Polizei-Rabbiner Shneur Trebnik über seine Arbeit

"Ich bin als Jude kein Schutzbefohlener und kein Sorgenkind"
Baden-Württemberg bekommt Polizeirabbiner

Stefan Puchner/picture alliance/dpa

Rabbiner Shneur Trebnik soll künftig angehenden Polizeibeamten notwendiges Wissen über das jüdische Leben in Deutschland vermitteln.

Baden-Württemberg bekommt Polizeirabbiner

Er leitet die jüdische Gemeinde in Ulm. Nun berät der Rabbiner Shneur Trebnik auch die Polizei in Württemberg.

chrismon: Sie teilen sich mit einem Kollegen in Baden-Württemberg das Amt als Polizeirabbiner, der erste in Deutschland. Was bedeutet das für Sie?

Shneur Trebnik: Tatsächlich stehe ich seit vielen Jahren mit der Polizei in Kontakt, vor allem, seit die Sicherheitslage immer bedenklicher wird. Allerdings war meine Arbeit ziemlich beschränkt auf Ulm, das soll sich künftig ändern. Als Polizeirabbiner bin ich Vertrauens- und Ansprechperson für Polizistinnen und Polizisten. Außerdem werde ich mich in die Ausbildung einbringen.

Was sollen junge Polizisten lernen?

Sie sollen lernen, was jüdisches Leben bedeutet. Wann Schabbat ist und warum und wie wir diesen Tag feiern. Jeder Polizist sollte einmal eine Synagoge besuchen und sich mit jüdischen Menschen unterhalten. Oft spricht man über Juden, aber nicht mit ihnen. Und so könnten Polizistinnen und Polizisten künftig besser verstehen, warum sie vor einer Synagoge Wache stehen. Im Grunde geht es um Ethik und Zivilcourage. Manchmal muss man den Mund aufmachen. Denn dann passiert etwas.

Shneur Trebnik

Shneur Trebnik, Jahrgang 1975, ist seit 2021 Polizeirabbiner in Württemberg.

Britta Rotsch

Britta Rotsch ist freie Journalistin in Reutlingen und Wien.
PrivatBritta Rotsch

Glauben Sie, dass sich dadurch etwas in der Polizeiarbeit ändern kann?

Auf jeden Fall. Ein Beamter fragte mich mal: Warum spielen Juden immer noch eine Opferrolle? Seine ersten Assoziationen zum Judentum waren offensichtlich Holocaust und Antisemitismus. Dabei könnte einem dabei doch wirklich viel mehr einfallen, jüdisches Leben gibt es in Deutschland immerhin seit 1700 Jahren. Die Menschen müssen verstehen: Ich bin als Jude kein Schutzbefohlener und kein Sorgenkind. Wir sind normale Bürger dieses Landes. Sicher muss die Polizei an bestimmten Tagen Orte sichern und Vorkehrungen treffen – es gab schließlich Anschläge und Attentate. Als ich dem Beamten, der mich auf die Opferrolle angesprochen hatte, erklärte, dass bei einem Fußballspiel die Polizei ja ebenfalls anrückt und aufpasst, verstand er auf einmal.

Mit welchen Themen kommen Polizistinnen und Polizisten noch zu Ihnen?

Mit allem Möglichen, auch jenseits von Religion. Es geht viel um Einsamkeit, Probleme und Herausforderungen. Einmal kamen auch Fragen, nachdem jemand eine Aussage aufgeschnappt hatte: "Israelis klauen Europäern die Impfstoffe." Dann ist meine Arbeit: zuhören und aufklären. So gut ich kann.

"Da wird mal ein Judenwitz gemacht, ohne darüber nachzudenken"

Sie wissen, dass es antisemitische und rassistische Chats unter Polizisten und Polizistinnen gibt. Wie gehen Sie damit um?

Ich glaube, dass das ein gesamtgesellschaftliches Problem ist und nicht bloß eines innerhalb der Polizei.

Das macht die Sache nicht besser.

Ja, ich möchte das jetzt auch nicht herunterspielen. Es gibt innerhalb der Polizei eine kleine Minderheit, die sich rechtsextremistisch äußert. Was mich aber vielmehr beunruhigt, sind schweigende Kolleginnen und Kollegen. Die, die etwas mitbekommen, aber nichts sagen, nichts unternehmen. Die Frage ist doch: Wie gehen wir mit denjenigen um, die schweigen?

Und was wäre die Antwort?

Wir müssen mehr miteinander reden. Menschen, die extremistisch denken, kann ich nicht in einem einzigen Gespräch umstimmen. Aber dafür andere. Da wird mal ein Judenwitz gemacht, ohne darüber nachzudenken. Meine Aufgabe ist es, zu sensibilisieren. Ich erkläre dann, dass solche Witze verletzend sind. Und dass letztlich der Holocaust auch im Kleinen anfing.

Sie möchten auch, dass die Polizisten da draußen besser zuhören.

Ganz genau. Nehmen wir den Anschlag von Halle. Ich bin sicher: Es gab Dutzende Menschen, die im Vorfeld etwas gehört, gesehen oder gespürt haben, aber nichts unternahmen. Vielleicht verstanden sie den Ernst der Lage nicht, oder die Situation erschien ihnen zu heikel. Zwei Menschen starben an diesem Tag. Aber wenn sich jemand aus den Reihen der Mitwisser gemeldet hätte, wären die Opfer vielleicht noch am Leben.

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