Rücktritt von Erzbischof Stefan Heße

Kölner Lernkurve
Der Kölner Kardinal Woelki will Deutungshoheit bei der Aufklärung von sexualisierter Gewalt abgeben. Endlich!

Am Donnerstagabend hat der katholische Erzbischof von Hamburg seinen Amtsverzicht angekündigt. Anlass ist ein Rechtsgutachten, dass ihm Pflichtverletzungen im Umgang mit Missbrauchsfällen nachweist und das sich auf seine Zeit als Personalchef und Generalvikar im Kölner Erzbistum von 2006 bis 2014 bezieht.

Er habe zwar immer "nach bestem Wissen und Gewissen" gehandelt und sich "nie an Vertuschung beteiligt", sagte der 54-Jährige am Donnerstag. Er wolle aber Verantwortung für ein "System" übernehmen, das zur Vertuschung beitrug.

Claudia Keller

Claudia Keller ist chrismon-Redakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln und in den USA studiert und war viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin. Sie interessiert sich für religiöse und ethische Fragen und schreibt gern über Auf- und Umbrüche des Lebens. Einmal ist sie bei Recherchen sogar zufällig auf ein Geheimnis in der eigenen Familie gestoßen und hat einen Bruder gefunden, von dem sie nichts wusste.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Wie dieses System aussah, geht aus dem Gutachten deutlich hervor: Wenn Verdachtsfälle gemeldet wurden, fühlten sich im Kölner Ordinariat etliche ranghohe Mitarbeiter ein bisschen zuständig, aber niemand so richtig, Akten wurden lückenhaft geführt, und das Wissen über Vergehen bewahrte man in einem gesonderten "Giftschrank" auf. "Brüder im Nebel" hieß der Aktenordner, den der frühere, verstorbene Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner für Dokumente anlegte, die geheim bleiben sollten. Durch die Geheimhaltung gingen Informationen verloren, die wichtig gewesen wären, um weitere Taten zu verhindern. Die Täter wurden geschützt.

Wie es den Betroffenen geht und wie man ihnen helfen könnte, interessierte über Jahrzehnte kaum jemanden. Der Blick auf die Betroffenen sei noch nicht so "entwickelt" gewesen, sagte ein früherer Personalchef den Gutachtern. Erst ab 2010 dämmerte den Generalvikaren, Personalchefs und Kirchenjuristen, dass sexualisierte Gewalt ein Leben zerstören kann. Aber auch das führte nicht dazu, dass man die Bedürfnisse dieser Menschen in den Mittelpunkt stellte. 

In anderen Bistümern sah es womöglich nicht viel anders aus. Die Rücktritte vom Donnerstag und Freitag sind ein immens wichtiger und richtiger Schritt. Neben Heße geben der frühere Kölner Generalvikar Schwaderlapp, der frühere Personalchef Puff und der Offizial, der höchste Kirchenjurist, ihre Ämter auf. Sie signalisieren, dass man verstanden hat, wie fatal dieses System von Inkompetenz, Intransparenz und Ignoranz wirkte und dass man es abschaffen muss. Dem jetzigen Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki halten die Gutachter zugute, dass er nach seinem Amtsantritt das Kompetenz- und Zuständigkeitschaos entwirrte und ab 2015 die Bearbeitung der Fälle in einer neuen "Interventionsstelle" bündelte.

Der Kulturbruch kommt spät, aber immerhin

Dass Woelki das Gutachten öffentlich gemacht hat, zeigt, dass er erkannt hat, dass es für die Veränderung im Inneren Luft von außen braucht. Am Donnerstag kündigte Woelki an, eine unabhängige Kommission mit der weiteren Aufklärung zu beauftragen. Dafür arbeite man mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, zusammen. Eine solche, wirklich unabhängige Aufarbeitung fordern Betroffene seit langem.   

"Nicht mehr ich werde sagen, wie wir aufarbeiten werden, sondern diese unabhängige Kommission wird dann die Verantwortung dafür übernehmen", sagte Woelki. Sie werde "der Diözese und auch mir sagen, wie Aufarbeitung zu erfolgen hat und weitergehen soll". Für die monarchisch strukturierte katholische Kirche, die sich lange Zeit für unangreifbar hielt, sind solche Sätze ein echter Kulturbruch. Er kommt spät, aber immerhin.

Auch in der dezentral organisierten evangelischen Kirche tut man sich schwer, Deutungshoheit aufzugeben. Die Einsicht reift auch hier, dass dies notwendig ist, wenn die Aufklärung gelingen soll. Eine "Wahrheitskommission", angesiedelt beim Bundestag und mit dem Ziel, sexualisierte Gewalt in allen Bereichen der Gesellschaft aufzuarbeiten, wie sie Betroffene fordern, halten mittlerweile auch etliche evangelische Bischöfe und Bischöfinnen für eine gute Idee. Deutungshoheit aufzugeben, kann enorm befreiend wirken. In der Vergangenheit jedenfalls hat das den Kirchen oft gutgetan.

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Lesermeinungen

" Aber auch das führte nicht dazu, dass man die Bedürfnisse dieser Menschen in den Mittelpunkt stellte. "
Das ist ein weites Thema, oder schwere Worte gelassen ausgesprochen.

Ich empfinde keine Genugtuung, zu sehen, wie schwer sich die Kirche mit dem Thema Missbrauch und den Folgen und Konsequezen, die damit einhergehen, tut. Das wirft tiefe Schatten auf alle Katholiken, ob sie betroffen sind oder nicht.
Und das ist nicht gut.

" Für die monarchisch strukturierte katholische Kirche, die sich lange Zeit für unangreifbar hielt, sind solche Sätze ein echter Kulturbruch. "
Die evangelische Kirche hat nun wirklich keinerlei Grund sich hierüber in einer so arroganten Weise zu äußern.
Es ist auch keineswegs richtig, von Unangreifbarkeit zu sprechen, denn wer im Glauben lebt, der kennt die Bibel und kennt die Wahrheit. Ein Kulturbruch ist es wahrlich nicht.
Sexueller Missbrauch ist ein schweres Vergehen, und wie man weiß, ist davon die Welt an sich betroffen. Es wäre gut, dieses Thema nicht als ein so spezifisch Kircheninternes oder religiöses Thema darzustellen. Damit lenkt man nur von der eigenen Verantwortung
ab. Hierbei die Spreu vom Weizen zu trennen, birgt eine große Chance für die Zukunft.
" Auch in der dezentral organisierten evangelischen Kirche tut man sich schwer, Deutungshoheit "
Deutungshoheit über wen ? Über den Menschen an sich ? Oder über die Wahrheit ?

" Eine "Wahrheitskommission", angesiedelt beim Bundestag und mit dem Ziel, sexualisierte Gewalt in allen Bereichen der Gesellschaft aufzuarbeiten, wie sie Betroffene fordern, halten mittlerweile auch etliche evangelische Bischöfe und Bischöfinnen für eine gute Idee. "

Da sich die potenziellen Opfer und ihre zukünftigen Täter noch lange nicht werden selbst helfen können, ist es wohl am besten so.

" In der Vergangenheit jedenfalls hat das den Kirchen oft gutgetan."
Die Wahrheit tut immer gut.