Kommentar: Corona und das Klima

Haltet das Klima da raus!
Warum der häufige Vergleich von Corona- und Klimakrise dem Kampf gegen die Erderwärmung schadet

Vor einem Jahr wusste noch niemand, was mit Corona auf uns zukommt. Aber in die Furcht vor Krankheit mischte sich auch eine Hoffnung: Wenn die Politik bei der Seuchenbekämpfung auf die Wissenschaft hört, entscheidet sie schnell und entschlossen. Das galt vielen als Blaupause für den Klimaschutz.

Nils Husmann

Nils Husmann studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er über ein Praktikum zu chrismon. Seit dem Umzug der Redaktion nach Frankfurt/Main ist er chrismon-Redakteur. Nils Husmann interessiert sich für die Themen Umwelt, Gesellschaft, Sport und - Menschen. Nils Husmann ist Herausgeber des Buches "You'll never walk alone" in der edition chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Mittlerweile hat das Credo "Listen to the Science!" – "Hört auf die Wissenschaft!" – für viele keinen guten Klang mehr. Virologen und Epidemiologen beraten die Politik - und die bestimmt, wie wir uns verhalten sollen. Modellierer können mit mathematischer Präzision vorhersagen, wann eine Krankheitswelle über uns hereinbricht. Dafür sollte man dankbar sein - aber ohnmächtig fühlt man sich doch.

Die Pandemie hat viele Menschen frustriert und verunsichert zurückgelassen, und der häufig bemühte Vergleich von Corona- und Klimakrise im Kampf gegen die Erderwärmung führt nicht weiter. Zum Beispiel: Bei Corona ringt die Wissenschaft auf offener Bühne um Erkenntnisse. Kein Wunder, das Virus ist noch jung. In der Klimaforschung hat sich längst ein überwältigender Konsens eingestellt, dass der Mensch das Klima gefährlich erwärmt. Wir wissen, was die Stunde geschlagen hat und was zu tun ist - und können aktiv werden. Das ist das Gegenteil von Ohnmacht.

Niemand kann allein das Klima retten

Ein weiterer eklatanter Unterschied: Bei Corona spielt jede und jeder von uns eine Rolle. Wir können potenzielle Superspreader sein, die andere infizieren, wir können aber auch uns und andere durch vernünftiges Verhalten schützen. Beim Klimaschutz schadet dieser Fokus auf unser individuelles Verhalten eher. Niemand kann allein das Klima retten.

Das beste Mittel gegen die Klimakrise ist eine entschlossene Dekarbonisierung: Wir müssen weg von fossilen Brennstoffen – von Kohle, Öl, Diesel, Benzin, Gas (und übrigens auch von der Atomenergie). Die Alternativen sind der "Impfstoff gegen die Klimakrise" - es sind die erneuerbaren Energien, und ihre Nebenwirkungen sind durchweg positiv: Die Luft wird besser, Solar- und Windindustrie schaffen Arbeitsplätze. Das Geld für unsere Energie bleibt im Land, statt in Gegenden abzufließen, die häufig politisch instabil sind.

Technisch sind die Fortschritte im Bereich der regenerativen Energien enorm. Aber die politischen Widerstände sind ebenfalls riesig. Noch immer verdienen viele Unternehmen ihr Geld mit fossiler Energie. Ihre Interessen in die Schranken zu weisen und für eine Energiewende zu kämpfen, ist eine politische Aufgabe. Der ständige Verweis auf unser Verhalten als Individuen lenkt nur von dieser notwendigen Auseinandersetzung ab.

Der Klimaschutzbewegung kann man nur raten, keine reine Verzichtsdebatte zu führen. Die Gesellschaft ist coronamüde. Man kann sich leicht vorstellen, dass sich bald schon ein postpandemischer Hedonismus breitmachen wird. Wem wollte man verdenken, dass man das Leben wieder genießen will? Der Fokus der Klimaschützer:innen muss darauf liegen, die Grundlagen unserer Lebensweise "erneuerbar" zu machen.

Schwierig und herausfordernd? Ja, und es bieten sich unendlich viele Möglichkeiten für Menschen, sich einzubringen und zum Beispiel lokale Energiegenossenschaften zu gründen. Unmöglich? Nein!

Die Sonne schickt uns 15.000 Mal mehr Energie, als wir verbrauchen können.

 

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