Corona: Jugendhilfe im Lockdown

"Die Betreuer können nicht allen gleichzeitig helfen"
Jugendhilfe in Corona-Zeiten

Getty Images/Vladimir Vladimirov

Concept for coronavirus and social distancing

Dafür helfen sich die Jugendlichen untereinander. Über die guten und die schlechten Seiten des Lockdowns in der Jugendhilfe. Ein Interview mit dem Sozialpädagogen Daniel Kiene von der Diakonie Himmelsthür in Hildesheim.

chrismon: Herr Kiene, wie wirkt sich ein Lockdown auf die Gefühle von Kindern und Jugendlichen in Wohngruppen der Jugendhilfe aus?

Daniel Kiene: Wir haben zwei Wohngruppen für 13- bis 16-Jährige mit je elf Jugendlichen. Und eine mobile Betreuung, bei der wir momentan vier 16- bis 18-Jährige in ihren eigenen Wohnungen betreuen. Schon im ersten Lockdown mussten sich alle daran gewöhnen, dass es Kontaktbeschränkungen gibt. Wie oft jedes Kind seine Eltern sehen darf, ist individuell verschieden, das regelt das Jugendamt. Für manche war es schwierig, ihre Eltern und Freunde seltener sehen zu dürfen. Insgesamt war die Spontaneität weg. Die Jugendlichen verbringen jetzt mehr Zeit mit sich selbst. Das hat gute und schlechte Seiten.

Was ist gut daran, weniger Freizeitaktivitäten zu haben und seltener Freunde zu treffen?

Homeschooling ist für alle Beteiligten eine Herausforderung. Die Jugendlichen schlafen länger, die äußere Struktur der Tage fehlt. Dadurch zieht sich das Lernen an manchen Tagen von 8 Uhr bis 19 Uhr hin. Die Betreuer können nicht allen gleichzeitig helfen. Dafür helfen sich die Jugendlichen jetzt mehr untereinander. Der Zusammenhalt in den Gruppen ist gewachsen. Die Jugendlichen spielen mehr Gesellschaftsspiele. Und die, die sonst viel draußen unterwegs waren, sind jetzt besser greifbar. An den Wochenenden frühstücken die Gruppen zusammen, auch das ist etwas Schönes.

Daniel Kiene

Daniel Kiene ist Diplom-Sozialpädagoge und Leiter des Kinder- und Jugendbereichs bei der Diakonie Himmelsthür mit Sitz in Hildesheim. Er ist zuständig für die Betreuungsangebote und damit für 75 Kinder und Jugendliche sowie 75 Mitarbeiter:innen.  Die Jugendlichen stammen zum Teil aus Familien, in denen ihr Kindeswohl gefährdet war, teilweise leiden sie unter psychischen Erkrankungen. Seit der Corona-Krise schreibt Kiene nicht nur Hygienekonzepte und schichtet Dienstpläne um, sondern hat auch ein Auge darauf, dass die betreuten Kinder und Jugendlichen im Lockdown nicht zu kurz kommen.
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Karina Scholz

Karina Scholz ist freie Autorin. 
PrivatKarina Scholz

Abstand halten und Maske tragen, klappt das?

Wir haben für alle unsere Bereiche Hygienekonzepte erarbeitet und waren überrascht, wie gut die Umsetzung tatsächlich klappte. Ans Maske-Tragen haben sich die Jugendlichen schnell gewöhnt, das ist mittlerweile ein Automatismus geworden. Ein Problem für unsere Betreuer ist, dass sie die Kontaktbeschränkungen in der Freizeit nicht kontrollieren können. Die Jugendlichen sagen zum Beispiel, sie würden spazieren gehen - aber kein Jugendlicher geht mehrere Stunden spazieren und ist bei dem Wetter nicht mal nass oder dreckig. Dass die Jugendlichen sich stattdessen mit Freunden treffen, wissen unsere Mitarbeiter, aber sie können es nicht ändern, sondern nur aufklären und appellieren.

Wie läuft der Betrieb, wenn Erzieher:innen oder Kinder in Quarantäne müssen?

Zum Glück hatten wir nur einen Fall, bei dem ein Jugendlicher in Quarantäne musste. Er hatte das erst nicht ernst genommen und ist einfach zum Sport gegangen. Ein Mitarbeiter aus der mobilen Betreuung hat ihn dort abgeholt. Der Jugendliche musste für die Zeit der Quarantäne in seiner Wohnung bleiben und beschäftigte sich mit Fernsehen und Computerspielen. Unsere Mitarbeiter:innen hielten engen telefonischen Kontakt mit ihm. Dinge des täglichen Bedarfs wurden ihm vor die Tür gestellt. Er hat das tapfer gemeistert. Wäre das in einer Wohngruppe passiert, hätte er in seinem Zimmer isoliert werden müssen. Bei Quarantäne läuft unser Betrieb ganz normal weiter. Bisher haben wir es hinbekommen, die vorübergehende Personalnot in einem Bereich durch Einsatz von Mitarbeiter:innen aus anderen Bereichen zu kompensieren. Hätten wir einen hohen Krankenstand beim Personal, würden wir Probleme bekommen.

Bestimmt hat sich Ihre Arbeit im letzten Jahr verändert ...

Ausflüge sind selten geworden, die Arbeit hat sich nach drinnen verlagert. Die Vorsichtsmaßnahmen sind allgegenwärtig. Unser integrierter medizinischer Dienst hat auch die Heilerziehungspfleger so geschult, dass sie selbst Corona-Schnelltests durchführen können. Alle Bewohnerinnen und Bewohner, die zu Hause bei den Eltern waren, werden nach ihrer Ankunft neu getestet. Unsere Jugendlichen finden am schlimmsten, dass momentan kein Friseur aufhat. Aber da werden sie mittlerweile sehr kreativ untereinander.

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