Volker Kutscher über Schuld und Zivilcourage

"Nix ist okay!"
Fragen an das Leben - Volker Kutscher

Dirk von Nayhauß

Volker Kutscher: Mit 18 hätte er fast die Schule geschmissen. Heute ist er Bestsellerautor

Fragen an das Leben - Volker Kutscher

Bio kaufen und Müll trennen reicht nicht, um die Klimakrise zu verhindern. Da hat seine Generation versagt, findet der Schriftsteller Volker Kutscher.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Beim Schreiben. Ich bin, wenn es gut läuft, in einer ­Trance, bin komplett drin in einer Figur, in einer Szene. Aber solche Tage sind selten. 2003 habe ich mit den Gereon-​Rath-Romanen angefangen, da hatte ich nicht mal einen Verlag. Damals hätte ich mir natürlich nicht erträumt, dass daraus die Serie "Babylon Berlin" entstehen würde! Stolz wäre der falsche Begriff, aber ich bin total glücklich.


Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Kinder an die Macht – davon halte ich nichts. Ich glaube, dann wird die Welt noch brutaler, als sie ohnehin schon ist, die können sehr egoistisch sein. Aber ich bewundere Kinder, wie offen sie die Welt betrachten, da geht mir das Herz auf. Das versuche ich, mir auch zu bewahren.

Volker Kutscher

Volker Kutscher, ­geboren 1962, hat mit seinen Romanen die Vorlage zur TV-Serie "Babylon Berlin" geschrieben. Er studierte Germanistik, Philosophie sowie Geschichte und leitete bei der "Kölnischen Rundschau" die Lokalredaktion ­Wipperfürth. 2007 ­erschien der erste ­Gereon-Rath-Krimi, gerade veröffentlichte er mit "Olympia" Band acht (Piper, 24 Euro). Die Romanreihe hat eine Gesamtauflage von 2,5 Millionen. ­Kutscher erhielt verschiedene Literaturpreise, darunter die Herzogenrather Handschelle und den Burgdorfer Krimipreis. Er hat eine ­erwachsene Tochter und lebt in Köln und Berlin.
Dirk von NayhaußVolker Kutscher

Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß absolvierte die Journalistenschule Axel Springer und studierte Psychologie in Berlin (Diplom 1994). Heute arbeitet er als Journalist, Buchautor und Fotograf (vertreten durch die renommierte Fotoagentur Focus) in Berlin. Für chrismon macht er sowohl die Interviews als auch die Fotos der Rubrik "Fragen an das Leben".
Dirk von Nayhauß

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Nein. Aber wenn man über die von Gottfried Wilhelm Leibniz gestellte philosophische Urfrage nachdenkt: "Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?", bekommt man eine Ahnung vom Göttlichen. Dieses "Überhaupt-​​­Etwas" ist ja nicht nur Energie und Materie und die Unendlichkeit des Universums, es meint das Sein als solches. Das ist außerhalb unserer Vorstellungskraft. Obwohl ich nicht im katholischen Sinne an Gott glaube, bin ich noch nicht aus der Kirche ausgetreten. Ich bin rheinisch-katholisch sozialisiert, nicht römisch-katholisch, und das heißt: Lass die reden in Rom, wir machen das so, wie wir es für richtig halten. Wenn ich allerdings sehe, wie die Kirche mit den Missbrauchsfällen umgeht und umgegangen ist, fällt es schwer, diese Einstellung durchzuhalten.
 

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Das ist ein Problem, ich sehe gern die Schuld bei mir. Vielleicht habe ich zu wenig gebeichtet? Aber ernsthaft: Diese wütenden Fragen der 68er an ihre Eltern, die werden jetzt uns Boomern gestellt: "Warum habt ihr nichts gemacht?" Seit 30 Jahren kennen wir die Wahrheit um den Klima­wandel und schauen weg. Anfang der 1980er waren wir auch schon umweltbewegt, haben gegen Atomkraft ­demonstriert, aber wir haben uns einlullen lassen. "Ich kauf Bio, trenne meinen Müll – und dann ist alles okay." Nein, nix ist okay! Welche Schuld hat unsere Generation auf sich geladen? Ich fürchte, mehr, als wir wahrhaben wollen.
 

Muss man den Tod fürchten?

Nein. Es hilft ja nichts, wir sind alle sterblich. 2007 habe ich in Venedig eine Videoinstallation des chinesischen Künstlers Yang Zhenzhong gesehen: In vielen Sprachen der Welt haben Menschen nur diesen einen Satz gesagt: "Ich werde sterben." Die einen haben gekichert, andere sagten es ganz ernst. Diese ganz banale Wahrheit, die man immer wegschiebt.
 

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die meiner Freundin, die meiner Tochter, die jener Menschen, denen es egal ist, dass ich erfolgreich Romane schreibe. Alles könnte den Bach runtergehen – sie würden trotzdem zu mir stehen. Eine Liebe, die unerschütterlich ist, die macht glücklich.

 

Was hätten Sie gerne mit 16 gewusst?

Eigentlich nicht mehr, als ich damals gewusst habe, auch wenn ich mit 16 nicht sehr glücklich war. Aber da muss man durch, finde ich. Mit 18 wollte ich die Schule hinschmeißen und nur noch Musik machen. Das habe ich einem Punk aus Köln erzählt, der ein paar Jahre älter war und den ich cool fand. Der meinte nur: "Bist du bescheuert? Ein Schuljahr, dann hast du den Schein." Ich hab mein Abi dann gemacht.
 

Wofür setzen Sie sich ein?

Geschichtsvergessenheit ist sehr gefährlich. Ich hoffe sehr, dass sich meine Leser die Frage stellen: Wie konnte es passieren, dass 1933 dieses unvorstellbar brutale Nazi-Regime an die Macht kam? Man kann gar nicht oft genug daran erinnern. Ich war mir immer sicher, dass unsere Demokratie stabiler ist als die Weimarer. Heute bin ich es nicht mehr, es sitzen wieder Faschisten in deutschen Parlamenten. In solchen Zeiten muss man Zivilcourage zeigen. Kommt jemand mit rassistischen Sprüchen, darf man nicht denken: Ach, mit Onkel Theo können wir nicht reden. Sondern gerade mit Onkel Theo! Das sind die Momente, in denen man sich entscheiden muss. Am gefährlichsten ist Gleichgültigkeit.

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