Arnd Brummer über Ungewissheit und Corona

Welt ohne Zaubern
Auf oder zu? Was nun? Aus der pandemischen Unberechenbarkeit lernen, sagt Arnd Brummer.

Lockdown oder nicht? Schnelltest statt Sommerfest? Strenge Regeln oder große Hoffnung? In der nun seit mehr als einem Jahr andauernden pandemischen Krisenzeit drängt sich ein Satz ­meiner Großmutter dauernd in mein Bewusstsein: "Man stellt sich Fragen, die man sich sonst noch nie gestellt hat." Mit diesem Satz antwortete sie ihren Enkeln, wenn die ­wissen wollten, wie sie das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Jahre danach erlebt hatte.

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

"Jeder Tag", murmelte sie, "war ein neuer." Zuerst verschwanden die Nazis. Und anstelle des abge­hauenen "braunen Bürgermeisters" fungierte der Gemeindepfarrer auch im Rathaus, "weil die Leute in ­unserem Städtchen ihn mit ihren ­Bitten regelrecht bestürmt hatten".

Und dann kamen die "Amis", besetzten die leerstehende Kaserne, dankten dem Pastor und übernahmen das Rathaus. Vor den "Amis", berichtete Oma, hätten sie "sau­mäßig" Angst gehabt. Doch mit einem ­Grinsen erzählte sie dann: "Aber plötzlich gab es wieder etwas zu essen und die Läden machten wieder auf." Darauf hoffen wir ja auch. Jeder Tag ein neuer. Wir wollen keine Angst mehr davor haben, dass die just gesunkenen Zahlen der Infizierten nächste Woche wieder wie Feuerwerksraketen steil nach oben schießen. Wir möchten wieder in Restaurants, Kirchen und Kinos ­nebeneinander hocken und uns zur Begrüßung umarmen. Aber in jede Fuge dieser Hoffnungen drängt sich die Furcht, dass es doch wieder von vorne losgeht.

In allen Fernsehtalkshows wird die Unberechenbarkeit der Pandemie bestätigt. Und wenn die Berliner Korrespondentin dann berichtet, dass Kanzlerin und Ministerpräsidenten wieder stundenlang in Videokonferenzen beraten, verbreitet sich in unseren Gemütern erneut die vor­österliche Ungewissheit rund um die Verzeihrede Angela Merkels.

Die Corona-Zeit hat bei vielen ­Menschen Überzeugungen erschüttert

"Die Politiker schaffen es einfach nicht, die Sache in den Griff zu ­kriegen. Und wenn einer von ihnen wie der Saarländer Hans Zuversicht verstrahlt, lassen die anderen das Mutantenstreiflicht kreiseln." Dass Nachbar Egon selbst aus dem Saarland kommt, wird ihm am Gartenzaun ­weder von mir noch von den anderen vorgeworfen. Unterschiedliche Erkenntnis und daraus folgendes Handeln sind uns allen längst ge­läufig.

Das dauerhafte "Auf und Ab" der Corona-Zeit hat bei vielen ­Menschen die Überzeugung erschüttert, in ­unserer technologisch hoch ent­wickelten Welt sei alles rasch in den Griff zu kriegen. Und darüber ­hinaus mussten wir begreifen, dass auch guter Wille und beste Absicht der ­politisch Handelnden keine heile Welt herbeizaubern können.

Diese Lernerfahrung kann durchaus als die gute Seite der Pandemie bewertet werden. Gemeinschaft, Freundschaft, familiäre Nähe: Im Verlust ihrer Selbstverständlichkeit wird uns bewusst, wie wertvoll sie sind. Es ist gut, dass uns per Internet ermöglicht wird, wenigstens per ­Video einander zu begegnen. Aber ge­rade Lehrer:innen und Schüler:innen ­hoffen inständig darauf, dass der sogenannte Präsenzunterricht wieder allgemein üblich wird.

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