Thomas Müller: so heißen viele

Ich heiße Thomas Müller
Ich heiße Thomas Müller

Yoav Kedem

Er sollte eigentlich Fußballer werden

Ich heiße Thomas Müller

Ein Allerweltsname und fünf ganz verschiedene Männer.

Thomas Müller, 47, Neunkirchen (Saarland): 

Zu meiner Geburt hat mir mein ­Vater ein Fußballtrikot geschenkt. Ich war sein fünftes Kind, aber sein erster Sohn. Später wollte er mich zum Fußballer machen, doch ich weigerte mich, trug lieber lange Haare und Ohrringe. Von da an gab es Reibereien zwischen uns – mein Vater war nicht gewohnt, dass nicht geschieht, was er will.

Mit sechzehn bin ich von zu Hause aus­gezogen, und weil ich Maskenbildner werden wollte, schnupperte ich bei einem Friseur. Als ich meiner ersten Kundin die Haare schnitt, war sie danach so glücklich, dass ich wusste: Ich will Friseur werden. Das hat mein Leben verändert: Früher war ich der zurückgezogene Einzelgänger, dann sah ich, dass ich gern mit Menschen zu tun habe. Jetzt kann sich niemand mehr vorstellen, dass ich früher wenig geredet habe.

"Ich habe zwei Häuser, drei Autos, sieben Hunde, aber am liebsten schneide ich immer noch Haare"

Nebenbei jobbte ich als Fensterputzer, an Tankstellen und auch als Go-go-Tänzer und Model. Als junger Mann war ich immer braun gebrannt und durchtrainiert. Die Leute erwarteten, dass ich Enrico oder Giacomo heiße – bei Thomas Müller waren sie ein wenig enttäuscht. Aber es gibt Schlimmeres.

Vor zwanzig Jahren gründete ich meinen eigenen Laden. Mittlerweile habe ich elf An­gestellte und bin der vielleicht ­berühmteste ­Friseur der Gegend. Ich war oft in der Zeitung und im Fernsehen. Der Laden ist meine Existenz, ohne ihn würde ich ein ganz anderes Leben führen. Ich habe zwei Häuser, drei Autos, ­sieben Hunde, aber am liebsten schneide ich immer noch einfach die Haare der Kunden.

Mein Vater war nie im Laden, sein ganzes Leben nicht. Aber als kurz vor seinem Tod eine schwere Operation bevorstand, sagte er, dass ich den Laden so weiterführen soll. Und dass er stolz auf mich ist. Manchmal vermisse ich ihn. Vor ein paar Jahren habe ich einen Mann geheiratet. Da hätte ich gern gewusst, was er davon hält.

Gabriel Proedl

Gabriel Proedl, 22, ist Reporter und freier Autor – dieses ist seine zweite Zusammenarbeit mit dem Fotografen Yoav Kedem.
PrivatGabriel Proedl

Yoav Kedem

Yoav Kedem, ­Foto­graf, 30, hat elf Thomasse ­getroffen. Er hat sie über Facebook, das Telefonbuch und Google ­gefunden, und er fand es immer ­witzig, den ­Menschen am ­Telefon sein ­Projekt zu ­erklären. Die ­meisten waren ­begeistert und wollten mit­machen.
PrivatYoav Kedem

Thomas Müller, 34, Berlin:

Ich hatte eine erfüllte Kindheit, mein Vater nahm uns am Sonntag mit zu Ausflügen oder ins Museum, er kannte sich gut in Geschichte und Religion aus. Vor allem mit Luther und ­Müntzer. Nach den beiden sind mein Bruder und ich auch benannt, er Martin, und ich Thomas.

 Er wollte eigentlich Drummer werden, hat nicht geklapptYoav Kedem

Als ich zwölf war, haben sich meine ­Eltern getrennt. Von da an wurde es schwierig. Ich wollte eigentlich Abi machen und ­studieren, aber es hat nicht geklappt. Ich wollte ­Drummer werden, aber habe es nicht geschafft. Ich wollte Gitarrist werden, aber habe mir die Hand ­gebrochen. Ich habe im Supermarkt ­Regale aufgefüllt, am Pfandautomaten Flaschen entgegengenommen, an der Kasse gesessen, war Gebäudereiniger, Grünanlagenpfleger und im Winterdienst. Ich habe Fleischer gelernt und bei Burger King gearbeitet.

"Ich will leben wie mein Großvater, er hatte einen Garten und hat nur von dem gelebt, was da wächst"

Jetzt bin ich Staplerfahrer in einer gro­ßen Firma. Ich arbeite im Schichtbetrieb, da bleibt nicht viel Zeit für Freunde – oder eine Frau. Einmal hat’s dann doch geklappt, über das Internet habe ich jemanden kennen­gelernt. Wir waren richtig verliebt und sind in Metal-Kneipen am Alexanderplatz abgehangen. Im zweiten Jahr ist unser Sohn geboren worden. Meine Freundin hat mich verlassen, weil ich zu wenig Zeit für sie ­hatte. Ich habe alles versucht, unsere Beziehung zu retten. Vielleicht war’s nicht genug und vielleicht zu viel. Wir haben viel gestritten und den Kontakt abgebrochen. Das letzte Mal ­habe ich sie vor sieben Jahren gesehen. ­Meinen Sohn vermisse ich sehr, ich weiß nicht, wie es ihm geht, ich kenne ihn nur als Baby. Seine Mutter hat mir gesagt, sie würde ihm nicht verraten, wer der Vater ist.

Die beiden leben immer noch hier, aber ich will aus Berlin abhauen, vielleicht nach ­Sachsen oder Thüringen. Ich will leben wie mein Großvater: Er hatte einen Garten und hat nur von dem gelebt, was dort wächst. Kartoffeln, Zucchini, Paprika, Gurken, ­Tomaten und die besten Erdbeeren, die ich je gegessen habe.

Thomas Müller, 56, Lachendorf (Niedersachsen):

Meine Eltern sind meine Vorbilder, ich wollte mein Leben immer so leben, wie sie es getan haben. Wie mein Vater habe ich mit siebzehn Jahren eine Schornsteinfegerlehre begonnen. Ich lernte, den Ruß zu entsorgen, damit der Schornstein nicht brennen kann. Und ich lernte, mit den unterschiedlichen Menschen zurechtzukommen.

 Morgens fegt er bei einer armen Frau, mittags beim BankdirektorYoav Kedem

Morgens fegst du bei einer armen alten Frau, mittags beim Bankdirektor oder einem Politiker. Mal bekommst du einen Kaffee angeboten oder ein ganzes Frühstück, oft wird ein bisschen geplaudert. Ein Schornsteinfeger muss auch ein guter Zuhörer sein.

"In der ­Freizeit ­fliege ich. Wenn ich allein fliege, denke ich ein bisschen über mein Leben nach"

Meinen Beruf habe ich immer geliebt. Erst an der Seite meines Vaters, jetzt selbstständig mit eigenem Unternehmen. Ich mag das, in die verschiedenen Häuser zu gehen und zu ­sehen, wie die Menschen leben. In einem Haus stapelt sich überall Müll und Gerümpel, im anderen stehen nur Designermöbel herum. In Klöstern kommt man in Gewölbeböden und von Kirchen hat man den besten Überblick: Ich sehe dann auf die Köpfe der Menschen, wenn unten ein Bauernmarkt stattfindet.

Manchmal wünsche ich mir mehr Zeit für meine Familie. Vor siebzehn Jahren ist meine Frau an Multipler Sklerose erkrankt, es geht ihr nicht gut. Ich kümmere mich um sie nach der Arbeit. Manchmal weiß ich selbst nicht, wo ich die Energie hernehme. Hoffentlich ­haben wir noch ein langes Leben gemeinsam.

In der Freizeit fliege ich ein bisschen Flugzeug. Ich habe kein eigenes, das kann ich mir nicht leisten, aber im Verein geht das. Mit ­einer kleinen Cessna drehe ich Runden in der Gegend. Wenn man da oben ist, ist alles vergessen. Meist fliege ich allein, da denke ich ein bisschen über mein Leben nach. Vor sechs Jahren hatte ich eine schwere Herz­operation, seitdem achte ich mehr auf mich. Ich versuche, weniger auf der Arbeit und mehr im Flugzeug zu sein. Manchmal fliege ich über das Haus meiner Eltern. Dann gehen sie vor die Türe und winken mir zu.

Thomas Müller, 59, Hanstedt (Niedersachsen): 

 Mein Stiefonkel hatte eine Voigtländer, die ich als Kind manchmal aus­leihen durfte. Sein Sohn und ich waren gut befreundet, manchmal haben wir die Kamera ge­nommen und sind nachts auf den Hügel unseres 800-Seelen-Dorfes an der Weser geradelt. Wir haben gewartet, bis der Mond richtig steht, die Kamera auf einem Stativ befestigt und im richtigen Moment abgedrückt. Mit der ­Kamera konnte ich Dinge sehen, die anderen Menschen gar nicht auffielen.

"Ich habe es nie zu großem Wohlstand gebracht. Aber vor meiner Haustür gibt es einen Fluss, in dem ich fliegenfische"

Mit zwanzig wollte ich von zu Hause weg, wollte mein eigenes Geld verdienen. Ich bewarb mich in einem Fotostudio in Hamburg – und ergatterte einen der begehrten Plätze. Als ich stolz wie Bolle meinen Eltern davon ­erzählte, sagten sie nur: "Willst du nicht was Anständiges machen, wie Onkel Wilfried? Der hat es beim Militär bis zum Major gebracht." Das hat mich tieftraurig gemacht.
Ich zog dennoch nach Hamburg und liebte die Stadt, die Arbeit, die Freiheit. Eines Tages kam eine Anfrage der bekannten Fotografin Annie Leibovitz, ob ich bei einem Shooting in Berlin ihr Assistent sein möchte. Wir arbeiteten so gut zusammen, dass mich Annie schließlich fragte: "Willst du mit mir nach New York?" Natürlich wollte ich.

 Mit der Kamera kann er Dinge sehen, die anderen nicht auffallenYoav Kedem

Ich war bei Shootings mit Michael Jordan und Sigourney Weaver dabei. Aber das ­wilde Leben in New York ist keines, das ich auf Dauer erstrebenswert gefunden hätte. Nach ein paar Wochen hatte ich Sehnsucht nach Hamburg. Ich flog zurück, machte mich als Fotograf selbstständig und fotografierte zum Beispiel Gerhard Schröder– ein Porträt wurde Coverbild seiner Biografie.

Ich zog mit meiner Frau zusammen, wir waren 26 Jahre ein Paar, gemeinsam haben wir einen Sohn. 2015 trennten wir uns. Ich habe es materiell nie zu großem Wohlstand gebracht – jetzt lebe ich in einem kleinen Wochenendhaus am Wald, das längst hätte abgerissen werden sollen. Direkt vor meiner Haustüre gibt es einen kleinen Fluss, in dem ich fliegenfische. Gern gehe ich auch im Wald spazieren und sammle Pilze.

Vor einiger Zeit wollte ich selbst durchs Land reisen und viele Thomas Müller foto­grafieren. Ich hatte schon einen Kulissen­maler, einen Drogendealer und einen Polizisten. Ich habe das Projekt aber nie umgesetzt.

Thomas Müller, 61, Hannover

Ende der 90er Jahre arbeitete ich als Vertreter in der Computer­branche und war viel in Ost­europa unterwegs. Einmal hatte ich in Bulgarien ein ­Riesen­geschäft ­abgeschlossen, über zwei Millionen Mark, und bin abends in mein Hotel zurückgekehrt. Im Flur gab es einen Spiegel, ich blieb ­stehen und betrachtete mich: Anzug, ­Krawatte, Akten­­koffer. Ich dachte mir: "Mein Gott, ­Thomas, das bist du doch gar nicht." Ich ­hatte Beziehungs­probleme und sah keinen Sinn in meiner Arbeit. Ich hatte das Gefühl, meine Seele schreit.

"Ich betrachtete mich im Spiegel: Anzug, Krawatte, Aktenkoffer. Ich dachte: Das bist du doch gar nicht"

Eine Bekannte hat dann gesagt: "Geh doch einmal zu einer Reiki-Stunde!" Ich solle meine Lebensenergie wiederfinden, meinte sie. Die Leute dort redeten mit Bäumen, sahen Farben und spürten Energien. Ich spürte nix. Aber ich wollte nichts ausschließen, was ich nicht mit Sicherheit wissen kann.

Ich habe alle möglichen Übungen mitgemacht. Anfangs klappte es nicht, aber irgendwann begann ich tatsächlich was zu spüren. Ich versuchte, in mein göttliches Sein zu ­kommen. Das hat nichts mit Religion zu tun, nein, aber dennoch bedienen sich Schamanen an spirituellen Wesen aus dem Buddhismus oder dem Christentum, zum Beispiel dem Erzengel Raphael.

 Was er tun kann: den Menschen Sicherheit gebenYoav Kedem

Ich habe mich dann vier Jahre lang zum Meister ausbilden lassen. Jetzt helfe ich ­anderen Menschen, ihren Weg zu finden. Es kommen alle mit dem gleichen Potenzial auf die Welt, nur viele wissen es nicht zu nutzen. Die meisten Menschen funktionieren eher – statt zu leben. Wenn ein Klient kommt, kann ich seine Energie spüren. Zuerst haben wir ein Gespräch, wo ich versuche herauszufinden, was er oder sie braucht. Wenn meine Klienten psychologische Probleme haben, rate ich ­ihnen, zum Facharzt zu gehen – denn dann kann ich ihnen nicht helfen. Später arbeite ich tief im Unterbewusstsein, zum Beispiel mit dem Mantra von Medizinbuddha ­Yakushi Nyorai aus dem japanischen Buddhismus: Om koro koro sendari matogi sowaka. Oder ich wende germanische Zaubersprüche an, die ich vorsinge, während ich trommle.

Viele Menschen sehen meine Arbeit kritisch, sie ist keinesfalls wissenschaftlich erforscht. Und es könnte auch sein, dass ich mir alles einbilde. Vielleicht ist die Kraft, die ich spüre, nur Teil des Placeboeffekts. Und wenn schon: Ist doch egal, solange es wirkt. Alles, was ich tun kann, ist, Menschen Sicherheit zu geben.

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Lesermeinungen

Und wissen Sie, was mich maßlos stört: Kein Thomas aus Bayern, BW, Hessen und NRW (hat so viel Einwohner wie die genannten 5 Bundesländer zusammen). Was soll das ganze Gejammere? Nebenbei: Ich komme aus Thüringen.
MfG
Siegfried Brandt

Sehr geehrte Chrismon-Redaktion,
immer freue ich mich, wenn meiner FAZ das Chrismon-Magazin beiliegt, enthält es doch viele interessante und zum Nachdenken anregende Artikel. Zur Ausgabe 02/2021 möchte ich diesmal jedoch eine kritische Anmerkung machen. Schon auf der Titelseite wird auf einen Artikel verwiesen „So heiß ich eben – Thomas Müller: ein Allerweltsname und fünf ganz besondere Menschen“. Ich trage auch einen – wie Sie schreiben – Allerweltsnamen und habe diesen nie als solchen empfunden. Namen, Vor- und Nachnamen, werden einem gegeben, wir können sie nicht ändern, und ich empfinde Ihre Formulierung als respektlos. Müller, Schmidt, Meyer, sind häufig vorkommende Namen und es gibt auch solche, die sehr selten vorkommen. Mit Namen also sollte man, finde ich, sehr sensibel umgehen und sie nicht mit einer Wertung in Verbindung bringen.
Nichts für ungut, ich freue mich schon auf die nächste Ausgabe!
Mit freundlichen Grüßen
Ursula Schmid

Hallo,
nett zu lesen – die fünf Portraits der Thomas Müllers. Laut Info hat der Fotograf elf Thomasse getroffen und sicher die fünf interessantesten ausgewählt. Aber wissen Sie, was mir maßlos stört? Wieso gibt es keinen Thomas Müller aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg, den es sich vorzustellen lohnt? 1 x Saarland, 1 x Berlin und 3 x Niedersachen sind dabei. Aber gar kein Thomas Müller aus dem Osten. Ich kann das einfach nicht glauben. Und diese Tatsache schmälert meine Lesefreude arg.
Beste Grüße sendet Simone Mellenetz