf einen neuen Himmel und eine neue Erde - für alle Menschen. Wir stehen in einer doppelten Verbundenheit zu Israel und den Palästinensern.

"Wir können versuchen, Menschen ins Gespräch zu bringen"

Kann die evangelische Kirche vermittelnd wirken?

Mein Vorgänger sagte mir: Es gibt in diesem Konflikt keine Wahrheit, sondern zwei Wahrheiten, die weit auseinanderliegen. Ich fände es ziemlich anmaßend, wenn wir Kirchenleute aus Deutschland den Israelis und Palästinensern Ratschläge erteilen würden, wie sie Frieden machen sollen. Wir können versuchen, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen und dafür Räume zur Verfügung zu stellen. Das ist schwer genug.  

Welche Wege halten Sie zur Befriedung der Situation für möglich?

Beide Seiten müssen endlich wieder miteinander reden! Das geschieht seit Jahren aber faktisch nicht mehr. Vielleicht endet die offene Gewalt in ein paar Tagen; es wird dann aber irgendwann wieder hochkommen. Also: Reden, neue Ideen denken, Vertrauen schaffen und riskieren, die nachfolgenden Generationen im Blick zu haben. So weit, so klar - und so schwierig. Um diese großen Scheine in kleine Münzen zu wechseln und zahlbar zu machen, sind mutige Menschen auf beiden Seiten nötig.

Was kann die Staatengemeinschaft tun?

Da weiß ich auch nicht weiter! Die Verantwortlichen in Palästina fühlen sich derzeit von vielen Staaten im Stich gelassen: Beispielsweise gab es im Rahmen der Covid-Bekämpfung für Gaza oder die Westbank wenig Unterstützung durch Impfstofflieferungen oder Wirtschaftshilfen. Die Israelis fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt, wenn sie international zur militärischen Mäßigung aufgerufen werden, während über 3000 Raketen in ihr Land geschossen werden. Ich denke, dass sich beide Seiten als weitgehend isoliert sehen. Ohne Mitwirkung von außen wird sich zwischen den verfeindeten Seiten wohl nichts bewegen. Politische Ideen, Hilfen, Garantien, Visionen müssen her - ich bin Pastor und ich bete, dass Gott weite Herzen und klare Gedanken schenkt, international und besonders hier im Heiligen Land.

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