Lob des Kapitalismus

Ein Preisschild für die Natur
Ein Preisschild für die Natur

Suzanna Ilijin

Ein Preisschild für die Natur

Über einen lernfähigen Kapitalismus – und wie er dabei helfen könnte, das Klima zu retten.

Vorgelesen: Standpunkt "Ein Preisschild für die Natur"

Unter engagierten Christen hat der Kapi­talismus einen schweren Stand. Nicht alle gehen so weit wie der thüringische ­Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), der am Rande des Stuttgarter Kirchentags 2015 in der Wochenzeitung "Die Zeit" sagte: "Wir müssen eine Ökumene der Kirchen gegen den Kapitalismus bilden." Dass aber die globalisierte Marktwirtschaft an Armut, Not und Naturzerstörung Schuld trägt, davon sind viele überzeugt. Auch Protestanten waren begeistert, als Papst Franziskus 2013 sein Apostolisches Schreiben "Evangelii gaudium" veröffentlichte mit dem berühmten Satz "Diese Wirtschaft tötet" und der Feststellung: "Wir dürfen nicht mehr auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen." 

Nikolaus Piper

Nikolaus Piper, geboren 1952, war viele Jahre Leiter des Wirtschaftsressorts der "Süddeutschen Zeitung" und USA-­Korrespondent. Seit seiner Pensionierung schreibt er die ­Kolumne "Pipers Welt" für die SZ. 2019 ­erschien "Wir Untertanen. Wie wir unsere Freiheit aufgeben, ­ohne es zu merken" (Rowohlt). Bereits 1969 nahm er am Kirchentag teil. Das Motto damals: "Hunger nach Gerechtigkeit".
PrivatNikolaus Piper

Das Leitwort des Ökumenischen Kirchentags 2021 in Frankfurt heißt "Schaut hin", eine freie Interpretation von Jesu Worten bei der Speisung der Fünftausend, wie sie der Evangelist Markus überliefert hat. Wäre dies nicht ­eine gute Gelegenheit, um neu und genauer auf Wirtschaft, Globalisierung und Kapitalismus zu blicken?

Keine Frage, es gab und gibt schreiendes Unrecht im Kapitalismus − Ausbeutung, Unterdrückung und obszönen Reichtum neben bitterer Armut. Auch in den ­reichen Ländern nehmen die Unterschiede zwischen oben und unten zu. In Afrika drohen immer wieder Hungers­nöte, die verzweifelte Lage der Armen in Lateinamerika war Ausgangspunkt der Befreiungstheologie. Millionen Menschen haben als Flüchtlinge und Migranten ihre ­Heimat verlassen. 

Der Kapitalismus tötet nicht

Aber sind, um ein konkretes Beispiel zu nehmen, die Hunderttausende, die sich in diesen Tagen aus Latein­amerika zur Südgrenze der USA aufmachen, wirklich Opfer des Kapitalismus? Fliehen sie nicht vielmehr in den Kapitalismus, weil sie auf ein besseres Leben hoffen?

Anders als Papst Franziskus schreibt, tötet die kapitalistische Wirtschaft nicht. Tödlich kann es dagegen sein, von ihr ausgeschlossen zu werden. Diese Exklusion kann ursprünglich durchaus mit dem Erbe des Kolonialismus zu tun gehabt haben. Da aber kapitalistische Gesell­schaften in der Regel offen nach innen und außen sind, können sie dazulernen. Kapitalistische Demokratien schufen den Sozialstaat und einen breitgestreuten Wohlstand in der Gesellschaft. Sie waren innovativ, und sie trugen effektiv zur Bekämpfung der Armut in einer rasch wachsenden Weltbevölkerung bei. 1981 lebten nach Angaben der Weltbank rund 42 Prozent der Menschheit unter der Armutsgrenze, 2017 waren es noch 9,2 Prozent.

Die Voraussetzung all dessen sind freie Märkte. Sie ­bringen Angebot und Nachfrage zusammen, sie erlauben es allen Teilnehmern, sich auf neue Realitäten einzustellen. Ohne freie Märkte gibt es auch keine politische Freiheit. Die Probe aufs Exempel kann jeder selbst machen: Zwar sind viele kapitalistische Staaten keine Demokratien (etwa die Volksrepublik China), aber eine nichtkapitalistische Wirtschaft, die auch eine Demokratie wäre, gab es bisher nicht. 

Sozialismus ist nicht mit Demokratie vereinbar

Warum das so ist, hat der liberale Ökonom Friedrich August von Hayek mit Hilfe eines Bildes erklärt. In seiner Streitschrift "Der Weg zur Knechtschaft", 1944 im britischen Exil erschienen, schreibt er über die Logik staatlicher Wirt- schaftspläne: "Wenn Menschen dahin übereinkommen, dass es eine Planwirtschaft geben muss, aber über die Ziele verschiedener Ansicht sind, so läuft das ungefähr auf dasselbe hinaus, wie wenn eine Gruppe von Personen sich zu einer gemeinsamen Reise entschließen würde, ­ohne sich jedoch über das Reiseziel einig zu sein, was zur Folge hat, dass sie alle eine Reise unternehmen müssen, die die meisten ganz und gar nicht machen wollen."

Die Geschichte der Sowjetunion, der DDR und ­anderer Staaten liefert reichlich Belege für das Scheitern des ­Sozialismus und für dessen Unvereinbarkeit mit der ­Demokratie. Trotzdem träumen auch heute noch oder schon wieder viele von einer wie auch immer gearteten Alter­native zum Kapitalismus. 

Venezuelas Abstieg 

Als sozialistische Hoffnung galt bis vor gar nicht ­langer Zeit Venezuela. Das Land mit den größten Ölreserven der Welt war einmal das reichste Land Südamerikas, aber dieser Reichtum war sehr ungleich verteilt. Daher führte der charismatische Offizier Hugo Chávez seinen "boliva­rischen Sozialismus" ein, in dem der Reichtum "solidarisch" verteilt werden sollte. Heute ist das Land ­eine korrupte Diktatur, ein "failed state". Die Hyperinflation ist eine der schlimmsten der Welt­geschichte, die Agrar­produktion ist zusammen­gebrochen, die Venezolaner ­leiden unter einer katastrophalen Versorgungskrise, 5,4 Millionen von ihnen sind bis jetzt aus dem Land geflüchtet. Auch Nicaragua, heute eine verarmte Autokratie unter dem eins­tigen Revolutionsführer Daniel Ortega, war einmal ein Sehnsuchtsort der Linken. 

Die Natur gibt's nicht umsonst!

Aber was ist mit der Klimakrise? Ist die nicht Resultat des Kapitalismus? Kein Zweifel kann darin bestehen, dass 7,8 Milliarden Menschen den Planeten überfordern. Nur wäre die Lage besser, wenn die Welt sozialistisch wäre? Ein Blick auf die Reste des zerstörten Aralsees reicht, um zu ermessen, wie zerstörerisch die Sowjetunion mit ihren natürlichen Ressourcen umging. Im Gegensatz zum Sozialismus sind kapitalistische Gesellschaften lernfähig. Seit 1972 der ­Bericht an den Club of Rome über die Grenzen des Wachstums veröffentlicht wurde, hat sich der Umgang mit dem Planeten im Westen verändert, langsam zwar, aber nachhaltig. Ein DDR-Lehrbuch aus der damaligen Zeit bezeichnete Wachstumskritik dagegen nur als "reaktionäre, fortschritts­feindliche Haltung", die "Ausdruck der tiefen Krise imperialistischer Politik und Ideologie" sei.

Daran sollte man sich gerade heute erinnern. Im ­Februar 2021 wurde in London ein Papier veröffentlicht, das ähnlich bedeutend werden könnte wie seinerzeit die "Grenzen des Wachstums". Es ist der Bericht an die ­britische Regierung über die "Ökonomie der Artenvielfalt" ("Economics of Biodiversity"). Verantwortlicher Autor des 600-Seiten-Konvoluts ist der Umweltökonom Sir Partha Dasgupta von der Universität Cambridge. Er beschreibt auf bedrückende Weise das ökologische Problem der Menschheit, das eben nicht nur aus dem Klimawandel besteht, sondern ebenso aus einem dramatischen Verlust an Artenvielfalt. Der Raubbau an der Natur, so die Kernaussage Dasguptas, ist kein Marktversagen, sondern ein "tiefgreifendes und verbreitetes institutionelles Versagen". Weil die Natur und die Artenvielfalt keinen Marktpreis haben, nutzen die Menschen diese Ressourcen so, als seien sie umsonst. Die Lösung liegt daher nicht darin, die Marktpreise abzuschaffen, sondern ganz im Gegenteil Preise für die Nutzung der Natur zu ermitteln. Ziel ist es, in einem sehr weiten Sinne mit der Natur als einem Vermögen der Menschheit zu rechnen. 

"Sozialabbau" ist ein denunziatorisches Schlagwort

Und schließlich die Sache mit der sozialen Gerechtigkeit. Alle marktwirtschaftlichen Demokratien lösen soziale Probleme nach dem Solidarprinzip. In Deutschland gibt es die Rentenversicherung und die gesetzliche Krankenversicherung. Niemand bleibt unversorgt, bloß weil er kein Geld hat. Aber diese solidarischen Systeme haben ein Problem: Sie werden immer teurer. Weil es im Verhältnis zu den aktiven Arbeitnehmern immer mehr Rentner gibt, weil die Menschen generell immer älter und die Leistungen der modernen Medizin immer besser werden. Ohne Eingriffe würden Renten- und Kassenbeiträge immer weiter steigen und die Kosten der Arbeit in die Höhe treiben. Um das zu vermeiden, haben Bundesregierungen verschiedene Rentenprogramme und Pakete zur Kostensenkung im Gesundheitswesen aufgelegt. Die Maßnahmen werden heute als "Sozialabbau", "Kahlschlag" und "Kaputtsparen" denunziert. In Wirklichkeit ist es der Versuch, den Sozial­staat und dessen ökonomische Grundlagen zu sichern.

Das hat nichts mit neoliberaler Ideologie zu tun, aber viel mit dem Versuch, sich auf radikal veränderte Verhältnisse so einzustellen, dass Wirtschaft und Arbeitnehmer nicht überlastet werden. Zur Illustration zwei Zahlen: 1960, in der noch jungen Bundesrepublik, machten Sozialaus­gaben 18,3 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Im Jahr 2019 ­waren es im vereinten Deutschland 30,3 Prozent. Nicht unbedingt das, was man als sozialen Kahlschlag bezeichnen könnte, vielmehr ein Anlass, genau hinzuschauen.

Leseempfehlung

Corona hat entlarvt, wie hohl die Thesen des Marktradikalismus sind
Patentschutz aussetzen!
Die Pandemie ist erst vorbei, wenn genug Menschen geimpft sind – weltweit
Diesen Satz haben viele zu Beginn der Corona-Krise gesagt. Aber kriegt die Menschheit wirklich noch die Kurve?
Wie der Kapitalismus den Glauben verändert hat

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Zunächst: Ich finde Ihre Zeitschrift sehr erfreulich in Thematik, Tendenz und Form und freue mich jedesmal, wenn ich sie in meiner (nicht immer so zufrieden stellenden ) Süddeutschen mitbekomme, danke.
Nun mein Leserbrief zum Artikel des Herrn N.Piper.
Ich meine, Herr Piper macht es sich mit seiner Reinwaschung des Kapitalismus etwas zu einfach. Der Kapitalismus erweist sich immer erst dann "lernfähig", wenn der Druck der Bevölkerung so heftig wird, dass ihm Zugeständnisse billiger erscheinen als offene Konfrontation. Das ist in jedem Lohnkampf zu beobachten. Aber damit sind die inneren, unaufhebbaren Widersprüche nicht beseitigt. Da die Unternehmen fast völlig in Privathand sind, werden sie auch nach dem Interesse dieser Eigentümer geführt. Und das ist der erzielte Gewinn, - völlig egal, ob aus Wohnungen oder Bomben, ob aus Chips oder Medikamenten. Damit aber dieses eigene Produkt auf dem Markt erfolgreich ist, muss man bei gleicher Qualität billiger sein als die böse Konkurrenz. Dass der niedrigere Preis aber nicht den Profit vermindert, müssen die Kosten - also Löhne, Steuern, Umweltschutz - gedrückt werden. Wer sich aus diesem zerstörerischen Wettstreit verabschiedet, dem winkt die Pleite. Das ist die herrschende Logik, die wenig mit Gier und krimineller Energie zu tun hat, die aber nur mit konsequenter Durchsetzung beinharter Sozial- und Umweltgesetze zurück gedrängt werden kann. Und genau diese Konsequenz ist aktuell von der politischen Seite, die mit der Wirtschaftselite eng liiert ist, nicht zu
erwarten.

Weiter ignoriert Herr Piper, dass die stärkste Militär- und Wirtschaftsmacht USA, assistiert von der EU , missliebige Staaten wie Kuba, Venezuela, Iran usw. mit Blockade und Sanktionen ruiniert - egal, wie es der Bevölkerung dabei ergeht. Die US-Außenministerin Albright kommentierte den Sanktionstod von 400 000 irakischen Kindern:"Das ist ein furchtbarer Preis...aber wir mussten ihn zahlen
."
Geradezu grotesk begründet Herr Piper seine Zurückweisung des Papstwortes "Diese Wirtschaft tötet!" Nur ein ganz kleiner Hinweis: Zur eigenverschuldeten Bankenkrise 2008 meinte eine der Welthungerorganisationen, dass in den Folgejahren die Zahl der verhungerten Kinder um etwa 400 000 ansteigen würde, da viele Länder mit der Bankenrettung an ihre finanziellen Grenzen stießen. Oder wie Jean Ziegler von der UNO Ernährungskommission sagte: "Wenn ein Kind verhungert, ist es ermordet worden. Denn das wäre zu vermeiden gewesen."
Und Oxfam recherchierte, dass die 45 reichsten
Multimilliardärs-Familien jährlich soviel Geld einnehmen wie die ärmere Hälfte der Menschheit, also 3,7 Mrd. Menschen, - und es wird immer mehr. Das ist keine Bosheit, sondern natürliche Folge der globalen Wirtschafts(un)ordnung.

Im „Kapitalismus“ geht es nicht um den Menschen, sonst würde man den Kapitalismus wohl eher „Humanismus“ nennen. Dass bei und der Kapitalismus mit oft abenteuerlichen Argumenten so hochgehalten und der Sozialismus so niedergehalten wird, ist ein Relikt aus der Feudalzeit. In verwandter Denke steht die Abwertung der „Planwirtschaft“. Dabei möchte ich das Unternehmen sehen, das auf Planwirtschaft verzichtet, und wo jede Abteilung ohne Abstimmung und in gegenseitiger Konkurrenz und Missgunst ihr eigenes Süppchen kocht: ein solches Unternehmen würde sehr schnell untergehen! Die Planwirtschaft bewährt sich also in der Privatwirtschaft bestens, und warum sollte sie sich dann nicht auch auf volkswirtschaftlicher Ebene bewähren?

Liebes Chrismon-Redaktionsteam,

der Artikel "Ein Preisschild für die Natur" von Herrn Nikolaus Piper hat mich in zweierlei Hinsicht verwundert: Die völlig unzulängliche und verdrehte, in ihrer Kürze auch manipulierende, Darstellung des Kapitalismus und der Abdruck des Artikels in Chrismon.

Sicher, das Thema ist komplex und in Kurzform nicht darstellbar. Genausowenig vermag ich, im Rahmen eines Leserbriefs auf einzelne von Herrn Piper skizzierte Standpunkte und Verdrehungen einzugehen. Doch der Kernsatz "Die kapitalistische Wirtschaft tötet nicht. Tödlich kann es dagegen sein, von ihr ausgeschlossen zu werden" lässt jeden Bezug zur realen Welt vermissen. Jeder, der mit offenen Augen durch die Welt geht weiß, dass "der" Kapitalismus vielfältige Ausprägungen aufweist. Von denen zeigen einige durchaus positive Auswirkungen, andere hingegen wirken nachweislich tödlich - nicht nur für Menschen. Ich bedauere den Wirtschaftsexperten Piper für seine hanebüchene Beschreibung des Kapitalismus und ich bedauere, dass Chrismon den Artikel abgedruckt hat.

Mit besten Grüßen,
Lutz Mertins

Der Kapitalismus rettet das Klima nicht
Mit einem Preisschild allein wird es nicht getan sein, Herr Piper, auch wenn die Welt nach wie vor vom Geld regiert wird. Nikolaus Piper, seit jeher Anwalt der um ihren Besitz fürchtenden Milliardäre, verteidigt den Kapitalismus mit elastischer Schönfärberei, indem er dem Profitstreben einer obszön vermögenden Minderheit (die nämlich steuert die globalisierte Marktwirtschaft) mir nichts, dir nichts sozialpolitische Erfolge zuschreibt, die in Streiks und zähen Tarifverhandlungen von der anderen, nicht so habgierigen Seite erstritten wurden. Diese um das Wohl der extrem armen Mehrheit Besorgten verunglimpft der Quotenkapitalist der Süddeutschen Zeitung und wirft sie in einen Topf mit illiberaler Planwirtschaft und menschenverachtenden Diktaturen. Dergleichen Staatskapitalismus hat nichts mit dem gleichwohl gern verwendeten Etikett "Sozialismus" zu tun. Die Flüchtlinge aus Lateinamerika fliehen vom schlecht organisierten Kapitalismus in einen besser organisierten. Und die europäischen Sozialsysteme liefern reichlich Belege nicht nur für die Vereinbarkeit sozialer Prinzipien mit der Demokratie, sondern auch für die Überlegenheit dieser humanen Ideen gegenüber einer "struggle-of-life"-Philosophie.
Vielleicht hat Pipers Konzentration auf die Beobachtung der US-Wirtschaft seinen Blick auf Abhängige und Schwächere (das sind u.a. die Arbeitslosen des Rust Belt, die 2017 den Klimawandel-Leugner Trump wählten) allzu sehr verstellt. Und der vielleicht enge Kontakt mit den Bossen dieser Wirtschaft (das sind die rücksichtslosen Profiteure u.a. von Öl- und Kohle-Ausbeutung) und die oft einfachen Erklärungen der sozialdarwinistischen Gesellschaft des "american way of life" haben die Sensibilität für jene erfolglosen Habenichtse natürlich nicht gestärkt. Der Kapitalismus ist "lernfähig", ja, ja, vor allem, wenn es um die Chance der Geldrettung geht. (Bankenskandal 2008, Cum-Ex-Geschäfte usw.) Dass er auch bei der Chance der Naturrettung lernfähig sei, diesen idealistischen Traum hat er weder im brasilianischen Regenwald noch beim Fracking im amerikanische Ölschiefer bewiesen. (Nüchterne Realisten erinnern sich z. B. an Deepwater Horizon 2010, Exxon Valdez 1989. Diese Umweltkatastrophen wurden nicht von irgend einer sozialistischen Diktatur verursacht, sondern von der Habgier des hier verniedlichten Kapitalismus!)
Kapitalistisches Denken ist eine enorme Triebfeder für das Streben starker Unternehmer, aber nur wenn es Geld für sie abwirft - mehr nicht, Herr Piper! Soziales Denken ist die Triebfeder für Gerechtigkeit und Ausgleich; es wirft auch Geld ab, aber für viel mehr Marktteilnehmer. Rücksichtnahme auf die zwar schwächeren, aber unverzichtbaren, vielen Mitarbeiter eines Unternehmens eint und stützt die Gesellschaft! Vom Egoismus getriebener Kapitalismus, der Neoliberalismus von Reagan, Thatcher, Trump, garantiert zweifellos Wohlstand, aber nur für eine kleine Minderheit; insofern trennt er die Gesellschaft und vernichtet die Natur. Erst eine sozial und ökologisch verantwortete Demokratie sorgt für eine etwas gerechtere Verteilung des immerhin gemeinsam erwirtschafteten Gewinns und einen abgewogenen Schutz der Ressourcen.
Dr. Dietrich W. Schmidt
Stuttgart

Statt Kapitalismus zu sagen, wurde es in Deutschland nach dem Weltkriege üblich, von freier bzw. sozialer Marktwirtschaft zu reden. Das klang gefälliger und war es auch, sofern man die Priorität einer verantwortlich lenkenden Politik einräumte. Die Sozialdemokratie wurde erst regierungsfähig, als sie mit ihrem Godenberger Programm Abschied vom Klassenkampf und vom sozialistischen Dirigismus nahm. Insofern liegt Piper richtig. Man muss aber betonen, dass eine freie und soziale Marktwirtschaft nur unter den Bedingungen-einer demokratisch-parlamentarischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft erträglich ist und für eine Mehrheit der Bürger zum Vorteil werden kann. Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bestätigt diesen marktwirtschaftlichen Weg mit verbindlichen und anerkannten sozialpolitischen Vorgaben. Die angemessene Ausgestaltung einer sozial vertäglichen Wirtschaftspolitik bleibt eine der wesentlichen Aufgaben der politisch Verantwortlichen; und der Wahlbürger hat die Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen.