EKD-Synode 2020: Gottesdienst und Ratsbericht

Lasst euch nicht unterkriegen!
Das Synodenpräsidium tagt analog im Kirchenamt in Hannover. Die 120 Synodalen sind online zugeschaltet.

J. Haase/EKN

Das Synodenpräsidium tagt analog im Kirchenamt in Hannover. Die 120 Synodalen sind online zugeschaltet.

Das Synodenpräsidium tagt analog im Kirchenamt in Hannover. Die 120 Synodalen sind online zugeschaltet.

Die EKD-Synode diskutiert über Reformen, Heinrich Bedford-Strohm wirbt für Zuversicht angesichts der Pandemie.

Die diesjährige Tagung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat am Sonntagvormittag mit einem Gottesdienst, mit dem Ratsbericht und mit einer Schweigeminute begonnen. Mit der kurzen Stille erinnerten die Kirchenparlamentarier an Menschen, die wegen der Corona-Beschränkungen einsam sterben mussten, weil ihre Angehörigen sie nicht begleiten konnten. 

Wäre nicht gerade der zweite Lockdown, hätte man die 120 Synodalen in einem Berliner Tagungssaal schweigen sehen. Jetzt findet das zweitägige Treffen digital statt. Synoden-Präses Irmgard Schwaetzer und das fünfköpfige Leitungsteam sowie der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm konnte man am Sonntag per Livestream im Kirchenamt in Hannover sitzen sehen. Eine Synode ohne Klatschen, ohne Singen und ohne an den Händen nehmen könnte eine recht traurige Veranstaltung werden. Doch zumindest an diesem ersten Vormittag war durchaus etwas zu spüren von dem "guten Geist", wie es Bedford-Strohm in der Online-Pressekonferenz nannte. 

Claudia Keller

Claudia Keller ist chrismon-Redakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln und in den USA studiert und war viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin. Sie interessiert sich für religiöse und ethische Fragen und schreibt gern über Auf- und Umbrüche des Lebens. Einmal ist sie bei Recherchen sogar zufällig auf ein Geheimnis in der eigenen Familie gestoßen und hat einen Bruder gefunden, von dem sie nichts wusste.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Die Schweigeminute war Teil des mündlichen Ratsberichtes, eine Art Rechenschaftsbericht des Ratsvorsitzenden. Anders als in anderen Jahren fiel der mündliche Teil am Sonntag fast monothematisch aus. Bedford-Strohm konzentrierte sich sehr auf die Pandemie und sprach zu einer "verwundeten Gesellschaft", in der sich "zunehmende Erschöpfung" breit mache und die Geduld zu Ende gehe. Die Frage "Was macht das mit unserer Seele" treibt ihn um. 

Bedford-Strohm verwies in seiner empathischen und eindringlichen Rede auf die biblischen Traditionen, "die ein großes Narrativ der Hoffnung" seien. Er erinnerte an die Geschichte der Arche Noah und an die berühmten Worte aus dem 1. Korintherbrief "Glaube, Liebe, Hoffnung", er zitierte aus Psalm 23 "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…" und warb eindringlich dafür, sich nicht dem "Gefühl der Willkür und des Ausgeliefertseins" hinzugeben, sondern auf Gott zu vertrauen. "Er behütet und begleitet uns. Das gilt auch jetzt, wo wir nichts mehr kontrollieren können."

"Gott wird Mensch. Er wird nicht Deutscher, er wird nicht Europäer"

Die politischen Themen, die in seinen früheren Ratsberichten großen Raum eingenommen haben, streifte er diesmal nur, was einzelne Synodale kritisierten. Der CDU-Politiker Hermann Gröhe etwa wünschte sich eine Einordnung der islamistischen Anschläge. Die EKD müsse den Staat daran erinnern, dass er sowohl seiner humanitären Verpflichtungen nachzukommen habe wie auch der Pflicht, seine Bürger zu schützen. Der Sozialethiker Uwe Becker vermisste klare Worte zur Situation von Geflüchteten, andere forderten, dass die EKD beim Engagement gegen den Klimawandel nicht nachlassen dürfe.

An Haltung ließ es Bedford-Strohm gleichwohl nicht fehlen: Man stehe in den Kirchen "an der Seite derjenigen, die sich für eine große Transformation einsetzen". Man streite für die Begrenzung des Klimawandels, für faire Löhne, für die Überwindung von Fluchtursachen und für die unmittelbare Hilfe für Menschen auf der Flucht. "Gott wird Mensch. Er wird nicht Deutscher, er wird nicht Europäer", sagte er mit Blick auf Weihnachten. 

Im Eröffnungsgottesdienst am Sonntagmorgen ging auch Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, auf die Pandemie ein und sprach von einer weltweiten "Seufzergemeinschaft". Aber die Kirche dürfe es nicht beim Seufzen belassen, sondern müsse für die Schwachen eintreten. "Synodale, hört das Klopfen, das euch wachrüttelt!"

"Lasst uns die Kirchen öffnen"

Den Synodalen und der "verwundeten Gesellschaft" die biblischen Botschaften von Glaube, Liebe und Hoffnung nahezubringen, ihnen Trost und Zuversicht zuzusprechen, ist richtig und wichtig. Es ist auch eine Antwort auf den Vorwurf "Wo ist die Kirche?", den unter anderem die frühere thüringische Ministerpräsidentin erhoben hatte. Bedford-Strohm fragte im Ratsbericht selbstkritisch: "Wo sind wir Menschen etwas schuldig geblieben? Wo hätten wir mehr tun können?" Eine klare Antwort gab er allerdings nicht. 

Es gebe die betende, innerliche Seite der Kirche, sagte Anne Gidion, Pastorin der Nordkirche, in der Aussprache zum Ratsbericht. Es gebe aber auch die laute Seite, die sich öffentlich einmische. "Da können wir noch besser werden." Die Reformen, die die Synode auf dieser Tagung beschließen will, sollen dazu beitragen, dass die 20 Landeskirchen sich besser vernetzen, fokussieren und ein einheitlicheres Bild nach außen abgeben. Auch dies soll dazu beitragen, dass die Kirche in der säkularen Gesellschaft besser zu erkennen ist. 
 
Die Grünen-Politikerin und Synodale Katrin Göring-Eckardt machte einen wunderbar konkreten Vorschlag: "Lasst uns die Kirchen öffnen". Für Musiker, die darin gegen ein Honorar spielen könnten, für viele Menschen, die große Räume bräuchten, für Menschen, die Stille suchten. Diesem Vorschlag kann man sich nur anschließen. 

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