Mail aus Tokio: Impfen gegen Covid-19

Die Menschen haben keine Eile
Posteingang - Tokio, Die Menschen haben keine Eile

Behrouz Mehri / AFP / Getty Images

Eine medizinische Mitarbeiterin füllt eine Spritze mit einer Dosis des Impfstoffs von Pfizer-BioNTech. Das Land startete seine Impfkampagne am 17. Februar 2021

Posteingang - Tokio, Die Menschen haben keine Eile

Japan ist normalerweise schnell und effizient. Die Corona-Impfungen begannen aber sehr gemächlich.

"Ich würde es abhängig von meinem Zeitplan machen", antwortet unsere Organistin Rie Hiroe auf die Frage, ob sie sich gegen Covid-19 impfen lassen würde, wenn es morgen möglich wäre. So weit ist es in Japan aber noch nicht. Erst etwa ein Prozent der ca. 126 Millionen Japaner:innen sind gegen das neue Virus geimpft. Begonnen hat man im Februar mit dem medizinischen Personal. Seit dem 12. April sollen jetzt nach und nach alle Menschen über 65 Jahre an die Reihe kommen - das sind immerhin 36 Millionen Menschen. Bis Ende September wird es voraussichtlich für alle anderen ein Impfangebot geben. 

Bettina Roth-Tyburski

Bettina Roth-Tyburski und Marcus Tyburski teilen sich das Pfarramt an der deutschsprachigen Gemeinde in Tokio.
PrivatBettina Roth-Tyburski

Japan ist spät dran im Vergleich zu anderen Industrienationen. "Unsere Regierung ist langsam", erklärt Hiroe. Die Gründe dafür liegen vielleicht in der Vorsicht. Die japanische Bevölkerung gilt Impfungen gegenüber als kritisch. Vor einigen Jahren gab es Nachrichten von schweren Komplikationen nach Impfungen gegen Gebärmutterhalskrebs. Der ursächliche Zusammenhang konnte nicht bewiesen werden, hat die Menschen aber nachhaltig verunsichert.

Restaurants haben auf

Unsere Organistin ist auch zurückhaltend. Sie rechnet mit möglichen Impfreaktionen und meint deshalb: "Der Impftermin muss zu meinem Konzertprogramm passen." Es scheint auch erst mal keine Eile geboten. Im Gegensatz zu Europa sind die Infektionszahlen hier relativ niedrig. Und wir empfinden die Situation in Japan zwar als unsicher, aber nicht als brandgefährlich. Kaum jemand hinterfragt, dass in der Öffentlichkeit die Gesichtsmaske getragen werden muss. Alle halten sich routiniert an die Hygiene- und Abstandsregeln. Restaurants haben, wenn auch zeitlich begrenzt, geöffnet, und es werden zum Beispiel Konzerte veranstaltet. Wir leben schon in einer Art neuer Normalität.

Schriftliche Einladung 

Möglicher Druck, das Impftempo zu erhöhen, kommt eher durch die geplanten Olympischen Spiele als vonseiten der Bevölkerung. Die Impfreihenfolge ist klar geregelt. Man wird schriftlich eingeladen, sich einen Termin für das zugehörige Impfzentrum geben zu lassen. Klagen über mangelnde Organisation hört man nicht, auch wenn in den letzten Tagen Impfdosen ungenutzt vernichtet wurden. Kurzfristig hatten Ältere ihre Termine wieder abgesagt und Ersatz konnte so schnell nicht gefunden werden.

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