Mail aus Washington: Warten auf das Wahlergebnis

Immer mehr Seelsorgegespräche
Präsidentschaftswahlen USA

Mark Peterson/Redux/laif

Viel Geduld brauchen Jugendliche, die die Wahlergebnisse in der Nacht zum 4. November, am McPherson Square in Washington erwarten

People watch results on election night in McPherson Square, in Washington D.C., on November 3, 2020.

Wer wird der nächste US-Präsident? Der deutsche Auslandspfarrer in Washington über unruhige Tage des Wartens.

Im September waren die Vorboten der Präsidentschaftswahl auch in unserer Nachbarschaft am Stadtrand von Washington angekommen. Jeden Tag standen neue Schilder in den Vorgärten, ausnahmslos warben sie für den Herausforderer Joe Biden. Die Hauptstadtregion ist eben traditionell demokratisch geprägt.

Martin Eberle

Doch man musste nicht weit fahren, um die andere Seite des Landes zu sehen: Schilder für Donald Trump waren zahlreich und manchmal übergroß. Es fühlte sich so an, als sei das Land im Dauerwahlkampf. Auch beim Spaziergang im Stadtzentrum von Washington war die politische Auseinandersetzung immer präsent: An unzähligen Ständen vor dem Weißen Haus und den vielen Museen wurden Baseballmützen und Banner mit den Kampagnenslogans des Präsidenten verkauft.

Das Land hält den Atem an

Da waren schließlich alle froh, als der Wahltag nahte. Im Vorfeld äußerten die Menschen, mit denen ich sprach, alle einen gemeinsamen Wunsch: dass es schnell ein eindeutiges Ergebnis gibt. Doch genau das blieb erst mal aus. Nun ist es, als halte das ganze Land seit Tagen den Atem an.
Eine Nachbarin von mir ist fassungslos. Wie kann es sein, dass die Prognosen schon wieder so daneben lagen? Und sollte der amtierende Präsident tatsächlich eine zweite Amtszeit erhalten?
Heute hatte ich ein Zoom-Meeting mit amerikanischen Pfarrerinnen und Pfarrern in Washington. Ich sagte ihnen, dass viele Menschen in Deutschland nicht recht verstehen, was in diesem Land vor sich geht. Da antwortete mir eine Kollegin: "Das begreifen wir, ehrlich gesagt, auch nicht."

Mehr Seelsorgegespräche

Wir erleben hier ein tief gespaltenes Land, bei dem die eine Seite die andere nicht verstehen kann und manchmal auch nicht mehr verstehen will. In vielen Familien wird nicht mehr über Politik geredet. In den Kirchengemeinden häufen sich die Seelsorgegespräche. Täglich treffen sich Menschen zu Abendgebeten. Heute begann eines davon mit einer Meditation. Sie drückt viel aus von der bedrückten Stimmung bei vielen Menschen in unserer Gegend:

Atme Ruhe ein, und
Atme die Angst aus,
Atme Liebe ein, und
Atme die Sorge aus,
Atme die Leidenschaft für Gerechtigkeit ein, und
Atme Gefühle der Ohnmacht aus.

 

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