Arnd Brummer über richtig und falsch während Corona

Gebot statt Verbot
Absolut richtiges Handeln gibt es auch bei Pandemien nicht.

"Die Politik schafft es einfach nicht! Die kriegen Corona nicht in den Griff!" Die im Herbst angestiege­nen Zahlen von infizierten Menschen und ihre tägliche Übermittlung in den Nachrichten sorgen bei manchen ­Leuten für Frust, bei an­deren für Achselzucken. Letztere sagen: "Na und! Ist doch nicht so wichtig. Diese weltweite Pandemie kriegt man sowieso nie unter Kontrolle."

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Auch in meinem Bekanntenkreis werden beide Positionen häufig vertreten. Und mein Nachbar Christian hat mich vor ein paar Tagen gefragt, wie ich die Entwicklung der Zahlen einordne und die Reaktion darauf in Staat und Gesellschaft beurteile. Ich zog die Mundwinkel nach unten und schwieg. Christian blickte mich irritiert an: "Tschuldigung! Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen. Wenn dich die Pandemie nicht interessiert oder du keine Meinung dazu hast, musst du nicht antworten."

Ich atmete tief durch und bekun­dete meine Haltung: Ich glaube nicht an die Magie der Zahlen! Sie sind wichtige Daten, aber keine absolut gültige Aussage über den Zustand von Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Zahlen sind auch zu Corona-Zeiten eine relative Größe. Ja, es ist traurig, wenn Menschen erkranken und sterben müssen. Aber das Ende des irdischen Lebens ist unser gemeinsames Schicksal. Und deshalb ist es Anlass für Hoffnung quer durch die Religionen, dass es hinter dem ­Horizont weitergeht. Dies hat auch die Hinterbliebenen der Opfer von Massenmorden und Kriegen getröstet.

"Gebote statt Verbote"

Die Krisen-Zahlen sind weder Anlass für trostlose Traurigkeit noch Grundlage für absolut richtiges Handeln. Statt mit Zwangsmaßnahmen und Verboten Menschen zu belehren oder mit einem pseudo-libertären Verzicht auf Regeln zu agieren, erscheint mir Kommunikation und die Aufforderung zu Verantwortungsbewusstsein der bestmögliche Umgang mit Gefahren. Der Virologe Hendrik Streeck hat in mehreren Interviews dafür plädiert, nicht in "Alarmismus" zu verfallen und die Menschen im Kampf gegen das Virus in ihrer ­Eigenverantwortung zu bestärken. Er wünscht sich ganz im Sinne der ­Heiligen Schrift "Gebote statt Verbote".

Christian nickt heftig: "Genau darüber haben meine Frau und ich ges­tern diskutiert. Moni feiert in drei Wochen einen runden Geburtstag. Und sie möchte dies im Kreis ihrer zahlreichen Freundinnen und Verwandten tun. Dabei haben wir uns an die Hochzeitsfeier mit mehr als 300 Gästen vor ein paar Wochen in Hamm erinnert. Aber so viele Leute werden es bei uns nicht."

Als ich Christian fragte, wo ­Monika feiern werde, ließ er mich wissen: "Daheim. Wir werden die Nachbarn rechtzeitig informieren. Und unsere Gäste werden wir zu Anstand und Abstand auffordern." Da wir Monika beschenken wollen, fragte ich, wo wir unsere Gaben abgeben sollten. Christian schmunzelte: "Da ihr eingeladen werdet, könntet ihr die Sachen dem Geburtstagskind selbst über­reichen. Und wahrscheinlich wird es ihr Mühe machen, euch nicht dankbar zu umarmen." Uns auch! Aber ich werde meine zuckenden Arme hinter dem Rücken verschränken. Aus purer Vernunft. Die ist geboten!

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Brummer,

vorab: Ich lese Chrismon immer sehr gern, aber dieser Artikel ist obsolet!

Natürlich gibt es "absolut richtiges Handeln bei Pandemien" nicht - aber das kann man letztendlich erst hinterher beurteilen.
Bei exponentiell sich entwickelnden Infektionszahlen klingt es zynisch, von einer "Magie der Zahlen" zu sprechen, an die sie nicht glauben, und anzumerken, dass "Zahlen . . . auch zu Corona-Zeiten eine relative Größe" sind. Sie glauben vielmehr mit Udo Lindenberg, dass es hinter dem Horizont weitergeht. "Dies hat auch die Hinterbliebenen der Opfer von Massenmorden und Kriegen getröstet". Dies und die Tatsache, dass wir sowieso alle sterben müssen, beruhigt Sie und soll uns alle trösten?

In einer christlichen, aufgeklärten Zeitschrift dies zu lesen, das verschlägt einem da schon die Sprache!

Herr Streeck hat Recht, wenn er vor Alarmismus warnt. Dazu und zur Relevanz von Zahlen hören Sie sich doch mal den Vortrag von Herrn Drosten an, den er auf Einladung der christlichen Ludwig-Windthorst-Stiftung am letzten Freitag in Meppen gehalten hat (zu finden u.a. auf YouTube) oder lesen in der "Zeit" den Artikel "Der Gegenplan, der keiner ist". Zum Schluss Ihres Artikels freuen Sie sich mit Ihrem Nachbarn, dass er nicht mit 300 Gästen, wie neulich in Hamm, sondern nur mit ?? Gästen den Geburtstag seiner Frau feiert. Und Sie sind stolz darauf, dass Sie dabei sein und das Geburtstagskind nicht umarmen werden . . .
Mir fehlen die Worte.

Herzliche Grüße, bleiben Sie gesund!
Dieter Fenne

Liebe Chrismon Redaktion,
im Folgenden ein kurzer Leserbrief zu der Kolumne "Brummers Welt":
In der Kolumne "Gebot statt Verbot" wird in das gleiche Horn geblasen, wie es auch schon 2 Virologen und einige (nicht alle!!) Ärztevertreter in einem öffentlichkeitswirksamen Positionspapier taten. Die Meinung des Autors scheint zu sein, dass die Eindämmung des Virus alleine mit Geboten und Handlungsanweisungen möglich wäre. Auf diese Strategie wurde im Wesentlichen jedoch fast den gesamten Sommer gesetzt, nicht nur in Deuschland, sondern auch in vielen anderen Europäischen Ländern. Und dennoch befinden wir uns in einer solch dynamischen und prekären Lage.
Das wesentliche Argument, warum diese Strategie offensichtlich nicht funktioniert hat, liefert der Autor auch gleich noch mit. Viele legen Gebote eben so aus, wie es ihnen passt oder setzten sie bei gegebenen Anlässen einfach aus. So auch bei der beschriebenen großen Geburtstagsfeier, die bei dem Nachbarn privat stattfinden soll. "Anstand und Abstand" sollen gewahrt werden, aber Umarmungen können möglicherweise nicht vermieden werden?! Zudem ist mittlerweise langläufig bekannt, dass die Übertragung des Virus über Aerosole erfolgt und in geschlossenen Räumen, gerade bei privaten Feiern, zu Übertragungen führt.
Zusammengefasst finde ich diesen Beitrag leider unreflektiert und ein falsches Signal.
Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
Viele Grüße
Nico Fischer

Sehr geehrte Damen und Herren!
Grundsätzlich ist es natürlich besser, durch Aufklärung, Überzeugung und Gebote Menschen zu verantwortungsbewusstem Handeln zu bewegen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Einhaltung der Sicherheits- und Hygienemaßnahmen in der uns alle belastenden Corona-Pandemie.
Aber leider gibt es auch in dieser Krise Hartgesottene, sogenannte Corona-Leugner, denen die AHA-Regeln egal zu sein scheinen. Meist verzichten sie auf die erforderlichen Abstände zu anderen, die Hygienemaßnahmen und das Aufsetzen eines Mund-Nasen-Schutzes, sei es aus Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit oder gar Protest. Diese Menschen kann man wahrscheinlich nur durch Verbote, Kontrollen und entsprechende Sanktionen zu einer Verhaltensänderung bringen. Mit freundlichen Grüßen und guten Wünschen für Ihre Gesundheit gerade jetzt in Zeiten von Corona

Sehr geehrte Damen und Herren,
Herrn Brummers Kolumne hat mich sehr verstört und entsetzt. Einem so unglaublichen Zynismus bin ich in dieser schwierigen Zeit bisher noch nirgendwo begegnet, auch nicht bei den Corona-Demonstrant*innen in meinem Bekanntenkreis.
Immerhin weiß ich jetzt dank Herrn Brummer, dass ich den alten Menschen und den Risikopatient*innen in meinem Bekanntenkreis am Besten sage, dass sie sich mal nicht so anstellen sollen, wenn sie Angst vor Corona haben, andere haben viel schlimmere Probleme, z.B. wie sie ihren Geburtstag feiern sollen.
Und falls sie dann doch sterben, ist das ja auch kein Problem: sterben muss man sowieso und es gibt ja als Trostpreis das ewige Leben, das wird immerhin die Hinterbliebenen schon trösten, ging ja bei Massenmorden und Kriegen auch. Die braucht man dann ja konsequenterweise in Zukunft wohl auch nicht mehr zu verhindern.
Vielleicht könnte Herr Brummer in seiner nächsten Kolumne eine gute Sterbehilfeorganisation mitverlinken, für die, die nach einer Coronaerkrankung gravierende Spätfolgen haben oder berufsunfähig sind, aber leider noch nicht tot genug für das ewige Leben.
Im Ernst: vielleicht ist eine Kolumne in der Tat nicht der Ort für eine differenzierte Betrachtung der sehr komplexen Thematik, aber vielleicht sollte man - noch dazu in einer Zeitung wie Chrismon - doch noch mal nachdenken, wie ein solcher Text wirkt, bevor man ihn in dieser Form abdruckt.
Und nur zur Info: ich bin selbst weder alt noch eine Risikopatient*in.
Mit freundlichen Grüßen,
Reinhild Hohmann