Die Geburt Jesu in der Kunst

Siân DaveySiân Davey/Save the Children
Jetzt endlich: Die Geburt
Siân Davey

Siân Davey/Save the Children

Zeitgenössische Kunst zeigt, wie verstörend Geburt und Kindheit sein können. Auch im Stall in Bethlehem war es ungemütlich.

Weihnachten ist eine große Ge­burtstagsparty. Doch wer sich in der darstellenden Kunst umtut, muss feststellen: Bei Christi Geburt fehlt immer – die Geburt. Über die Jahrtausende ist kaum jemand auf die Idee gekommen, sich dem eigentlichen Akt des Auf-die-Welt-Kommens zu widmen. Vielleicht, weil bei einer Geburt ausnahmsweise nicht der Mann im Mittelpunkt steht und man sich die Ankunft des Heilands nicht mit dem von schmerzhaften Wehen entstellten Ge­sicht Marias vermiesen lassen wollte. Oder man war einfach nur froh, dass wenigstens diese Geburt offenbar so vollkommen frei von Komplikationen verlief. 

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
PrivatLukas Meyer-Blankenburg

Während also frischgebackene Mütter Freunden und Verwandten heute lang und breit erzählen müssen, wie "es" war, hatte Maria wohl nicht viel zu berichten. Das Kind lag einfach plötzlich da. Trotzdem erstaunlich, dass es im 21. Jahr­hundert noch erstaunlich ist, wenn sich Künstlerinnen und Künstler mit dem Akt der Geburt auseinandersetzen. Die Jahrhunderte christlich geprägter Bildsprache haben offenbar bis heute gewisse Motivlücken hinterlassen.

Was für eine Sache, so eine Geburt!

Eine Künstlerin, die sich des Themas annimmt – ohne dass es ihr auch nur entfernt um Religion geht – ist die britische Fotografin Siân Davey. In ihrem Bild "Labour" von 2018, das über­setzt so viel wie Arbeit, Mühe oder Wehen bedeutet, zeigt sie keine moderne Maria. Sie begleitete einfach eine 37-jährige Spätgebärende, die lange kinderlos blieb.

Nun mag man einwenden: Auch dies sei ein klassisch biblisches Motiv. Sara, Mutter des Erzvaters Isaak, Hanna, Mutter des Pro­pheten Samuel, Marias Cousine Elisabeth, Mutter Johannes des Täufers – sie alle wur­den lange nicht schwanger. Die hier abgelichtete Ellen hatte es jedenfalls mehrere Jahre versucht, inklusive zweier Fehlgeburten, ehe es mit dem Mutterwerden klappte. Davey begleitete Ellen während ihrer Schwangerschaft, der Geburt ihres Kindes und den ersten Wochen danach und doku­mentierte mit der Kamera, was mit einer Frau in dieser Zeit geschieht.

In diesem Bild schafft Davey eine Art moderne Krippenszene im Kreißsaal, stellt aber nicht das Baby, sondern die gebärende Frau in den Mittelpunkt: Mit ihrem Partner zusammen blickt der Betrachter auf die konzentrierte Ellen. Die Lampe oben links sorgt für das nötige Spotlight. Ellen liegt nicht darnieder, wie es von Gebärenden gern heißt, sondern sie sitzt aufrecht, fast stolz in der Badewanne. Die wiederum versperrt den Blick auf große Teile ihres Körpers und öffnet damit Raum für die Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Kind auf die Welt zu bringen. Und trotzdem: Eine gewisse Distanz, fast schon Kälte, bleibt. Wirklich gemütlich ist die Kreißsaalkrippe nicht, kein warmer Kerzenschein, kein golden-flauschiges Stroh.

Viel Nähe und Liebe

Davey hat vor ihrer Zeit als Kunstfotografin jahrelang als Psychotherapeutin gearbeitet. Sie weiß, was Menschen um­treibt. In ihrer Arbeit porträtiert sie das ganz gewöhnliche Familienleben. Dort beobachtet sie nach eigener Aussage eine besondere Nähe und Liebe der Menschen zueinander. Diese Nähe stehe in Kontrast dazu, wie Menschen wohnen und arbeiten – selbst viele aus der sogenannten gesell­schaftlichen Mitte, nämlich prekär: mit hohen Lebenshaltungskosten, Druck bei der Arbeit. Nicht selten müssen beide im Job bleiben, um die Familie zu ernähren.

Auch in diesem Sinne taugt das Bild als Weihnachtsmotiv. Prekäre Verhält­nisse darf man Marias Familie durchaus attestieren. Selbst wenn es das Jesuskind noch recht gemütlich hatte, die Welt da draußen war nicht gerade nett zu ihm. Was die Künstlerin darüber hinaus aber liefert, ist ein feministischer Denkanstoß für das zweitwichtigste Fest der Christenheit: Was, wenn ausnahmsweise mal nicht das Geburtstagskind im Mittelpunkt stünde, sondern seine Mutter?

 The estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner, Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York

Der Mensch als Zwiebel – diese Alle­gorie hat in der deutschen Kunstszene kaum jemand derart ausdauernd und nachdenklich bearbeitet wie Jörg Immendorff. Mit beachtlichem Erfolg. Der 2007 verstorbene Maler, der die letzten Jahre seines Lebens wegen einer Nervenkrankheit im Rollstuhl verbrachte, wurde schon zu Lebzeiten als "Historienmaler der Gegenwart" gerühmt.

Mit den Mächtigen war er per Du und einem Kanzler Gerhard Schröder, wie dieser sagte, ein "unbequemer Freund". Von Joseph Beuys an der berühmten Düsseldorfer Akademie unterrichtet, klopfte er Staat und Gesellschaft mit Dada-Aktionen und knalligen Bildern auf die Finger, befasste sich intensiv mit der deutschen Geschichte, studierte Karl Marx, hörte Rudi Dutschke. Am Ende seines Lebens, als er schon schwer krank war, machte eine Party mit Drogen und Prostituierten mehr Furore als seine Kunst. All das (und zugegebenermaßen noch viel mehr) sind die Hüllen der Zwiebel Jörg Immendorff, um zum Bild zurückzukommen.

Ein bisschen Zwiebel steckt in jedem

Den Vergleich von Mensch und Zwiebel hat auch der Künstler von Peer Gynt, einer Art norwegischer Faust, angestellt, nur gerissener. In dem Drama "Peer Gynt" von Henrik Ibsen lässt dieser seinen Helden darüber sinnieren, dass der Mensch aus vielen Schalen bestehe, aber keinen Kern habe. Jede Schale oder Hülle ­stehe für bestimmte Vorstellungen, Ideologien und Identitäten, die das menschliche Wesen als Ganzes ausmachen.

So ist wohl auch dieses Bild von Jörg Immendorff zu lesen: Denn die halb liegende Frau gebiert keinen Menschen – oder doch einen ­Menschen, aber einen in Form einer großen Zwiebelknolle, andächtig umstanden von allerlei Geistesgrößen aus dem Leben des Künstlers: links etwa der Dichter himself, Henrik Ibsen mit Backenbart, ganz rechts mit Vollbart wohl der DDR-Maler A. R. Penck, ein von seinem Staat nicht zu zähmender, widerspenstiger Künstler, zu dem Jörg Immendorff eine enge Beziehung pflegte. Unter ihm, der junge Mann mit ausladendem Riechorgan, könnte Rudi Dutschke sein. Und in der gut ausgeleuchteten, heimlichen Bildmitte thront, so muss man fast schon sagen, Professor Joseph Beuys.

Und wen prägen Sie?

Jörg Immendorffs "Gyntiana – Geburt Zwiebelmann" gehört schon ins Spätwerk des Malers. Nicht mehr ganz so witzig, aber immer noch knallig – und voller Anspielungen. Steht da nicht ein Tulpenstrauß auf dem Tisch? Würde ja zur Zwiebel passen – und zur tendenziell pessimistischen Gegenwartsanalyse des Malers, den beispielsweise befremdete, als mit Kanzlerin Angela Merkel der Baselitz im Kanzleramt durch ein Werk Kokoschkas ersetzt wurde – die Rückkehr des Neo-Bieder­meiers, wie Immendorff fand.

Die Tulpen lassen sich als Sinnbild für den ersten großen Börsencrash der Menschheit lesen, ­eine Folge der Tulpenmanie im 17. Jahr­hundert, als noch nicht Immobilien und Staatswährungen, sondern Tulpenzwiebeln Spekulationsobjekt Nummer eins waren. So steckt plötzlich etwas von düsterer Vor­ahnung im schönen Schein der Blumen. Und die wird nur bestärkt durch den im Hintergrund umherspringenden Ziegenbock – ­Symbol des Teufels bei Renaissancemalern wie Hans Baldung Grien, auf den Immendorff in seinem Werk immer wieder anspielt.

Im offenen Bauch der Dame lässt sich ein Goldgräber bei der Arbeit beobachten, womit sich der Kreis zu Peer Gynt schließt. Der war im übertragenen Sinne auch ein Goldgräber, der mit Hochstapelei und dreisten Lügen zu gewissem Reichtum kam, nur, um am Ende von Drama und Leben verarmt, aber glücklich sich Gott zuzuwenden und doch noch sein Land Gyntiana zu finden. Gemeint ist eine Mischung aus Sehnsuchtsort und geistigem Rückzugsraum, etwas, das jede Menschenzwiebel mit sich herumträgt.
Mit seinem Zwiebelbild hat Jörg Immen­dorff der Kunstwelt also eine Art Jedermanns-Bild hinterlassen. Es funktioniert gut als Spiegel – oder anders gefragt: Welche ­Menschen haben Sie geprägt?

 Arno Rink, Terror II, 1978/79, 160 x 255 cm, Öl auf Holz, MDBK Leipzig, VG Bild-Kunst Bonn, 2020

Eine schwangere Studentin machte Arno Rink zum Künstler. Weil die junge Frau ihr Studium nicht fortsetzen konnte, bekam Rink nach langem Warten doch noch einen Platz an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst – und Deutschland einen seiner prägendsten Maler der vergangenen 50 Jahre.

In der DDR aufgewach­sen, arbeitete sich Rink zunächst ganz im Sinne der Staatsdoktrin durch den sozialis­tischen Realismus, sorgte mit seiner Motiv­wahl aus den Mythen der Menschheit aber dafür, dass er politisch nicht zu vereinnah­men war. Der Künstler blieb ein Freigeist und malte Sagengestalten wie den hochfliegenden Ikarus. Für – vermeintlich nur – antike Mo­tive bekam man keinen Ärger. Wenn Rink doch einmal politisch wurde, dann im über­geordneten Sinne als Kommentator zu Fragen nach Gewalt und Freiheit. So beschäftigte er sich unter anderem mit der grausamen Militärdiktatur in Chile. Dort hatte sich General Augusto Pinochet mit Hilfe der USA 1973 an die Macht ge­putscht und behauptete seine Stellung mit der Unterdrückung der eigenen Bevölkerung.

Das Kreuz trägt hier die Frau

Heute, da Pinochet längst tot ist, kann Rinks Bild auch jenseits des zeitlichen Zusammen­hangs als malerischer Widerstand gegen staatliche Gewalt gelesen werden. Interes­santerweise bedient sich der Künstler dabei christlicher Symbole. Eine Gruppe Menschen wird hier von gesichtslosen und eben un­menschlichen Einheiten mit Schlagstöcken und Wasserwerfern verdrängt. Die Motive der Staatsmacht lassen sich – je nach Kontext – austauschen. Keines rechtfertigt den heftigen Gewalteinsatz. Rink zeigt den moralischen Verfall an.

Kein Zufall also, dass Christus auf der linken Bildhälfte in die Tiefe stürzt, während der Frau in der roten Bluse ohne viel Fantasie das Kreuz des Leides auf die Schultern gelegt werden kann. Rink moralisiert hier ohne Umschweife. Gewalt durch den Staat ist für ihn Staatsterror. Das Bild von 1978, Teil einer Reihe, heißt fol­gerichtig Terror II. So prägnant und figür­lich blieb Rink Zeit seines Künstlerlebens. Seine Frau, die Galeristin Christine Rink, informierte ihn zwar regelmäßig über die neuesten Trends aus dem Westen. Dort galt figürliche Malerei als Oldschool, und junge Herren namens Beuys oder Richter machten mit abstrakten Bildern, Videos und Fotos Karriere.

Trendsetter

Aber der Maler Rink konnte den Fragen der Menschheit nur mit Menschen auf der Leinwand nachgehen. Nach der Wende musste er sich dafür den dummen Vorwurf gefallen lassen, nie von der sozialistischen Figürlichkeit losgekommen und schlicht Pro­pagandakünstler der DDR gewesen zu sein. Das verletzte ihn sehr. Aber Rink malte hartnäckig weiter: wie jeder gute Künstler ohne das Ziel, einem Trend hinterherzulaufen, und wie viele gute Künstler mit dem Resultat, selbst zum Trendsetter zu werden. Rink gilt als Vater der sogenannten Neuen Leipziger Schule. Seine Studenten sind international gefeierte Künstler wie Neo Rauch und Michael Triegel, der auf dieser chrismon-Seite auch schon mal zu sehen war.

 Seoul Museum

Jesus kommt aus Korea. In der Kunst geht, was ­historisch zumindest zweifelhaft wäre. Auch der ­koreanische Künstler Kim Ki-Chang nimmt für sich das Recht in Anspruch, die Geschichten der Bibel neu zu deuten und in den eigenen kulturellen Kontext zu ­stellen. In Europa haben das Künstler von Rafael bis Richter vorgemacht, und Kunstmenschen wie Gläubige haben sich in hiesigen Breitengraden daran gewöhnt, dass Jesus aussieht wie ein Tischlersohn, der selten zum Friseur geht und genauso selten die Sonne sieht, käsebleich und braunäugig – kurz: eben sehr abendländisch. Bei Kim ­Ki-Chang weht nun ein Hauch Joseon-Dynastie, also altes koreanisches Kaiserreich, durch die heilige Krippe.

Kim Ki-Chang, 1914 geboren und 2001 in Südkorea gestorben, ist bis heute einer der bekanntesten Maler des Landes. Der Künstler war tiefgläubig und – nach ­schwerer Krankheit – seit seinem achten Lebensjahr taub und teilweise stumm. Der christliche Glaube habe ihm durchs Leben geholfen, gab er sinngemäß zu Protokoll. Das galt vor allem auch zu Zeiten des koreanischen Bürgerkrieges in den 1950er Jahren, der das Land in Nord und Süd gespalten hat.

Wie jetzt, Jesus als Koreaner?

In der Zeit persönlicher Not tröstete sich Kim Ki-Chang mit der berühmtesten Passionsgeschichte der Welt und malte Jesu Leben in 30 Tuschezeichnungen auf Seidenpapier. Mit einem entscheidenden Unterschied: Bei Michelangelo sieht Jesus wie ein Renaissanceschnösel aus und bei Kim Ki-Chang wie ein konfuzianischer ­Gelehrter aus dem 19. Jahrhundert.

Das Christentum strandete erst im 18. und 19. Jahr­hundert auf der koreanischen Halbinsel, in Südkorea ist es bis heute fest verankert. Bei Kim Ki-Chang plumpst ­Jesus also nicht in orientalisches Stroh, sondern fällt ­seinen Eltern in einem traditionellen koreanischen Holzhaus in die Arme. Dazu kräht im Vordergrund der Hahn, Symbol für einen hoffnungsvollen Aufbruch und Neu­beginn. Und so, wie es bis heute oft noch Sitte ist, ­bringen die Frauen aus dem Dorf verschiedene Gaben, nicht die Heiligen Drei Könige. Das nimmt dem Ganzen zwar ­etwas vom adligen Touch der ursprünglichen Geschichte, aber daran war Jesus – nimmt man ihn beim Wort – ohnehin nicht sonderlich viel gelegen.

Die Story ist einfach gut

Und gerade weil das Setting der Seidenmalerei für europäische Augen so fremd wirkt, fällt auf, was man gelegentlich vergisst: Die Story ist einfach gut und verfängt bis heute – ganz unabhängig von den Moden der jeweiligen Zeit. Sie wird aber erst zur eigenen Identität, wenn sie auch Teil der jeweiligen Kultur und ihrer Bilderwelten werden kann. Kim Ki-Chang hat das erkannt, ­in seinem persönlichen und dem gesellschaftlichen Schicksal seines Landes Ähnlichkeiten zur Biografie des Heilands entdeckt und sich an seinen Glauben auch ­malend angenähert.

So gesehen ist der künstlerische Kniff, die Geburt ­Jesu in eine andere Zeit zu verpflanzen, immer eine Form ­kultureller Selbstermächtigung. Umgekehrt gilt: Der Blick auf Kim Ki-Changs koreanische Passionsgeschichte erweitert den Horizont hiesiger Kunstmenschen nicht nur um eine weitere künstlerische Deutung. Die Bilder ­geben Christinnen und Christen auch einen Eindruck von der Vielfalt ihres Glaubens. Und selbst für Nichtgläubige hat die Geburt Jesu aus Südkorea etwas zu ­bieten: Die ­Botschaft von Hoffnung und Zuversicht, die der bunte Hahn überbringt, können an Corona-Weihnachten vermutlich alle ganz gut gebrauchen.

 Gottfried Helnwein: Annunciation, 1993, Mixed Media, 167 x 121 cm/VG Bild-Kunst Bonn, 2020

Gottfried Helnwein ist Österreichs umstrittenster Künstler. Der 72-Jährige kleidet sich gern ganz in Schwarz, Totenkopfoptik, Sonnenbrille und Rockstarallüren in­klusive. Vielen gilt er als wandelnder Skandal. Aber das hat längst nicht nur mit seinem Äußeren zu tun. Denn den Künstler Helnwein beschäftigen The­men, von denen die einen lieber nichts wissen wollen und die die anderen am liebsten vertuschen würden. Sexu­elle Gewalt an Kindern ist eines von Helnweins Leitmotiven. Seine Werke: oftmals zutiefst verstörende, quälend realistische Gemälde von verletzten Kindern.

In der Hinsicht ist die hier zu sehende Verkündigung von 1993 gerade­zu harmlos. Aber das gilt auch nur für den ersten Blick. Maria ist, da bleibt sich Helnwein treu, weniger Frau als viel­mehr junges Mädchen. Sie blickt nicht gerade glücklich und wie im Zustand einer außergewöhnlichen Erfahrung drein. Zudem sorgt das Blaulicht des Fernsehbildschirms für eine eher unge­mütliche Atmosphäre. Dagegen sieht der Engel fast schon sympathisch aus. Aber gleichzeitig so klischeehaft niedlich, dass es schwer ist, ihm sein seriöses Anliegen abzunehmen. Diese Verkündigung verbreitet die ner­vöse Unruhe eines Flimmerkastens.

Eine frohe Botschaft?

Ist es nicht trostlos, wie Helnwein den Erz­engel im Miniaturformat aus der Matt­scheibe fliegen lässt? Da verblasst auch gleich die Botschaft. Vielleicht schwingt gar ein bisschen moderne Medientheorie mit, Marshall McLuhan etwa mit seiner berühmten These: "The medium is the message." Das Medium, das keine Bot­schaft mehr übermittelt, sondern selbst die Botschaft ist. Der kanadische Philo­soph McLuhan gilt manchen damit als Prophet des digitalen Zeitalters. Seine 50 Jahre alte Prophezeiung erfüllt sich heute auf ernüchternde Weise. Denn Twitter, Facebook und Co. scheinen längst leere Kommunikationsblasen zum reinen Selbstzweck zu sein. Ganz zu schweigen vom linearen Fernsehen, einer akut vom Aussterben bedrohten Medienart.

Wenig Hoffnung also für die Frohe Botschaft, von der Gabriel hier eigentlich künden soll. Schlimmer noch, das Bild kündet von einem weiteren Nebeneffekt des medialen Fortschritts: nämlich von der zunehmenden Vereinsamung trotz digitaler Totalvernetzung. Helnweins Verkündigung könnte sich, so verleitet das Bild zu denken, zur selben Zeit und genau so auf vielen anderen Bild­schirmen abspielen – vielleicht sogar gleich im Nebenzimmer des hier ge­zeigten Mädchens.

Kommt zur Besinnung!

Allein: Gemein­schaftsstiftend wirkt die Botschaft nicht. Medienschaffende würden sogar sagen: Die frohe Kunde versendet sich wie eine peinliche Programmpanne. Das, wenn überhaupt, Besinnliche von Helnweins Werk scheint allein in dem Auftrag zu liegen, wieder zur Besinnung zu kommen. Denn der Spiegel, den uns der Künstler hier vorhält, zeugt von einer schweren Aufmerksamkeitsstörung, mindestens.

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