Jüdisches Leben in Berlin

Eine Frage der Herkunft
Jüdisches Leben

Kathrin Harms

Rosa Lyenska am Tor zur Synagoge in der Rykestraße, Berlin-Prenzlauer Berg

Jüdisches Leben

Rosa Lyenska hat spät erfahren, dass sie Jüdin ist. Sie will es auch sein. Aber geht das ohne Gott? Und muss sie dafür am Schabbat auf Strom verzichten wie ihre orthodoxen Freunde? Eine Entdeckungsreise.

Die Stolpersteine glänzen sogar an ­diesem grauen Wintertag. Rosa ­Lyenska beugt sich über sie und klebt zwei Zettel in Klarsichtfolie mit breitem Paketklebeband auf den Gehweg. Eine ältere Frau bleibt stehen und fragt: "Welche Fa­milie hat hier gewohnt?" Rosa Lyenska liest die acht Namen vor: Julius und Klara Adler mit ­ihren vier Kindern, dem Schwiegersohn und einer Nichte ­haben hier in der Großen Hamburger Straße in Berlin gelebt, bis sie Anfang der 1940er Jahre deportiert wurden. Fünf ­Familienmitglieder wurden in Auschwitz ermordet. 

Kristin Kasten

Für die Autorin Kristin Kasten war Religion immer mit Glauben verknüpft. Dass es auch anders geht, gefällt ihr.
Kathrin HarmsKristin Kasten

Kathrin Harms

Kathrin Harms, Foto­grafin, hätte gerne mehr von Rosa Lyenskas Alltag miterlebt, das war wegen Corona leider nicht möglich.
Privat

Rosa Lyenska hat die messingfarbenen Erinnerungssteine geputzt und eine Grabkerze dazu gestellt. Sie ist 22 Jahre alt, in Kassel aufgewachsen und studiert seit Oktober 2020 in Berlin Film. Von ihrer Familie mütterlicherseits sind auch die meisten Verwandten in der Shoah ermordet worden. "Als der Krieg anfing, haben meine Urgroßeltern in der Ukraine gelebt. Wir hatten eine große Verwandtschaft. Wohlhabende Familien, die sich alles selbst erarbeitet hatten", erzählt sie. Während Rosas Urgroßmutter mit ihrer Tochter nach Aserbaidschan floh, blieb der Rest der Familie zurück. "Die Deutschen haben sich nicht mal die Mühe gemacht, die Juden in ein KZ zu bringen. Sie haben sie einfach erschossen und in Massengräber ge­worfen." Einen Ort des Gedenkens gibt es nicht.

Die junge Frau schaut auf die aufgeklebten Zettel. "Jetzt stolpern die Menschen wirklich darüber." Sie ist Mitglied in der Jüdischen Studierendenunion, die mit dem Putzen und Schmücken der Stolpersteine die Blicke der Passanten auf sie lenken will. "Die Erinnerung an die Verstorbenen hat einen großen Wert im Judentum", sagt Rosa Lyenska. Sie ist nach ihrer Urgroßmutter benannt, doch hat sie sich ihre Familiengeschichte erst nach und nach erschlossen. "Als Kind war mir lange nicht klar, dass ich Jüdin bin. Ich weiß nicht, wie meine Eltern das geschafft haben, aber wir haben nie darüber geredet." Ihre Eltern kamen 1997 als Kontingentflüchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland. Erst die jüdische Mutter, später durfte auch der Vater nachkommen. 

Ohne Religion aufgewachsen

"Religion war ja in der Sowjetunion verpönt", sagt sie. Ihre Urgroßmutter sprach fließend jiddisch und trat in die kommunistische Partei ein. Danach entfernte sie sich nach und nach vom Judentum. Ebenso ihre Großmutter, die als jüdisches Kind angefeindet wurde und für ihre Tochter ein anderes Leben wollte. "Ich bin genau wie meine Mutter ohne Religion aufgewachsen", sagt Rosa Lyenska. Auch viele ihrer jüdischen Freunde kommen aus atheistisch lebenden Familien.

Heute haben die jüdischen Gemeinden in Deutschland knapp 95 000 Mitglieder, die meisten sind Migranten aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Ohne sie würde es jüdisches Leben hierzulande wohl nur noch in Groß­städten geben. Die Gemeinden könnten noch größer sein: Über die Hälfte der rund 220 000 Jüdinnen und Juden, die seit 1990 nach Deutschland eingewandert sind, wollten sich keiner Gemeinde anschließen oder wurden nicht aufgenommen, weil nur der Vater Jude war. Nach jüdischem Recht gilt nur als Jude, wer eine jüdische Mutter hat. 

 Rosa putzt und schmückt Stolpersteine. Sie freut sich, wenn Passanten
stehen bleiben
Kathrin Harms

Rosa Lyenska ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Dass sie sich dem Judentum verbunden fühlte, war für ihre Familie eine Überraschung. Als Kind lernte sie Russisch in einer Synagoge. "Für mich war es einfach die Russischschule", sagt sie heute. Als sie zehn Jahre alt war, schickten ihre Eltern sie zum ersten Mal in ein Ferien­lager der jüdischen Gemeinde. "Dort haben wir zwar gebetet, aber mir war nicht klar, dass ich selbst jüdisch bin." Eine Weile nannte sie sich "Halbjüdin" – den Nazibegriff hatte sie im Geschichtsunterricht aufgeschnappt. "Erst viel ­später habe ich erfahren, dass man immer jüdisch ist, wenn die Mutter jüdisch ist." Dann erwachte die Neugier: Sie las viele Bücher über jüdisches Leben, und auch auf den Freizeiten mit der jüdischen Gemeinde hat sie viel erfahren über das Judentum. "Aber", sagt Rosa Lyenska, "der spirituelle Zugang fehlt mir." Sie könne einfach nicht an einen Gott glauben.

"Im Judentum ist es dir überlassen, an was du glaubst", sagt sie, "es gibt kein Glaubensbekenntnis. Niemand hat Gott gesehen, keiner kann dir sagen, was oder wie Gott ist." Das Judentum überdauere die Zeiten durch seine ­Traditionen und seine Werte. Und das Gefühl, der ­jüdischen Gemeinschaft verpflichtet zu sein. "Wenn ich mich vom Judentum abwende, endet eine jüdische Fa­miliengeschichte, die über viele Generationen reicht." Sie spürt einen Druck, empfindet ihn aber nicht als Last. Sie möchte das jüdische Leben in Deutschland fortführen, weil die jüdischen Traditionen zu einem Anker in ihrem Leben geworden sind. Und sie tut es für ihre Vorfahren, für die Opfer der Shoah und für die Überlebenden. 

Verantwortung übernehmen

Rosa Lyenska möchte aufklären über das Judentum und Nähe ermöglichen. Auch durch Aktionen wie an diesem No­vembertag. "Sie bleiben wirklich ­stehen!" Sie freut sich und schaut dem Paar zu, das sich jetzt über die Zettel beugt. Die Studentin arbeitet im Jugendzentrum der ­jüdischen Gemeinde mit, bei dem Begegnungsprojekt "Meet a Jew", und auch wenn sie sich für den Umweltschutz engagiert, hat das mit ihrem Jüdischsein und den jüdischen Werten zu tun – damit, dass sie Verantwortung über­nehmen will.

Jeden Freitagabend zu Beginn des Schabbat geht sie in ihre Lieblingssynagoge in der Charlottenburger Pestalozzistraße, ein rotes Backsteingebäude, das sich in die Häuserfassade einschmiegt. "In die Synagogen ­kommen fast nur noch alte Menschen. Wenn wir Jungen nicht hingehen, gibt es die Synagogen bald nicht mehr." 

Sie hat ihren eigenen Kompass

Dieses Verantwortungsbewusstsein habe ihr nie jemand aufgezwungen. Es ist ihr wichtig, das klarzustellen. Und auch wenn sie nicht an Gott glaube, fühle sie sich nie "fake" in der Synagoge. "Die orthodoxen Juden sagen, jeder Jude ist ein Juwel, der mit seinem Potenzial irgendetwas zum Judentum beiträgt." Rosa Lyenska hat viele orthodoxe Freunde, die nach strengen religiösen Regeln leben. "Sie tragen lange Röcke, beten jedes Mal, bevor sie etwas ­trinken, benutzen am Schabbat keine elektrischen Geräte", sagt sie, "und das akzeptiere ich." Wenn sie am Schabbat bei ihnen zu Besuch ist, hält sie sich an die dort geltenden Regeln, benutzt keine Lichtschalter, reißt kein Papier, isst koscher. "Zwischen uns als Menschen sehe ich keine Unter­schiede." Manchmal diskutieren sie über die Auslegung des Judentums, etwa über die Kleidungsvorschriften. "Ich finde es nicht gut, wenn man die Religion auf Kleidung reduziert", sagt Rosa Lyenska, "und ich verstehe nicht, warum Rabbiner, die etwas vor 500 Jahren gesagt haben, heute einen höheren Stellenwert haben als ein Rabbiner, der jetzt eine völlig neue Interpretation für sich gefunden hat."

 In der Großen Hamburger Straße wohnten die Adlers mit vier Kindern, Schwiegersohn und Nichte. Sie waren SintiKathrin Harms

Die junge Frau hat ihren eigenen Kompass durch den Alltag entwickelt. ­Anders als ihre orthodoxen Freunde benutzt sie am Schabbat den Fahrstuhl und ihr Handy, versucht aber, Plastik zu vermeiden, indem sie möglichst unverpacktes Gemüse und Obst kauft. Am Schabbat danke man der Schöpfung – "und das ist meine Interpretation".

Nur manchmal sorgt sie sich, ob sie ihren späteren Kindern den Glauben authentisch wird vermitteln können, da sie weder an Gott noch an ein Leben nach dem Tod glaubt. "Es wäre vielleicht schön, wenn man das Gefühl hätte, dass nach dem Leben noch etwas kommt", sagt die junge Frau, aber der Glaube lasse sich nicht erzwingen. Das sei schade, aber es stürze sie auch nicht in eine existenzielle Krise. Sie will mit ihren Kindern am Schabbat in die Synagoge gehen, jüdische Lieder singen, am Abend gemeinsam die Thora lesen. Und den Kindern Fragen zum Judentum stellen, ihre Neugier wecken. Wissen wollen, Bildung, auch das sei typisch in der jüdischen Kultur. "Meine Oma hat meiner Mutter immer gesagt, du bist jüdisch, du musst die Beste in der Schule sein." Wenn es wieder zu Pogromen käme, könne sie nichts mitnehmen, außer ihrer Bildung. 

Warum haben nur wenige geholfen?

Wenn Rosa Lyenska die Stolpersteine putzt und schmückt, fragt sie sich oft, warum niemand den ­Menschen geholfen hat. Von Familie Adler haben drei Menschen die Verfolgung überlebt. Das Schicksal an­derer Verwandter ließ sich nicht rekonstruieren, steht auf einem der Stolpersteine. Jüdisch war die Familie Adler nicht. Die Gedenktäfelchen erinnern mittlerweile auch an Widerstandskämpfer, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Opfer der Euthanasie und an Menschen, die von den Nazis als "asozial" geächtet wurden.

"Ich habe mir eine deutsche Sinti-Familie ausgesucht, weil im Holocaust nicht nur Juden gestorben sind", sagt Rosa Lyenska. Sie ist auf der Internetseite der Koordinierungsstelle Stolper­steine Berlin auf die Geschichte der Adlers gestoßen. "Die Sinti waren wie die Juden absolut integriert, man hätte ihnen gar nicht angemerkt, dass sie nicht ursprünglich deutscher Herkunft sind." "Wie wunderbar, dass an diese Familie erinnert wird", hatte die ältere Dame zum Abschied gesagt.

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