Wie die EKD-Synode 2020 über sexualisierte Gewalt in der Kirche diskutiert

Nüchterne Bilanz
Hamburger Bischoefin Kirsten Fehrs

Heike Lyding/epd-bild

Bischöfin Kirsten Fehrs, Sprecherin des Beauftragtenrates der EKD, der die Aufklärung von Missbrauchsfällen innerhalb der Kirche koordiniert

Die Hamburger Bischoefin Kirsten Fehrs, Sprecherin des Beauftragtenrates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) der die Aufklaerung von Missbrauchsfaellen innerhalb der Kirche koordiniert, am Dienstag (12.11.2019) bei der EKD-Synode in Dresden. Die EKD hat seit dem vergangen Jahr Fortschritte bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfaellen gemacht. So sollen Opfer von sexualisierter Gewalt besser als bislang am Prozess beteiligt werden. Dazu wird ein Betroffenbeirat eingesetzt, der im Fruehjahr 2020 seine Arbeit aufnehmen soll, wie Kirsten Fehrs am Dienstag in Dresden sagte. (Siehe epd-Bericht vom 12.11.2019)

Die EKD hat einen Betroffenenrat berufen und eine Aufarbeitungsstudie auf den Weg gebracht. Einheitliche Standards bei der Anerkennung des Leids fehlen immer noch.

Es war ein aufrüttelnder Vormittag, als die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs auf der EKD-Synode 2018 über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche sprach. "Gerade wir, die wir uns als Kirche Jesu Christi für den Schutz der besonders Schutzbedürftigen starkmachen, wir müssen alles tun, um diesen Schutz zu gewährleisten", sagte sie damals in ihrer empathischen, auch sehr persönlichen Rede und stellte einen Elf-Punkte-Plan vor.

Claudia Keller

Claudia Keller ist chrismon-Redakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln und in den USA studiert und war viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin. Sie interessiert sich für religiöse und ethische Fragen und schreibt gern über Auf- und Umbrüche des Lebens. Einmal ist sie bei Recherchen sogar zufällig auf ein Geheimnis in der eigenen Familie gestoßen und hat einen Bruder gefunden, von dem sie nichts wusste.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Vor einem Jahr sprach Kerstin Claus, Mitglied im Betroffenenrat beim Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, mit ebenso eindringlichen Worten zu den Synodalen: Dass sie eingeladen worden sei, zeuge von "Mut und Offenheit", sie sei zuversichtlich, dass die Kirche gelernt habe. Die Aufarbeitung der Taten, die Entwicklung von Schutzkonzepten und die Frage der finanziellen Anerkennung könnten nur gemeinsam mit den Betroffenen gelingen, nur dann, wenn die Kirche ihre Deutungshoheit abgebe.

Nun gibt Kirsten Fehrs erst mal ihr Amt als Sprecherin des fünfköpfigen "Beauftragtenrates zum Schutz vor sexualisierter Gewalt" ab, turnusgemäß nach zwei Jahren. Nachfolger wird der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns. Fehrs habe "ungeheuer viel geleistet", bescheinigte ihr der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. Sie habe "spürbar" gemacht, "dass dieses Thema der evangelischen Kirche tief ins Herz geht".

Nur ein schriftlicher Bericht

Wegen des Corona-Lockdowns tagte das Kirchenparlament digital und zeitlich sehr verkürzt. Der Rechenschaftsbericht von Fehrs und ihrem Team wurde wie die Berichte zur Ökumene und verschiedener Gewerke am Montagvormittag nur schriftlich eingereicht. Er orientiert sich am Elf-Punkte-Plan und fällt dieses Jahr sehr nüchtern aus, wie Fehrs im Videochat auch zugab.

Zu dem, was erreicht wurde, gehört vor allem, dass sich im September der Betroffenenbeirat konstituiert hat und dass "zeitnah" eine übergeordnete Aufarbeitungsstudie starten soll. Ein Forschungsverbund aus sechs wissenschaftlichen Instituten soll "Risikofaktoren und täterstützende Strukturen in der evangelischen Kirche und der Diakonie" analysieren und Standards setzen für nachfolgende regionale Studien in den Landeskirchen. Dafür gibt die EKD 3,6 Millionen Euro aus, in drei Jahren sollen Ergebnisse vorliegen.

Mittlerweile sind 880 Fälle bekannt geworden, Fehrs geht allerdings von einem viel größeren Dunkelfeld aus. Irgendwann soll es auch eine Dunkelfeldstudie geben, da sei man mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung im Gespräch, sagte Fehrs, weil in diese Untersuchung auch andere gesellschaftliche Bereiche wie Sport und Schulen einbezogen werden sollen.

Betroffene kritisieren Intransparenz

Zu dem, was in diesem Jahr nicht erreicht wurde, gehören einheitliche Kriterien, nach denen die Landeskirchen Leid finanziell anerkennen. Ein Entwurf der Musterordnung scheiterte nach Auskunft von Kerstin Claus am Widerstand der Betroffenen. Der Entwurf sehe vor, so Claus in einer Zoom-Pressekonferenz, dass Betroffene ein institutionelles Versagen der Kirche nachweisen sollten.  "Aber wie sollen wir ein institutionelles Versagen nachweisen?", fragte Claus. Und sei es nicht Beweis genug für das Versagen der Kirche, dass der Übergriff stattgefunden hat?

Die katholische Kirche sei bei der Entschädigungsfrage weiter, findet Claus. Ab Januar können dort Betroffene auf Anerkennungszahlen von bis zu 50 000 Euro hoffen. Wer wie viel erhält, entscheidet ein zentrales Gremium, das sich aus externen, von der Kirche unabhängigen Fachleuten zusammensetzt. Darauf hatten sich die katholischen Bischöfe im September geeinigt.

Nach wie vor werde über die Köpfe hinweg entschieden, man renne scheinbar offene Türen ein – und dann passiere doch nichts. Es sei immer noch schwierig, die Abläufe zu durchschauen, kritisieren Kerstin Claus, Detlev Zander und Katharina Kracht. Zander und Kracht arbeiten im neuen Betroffenenrat der EKD mit.

Nicht eingeladen zur Synode

Alle drei wurden vergangenes Jahr auf die Synode eingeladen. Dieses Jahr kam keine Einladung. "Wir hatten große Sorge, dass wir in der digitalen Konferenz die Bedürfnisse von Betroffenen nicht berücksichtigen könnten", sagte Synoden-Präses Irmgard Schwaetzer. Die Erklärung lässt Katharina Kracht nicht gelten: "Man hat uns so liebevoll beschützt, dass man uns erst gar nicht gefragt hat."

Die Kirche brauche Hilfe von außen, um bei diesem Thema wirklich weiterzukommen, sind Claus, Zander und Kracht überzeugt. Einer, der diese Hilfe anbietet und die Kirchen kontinuierlich mit sanftem Druck und guten Argumenten zu Zugeständnissen bewegt, ist der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Im Juni signalisierten Fehrs und ihr Team Rörig in einem "Letter of Intent", dass man bereit sei, eine von der Kirche unabhängige Aufarbeitungskommission einzurichten. Sie soll mehrheitlich mit Betroffenen und externen Fachleuten besetzt werden. Für Kerstin Claus, Detlev Zander und Katharina Kracht wäre das "ein großer Fortschritt".

Nächstes Jahr, versicherte Irmgard Schwaetzer, werde man sicherlich wieder mit Betroffenen "in einen intensiven Austausch" eintreten. Dieses Jahr stehe ein anderes Thema im Vordergrund: "Die Zukunft der Kirche".  

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