Nach der US-Wahl: Was Deutschland von Amerika lernen muss

Lehren aus langen Nächten
Joe Biden wird Präsident. Wird nun alles gut? Wer das glaubt, verkennt die Ursachen des "Trumpismus" - auch hierzulande

Joe Biden hat die US-Präsidentschaftswahl gewonnen. Noch nie erhielt ein Kandidat so viele Stimmen, und die Wahlbeteiligung war so hoch wie seit 1908 nicht mehr.

Dass die Wahl in vielen Bundesstaaten so knapp war, verlieh ihr den Charakter eines Dramas auf der Weltbühne. Der Gute hat gewonnen, der Böse verloren. Donald Trump hat vier Jahre das Vertrauen in die Demokratie untergraben und tut es noch, weil er Biden und den Medien Betrug unterstellt.

Nils Husmann

Nils Husmann studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er über ein Praktikum zu chrismon. Seit dem Umzug der Redaktion nach Frankfurt/Main ist er chrismon-Redakteur. Nils Husmann interessiert sich für die Themen Umwelt, Gesellschaft, Sport und - Menschen. Nils Husmann ist Herausgeber des Buches "You'll never walk alone" in der edition chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Alles gut? Das ist nicht gesagt. Trump konnte, all seinen Fehlern zum Trotz, 70 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner hinter sich vereinen - mehr als bei seinem Wahlsieg 2016. Ja, man kann Populisten aus dem Amt wählen – aber dafür braucht es eine ungeheure Kraftanstrengung.

Was können wir daraus lernen? Einiges am "Trumpismus" ist typisch für die USA. Das Zweiparteiensystem und das Mehrheitsprinzip, wonach die siegreiche Partei alle Stimmen für sich beanspruchen darf ("The Winner takes it all"), führen dazu, die Meinungen der unterlegenen Minderheit nicht ausreichend abzubilden. Und: Viele Wahlberechtigte in den USA verfolgen nur ganz spezifische Interessen, wenden sich beispielsweise resolut gegen das Abtreibungsrecht. Und dann ist es ihnen ganz egal, dass ihr Kandidat sich in seiner persönlichen Lebensführung moralisch diskreditiert, wie Trump es vielfach getan hat.

Die Linke darf nicht nur die Interessen eines urbanen Weltbürgertums vertreten

Andere Entwicklungen lassen sich auch bei uns beobachten: Auf der Landkarte sind zwar viele Staaten im Blau der Demokratischen Partei gefärbt. Aber: Oft gilt das nur für die größeren Städte. Die ländliche Bevölkerung steht fest hinter Trump. Besonders die politische Linke sollte erkennen, dass sie nicht nur die Interessen eines urbanen Weltbürgertums vertreten kann. Denn auch in Deutschland gibt es viele Menschen, die eine gestrichene Zugverbindung mehr beschäftigt als ein fehlendes Gendersternchen.

Und: Auch wenn er mit seiner Steuerreform de facto Politik für die Reichen gemacht hat, war es Trump gelungen, wirtschaftlich und sozial abgehängte Menschen für sich zu gewinnen. Die Interessen dieser Menschen werden auch in Deutschland viel zu oft übersehen. Es muss ein Streitthema werden, dass sich hierzulande immer höhere Vermögen in den Händen vergleichsweise weniger Menschen sammeln. Ein Ende ist nicht abzusehen, weil die Niedrigzinsphase Eigentümer und Vermögende begünstigt, die ihr Geld in Immobilien und an den Wertpapiermärkten anlegen können. Über Reformen muss auch hierzulande dringend nachgedacht werden. 

Biden ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden, ein Land zu einen, für dessen Zustand das Wort "Spaltung" ein Euphemismus ist. "Schlucht" trifft es besser. 

Die USA haben gewählt, wir haben die Wahlen noch vor uns.

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