Interview: Übersehen linke Politiker Gefahren des Islamismus?

"Wir haben den politischen Islam aus dem Blick verloren"
Eine Polizistin bewacht die Notre-Dame Kirche in Nizza, nach dem Attentat

Hans Lucas/imago images

Eine Polizistin bewacht die Notre-Dame Kirche in Nizza, nach dem Attentat

FRANCE - TERRORIST ATTACK IN NICE- NOTRE DAME CHURCH - NICE -29 OCTOBER 2020 FRANCE - ATTAQUE TERRORISTE A NICE - BASILIQUE NOTRE DAME - - NICE - 29 OCTOBRE 2020 Demonstration by extreme right-wing identity groups .After the assassination of Samuel PATY, another terrorist attack by a radical Islamist left 3 people dead in the Notre Dame church in Nice on Thursday 29th October 2020. NICE PACA - SUD FRANCE PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xARIExBOTBOLx HL_ABOTBOL_1259489

Dresden, Paris, Nizza und Wien - der islamistische Terror ist zurück in Europa. Mouhanad Khorchide überrascht das nicht. Der Religionspädagoge sieht aber noch eine weitere Gefahr - den politischen Islam.

Der sogenannte "Islamische Staat", kurz IS, ist militärisch besiegt, trotzdem kam es zu islamistisch motivierten Morden in Dresden, Paris, Nizza und Wien. Sind Sie überrascht?

Mouhanad Khorchide: Ich habe nicht damit gerechnet, dass es Wien trifft. Aber es war klar, dass es in Europa jederzeit zu Attentaten kommen kann, weil sich die Ideologie des IS weiter im Internet verbreitet. Wer keine Perspektiven hat, kann darin Sinn finden. Gerade der Mord am Lehrer Samuel Paty in Paris zeigt symbolhaft, dass man den Westen regelrecht erniedrigen und somit symbolisch besiegen will, indem man einen Menschen enthauptet.

Samuel Paty hatte im Unterricht über Meinungsfreiheit am Beispiel der Mohammed-Karikaturen diskutiert. Der Prophet mit Bombe im Turban – muss man solche Bilder aushalten?

Man muss sie nicht lustig finden, man darf sich ärgern, verstört oder verletzt sein. Aber worauf es ankommt, ist die Frage: Wie bringe ich diese Emotionen zum Ausdruck? Auf friedlichem Weg? Oder mittels Gewalt? Frankreich ist eine Demokratie, ich kann gegen Karikaturen demonstrieren oder über sie diskutieren! Aber ich muss meinen Frust friedlich zum Ausdruck bringen. Wenn ich meine, den Propheten verteidigen zu müssen, indem ich einen unschuldigen Menschen umbringe, bestätige ich nur das Vorurteil, das hinter der Karikatur steht: Der Islam ruft zur Gewalt auf.

Mouhanad Khorchide

Mouhanad Khorchide, Jahrgang 1971, wurde in Beirut geboren. Er studierte Soziologie und Islamische Theologie. In Wien war er einige Jahre als Imam tätig. Seit 2010 ist er Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster.

Wollen Islamisten mit ihren Morden spalten?

Sie wollen polarisieren, auch spalten, aber nicht – wie oft angenommen wird – Muslime und Nicht-Muslime. Die Trennlinie verläuft vielmehr zwischen der menschenfeindlichen Ideologie der Islamisten und ihrer Anhänger auf der einen Seite und dem Rest der Welt auf der anderen Seite. IS-Anhänger wissen, dass sich nur eine verschwindend kleine Minderheit der Muslime mit ihnen identifiziert. Das Hauptziel des Terrors ist, Macht zu demonstrieren und zu zeigen: Ihr sollt nicht ruhig schlafen können! Was leider untergeht: Einer der vier ermordeten Menschen in Wien war Muslim. Islamistischer Terror bedroht alle. Deshalb war es wichtig, dass der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz sagte, die Trennlinie verlaufe nicht zwischen Christen und Muslimen, sondern zwischen Zivilisation und Barbarei, zwischen Menschen, die an den Frieden glauben - und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschen. Das kann man nicht oft genug betonen.

Nach dem Mord an Samuel Paty monierte der SPD-Politiker Kevin Kühnert ein "unangenehm auffälliges Schweigen". Stimmen Sie ihm zu?

Mit Nachdruck! Weil es eine Strategie des politischen Islams ist, jede Kritik am Islamismus und am politischen Islam als Kritik am Islam selbst zu tabuisieren. Ich weiß aus Gesprächen mit Politikern, dass es eine Angst gibt, als islamophob, Islamhasser oder Rassist hingestellt zu werden. Diese Selbstzensur ist gefährlich.                            

Warum?

Sie stärkt die Rechten, die eine Art Monopol für – dann leider auch unausgewogene Kritik – haben, wenn alle anderen schweigen. Die Menschen in der Bevölkerung, die eingeschüchtert sind vom islamistischen Terror, haben das Gefühl, dass alle anderen wegschauen.

"Wir haben den politischen Islam aus dem Blick verloren"

Sie warnen vor dem politischen Islam. Was ist das?

Eine Herrschaftsideologie. Anhänger des politischen Islams wollen die Gesellschaft nach Werten umgestalten, die sie als islamisch ansehen. Diese Werte stehen im Widerspruch zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und den Menschenrechten. Seit dem 11. September 2001 haben wir viel zu Dschihadismus, Salafismus und Islamismus geforscht – und den politischen Islam dabei aus dem Blick verloren. Der politische Islam ist hier in Europa, anders als im Nahen Osten, auch nicht gewalttätig, seine Vertreter distanzieren sich regelmäßig von Gewalt und rufen zum Frieden auf.

Wo ist dann das Problem?

Er vertritt eine stark antiwestliche Ideologie. Das geht auf die Gründer zurück, die sich als antikoloniale Bewegung verstanden haben. Westliche Gesellschaften und Regierungen gelten als Feindbild. Wer diesem Gedanken folgt, kann sich nicht mit unserer Gesellschaft in Deutschland und deren freiheitlich-demokratischen Werten identifizieren.

"Es gibt immer ein Wir und die Anderen"

Wie gewinnt der politische Islam Anhänger?

Er spielt mit den Emotionen gerade junger Muslime, indem er Kampfbegriffe wie "Islamophobie" oder "antimuslimischer Rassismus" nutzt. Mit diesen Begriffen suggerieren seine Vertreter, dass europäische Gesellschaften rassistisch und islamophob - und Muslime Opfer - seien. Das ist eine ähnliche Rhetorik wie bei den Salafisten und Dschihadisten, die aber so junge Menschen rekrutieren wollen, damit sie Gewalt und Terror ausüben. Der politische Islam hingegen macht das, um die Gesellschaft als Feindbild zu stigmatisieren und sie zwecks Umgestaltung zu unterwandern. Er ist gefährlich, weil der politische Islam - anders als der Salafismus - nicht sichtbar ist. Und weil er auf subtile Weise polarisiert. Er verhindert, dass wir uns in einem großen Wir sehen. Es gibt immer ein Wir und die Anderen. 

Aber Islamophobie ist real, denken Sie an die Bücher von Thilo Sarrazin, an antimuslimische Hetze in Chatgruppen von Polizisten ...

Definitiv, Islamhass ist real. Aber wir dürfen nicht aus solchen Fällen schließen, dass sie repräsentativ für den Westen sind und dass sich Muslime stets in Acht nehmen müssen. Vertreter des politischen Islams argumentieren wie die Identitären, die nach jedem islamistisch motivierten Attentat sagen: Das ist der Islam, das sind die Muslime und die Flüchtlinge. Natürlich gibt es begründete Ängste von Muslimen in Deutschland. Es gibt Diskriminierung. Und die Mehrheitsgesellschaft hat Angst vor Gewalt im Namen des Islams – auch diese Angst ist berechtigt. Aber das heißt nicht, dass beide Seiten sich als Feind sehen müssen, wie es Identitäre auf beiden Seiten erreichen wollen.

Sind in Deutschland Gruppen aktiv, die sich dieser Denkrichtung zuordnen lassen?

Ja, etwa die Muslimbruderschaft, die in Deutschland hinter vielen Moscheegemeinden steht. Oder die Grauen Wölfe, eine türkisch-nationalistische Gruppe. Allerdings ist das Phänomen kaum erfasst. Deswegen wurde in Österreich im September die Dokumentationsstelle für politischen Islam eingerichtet, um diese Ideologie und deren Strukturen sowie Strategien wissenschaftlich zu erforschen. Ich leite dort den wissenschaftlichen Beirat. 

"Menschenfeindlichkeit betrifft uns alle"

In Deutschland gibt es eine Forschungsstelle Muslimfeindlichkeit ...

… der auch seine Berechtigung hat, aber man müsste in Phänomenen denken, nicht in Religionen. Ich wünsche mir statt eines Expertenkreises Muslimfeindlichkeit einen zum Thema Menschenfeindlichkeit. Davon sind wir alle betroffen. Ich warne davor, entlang von Religionszugehörigkeiten Institutionen zu schaffen, die sich mit Fragen befassen, die uns alle gleichermaßen betreffen - egal ob Juden, Christen, Muslime, Atheisten …

In Ihrem Buch "Gottes falsche Anwälte" stellen Sie die These auf, der Islam sei verraten worden – wann und von wem?

Etwa 30 Jahre nach dem Tod von Mohammed rissen Umayyaden, ein damaliges Herrschergeschlecht, die Macht an sich - durch Gewalt, sie waren nicht durch das Volk legitimiert. So begann eine andere Geschichte des Islams. Denn diese Herrscher brauchten eine besondere Legitimation. Und die fanden sie durch den – angeblichen - göttlichen Willen. Man kann es verkürzt sagen: Das hat Schule gemacht, bis heute. Was unter Erdogan in der Türkei passiert, erinnert stark an die Anfänge dieser Entwicklung im 7. Jahrhundert. Diese Verquickung zwischen Politik und Islam führt zu Strukturen der Unterwerfung der Menschen. Das ist der Verrat, unter dem Muslime bis heute leiden. Eine Reform muss den Islam aus dieser politischen Geiselhaft befreien, damit die Botschaft selbst im Vordergrund steht - Ethik, Barmherzigkeit, Spiritualität.

Wie weit sind wir auf dem Weg dieser Selbstbefreiung? 

Vor einigen Jahrhunderten war der Islam, vor allem in Spanien, eine Hochkultur. Heute stehen wir hinter dieser Zeit. Das Beispiel Saudi-Arabien, das einst den Wahhabismus in die Welt exportiert hat, zeigt heute, wie Reformen zwar vorangetrieben werden - allerdings nicht als Ergebnis einer theologischen Auseinandersetzung mit der Religion. Das Land öffnet sich langsam. Frauen dürfen zum Beispiel Auto fahren, die Kopftuchpflicht wurde relativiert. Aber es waren nicht die Theologen, die ihre Religion neu deuteten. Es ist die Politik, die das Land aus politischen und wirtschaftlichen Gründen reformieren möchte. Die Öffnung kommt nicht von unten, sondern geschieht von oben nach unten. Und nun ist abzuwarten, ob diese Reformen zu neuen theologischen Denkschulen führen werden oder ob es nur die Fassade ist, die sich erneuert.

"Der Atheismus in islamischen Ländern war noch nie so stark"

Gehen muslimische Institutionen in Deutschland den Weg der Erneuerung mit?

Hierzulande beeinflusst vor allem das Ausland die Strukturen vieler Gemeinden, und das ist kontraproduktiv, weil es dann vor allem um die Reproduktion politischer Machtstrukturen in anderen Ländern geht. Aber was wir hier wie in der islamischen Welt beobachten, ist ein Trend hin zur Säkularisierung: Immer mehr Menschen interessieren sich weniger für Religion. Studien zeigen, dass immer mehr Muslime sich besonders nach dem Aufkommen des IS von ihrer Religion distanzieren. Der Atheismus in vielen islamischen Ländern war noch nie so stark wie in den vergangenen fünf bis sieben Jahren. In Deutschland besuchen immer weniger junge Muslime die Moscheen. Die muslimischen Moscheegemeinden in Deutschland müssen sich dringend überlegen, wo sie in zehn oder 20 Jahren stehen wollen. Wie sollen sie ihre Angebote so gestalten, dass sie die jungen Menschen wieder erreichen?

Sie treten für den Aufbruch ein. Was bedeutet das für Sie persönlich?

Ich verstehe meinen Beruf als eine Art Berufung. Ich glaube an eine innerislamische Aufklärung. Aber alles hat seinen Preis. Ich lebe seit 2013 unter Polizeischutz. Meine Äußerungen und theologischen Positionen provozieren vor allem diejenigen unter den Muslimen, die sich nicht auf einen theologischen Diskurs einlassen wollen, weil ihnen das Werkzeug dazu fehlt und sie im Glauben nur eine Art Vergewisserung einer statisch verstandenen Identität sehen.

Das müssen Sie bitte erklären!

Für diese Menschen ist jede Form der innermuslimischen Selbstkritik ein Angriff auf ihre Identität. Aber Reform setzt die Bereitschaft für Selbstkritik voraus. Auch haben diejenigen mit mir ein Problem, die den Islam als eine antiwestliche Identität verinnerlicht haben. Sie lehnen meine verbindende Theologie ab, sie beharren lieber auf einen religiösen Exklusivismus, der ihnen eine gewisse Höherstellung gegenüber dem Rest der Welt vermittelt. Entsprechend sind sie voller Wut auf mich, wenn ich ihnen diese Form der Macht abspreche. Aber ich sehe auch die Früchte meiner Arbeit. Mein Gesicht steht für einen barmherzigen Islam. Junge Muslime schreiben mir, dass sie durch die Auseinandersetzung mit meinen theologischen Positionen einen reflektierten Zugang zu ihrer Religion und vor allem einen Zugang zu einem liebenden und barmherzigen Gott gefunden haben. Bisher hatten sie nur die Vorstellung von einem Gott, der ihnen Angst macht. Nun können sie sich in ihrer Religion entfalten. Dieser Zuspruch junger Muslime gibt mir Kraft und Mut.

Produktinfo

Mouhanad Khorchide: "Gottes falsche Anwälte - Der Verrat am Islam", Verlag Herder, 1. Auflage 2020, 256 Seiten, ISBN: 978-3-451-38671-8, 22,- € (E-Book: 16,99 €)

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