Lob des Kapitalismus

Ein Preisschild für die Natur
Ein Preisschild für die Natur

Suzanna Ilijin

Ein Preisschild für die Natur

Über einen lernfähigen Kapitalismus – und wie er dabei helfen könnte, das Klima zu retten.

Vorgelesen: Standpunkt "Ein Preisschild für die Natur"

Unter engagierten Christen hat der Kapi­talismus einen schweren Stand. Nicht alle gehen so weit wie der thüringische ­Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), der am Rande des Stuttgarter Kirchentags 2015 in der Wochenzeitung "Die Zeit" sagte: "Wir müssen eine Ökumene der Kirchen gegen den Kapitalismus bilden." Dass aber die globalisierte Marktwirtschaft an Armut, Not und Naturzerstörung Schuld trägt, davon sind viele überzeugt. Auch Protestanten waren begeistert, als Papst Franziskus 2013 sein Apostolisches Schreiben "Evangelii gaudium" veröffentlichte mit dem berühmten Satz "Diese Wirtschaft tötet" und der Feststellung: "Wir dürfen nicht mehr auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen." 

Nikolaus Piper

Nikolaus Piper, geboren 1952, war viele Jahre Leiter des Wirtschaftsressorts der "Süddeutschen Zeitung" und USA-­Korrespondent. Seit seiner Pensionierung schreibt er die ­Kolumne "Pipers Welt" für die SZ. 2019 ­erschien "Wir Untertanen. Wie wir unsere Freiheit aufgeben, ­ohne es zu merken" (Rowohlt). Bereits 1969 nahm er am Kirchentag teil. Das Motto damals: "Hunger nach Gerechtigkeit".
PrivatNikolaus Piper

Das Leitwort des Ökumenischen Kirchentags 2021 in Frankfurt heißt "Schaut hin", eine freie Interpretation von Jesu Worten bei der Speisung der Fünftausend, wie sie der Evangelist Markus überliefert hat. Wäre dies nicht ­eine gute Gelegenheit, um neu und genauer auf Wirtschaft, Globalisierung und Kapitalismus zu blicken?

Keine Frage, es gab und gibt schreiendes Unrecht im Kapitalismus − Ausbeutung, Unterdrückung und obszönen Reichtum neben bitterer Armut. Auch in den ­reichen Ländern nehmen die Unterschiede zwischen oben und unten zu. In Afrika drohen immer wieder Hungers­nöte, die verzweifelte Lage der Armen in Lateinamerika war Ausgangspunkt der Befreiungstheologie. Millionen Menschen haben als Flüchtlinge und Migranten ihre ­Heimat verlassen. 

Der Kapitalismus tötet nicht

Aber sind, um ein konkretes Beispiel zu nehmen, die Hunderttausende, die sich in diesen Tagen aus Latein­amerika zur Südgrenze der USA aufmachen, wirklich Opfer des Kapitalismus? Fliehen sie nicht vielmehr in den Kapitalismus, weil sie auf ein besseres Leben hoffen?

Anders als Papst Franziskus schreibt, tötet die kapitalistische Wirtschaft nicht. Tödlich kann es dagegen sein, von ihr ausgeschlossen zu werden. Diese Exklusion kann ursprünglich durchaus mit dem Erbe des Kolonialismus zu tun gehabt haben. Da aber kapitalistische Gesell­schaften in der Regel offen nach innen und außen sind, können sie dazulernen. Kapitalistische Demokratien schufen den Sozialstaat und einen breitgestreuten Wohlstand in der Gesellschaft. Sie waren innovativ, und sie trugen effektiv zur Bekämpfung der Armut in einer rasch wachsenden Weltbevölkerung bei. 1981 lebten nach Angaben der Weltbank rund 42 Prozent der Menschheit unter der Armutsgrenze, 2017 waren es noch 9,2 Prozent.

Die Voraussetzung all dessen sind freie Märkte. Sie ­bringen Angebot und Nachfrage zusammen, sie erlauben es allen Teilnehmern, sich auf neue Realitäten einzustellen. Ohne freie Märkte gibt es auch keine politische Freiheit. Die Probe aufs Exempel kann jeder selbst machen: Zwar sind viele kapitalistische Staaten keine Demokratien (etwa die Volksrepublik China), aber eine nichtkapitalistische Wirtschaft, die auch eine Demokratie wäre, gab es bisher nicht. 

Sozialismus ist nicht mit Demokratie vereinbar

Warum das so ist, hat der liberale Ökonom Friedrich August von Hayek mit Hilfe eines Bildes erklärt. In seiner Streitschrift "Der Weg zur Knechtschaft", 1944 im britischen Exil erschienen, schreibt er über die Logik staatlicher Wirt- schaftspläne: "Wenn Menschen dahin übereinkommen, dass es eine Planwirtschaft geben muss, aber über die Ziele verschiedener Ansicht sind, so läuft das ungefähr auf dasselbe hinaus, wie wenn eine Gruppe von Personen sich zu einer gemeinsamen Reise entschließen würde, ­ohne sich jedoch über das Reiseziel einig zu sein, was zur Folge hat, dass sie alle eine Reise unternehmen müssen, die die meisten ganz und gar nicht machen wollen."

Die Geschichte der Sowjetunion, der DDR und ­anderer Staaten liefert reichlich Belege für das Scheitern des ­Sozialismus und für dessen Unvereinbarkeit mit der ­Demokratie. Trotzdem träumen auch heute noch oder schon wieder viele von einer wie auch immer gearteten Alter­native zum Kapitalismus. 

Venezuelas Abstieg 

Als sozialistische Hoffnung galt bis vor gar nicht ­langer Zeit Venezuela. Das Land mit den größten Ölreserven der Welt war einmal das reichste Land Südamerikas, aber dieser Reichtum war sehr ungleich verteilt. Daher führte der charismatische Offizier Hugo Chávez seinen "boliva­rischen Sozialismus" ein, in dem der Reichtum "solidarisch" verteilt werden sollte. Heute ist das Land ­eine korrupte Diktatur, ein "failed state". Die Hyperinflation ist eine der schlimmsten der Welt­geschichte, die Agrar­produktion ist zusammen­gebrochen, die Venezolaner ­leiden unter einer katastrophalen Versorgungskrise, 5,4 Millionen von ihnen sind bis jetzt aus dem Land geflüchtet. Auch Nicaragua, heute eine verarmte Autokratie unter dem eins­tigen Revolutionsführer Daniel Ortega, war einmal ein Sehnsuchtsort der Linken. 

Die Natur gibt's nicht umsonst!

Aber was ist mit der Klimakrise? Ist die nicht Resultat des Kapitalismus? Kein Zweifel kann darin bestehen, dass 7,8 Milliarden Menschen den Planeten überfordern. Nur wäre die Lage besser, wenn die Welt sozialistisch wäre? Ein Blick auf die Reste des zerstörten Aralsees reicht, um zu ermessen, wie zerstörerisch die Sowjetunion mit ihren natürlichen Ressourcen umging. Im Gegensatz zum Sozialismus sind kapitalistische Gesellschaften lernfähig. Seit 1972 der ­Bericht an den Club of Rome über die Grenzen des Wachstums veröffentlicht wurde, hat sich der Umgang mit dem Planeten im Westen verändert, langsam zwar, aber nachhaltig. Ein DDR-Lehrbuch aus der damaligen Zeit bezeichnete Wachstumskritik dagegen nur als "reaktionäre, fortschritts­feindliche Haltung", die "Ausdruck der tiefen Krise imperialistischer Politik und Ideologie" sei.

Daran sollte man sich gerade heute erinnern. Im ­Februar 2021 wurde in London ein Papier veröffentlicht, das ähnlich bedeutend werden könnte wie seinerzeit die "Grenzen des Wachstums". Es ist der Bericht an die ­britische Regierung über die "Ökonomie der Artenvielfalt" ("Economics of Biodiversity"). Verantwortlicher Autor des 600-Seiten-Konvoluts ist der Umweltökonom Sir Partha Dasgupta von der Universität Cambridge. Er beschreibt auf bedrückende Weise das ökologische Problem der Menschheit, das eben nicht nur aus dem Klimawandel besteht, sondern ebenso aus einem dramatischen Verlust an Artenvielfalt. Der Raubbau an der Natur, so die Kernaussage Dasguptas, ist kein Marktversagen, sondern ein "tiefgreifendes und verbreitetes institutionelles Versagen". Weil die Natur und die Artenvielfalt keinen Marktpreis haben, nutzen die Menschen diese Ressourcen so, als seien sie umsonst. Die Lösung liegt daher nicht darin, die Marktpreise abzuschaffen, sondern ganz im Gegenteil Preise für die Nutzung der Natur zu ermitteln. Ziel ist es, in einem sehr weiten Sinne mit der Natur als einem Vermögen der Menschheit zu rechnen. 

"Sozialabbau" ist ein denunziatorisches Schlagwort

Und schließlich die Sache mit der sozialen Gerechtigkeit. Alle marktwirtschaftlichen Demokratien lösen soziale Probleme nach dem Solidarprinzip. In Deutschland gibt es die Rentenversicherung und die gesetzliche Krankenversicherung. Niemand bleibt unversorgt, bloß weil er kein Geld hat. Aber diese solidarischen Systeme haben ein Problem: Sie werden immer teurer. Weil es im Verhältnis zu den aktiven Arbeitnehmern immer mehr Rentner gibt, weil die Menschen generell immer älter und die Leistungen der modernen Medizin immer besser werden. Ohne Eingriffe würden Renten- und Kassenbeiträge immer weiter steigen und die Kosten der Arbeit in die Höhe treiben. Um das zu vermeiden, haben Bundesregierungen verschiedene Rentenprogramme und Pakete zur Kostensenkung im Gesundheitswesen aufgelegt. Die Maßnahmen werden heute als "Sozialabbau", "Kahlschlag" und "Kaputtsparen" denunziert. In Wirklichkeit ist es der Versuch, den Sozial­staat und dessen ökonomische Grundlagen zu sichern.

Das hat nichts mit neoliberaler Ideologie zu tun, aber viel mit dem Versuch, sich auf radikal veränderte Verhältnisse so einzustellen, dass Wirtschaft und Arbeitnehmer nicht überlastet werden. Zur Illustration zwei Zahlen: 1960, in der noch jungen Bundesrepublik, machten Sozialaus­gaben 18,3 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Im Jahr 2019 ­waren es im vereinten Deutschland 30,3 Prozent. Nicht unbedingt das, was man als sozialen Kahlschlag bezeichnen könnte, vielmehr ein Anlass, genau hinzuschauen.

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Piper,
Sie schlagen vor, die Natur mit einem "Preisschild" zu versehen, das sei Ihr "Standpunkt". Es ist aber mittlerweile Mainstream, einzig über die konkrete Umsetzung herrscht Unklarheit. Dennoch verwenden Sie eine ganze Doppelseite, um ihre Sichtweise zu begründen. Dabei bringen Sie eine Reihe richtiger Beobachtungen an, aber mindestens genausoviele Argumente, die nicht haltbar sind.

Zum Beispiel die Ausblendung historischer Fakten: "Kapitalistische Demokratien schufen den Sozialstaat" oder "Alle marktwirtschaftlichen Demokratien lösen soziale Probleme nach dem Solidarprinzip". Als ob das ein Alleinstellungsmerkmal wäre. Aber das Solidarprinzip gilt seit jeher in jeder Gesellschaftsform, egal ob es sich um das Gesundheitssystem im kommunistischen Kuba, die christliche Fürsorgepflicht im europäischen Mittelalter oder die solidarische Arbeitsteilung in Jäger-und-Sammler-Kulturen handelt. Es ist kein Argument für eine kapitalistische Marktwirtschaft.

Verallgemeinerung der Positionen: Sie teilen die denkbaren Positionen in "kapitalistische Marktwirtschaft" und "kommunistische Planwirtschaft". Kritik an besonders extremen Ausprägungen des Kapitalismus oder einem "blinden" Glauben an die Allfähigkeit eines freien Marktes entgegnen Sie mit dem Verweis auf Missstände in diversen kommunistischen Diktaturen und Autokratien. Sie haben Recht, dass es zwar kapitalistische Diktaturen aber keine planwirtschaftlichen Demokratien gibt, weswegen Sie sich vermutlich nicht vom Hinweis auf dieselben Missstände in diversen kapitalistischen Diktaturen überzeugen lassen. Aber Sie bringen weder ein Argument gegen die Forderung nach einem sozialen Rahmen der Marktwirtschaft noch gegen Ideen, innerhalb von marktwirtschaftlichen Demokratien den ungezügelten Kapitalismus einzuhegen. Dies funktioniert beispielsweise auf dem Wohnungsmarkt in schweizer Großstädten durch starke genossenschaftliche Strukturen. Wenn ein Schweizer Bankmitarbeiter, der in einem genossenschaftlichen Gebäude wohnt, Kritik an den Exzessen des deutschen Immobilienmarktes übt, erklären Sie ihn dann zum Verfechter einer kommunistischen Planwirtschaft?

Hinkende Vergleiche: 1972 veröffentlichte der Club of Rome seinen Bericht über die Grenzen des Wachstums. Im "Westen" hat sich der "Umgang mit dem Planeten verändert, langsam zwar, aber nachhaltig". Während ein "DDR-Lehrbuch aus der damaligen Zeit" die Wachstumskritik strikt ablehnt. Was sagt das aus? Sie müssten zum Vergleich schon ein bundesdeutsches Lehrbuch aus der "damaligen Zeit" heranziehen, wenn Sie irgendeine Aussage begründen wollen.

Oberflächliche Zahlenspiele: Da in der Bundesrepublik 1960 die Sozialabgaben 18,3 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachten und 2019 30,3 Prozent, könne man nicht von "sozialem Kahlschlag" sprechen, sondern müsste genauer hinschauen. Warum machen Sie das nicht? Weil sich dann vielleicht zeigen würde, dass dieser Anstieg auch damit zu tun hat: Ein wachsender Anteil der Kosten der "Verwaltung" mit hochbezahlten Managern und hohen Werbeausgaben gegenüber einem schrumpfenden Anteil Geldes, das bei den Sozialleistungsempfängern ankommt? Ein wachsender Anteil von Leistungsempfängern aufgrund von stetig steigenden Wohnkosten bei einem steigenden Anteil aufstockungsfähiger (also zu niedrig entlohnter) Arbeit? Diese Entwicklungen wären sicherlich nicht einer kommunistischen Diktatur irgendwo, sondern der kapitalistischen Marktwirtschaft in Deutschland anzulasten.

Bei all diesen argumentativen Schwächen Ihres Artikels bleibt von einem wohlgegründeten "Standpunkt" nicht viel übrig. Es handelt sich doch eher um eine hingeworfene "Meinung". Die sozialen und Umweltprobleme des 21. Jahrhunderts wollen Sie ja gar nicht wegdiskutieren. Eine Bepreisung von Umweltschäden ist unbestritten eine längst notwendige Reaktion darauf. Aber für die Lösung unserer Probleme ist es nicht hilfreich, all denen, die sie benennen, die unbestrittenen Unzulänglichkeiten des Systemgegners des 20. Jahrhunderts entgegenzuschleudern. Die Entwicklungen verschlimmerten sich bei uns im Westen sprunghaft mit dem Wegfall dieser Systemalternative ab Mitte der 1980er-Jahre, manche Wissenschaftler sagen, genau deshalb.

Warum haben Sie nicht genug Mut, genauer hinzuschauen und innerhalb unseres Systems nach Fehlentwicklungen in mächtigen Strukturen zu fragen? Warum haben Sie nicht genug Vorstellungskraft, neue alternative Ideen zu suchen, die sich vielleicht auch nur als Korrektiv ins bestehende System integrieren lassen? Zum Beispiel eine gemeinwohlorientierte Nutzung der digitalen Möglichkeiten in Form von Instrumenten direkter Demokratie? Manche Ideen findet man auch ein bisschen weiter in der Vergangenheit. Zum Beispiel das starke gemeinschaftliche und genossenschaftliche Denken des europäischen Mittelalters. Oder die überaus große Bedeutung, die der "Vater" der Marktwirtschaft Adam Smith einer vertieften Moralerziehung zuschrieb. Ohne Moral, so Smith, könne der Markt nicht funktionieren. Ein "Preisschild für die Natur" bei gleichzeitiger quasireligiöser Erhebung von Kapitalismus und freier Marktwirtschaft über jede Kritik wird weder unsere Umwelt noch unsere Gesellschaft retten.
Freundliche Grüße,
Hannes Bendele

Sehr geehrte Damen und Herren!
Zu dem o. g. Standpunkt einige Anmerkung:
„Aber sind … die Hunderttausende, die sich in diesen Tagen aus Lateinamerika zur Südgrenze der USA aufmachen, wirklich Opfer des Kapitalismus? Fliehen sie nicht vielmehr in den Kapitalismus, weil sie auf ein besseres Leben hoffen?“
Diese Leute fliehen nicht in den Kapitalismus, sondern von einem kapitalistischen Land, in dem es ihnen wirtschaftlich schlecht geht und unter menschenunwürdigen Lebensbedingungen leben in ein anderes kapitalistisches Land, wo der Traum vom Tellerwäscher zum Millionär erzählt wurde. Warum geht es diesen Menschen schlecht? Weil die Menschen, denen es besser geht, für die Ware nicht das bezahlen wollen, damit die Menschen, die sie anbauen bzw. herstellen von ihrem Lohn leben können.
„Kapitalistische Demokratien schufen den Sozialstaat.“
Dies geschah aber nicht immer freiwillig. Die Sozialgesetzgebung durch Bismarck im Deutschen Kaiserreich erfolget, um den Sozialdemokraten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Welcher Staat war zu diesem Zeitpunkt nicht kapitalistisch? Es gab auch einige Unternehmer, die von sich aus für ihre Mitarbeiter kostengünstige Wohnungen bauten und auch andere soziale Leistungen anboten. Die meisten Wirtschaftsbetriebe wären von selbst nicht auf die Idee gekommen.
Die unterschiedlichen Ziele der Planwirtschaft, wie sie im Artikel aufgeführt werden, spiegeln sich in der unterschiedlichen Planung, aber einheitlichen Ziel wider.
Ähnlich wie im Kapitalismus. Hier ist das Ziel möglichst viel Gewinn zubekommen, egal wie.
Die DDR ist keineswegs ein Beispiel für gescheiterten Sozialismus. Denn es war kein sozialistischer, sondern ein staatskapitalistischer Staat. Die Grundelemente wie Mieten und Lebensmittel waren billig. Während Genussmittel (die Grenz lag allerdings niedriger als in der BRD) und Einfuhren teurer waren. Im kapitalistischen System sind die Grundelemente teilweise Spekulationsobjekte und gewinnoptimierte Waren. Hierzu zählen insbesondere die Mieten. Hier ist zu fragen, ob gem. Art. 20 des GG die Bundesrepublik ein sozialer Bundesstaat ist.
„Als sozialistische Hoffnung galt bis vor gar nicht langer Zeit Venezuela. „… war einmal das reichste Land Südamerikas, …“
Was nicht erwähnt wird, dass durch kapitalistische Einflüsse der Reichtum stark verringert wurde. Durch den Verfall des Ölpreises seit 1983 brachen die Einkünfte jedoch weg. https://de.wikipedia.org/wiki/Venezuela#Regierung_Ch%C3%A1vez_von_1998_b...
Die Austrocknung oder Versandung des Aralsees scheint aber nicht auf die Regierung der UdSSR zurückzugehen.
Hier einige Auszüge aus https://de.wikipedia.org/wiki/Aralsee:
Durch lang andauernde Austrocknung zerfiel der See um die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert in mehrere erheblich kleinere Teile.
Die Geographin Taissia Budnikowa, die beim Internationalen Fonds zur Rettung des Aralsees (IFAS) und in Almaty tätig war und den Aralsee seit 1977 untersuchte, gab an,] davon überzeugt zu sein, dass bis Ende der 1970er Jahre niemand hätte vorhersagen können, dass der Aralsee austrocknen werde, man sei von üblichen Pegelschwankungen ausgegangen sowie von der Gewissheit, dass das fehlende Wasser aus dem wasserreichen Norden der Sowjetunion den Aralsee erhalten könne (vgl. #Dawydow-Plan).
Während die Flüsse in den 1950er Jahren mit durchschnittlich gut 60 km³/Jahr gegenüber Niederschlägen von gut 9 km³/Jahr noch den weitaus größeren Anteil zum Wasserhaushalt des Aralsees beitrugen, sank ihr Anteil im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts auf 16 km³/Jahr, sodass der zum Erhalt des Wasserspiegels notwendige Ausgleich der jährlichen Verdunstung von knapp 70 km³/Jahr nicht mehr geleistet werden konnte.
Dabei sollten die sibirischen Flüsse Ob und Jenissei umgelenkt werden, um die weit entfernten Trockengebiete um den Aralsee und das Kaspische Meer durch Bewässerung landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Das Projekt wurde 1950 vom Ministerrat der UdSSR verkündet und 1986 unter Michail Gorbatschow, dem neuen Generalsekretär der Kommunistischen Partei, aufgegeben. Weder Kosten noch die möglichen Folgen waren abschätzbar.
Der nördliche Teil des Toten Meeres trocknet auch immer mehr aus und dies, obwohl weder Israel noch Jordanien „sozialistische“ Staaten sind.
Hier scheint Herr Piper durch die € - oder $ - Brille in der Sichtweise beeinträchtigt zu sein.
Auch die Anmerkung, dass die kapitalistische Gesellschaft lernfähiger sei als die sozialistische kann ich nicht nachvollziehen. Da mir, zumindest in Europa keine sozialistische Gesellschaft bekannt ist, kann man auch mit ihr kein Vergleich gezogen werden.
Die kapitalistische Gesellschaft ist, von einigen wenigen Bereichen abgesehen, schwer lernfähig. Die Lernfähigkeit ist nur über den Geldbeutel zu erreichen.
Von sich aus kommt der „Markt“ nicht auf die Idee, dass der Raubbau die Umwelt und damit das Klima schädigen. Es muss also ein Preis für die Zerstörung verlangt werden. Verlangt der Markt weiter nach diesen, jetzt teuren Produkten, wird er weiter betrieben. Kann ich nur zum alten Preis die Ware verkaufen, wird der Gewinn geschälert. Da im kapitalistischen System Gewinnmaximierung oben auf der Tagesordnung steht, wird das Produkt eingestellt und die Umwelt gerettet. Um Bodenschätze (zu dem auch Wasser gehört) auszubeuten werden Kriege geführt.
Niemand bleibt unversorgt. Dies galt auch in der DDR. Für die USA stimmt dies nicht. Mit Obama – Care wurde ein erster Schritt in die richtige Richtung gegangen.
Das Verhältnis der aktiven Arbeitnehmer zu den Rentnern verschlechtert sich. Sicherlich stimmt es, dass die Rentner älter werden und die medizinischen Leistungen steigern.
Durch Arbeitsplatzabbau und Bezahlungen unterhalb von Tarifverträgen führen auch zu Finanzierungslücken im sozialen System. Arbeitslose gab es in der DDR nicht. Hier gehören sie zum kapitalistischen System. Durch Automatisierungen werden Arbeitnehmer freigestellt und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung gestellt. Schöne Ausdrücke für „Du wirst nicht mehr gebraucht“. Auch werden medizinische Möglichkeiten durchgeführt, die nicht unbedingt erforderlich sind. Tabletten werden verschrieben, deren Notwendigkeit nicht immer gegeben ist. Die Produktion wird wegen besserer Gewinn nach China und andere Staaten verlagert. Bei Engpässen von Blutdruck- oder Cholesterinsenkern ist dann das Ausland schuld und nicht der Unternehmer. Operationen werden durchgeführt, da das Krankenhaus wirtschaftlich arbeiten muss und
eine entsprechend gewinnträchtige Operation die Kassen auffrischt. Nicht selten wäre eine andere Methode preisgünstiger gewesen.
Auswüchse des Kapitalismus sind z. B. auch die Preise für landwirtschaftliche Produkte. Die Landwirte werden von den Großabnehmern in ihren Preisen gedrückt, für die diese nicht arbeiten können. Immer mehr werden dann Großbetriebe für Tiere geschaffen, die mit dem Tierwohl und der Umwelt nicht vereinbar sind.
Die Anerkennung der Arbeit im landwirtschaftlichen Bereich kann nur durch staatliche Unterstützung erfolgen oder der Normalbürger können sich sonst kaum noch Lebensmittel leisten. Aber dies steht dem Wesen des Kapitalismus entgegen.
Wer die ehemaligen Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes und das heutige China als kommunistisch bezeichnet hat entweder die Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels nicht gelesen oder nicht verstanden.
Wie heißt es im Matthäus - Evangelium Kapitel 6, Vers 24: Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
Mit freundlichem Gruß
Günter Pröhl

Dieser Artikel ist ein Lobgesang auf den Kapitalismus. Er ist von einem Denken geprägt wie es vor 25 Jahren üblich war, der Kapitalismus als Sieger der Geschichte galt und das Ende der Geschichte erreicht war. Nur ein paar kurze Anmerkungen. Die kapitalistischen Staaten werden gleichgesetzt, als gebe es keinen Unterschied zwischen dem der nordischen Länder wie Schweden oder den USA von Herrn Trump. Es ließen sich noch unterschiedlichere Beispiele anführen.

Die kapitalistische Gesellschaft ist offen. Es wird die Durchlässigkeit der Gesellschaft hervorgehoben.
Selbst in einem entwickelten Land, wie Deutschland, gibt es daran Zweifel. Es ist ja eins unserer Probleme, dass bestimmte Bevölkerungsteile wenig Aufstiegsmöglichkeiten haben. An diesem Problem des Bildungswesens wird seit langer Zeit erfolglos gedoktert.

Der freie Markt befördert die Entwicklung. Warum versinken dann so viele Entwicklungsländer in Armut?
Die wenigen Länder, die den wirtschaftlichen Aufstieg geschafft haben, wie z.B. Südkorea, haben das nur geschafft, weil sie durch staatliche Eingriffe und teilweise Abkoppelung vom freien Markt ihre Entwicklung geschützt haben. Um auf die Überschrift des Artikels zurück zu kommen, das Preisschild für die Natur muss der Staat oder die Staaten erstellen, durch den freien Markt wurde das bisher nicht erreicht.

Als inzwischen obsolete sozialistische Alternative zum Kapitalismus werden die Sowjetunion und die DDR aufgeführt. Wenn man sich nur etwas mit der Geschichte beschäftigt, muss eins klar sein, dass beide Länder stalinistische Diktaturen waren. Mit einem Sozialismus im marxschen Sinne hatten sie nichts zu tun. Recht hat der Autor damit, dass auch Länder wie Venezuela oder Nicaragua keine Alternative sind.
Aber auch in der Bundesrepublik Deutschland geht die Schere zwischen Arm und Reich auseinander und das, obwohl wir ein Sozialstaat sind und Umverteilung im begrenzten Maße vorgenommen wird. Was Marx (Sozialismus) am Kapitalismus kritisiert hat war nicht die Marktwirtschaft, sondern, dass der Mehrwert durch eine breite gesellschaftliche Arbeitsteilung erzeugt wird und dann die private Aneignung, wie sie in den kapitalistischen Ländern üblich, ungerecht ist. Genauer kann man über eine Alternative bei Thomas Piketty nachlesen.
Das der Club of Rome schon vor 40 Jahren die richtigen Gedanken zu den Grenzen des Wachstums entwickelte, zeigte deren Klugheit. Die Grenzen des Kapitalismus zeigen sich, wenn 40 Jahre später die richtigen Schlussfolgerungen noch nicht in ausreichendem Maß gezogen worden sind.
Jörg Korth

Sehr geehrte Redaktion,
nach der Lektüre des Artikels "Ein Preisschild für die Natur - Über einen lernfähigen Kapitalismus ..." von Nikolaus Piper in Chrismon 05.2021, S. 26f stelle ich fest:
Gott sei Dank hat ER uns den Kapitalismus geschenkt!
Es ist ein bemerkenswertes Beispiel für Toleranz und Meinungsfreiheit, daß ein christliches Blatt der Religion des Kapitalismus, die dabei ist, das Christentum abzulösen, unkommentiert Platz für ihre Propaganda bietet.
Oder steht die Redaktion hinter diesen Aussagen?
Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Müßig

Die soziale und ökologische Katastrophe ist nicht dem Prinzip globalisierte Marktwirtschaft geschuldet, sondern individuellem Verhalten, also dem, was wir aus einem Wirtschaftssystem machen.
Dürfen wir den regelnden Kräften des Marktes vertrauen? Fliehen Menschen aus Not bewusst in kapitalistische Verhältnisse? Beide Fragen beantworte ich mit Nein. Weder denken (die meisten) Konsumierenden über den Markt nach, noch hungernde Menschen: Wir wollen mehr, und sie wollen leben.

Weil Kapitalismus gleichzusetzen ist mit etwa unbegrenztem Konsum, stellt beides meist nicht nur eine ökologische, sondern vor allem eine individuelle Überforderung dar: Wie mit unendlichen materiellen Wünschen umgehen, deren Erfüllung für zwei Drittel der Bevölkerung in den Industrieländern möglich ist?

Papst Franziskus sagte: „Diese Wirtschaft tötet“ und hat doppelt Recht: Erstens entzieht der exzessive, globalisierte Kapitalismus vielen Menschen in armen Ländern ihre ökologische und soziale Lebensgrundlage, ihr Leben. Zweitens mutet er den allermeisten Menschen dort ein menschenunwürdigen Leben zu – und segnet uns dafür mit einem Lebensmittel- und Konsumgüterrausch.

In Demokratien wuchs der Sozialstaat, weil Kapitalismus sich mit humanistischen Ideen arrangieren musste. Diese zwangen dem freien Markt auch die politische Freiheit auf, die nun in den Grund- und Freiheitsrechten jeder ethischen Verfassung und im Rechtssystem verankert sind – unabhängig vom Wirtschaftssystem.

In unserer Demokratie stehen kapitalistisch-destruktive Strukturen bewährten Alternativen wie Weltläden gegenüber, deren Artikel sowohl ökologisch als auch menschlich wertschätzend produziert werden.
Darüber hinaus ist die Fairhandels-Organisation WeltPartner eG Ravensburg Gemeinwohlbilanz-zertifiziert.
Individuelles Handeln ermöglicht globale soziale Marktwirtschaft.

„Aber was ist mit der Klimakrise? … Im Gegensatz zum Sozialismus sind kapitalistische Gesellschaften lernfähig“, meint der Autor. Seit dem Bericht des Club of Rome 1972 habe sich „der Umgang mit dem Planeten im Westen verändert, langsam zwar, aber nachhaltig.“ Die fortschreitende Umweltzerstörung lässt eine Nachhaltigkeit, die „die natürlichen Lebensgrundlagen auch für künftige Generationen“ (Art. 20a GG) sichert, in Deutschland gewiss nicht erkennen. Und der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 29.04.2021 zum Bundes-Klimagesetz bestätigt dies.

Vom zunehmenden Verlust der Artenvielfalt berichtet die Rote Liste seit vielen Jahren. Er ist aus meiner Sicht weniger „ein ´tiefgreifendes und verbreitetes institutionelles Versagen` (Partha Dasgupta)“. Es ist weitaus mehr ein spirituelles Versagen: Warum erkennen wir Arten und Ökosystemen keinen Wert an sich zu?
„Ein Preisschild für die Natur“ lässt sich nur aus unserer Achtung vor der gesamten Schöpfung ableiten und
keinem Wirtschaftssystem zuordnen.
Und dann wird Soziale Gerechtigkeit als Sozialstaat gedeutet – welch ein Irrtum.
Der Sozialstaat sichert Würde und Wert des Menschen (Siehe z.B. Artikel 12 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte der UNO). Bei uns war er das Ergebnis jahrelangen Ringens zwischen starken Gewerkschaften und den Unternehmensführungen. Sozialabbau gelang hier nur, weil in anderen Ländern ein Sozialaufbau gegen herrschende Wirtschaftsstrukturen nicht durchgesetzt werden konnte.
Eine Medizin, die der Endlichkeit menschlichen Lebens nicht gerecht wird und weder Leistungs-, noch finanzielle Grenzen kennt, ist zu diskutieren. Erst danach lässt sich der Marktpreis für das Gesundheitswesen festlegen.
Das Rentenniveau zeigt, wie viel uns ein Mensch wert ist, der seinen Beitrag – welchen auch immer – zu unserer Gemeinschaft geleistet hat. Solche Menschen sind bei uns nicht einmal die Hälfte wert.

Soziale Gerechtigkeit fragt nach der Verteilung von Gütern und Vermögen in einer Gesellschaft.
„Die Familie Walton, der die Supermarktkette Walmart gehört, besaß vor 30 Jahren das 61.992-Fache des Medianvermögens in Amerika. Das war noch nicht genug, heute besitzt sie das 1.157.827-Fache. Die Waltons allein haben so viel Geld angehäuft, wie die 48 800 000 ärmsten Familien der USA zusammen besitzen.“ (2013)
https://de.wikipedia.org/wiki/Verm%C3%B6gensverteilung#cite_note-23: https://monde-diplomatique.de/artikel/!490531 12.05.2021
Die Verteilung des immensen Vermögens Weniger auf viele Menschen; die Zuerkennung der gleichen Menge an fossiler Energie an jeden Menschen – das sind Beispiele für Soziale Gerechtigkeit.

Den "Engagierten" unter den rund 45 Millionen Christen Deutschlands, bei denen der "Kapitalismus einen schweren Stand" habe, ruft Nikolaus Piper zu: "Alles prima, Leute, legt die Hände in den Schoß, lasst die unsichtbare Hand des Marktes walten!" Im Ernst? Die Menschen fliehen aus ihren vom Kolonialismus ausgeplünderten kapitalistischen Ländern in höher entwickelte Länder, die ihnen (noch?) ein Überleben als billigste Arbeitskräfte ermöglichen. Das Wirtschaftssystem ist global kapitalistisch. "Diese Wirtschaft tötet", sagte Papst Franziskus 2013. Piper hält dagegen: Vom Kapitalismus ausgeschlossen zu werden, das sei tödlich. Wie kann man vom Kapitalismus ausgeschlossen werden? Wir leben doch alle mittendrin! Ausnahmen - wie Kuba - werden mit Sanktionen überzogen oder vom IWF zu meist kontraproduktiven "Marktstrukturanpassungen" (z. B. Einführung von Schulgeld) gezwungen. In keinem anderen Land Europas hat der Niedriglohnsektor ein solches Ausmaß wie in Deutschland angenommen. Werkverträge, Leiharbeit und befristete Arbeitsstellen machen es Millionen unmöglich, ihre Zukunft zu planen. Sie leben von der Hand in den Mund, während der Reichtum weniger Menschen unaufhörlich wächst. Kranke werden zu Fallpauschalen, die Ökonomie gewinnt die Oberhand, die sozialen Komponenten entfallen; Pflegekräfte werden trotz "Systemrelevanz" miserabel bezahlt, weil beim Benchmarking in den Kliniken bzw. bei der Inwertsetzung nahezu aller Aspekte der Daseinsvorsorge einzig die Gewinnmarge zählt. Da ist es klar, dass auch die Natur nicht "umsonst" zu haben ist. Marktpreise für Naturressourcen sollen den "dramatischen Verlust" der Artenvielfalt aufhalten. Gute Idee! Dann wollen wir doch mal sehen, was der Automobilindustrie der Abbau der Lithiumvorkommen in Bolivien wert ist. Eine Erpressung, ein Regime-Change, eine Farbenrevolution oder gar ein kleiner Krieg? Wetten, dass die "kleinen Leute" in Bolivien, selbst wenn die jetzt stattfindenden Verhandlungen genehm ausgehen, nichts davon haben werden?
"Alle marktwirtschaftlichen Demokratien lösen soziale Probleme nach dem Solidarprinzip", schreibt Piper. Das darf natürlich nicht zu teuer werden. Bloß für wen gerät es eigentlich zu teuer? Ich bin gewiss, es wird weder für das sogenannte Humankapital noch für die mit einem Preisschild versehene Natur gut ausgehen, wenn sich weiterhin Wenige den gesellschaftlichen Reichtum aneignen können - mit Verweis auf "den Markt" und den "alternativlosen Kapitalismus".

Betrifft den Beitrag von Herrn Piper auf S. 26/27 des Magazins: "Ein Preisschild für die Natur - Über einen lernfähigen Kapitalismus - und wie er dabei helfen könnte, das Klima zu retten"
"Das Leitwort des Ökumenischen Kirchentages 2021 in Frankfurt am Main (13.-16.5.2021) heißt "Schaut hin". Wäre dies nicht eine gute Gelegenheit, um neu und genauer auf Wirtschaft, Globalisierung und Kapitalismus zu blicken?" Und schließlich die Sache mit der sozialen Gerechtigkeit. Alle marktwirtschaftlichen Demokratien lösen soziale Probleme nach dem Solidarprinzip. In Deutschland gibt es die Rentenversicherung und die gesetzliche Krankenversicherung. Niemand bleibt unversorgt, bloß weil er kein Geld hat.
Aber diese solidarischen Systeme haben ein Problem: Sie werden immer teurer, weil es im Verhältnis zu den aktiven Arbeitnehmern immer mehr Rentner gibt ..." Hierzu ist anzumerken:
Eine ordentliche, den Rentnerinnen und Rentnern nach jahrzehntelanger Arbeit und Beitragszahlung in das Solidarsystem Deutsche Rentenversicherung zustehende Rente, ist durchaus möglich. Balodis/Hühne beschreiben dies in ihrem Buch "Rente rauf", DVS Verlag Frankfurt am Main, ISBN 978-3-932246-98-2, Stand: April 2020 wie folgt (S. 96/97): "'Rente rauf!' ist finanzierbar. Dafür existiert sogar ein ganzer Strauß von Möglichkeiten: Es müssen alle sozialpolitisch schädlichen Gesetze revidiert werden, die derzeit für die Rentenversicherung hohe Einnahmeverluste verursachen. Die Riester-Rente sollte gestoppt werden, ihre milliardenschwere Förderung sollte in die gesetzliche Rente fließen. Der Staat muss seinen Bundesanteil erhöhen, um damit seiner Verantwortung für die politisch gewollten, aber nicht beitragsgedeckten Leistungen endlich voll gerecht zu werden. Es muss eine Erwerbstätigenversicherung geschaffen werden, damit alle in die Rente einzahlen. Die Entlastungen der Arbeitgeber (Beitragssatzlimitierung, Entgeltumwandlung) müssen beendet werden. Die Beitragsbemessungsgrenze sollte aufgehoben werden. Die Beitragserhöhungen, die dann noch nötig werden, sind verkraftbar. Mit kurzfristig weniger als 21 Prozent hält sich der erhöhte Rentenbeitragssatz in einem Rahmen, der niemanden beunruhigen muss. Sollte der Beitrag mittelfristig auf 22 oder gar 23 Prozent steigen, wäre auch das nicht das Ende des Standorts Deutschlands. Es wäre ein Niveau, wie es Österreich seit Jahrzehnten kennt. 'Rente rauf' wirkt wegen der hohen Konsumquote der Rentner wie ein Konjunkturprogramm. Die Mehrausgaben des Staates refinanzieren sich wegen der erwartbar höheren Steuereinnahmen zu großen Teilen selbst. Kurzfristig funktioniert 'Rente rauf' sogar ohne die sofortige und vollständige Eingliederung von Beamten und Freiberuflern, die zweifellos nur gegen harte Widerstände zu bewerkstelligen sein wird. Diese Eingliederung wäre jedoch mittel- und langfristig von großer Bedeutung, um die Einnahmen schrittweise zu stabilisieren und somit die Ausgaben für die in Rente gehenden Babyboomer zu finanzieren.
Wem das nun alles ein wenig zu einfach klingt, der hat nicht unrecht: Es ist machbar, aber in unserem komplexen Politikbetrieb natürlich nicht per Federstrich umzusetzen. Es sind gewaltige gesellschaftliche Widerstände zu überwinden, vor allem bei Gewinnern der jahrzahntelangen Rentenzerstörung. Und es ist viel Aufklärungsarbeit zu leisten, vor allem bei jenen, die den Glauben an gute und bezahlbare Renten schon aufgegeben haben.
Was wir zeigen wollten: Bessere Renten sind finanzierbar, und zwar ohne Überlastung der Beitragszahler. Letztlich gilt für 'Rente rauf!' - wie für alle wichtigen gesellschaftlichen Weichenstellungen - der treffende Satz des Theologen und Ökonomen Oswald von Nell-Breuning: 'Was politisch gewollt ist, ist auch finanzierbar. Was nicht finanziert wird, ist auch nicht gewollt.'"
Dem Ökumenischen Kirchentag wünsche ich einen guten Verlauf.
Mit freundlichen Grüßen
Renate Althof, Düsseldorf

Da ist ein seltsam oberflächlicher Beitrag, oder ist Herr Piper ideolgisch "gebunden"? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren. Weder die DDR und schon gar nicht Venezuela haben wirklich etwas mit Sozialismus zu tun, auch wenn sie sich so nennen. Daß Herr Piper ausgesprochen Venezuela als gescheitertes Sozialismusprojekt benutzt, ist sehr bezeichnend. Venezuela ist und war hauptsächlich korrupt. Das führt in jedem System zu einem failed state. Herr Piper wird nicht ernsthaft behaupten können, daß die abgeschottete reiche und alle Macht habende Minderheit, die die große Mehrheit unterdrückt und unumkehrbar in Armut hält, damit aber "seinen" Kapitalimus repräsentieren nicht ein sehr großes Problem sind, um´s mal freundlich auszudrücken.
Das schöne Hayek´che Bild, das Hr. Piper benutzt, ist natürlich ziemlicher Blödsinn, denn im Kapitalimus müssen noch viel mehr Menschen in Richtungen (von Zielen will ich ga nicht sprechen) reisen, in die sie wirklich nicht wollen.

Demokratie und soziale Marktwirtschaft - um den denunziatorischen Begriff Kapitalismus zu vermeiden - sind also beim Lernen. Das Lernziel ist auch vorgegeben: "Preise für die Nutzung der Natur zu ermitteln." Dann ist endlich Schluss mit der eingerissenen Unsitte, die vom Autor trefflich gekennzeichnet wurde mit den Worten: "nutzen die Menschen diese Ressourcen so, als seien sie umsonst."

Es muss also ein Preis her für jeden Schnaufer, den ein Mensch macht. Schließlich handelt es sich beim Atmen um Sauerstoffnutzung. Wie wäre es mit 2 Eurocents pro Atemzug? Für Vielatmer dann selbstverständlich Mengenrabatt. Das regelt in bewährter Weise der Markt. Zunächst brauchen wir freilich eine Organisation, nennen wir sie mal Treuluftgesellschaft, die den Sauerstoff seinen rechtmäßigen Besitzern übergibt. Erst dann ist Schluss mit der schädlichen und schändlichen Tour, bis zum letzten Atemzug kostenlos Sauerstoff in sich hinein zu hecheln.

Was ist, wenn einer die geforderte monatliche Sauerstoffrechnung nicht zahlen kann? Kein Problem, dafür gibt es doch den bewährten Sozialstaat! Mit höchstrichterlicher juristischer Kompetenz, nach Einholung der Gutachten der auch mit verantwortungsvollen Kirchenvertretern besetzten Ethikkommissionen, wird dann festgelegt, wieviel Atemzüge zum Überleben notwendig sind. Das wird in den Grundsicherungsbetrag eingerechnet. Mehr natürlich nicht. Wäre ja noch schöner, wenn die Solidargemeinschaft zahlen müsste, nur weil einer sich über die Verhältnisse aufregt und hektisch herumatmet, statt sich zu fügen und weiter flach zu atmen.

Vom ökologischen Standpunkt aus gehört Atmen für die Normalbürger sowieso reguliert, beim Ausatmen wird schließlich das Treibhausgas Kohlendioxid freigesetzt. Ob die Zahl der zulässigen Atemzüge schon jetzt um 20% und erst 2030 um weitere 30% reduziert wird oder gerade umgekehrt, das kann in spannenden Wahlkämpfen und lehrreichen Parlamentsdebatten ausführlich erörtert werden.

Ja, unser schönes System lernt unaufhörlich!

Hans Schlicht

Sehr geehrte frau ott,
mir fällt auf, daß sie zwar die autoren des hefts vorstellen, aber piper nicht erwähnen. Warum sie diesem vulgären apologeten des kapitalismus in ihrem heft die möglichkeit geben, seine weltsicht auszubreiten, weiß ich nicht. Der artikel ist ziemlich abstoßend. Wer leugnet, daß der kapitalismus tötet, ist schlicht blind, denn der kapitalismus ist ein weltumspannendes system. Daher hat jean ziegler zutreffend von einer „kannibalischen weltordnung“ gesprochen, denn sie führt jährlich zu 60 – 70 Millionen an hungertoten. Der kapitalismus ist ein perverses system. Das vermögen von bezoz und bill gates ist so hoch wie der deutsche bundeshaushalt 2019.
Menschenverachtend wird es, wenn ein gut dotierter journalist armut leugnet. Angesichts zunehmender verarmung und spaltung der gesellschaft in arm und reich ( der gini-keffizient ist wieder gestiegen) ist es zynisch, zu kritisieren, daß die solidarischen sozialsysteme immer teurer werden. Trotz der neoliberalen aushungerung und privatisierung des gesundheitswesens, die in der pandemie erschreckende ausmaße annimmt, begrüßt er eine weitere auszehrung des gesundheitswesens. Die helioskliniken, die frenius gehören, wollen trotz der katastrophalen zustände in krankenhäusern und intensivstatuionen weitere arztstellen abbauen.

Piper ist ein klassischer konvertit. Er war früher kommunist. Konvertiten werden von fanatismus getrieben, weil sie ihre früheren „sünden“ bis zu ihrem lebensende gutmachen müssen. Sie sind im wortsinne reaktionär. Trotz eindeutiger biblischer stellen wie der nadelöhr-satz sowie die zutreffende feststellung, daß die armen des schutzes bedürfen und nicht die reichen, darf bei ihnen ein ideologischer agent der reichen seine zynische weltsicht zelebrieren.
Mit verwunderten grüßen
Franz piwonka

Herr Piper, schreibt "alle marktwirtschaftlichen Demokratien lösen soziale Probleme nach dem Solidarprinzip................die Maßnahmen der Bundesregierung zur Kostensenkung im Gesundheitswesen werden als Sozialabbau, Kahlschlag und Kaputtsparen denunziert" Er gibt dann zwei Zahlen an zur Illustration dass dies nicht stimme: 1960 gab die BRD 18,3 % der Wirtschaftsleistung für Sozialausgaben aus und 2019 im vereinten Deutschland 30,3% und fordert uns auf, genau hinzuschauen, das sei doch kein Sozialabbau. Wenn ich genau hinschaue sehe ich zB bei den Mietbeihilfen, dass die individuellen Wohngeldzahlungen alles übersteigen, was die BRD je in den sozialen Wohnungsbau gesteckt hat.
Der soziale Wohnungsbau hat nachhaltig für erschwinglichen Wohnraum gesorgt, das Wohngeld ermöglicht den Vermietern Mietsteigerungen ohne dass soziale Unruhen ausbrechen, ist schon gut, aber besser ist es nicht. Dann sehe ich bei den sogenannten "Aufstockern", die bei Vollzeitarbeit nicht über die Runden kommen und deshalb Unterstützung beziehen, zwar nicht Sozialabbau, aber Missbrauch der Solidargemeinschaft. Anstatt für einen ordentlichen Mindestlohn zu sorgen ermöglichen wir die Ausbeutung des Arbeitnehmers durch den Arbeitgeber. Da ist es also kein Wunder, wenn die Sozialausgaben steigen, wenn wir die ganze Ausbeutung finanzieren müssen. Unter sozialem Fortschritt verstehe ich etwas anderes. Wenn man dann sieht, wie die digitalen Firmen ihre Mitarbeiter unter Umgehung jeder Verantwortung zur Scheinselbstständigkeit zwingen, dann weiß ich, dass uns harte Kämpfe bevorstehen, um dem Kapitalismus einigermaßen die ausbeuterischen Zähne zu ziehen und dass wir nicht müde werden dürfen, auf die Exzesse der Marktradikalen hinzuweisen allen Schalmeienklängen von Herrn Piper zum Trotz.

Zunächst: Ich finde Ihre Zeitschrift sehr erfreulich in Thematik, Tendenz und Form und freue mich jedesmal, wenn ich sie in meiner (nicht immer so zufrieden stellenden ) Süddeutschen mitbekomme, danke.
Nun mein Leserbrief zum Artikel des Herrn N.Piper.
Ich meine, Herr Piper macht es sich mit seiner Reinwaschung des Kapitalismus etwas zu einfach. Der Kapitalismus erweist sich immer erst dann "lernfähig", wenn der Druck der Bevölkerung so heftig wird, dass ihm Zugeständnisse billiger erscheinen als offene Konfrontation. Das ist in jedem Lohnkampf zu beobachten. Aber damit sind die inneren, unaufhebbaren Widersprüche nicht beseitigt. Da die Unternehmen fast völlig in Privathand sind, werden sie auch nach dem Interesse dieser Eigentümer geführt. Und das ist der erzielte Gewinn, - völlig egal, ob aus Wohnungen oder Bomben, ob aus Chips oder Medikamenten. Damit aber dieses eigene Produkt auf dem Markt erfolgreich ist, muss man bei gleicher Qualität billiger sein als die böse Konkurrenz. Dass der niedrigere Preis aber nicht den Profit vermindert, müssen die Kosten - also Löhne, Steuern, Umweltschutz - gedrückt werden. Wer sich aus diesem zerstörerischen Wettstreit verabschiedet, dem winkt die Pleite. Das ist die herrschende Logik, die wenig mit Gier und krimineller Energie zu tun hat, die aber nur mit konsequenter Durchsetzung beinharter Sozial- und Umweltgesetze zurück gedrängt werden kann. Und genau diese Konsequenz ist aktuell von der politischen Seite, die mit der Wirtschaftselite eng liiert ist, nicht zu
erwarten.

Weiter ignoriert Herr Piper, dass die stärkste Militär- und Wirtschaftsmacht USA, assistiert von der EU , missliebige Staaten wie Kuba, Venezuela, Iran usw. mit Blockade und Sanktionen ruiniert - egal, wie es der Bevölkerung dabei ergeht. Die US-Außenministerin Albright kommentierte den Sanktionstod von 400 000 irakischen Kindern:"Das ist ein furchtbarer Preis...aber wir mussten ihn zahlen
."
Geradezu grotesk begründet Herr Piper seine Zurückweisung des Papstwortes "Diese Wirtschaft tötet!" Nur ein ganz kleiner Hinweis: Zur eigenverschuldeten Bankenkrise 2008 meinte eine der Welthungerorganisationen, dass in den Folgejahren die Zahl der verhungerten Kinder um etwa 400 000 ansteigen würde, da viele Länder mit der Bankenrettung an ihre finanziellen Grenzen stießen. Oder wie Jean Ziegler von der UNO Ernährungskommission sagte: "Wenn ein Kind verhungert, ist es ermordet worden. Denn das wäre zu vermeiden gewesen."
Und Oxfam recherchierte, dass die 45 reichsten
Multimilliardärs-Familien jährlich soviel Geld einnehmen wie die ärmere Hälfte der Menschheit, also 3,7 Mrd. Menschen, - und es wird immer mehr. Das ist keine Bosheit, sondern natürliche Folge der globalen Wirtschafts(un)ordnung.

Im „Kapitalismus“ geht es nicht um den Menschen, sonst würde man den Kapitalismus wohl eher „Humanismus“ nennen. Dass bei und der Kapitalismus mit oft abenteuerlichen Argumenten so hochgehalten und der Sozialismus so niedergehalten wird, ist ein Relikt aus der Feudalzeit. In verwandter Denke steht die Abwertung der „Planwirtschaft“. Dabei möchte ich das Unternehmen sehen, das auf Planwirtschaft verzichtet, und wo jede Abteilung ohne Abstimmung und in gegenseitiger Konkurrenz und Missgunst ihr eigenes Süppchen kocht: ein solches Unternehmen würde sehr schnell untergehen! Die Planwirtschaft bewährt sich also in der Privatwirtschaft bestens, und warum sollte sie sich dann nicht auch auf volkswirtschaftlicher Ebene bewähren?

Liebes Chrismon-Redaktionsteam,

der Artikel "Ein Preisschild für die Natur" von Herrn Nikolaus Piper hat mich in zweierlei Hinsicht verwundert: Die völlig unzulängliche und verdrehte, in ihrer Kürze auch manipulierende, Darstellung des Kapitalismus und der Abdruck des Artikels in Chrismon.

Sicher, das Thema ist komplex und in Kurzform nicht darstellbar. Genausowenig vermag ich, im Rahmen eines Leserbriefs auf einzelne von Herrn Piper skizzierte Standpunkte und Verdrehungen einzugehen. Doch der Kernsatz "Die kapitalistische Wirtschaft tötet nicht. Tödlich kann es dagegen sein, von ihr ausgeschlossen zu werden" lässt jeden Bezug zur realen Welt vermissen. Jeder, der mit offenen Augen durch die Welt geht weiß, dass "der" Kapitalismus vielfältige Ausprägungen aufweist. Von denen zeigen einige durchaus positive Auswirkungen, andere hingegen wirken nachweislich tödlich - nicht nur für Menschen. Ich bedauere den Wirtschaftsexperten Piper für seine hanebüchene Beschreibung des Kapitalismus und ich bedauere, dass Chrismon den Artikel abgedruckt hat.

Mit besten Grüßen,
Lutz Mertins

Der Kapitalismus rettet das Klima nicht
Mit einem Preisschild allein wird es nicht getan sein, Herr Piper, auch wenn die Welt nach wie vor vom Geld regiert wird. Nikolaus Piper, seit jeher Anwalt der um ihren Besitz fürchtenden Milliardäre, verteidigt den Kapitalismus mit elastischer Schönfärberei, indem er dem Profitstreben einer obszön vermögenden Minderheit (die nämlich steuert die globalisierte Marktwirtschaft) mir nichts, dir nichts sozialpolitische Erfolge zuschreibt, die in Streiks und zähen Tarifverhandlungen von der anderen, nicht so habgierigen Seite erstritten wurden. Diese um das Wohl der extrem armen Mehrheit Besorgten verunglimpft der Quotenkapitalist der Süddeutschen Zeitung und wirft sie in einen Topf mit illiberaler Planwirtschaft und menschenverachtenden Diktaturen. Dergleichen Staatskapitalismus hat nichts mit dem gleichwohl gern verwendeten Etikett "Sozialismus" zu tun. Die Flüchtlinge aus Lateinamerika fliehen vom schlecht organisierten Kapitalismus in einen besser organisierten. Und die europäischen Sozialsysteme liefern reichlich Belege nicht nur für die Vereinbarkeit sozialer Prinzipien mit der Demokratie, sondern auch für die Überlegenheit dieser humanen Ideen gegenüber einer "struggle-of-life"-Philosophie.
Vielleicht hat Pipers Konzentration auf die Beobachtung der US-Wirtschaft seinen Blick auf Abhängige und Schwächere (das sind u.a. die Arbeitslosen des Rust Belt, die 2017 den Klimawandel-Leugner Trump wählten) allzu sehr verstellt. Und der vielleicht enge Kontakt mit den Bossen dieser Wirtschaft (das sind die rücksichtslosen Profiteure u.a. von Öl- und Kohle-Ausbeutung) und die oft einfachen Erklärungen der sozialdarwinistischen Gesellschaft des "american way of life" haben die Sensibilität für jene erfolglosen Habenichtse natürlich nicht gestärkt. Der Kapitalismus ist "lernfähig", ja, ja, vor allem, wenn es um die Chance der Geldrettung geht. (Bankenskandal 2008, Cum-Ex-Geschäfte usw.) Dass er auch bei der Chance der Naturrettung lernfähig sei, diesen idealistischen Traum hat er weder im brasilianischen Regenwald noch beim Fracking im amerikanische Ölschiefer bewiesen. (Nüchterne Realisten erinnern sich z. B. an Deepwater Horizon 2010, Exxon Valdez 1989. Diese Umweltkatastrophen wurden nicht von irgend einer sozialistischen Diktatur verursacht, sondern von der Habgier des hier verniedlichten Kapitalismus!)
Kapitalistisches Denken ist eine enorme Triebfeder für das Streben starker Unternehmer, aber nur wenn es Geld für sie abwirft - mehr nicht, Herr Piper! Soziales Denken ist die Triebfeder für Gerechtigkeit und Ausgleich; es wirft auch Geld ab, aber für viel mehr Marktteilnehmer. Rücksichtnahme auf die zwar schwächeren, aber unverzichtbaren, vielen Mitarbeiter eines Unternehmens eint und stützt die Gesellschaft! Vom Egoismus getriebener Kapitalismus, der Neoliberalismus von Reagan, Thatcher, Trump, garantiert zweifellos Wohlstand, aber nur für eine kleine Minderheit; insofern trennt er die Gesellschaft und vernichtet die Natur. Erst eine sozial und ökologisch verantwortete Demokratie sorgt für eine etwas gerechtere Verteilung des immerhin gemeinsam erwirtschafteten Gewinns und einen abgewogenen Schutz der Ressourcen.
Dr. Dietrich W. Schmidt
Stuttgart

Statt Kapitalismus zu sagen, wurde es in Deutschland nach dem Weltkriege üblich, von freier bzw. sozialer Marktwirtschaft zu reden. Das klang gefälliger und war es auch, sofern man die Priorität einer verantwortlich lenkenden Politik einräumte. Die Sozialdemokratie wurde erst regierungsfähig, als sie mit ihrem Godenberger Programm Abschied vom Klassenkampf und vom sozialistischen Dirigismus nahm. Insofern liegt Piper richtig. Man muss aber betonen, dass eine freie und soziale Marktwirtschaft nur unter den Bedingungen-einer demokratisch-parlamentarischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft erträglich ist und für eine Mehrheit der Bürger zum Vorteil werden kann. Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bestätigt diesen marktwirtschaftlichen Weg mit verbindlichen und anerkannten sozialpolitischen Vorgaben. Die angemessene Ausgestaltung einer sozial vertäglichen Wirtschaftspolitik bleibt eine der wesentlichen Aufgaben der politisch Verantwortlichen; und der Wahlbürger hat die Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen.