Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan

Wie Ashot starb
Wie Ashot starb - Krieg in Armenien

privat

Der Bagger hat die gefrorene Erde für das Grab ausgehoben - Ashot starb am 28. Oktober 2020 im Krieg gegen Aserbaidschan

Vom Armenien-Krieg im Herbst 2020 erfuhren die Deutschen nicht viel. Doch plötzlich ist alles sehr nah.

Ach übrigens, Ashot ist tot . . .", sagte Mikhail, ein Freund, den ich wegen des Lockdowns lange nicht gesehen hatte. "Ach ja", antwortete ich. "Aber wer war jetzt Ashot gleich noch mal?"

"Ashot hatte uns in Eriwan auf seine Party eingeladen, erinnerst du dich?" Mikhail und Tamara haben einen Sohn im Alter wie unser Jüngster, und wir haben mit ihnen ihre ­Heimat Armenien besucht. Ein großartiger Urlaub! Ashot Matevosyan, Mikhails Jugendfreund, hatte extra für uns eine Party ge­geben. Auf meinem Handy finde ich die Fotos von Ashot im gestreiften T-Shirt, seiner blonden Frau Sushan, den drei Kindern. Und alles ist wieder da. 

Harald Stutte

Harald Stutte, Jahrgang 1964, arbeitet für das RedaktionsNetzwerk Deutschland. Zusammen mit Mikhail würde er gern bei nächs­ter Gelegenheit Ashots Familie, seine Freunde Sarkis und Levon in Armenien besuchen und mit selbst gebranntem Wodka auf Ashot anstoßen.
privatHarald Stutte, chrismon plus 02/2019, Renata Reck, südafrikanische Heilerin

Ashot und Sushan bewirtschafteten ­einen Hof mit Ziegen und Schafen im Dorf Bala­hovit im Umland von Eriwan. Die ­Tische bogen sich an jenem milden Abend im ­Juli 2015 unter Speisen – Horovac, das sind Fleischspieße, Montapur, mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen, Dolma, in Weinblätter gerolltes Hackfleisch, Lavash, traditionell im Erdofen gebackenes Fladenbrot. Wir waren eine lustige Runde. "Wer ist der berühmteste Armenier der Welt?" – fragte jemand. Und jeder steuerte Namen bei. Mein Beitrag, Kim Kardashian, wurde mitleidig belächelt. Besser kamen da schon Cher und die Tennislegende André Agassi an, Artjom Mikojan, Erfinder der MIG-Kampfflugzeuge, oder Charles Aznavour. Nach jedem Vorschlag tranken wir einen selbst gebrannten Wodka mit Maulbeer­aroma. Der Abend gipfelte darin, dass wir Männer uns auf den Dreirädern und Bobbycars unserer Kinder ein Rennen lieferten.

"Woran ist Ashot denn gestorben?", fragt meine Frau Veronique: "Er war doch noch nicht alt." "Im Krieg gefallen", sagt Mikhail. ­Veronique und ich sehen uns erstaunt an: Krieg, war da was? Corona, Krebs, Herz­infarkt, Verkehrsunfall – uns fallen viele Ur­sachen ein, weswegen man mit 42 Jahren ­sterben kann. Aber im Krieg "gefallen"? Klingt nach letztem Jahrhundert, nach Dokumentationen von Guido Knopp, nach Omas Erzählungen über ihren Lieblingsbruder Walter. Dass Ende 2020 Tausende junger Menschen in einem Krieg gestorben sind, über den bei uns kaum berichtet wurde, lässt mich nicht los. 

 Ashot und seine Frau Sushan bewirtschafteten einen kleinen Hof in der Nähe von Eriwanprivat

Gewissheiten bröckeln

44 Tage dauerten die Kämpfe zwischen Armenien und Aserbaidschan, vom 27. September bis 9. November 2020, mindestens 4700 Menschen starben. In den Nachrichten in Deutschland waren Corona, die US-Wahl und der Brexit wichtiger. Doch plötzlich trifft es Ashot Matevosyan, Ehemann und Vater von drei Kindern, mit dem ich vor gut fünf Jahren Horovac gegrillt, Wodka getrunken und Blödsinn gemacht habe. Abstrakte Opferzahlen erhalten ein Gesicht, und ein Konflikt "irgendwo" im Kaukasus wird sehr konkret.

Auf einmal wird auch die Gewissheit brüchig, nie einen Krieg erleben zu müssen, mit der ich und viele andere meiner Generation in Deutschland aufgewachsen sind. Ashot, gefallen? Ich will mehr erfahren über diesen ­etwas schüchternen, herzlichen, am Ende des Abends überschwänglich freundlichen Mann und seinen Tod. Und so bombardiere ich ­Mikhail via Whatsapp mit Fragen. 

Alles ist dokumentiert

Wenn Menschen früher in Kriegen ums Leben kamen, wussten die Angehörigen oft wenig über die Umstände des Todes. Onkel Walter, der Lieblingsbruder meiner Oma, starb irgendwo irgendwann im Spät­sommer 1915 im Argonner Wald in den Ardennen. Alles, was von ihm blieb, war das Foto eines unsicher lächelnden Jungen mit Pickel­haube.

Ashots letzte Tage lassen sich lückenlos rekonstruieren anhand von Textnachrichten, Smartphonebildern und Telefonaten. Bei­nahe täglich rief er seinen Jugendfreund Sarkis und seine Frau Sushan an. Mikhail schickt mir die Bilder eines Uniformierten, der äußerlich nicht mehr viel mit dem Ashot gemein hat, den ich kennengelernt hatte: Da schaut mich ein behelmter Soldat an, etwas unsicher und umgeben von Kameraden. Andere Fotos ­zeigen einen von Löchern durchsiebten Van und eine Trauerfeier. 

Diesmal ist alles anders

Ich treffe mich mit Mikhail. Wir sprechen via Facetime mit Sarkis in Eriwan, dem gemeinsamen Jugendfreund von Ashot und Mikhail. Auch Sarkis war an jenem Abend vor gut fünf Jahren in Eriwan dabei. Mikhail ist Physiker, hat wie viele einer ganzen Generation gut ausgebildeter Armenier seine Heimat ver­lassen und arbeitet in einer Forschungseinrichtung in Hamburg. Ashot hat Volkswirtschaft studiert. Sarkis und er blieben in Armenien. Am 28. September, einen Tag nach Beginn der Kämpfe, erreichte Ashot ein Anruf der armenischen Streitkräfte. So erzählt es Sarkis – und ich ahne, was Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen. Manchmal geht es einfach darum zu überleben.

Zusammen mit anderen Reservisten brachte man Ashot nach Stepanakert, in die Hauptstadt der umkämpften Enklave Berg­karabach. Dort wurde er in eine Uniform gesteckt und bekam ein Sturmgewehr der ­Marke AK-47. Armenien ist eingekeilt ­zwischen seinen Erzfeinden Aserbaidschan und Türkei und grenzt an den Iran. Die fast drei Millionen Einwohner:innen leben seit der Unabhängigkeit 1991 in einer Art permanenter Alarmbereitschaft, weil seitdem immer wieder um die von Armenien kontrollierte, überwiegend von Armenier:innen besiedelte, aber völkerrechtlich zu Aserbaidschan ge­hörende Provinz Bergkarabach gekämpft wird. Meistens kühlten sich die Gemüter nach wenigen Tagen wieder ab, und die Männer durften nach Hause. 

Hightechkrieg

Doch diesmal war alles anders. Aserbaidschans Diktator Ilham Alijev fühlte sich mit militärischer Unterstützung der Türkei stark genug, Bergkarabach und die sieben aserbaidschanischen Provinzen im Umland zurückzuerobern.

"Man schickte ihn in die Provinz Dschäbrajil", erzählt Sarkis via Facetime auf Armenisch, Mikhail übersetzt. Auf Google Maps suchen wir die Gegend um die Stadt Dschäbrajil und zoomen uns in die flache Region zwischen dem nördlich gelegenen Gebirgsmassiv Karabach und der iranischen Grenze. Dort konnte Aserbaidschans Armee ihre Überlegenheit an Militärtechnik am effizientesten ausspielen. Sarkis sagt, dass ihn Ashot bereits am Abend des ersten Tages aufgewühlt angerufen habe: "Du glaubst nicht, was hier los ist! Es herrscht das totale Chaos, keiner hat den Überblick." Seine Frau Sushan wollte er nicht beun­ruhigen: "Mach dir keine Sorgen, Engelchen, es ist nicht gefährlich. Außerdem bin ich 42, mich schicken sie nicht mehr ganz nach vorn. Ja, ich pass auf, alles wird gut."

Doch Reservisten und Wehrpflichtige lagen unter massivem Beschuss. Niemand brachte Nachschub. Armenien schickte seine ahnungslosen Soldaten mit Gewehren, deren Prototyp im Zweiten Weltkrieg konstruiert wurde, in einen Hightechkrieg. Es hieß, das sei der erste Drohnenkrieg gewesen, eine Zäsur in der Militärgeschichte. Armeniens Wehrpflichtige seien den türkischen ­Drohnen vom Typ Bayraktar TB2 nahezu schutzlos ausgeliefert gewesen. Wie aus dem Nichts spien sie ihre lasergesteuerten Bomben aus. Sobald ihr Sirren zu hören war, blieben ­sieben Sekunden, um das Weite zu suchen, ­lese ich in ­Berichten. Nur wer die ersten Tage dieses Krieges überlebte, hatte überhaupt eine ­Chance, diese ­Lektion zu lernen. 

Autonarr Ashot

Sarkis erzählt, dass am 2. oder 3. Oktober in Ashots Regiment ein Fahrer gesucht ­worden sei. In klapprigen, mit einem roten Kreuz gekennzeichneten Krankentrans­portern ­wurden die Verletzten von der Front zum Lazarett gefahren. Ashot meldete sich, es klang nach einem eher harmloseren Job, denn Erdogans Drohnen waren vor allem auf Militärfahrzeuge fixiert.

"Ashot war ein Autonarr", erklärt ­Mikhail. "In den 90er Jahren, kurz nach Ende der ­Sow­jetunion, war es schwer, ein Auto zu bekommen. Ashot besaß als einer der Ersten von uns einen alten sowjetischen Shiguli Modell 6. In den baute er sogar die Automatikschaltung eines Mercedes ein."

Sein Job jetzt an der Front war überhaupt nicht harmlos. In kurzer Zeit hatten die Drohnen zehn der zunächst 13 Krankentransporter des Regiments ausgeschaltet. Wer überleben wollte, musste bei Dunkelheit ohne Scheinwerferlicht stets mit 80 Kilometer die Stunde fahren – querfeldein. Bremsen konnte den Tod bedeuten. 

 Oktober 2020, Ashot als Soldat. Mit einem Krankentransporter fuhr er die Verletzten von der Front zum Lazarettprivat

Tödliche Falle

Ashot war bald der "dienstälteste Fahrer" seines Regiments, dessen Stärke sich schnell von einst 1500 auf 200 Soldaten dezimierte, berichtet Sarkis weiter. Ashots Transporte ­galten als eine der sichersten Arten zu "reisen" in diesem Krieg, und er schien alles richtig zu machen. Bis zum16. Oktober: Da hielt er auf offenem Feld an. Weil da, weit hinten in der Dämmerung, armenische Soldaten winkten und johlten. So hat er es Sarkis später erzählt. Wollten die mit? Im Transporter war noch Platz, Ashot stoppte.

Der Doktor neben ihm kurbelte die Scheibe runter, um etwas zu rufen – da blitzte Mündungsfeuer auf. Die Männer in den vertraut wirkenden Uniformen waren keine Armenier, sondern vermutlich arabische Söldner, Verbündete Aserbaidschans. Das Fahrzeug wurde von Geschossen durchsiebt. Der Doktor saß vornübergebeugt neben ihm, stöhnte. Ashot trat das Pedal durch, raste los, erreichte das Lazarett. Am nächsten Morgen schickte er Sarkis Bilder des durchlöcherten Fahrzeugs. 

Die Bilder wirken harmlos

Als ich die Bilder sehe, bin ich erschrocken, so wenig schrecklich wirken sie. Man sieht keine von Stahlgewittern zerfetzte Fahrzeugfront, sondern ledig­lich kleine Löcher, wie mit einem feinen ­Metallbohrer gesetzt. So unscheinbar, so ­lauernd und perfide kam der Tod in diesem Krieg daher. Solche Bilder können Außen­stehende leicht in der falschen Sicherheit ­wiegen, eine solche Auseinandersetzung ­könne man in den Griff bekommen, man ­müsse eben auf der Hut sein.

",Tschortik‘, Teufelchen, haben wir ihn ­früher immer genannt", erinnert sich Mikhail bei einem weiteren Treffen in Hamburg. An einem Sommertag in den frühen 90ern ­waren die Freunde an den Sewansee gefahren, ­Armeniens größtes Binnengewässer. Ein ­Segelboot hielt nahe der Stelle, wo sie zelteten. Ashot fragte den Skipper, ob er sie mitnehmen könne. "Das Boot ist voll", rief der unfreundlich zurück und drehte ab. Ashot rief ihm zu: "Wirst sehen, was du davon hast!" Und dann zu seinen Freunden: "Schaut genau hin, was gleich passiert." Mikhail schwört, keine zehn Minuten später sei der Mast des Bootes gekippt, wie von Geisterhand. "Ab da nannten wir ihn ,Tschortik‘." 

Die Angst, vom Westen vergessen zu sein

Der Völkermord von 1915, der neoosmanische Expansionskurs des türkischen Präsidenten, die Abhängigkeit Armeniens von Putins Russland, das Gefühl, vom Westen vergessen zu werden – all das lässt die Angst meiner armenischen Freunde um ihre kleine Nation wachsen. Wenn wir uns in Hamburg treffen, drehen sich die Gespräche schnell darum. Ich verstehe die Sorgen und auch ihr schlechtes Gewissen den Freunden in Armenien gegenüber. Ashot ist für sie ein Held.

In meiner Wahrnehmung ist Ashot das ­Opfer eines politischen Versagens. Weil Kriege eben keine Naturereignisse, sondern die Folge menschlichen Scheiterns sind. Verantwortlich sind die großen und kleinen Kriegstreiber der Region, die einen Streit um ein Territorium, doppelt so groß wie das Saarland, mit Gewalt zu lösen suchten. Aber auch Deutschland ist nicht völlig frei von Verantwortung. Die ­Bundesregierung erteilte die Ausfuhrgenehmigung von Technologie, die der Türkei den Bau von Lenkwaffen in Drohnen ermöglichte. Das deckte das Politikmagazin "Monitor" auf. 

Lasergelenkte Minibombe

Ashot starb am 28. Oktober. Er sollte acht Verletzte abholen und ließ seinen Transporter einen Moment stehen, wahrscheinlich einen Moment zu lange. Vielleicht war er abgelenkt, vielleicht versuchte er gerade, Freund Sarkis anzurufen, der auf ­seinen Rückruf wartete, vielleicht war auch gar kein Sirren in der Luft zu hören. Fest steht, dass eine lasergelenkte Minibombe einschlug, abgefeuert aus einer Drohne in bis zu 9000 Metern Höhe. Alle neun Menschen im Umfeld des Fahrzeugs waren auf der Stelle tot.

Ich weiß noch genau, was ich an diesem Tag gemacht habe. Ich saß in meinem Hamburger Homeoffice und schrieb für meine Zeitung über die Videokonferenz der Kanz­lerin mit den Ministerpräsidenten zu Corona. Sie beschlossen, dass ab dem 2. November die Restaurants und Fitnesscenter schließen sollten. Der Krieg im Kaukasus schaffte es nur in die Meldungsspalte. Meine größte Sorge galt meinem Haar, denn auch die Schließung der Friseure lag in der Luft. Ich musste mich beeilen, wollte ich noch einen Friseurtermin ergattern.

Infobox

Bergkarabach

Der Konflikt um Bergkarabach ist die Folge willkürlicher Grenz­ziehung zwischen den ehemals ­sowjetischen Teilrepubliken. Nach armenischer Lesart geht es um die Verhinderung eines neuen Völkermords – wie 1915, als bis zu 1,5 Millionen Armenier:innen im Osmani­schen Reich getötet wurden. Auf den vom Parlament Bergkarabachs betriebenen Anschluss der mehrheitlich von Armenier:innen bewohnten Enklave an Armenien reagierte die Bevölkerung Aserbaidschans 1988 mit pogromartigen Ausschreitungen. 1992 begann ein Krieg, in dessen Verlauf Aserbaidschan nicht nur die Kontrolle über Bergkarabach verlor, sondern über insgesamt 20 Prozent seines Staatsgebiets. 40 Jahre lang schwelte dieser "frozen conflict" – bis zum 40-Tage-Krieg, der am 27. September 2020 begann.

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Lesermeinungen

Bin durch Zufall auf diese Website gekommen. Der Artikel ist sehr schön und Menschlich geschrieben. Da frägt man sich was Deutschland da für verbündete hat... Übrigens der Berühmteste Armenier ist für mich wohl Serj Tankian.