Anke Engelke über Psalm 23: "Der Herr ist mein Hirt"

Hier Schaf, da Betreuer
Der Psalm - Hier Schaf, da Betreuer

Ahaok

Der Psalm - Hier Schaf, da Betreuer

"Der Herr ist mein Hirt" sang Anke Engelke im Schulchor und fühlte sich geborgen – auch wenn der Psalm in Rätseln sprach.

Vorsichtshalber Packungsbeilage direkt am Anfang: Das ist kein Text für Menschen mit Agnostikerunverträglichkeit oder einfach schlechter Laune. Bitte lesen Sie nur weiter, wenn man bei Ihnen nicht bibelfest sein muss, um sich mit einem Satz aus der Bibel auseinandersetzen zu dürfen. O. k. Geklärt. Also. Psalm 23, der Herr ist mein Hirte. Als ich diesem Satz das erste Mal begegnete, wusste ich nicht, dass das der bekannteste Psalm aus der Bibel ist. Ich erfuhr erst später, dass es dem Verfasser David um das Bild der Nähe ging und um die geradezu persönliche Betreuung: Hier Schaf, da Betreuer. Hier Hunger und Durst, da Gras und Wasser. Happy End.

Anke Engelke

Anke Engelke, geboren 1965, ist vielfach ausgezeichnete Schauspielerin und Entertainerin. Sie lebt in Köln, wo sie auch Gastprofessorin an der Kunsthochschule für Medien ist. Ab dem 17. September 2020 wird sie in der sechsteiligen Netflix-Serie "Das letzte Wort" zu sehen sein. Sie spielt eine Frau, die nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes Trauerrednerin wird.

Als ich aufs Gymnasium kam, durfte ich endlich mit­machen im Schulchor, in dem meine große Schwester sang, und ich weiß nicht, wieso: Die kirchlichen Lieder fand ich immer am besten! "Wir machen’s wie die Sonnen­uhr, wir zähl’n die heit’ren Stunden nur" – das war ein ­flotter Mitsing­hit der "Sonntagskinder", ja nun, aber ich habe mich nie, nie, nie mit dem Text auseinandergesetzt. "Wir sind alle Sonntagskinder, trallalalalala" – gesungen, nicht weiter drüber nachgedacht.

Wir sind nicht sonderlich religiös, die Konfirmation fand ich vor allem wegen des lässigen Unterrichts von Pfarrer Schaaf gut und wegen der schönen neuen Armbanduhr zur Feier des Tages. Aber wenn wir im Chor "Der Herr ist mein Hirt" sangen, passierte etwas mit mir.

Zart und aufbrausend

Das Arrangement war saukompliziert und spannend, daran erinnere ich mich gut, auch nach 40 Jahren, denn die verschiedenen Stimmen rieben sich, wir sangen versetzt, gestuft, wartend, manchmal seltsam zart und dann komplett aufbrausend, bebend, und es gab gesang­lich gefährliche Klippen, auf die ich mich regelrecht freute. Und der Text. Lauter Einsilber, überall fehlten Buch­staben: "Hirt"? "Au"? Hä?! Und was bedeutet: "Er ­weidet mich"? Ich war wirklich jung, ­andere Zeiten, nix kapiert, nicht mal die Einladung zum ­schlechten Witz erkannt, zum Beispiel über den Menschen als blödes Schaf, oder "Mir wird nichts mangeln" – hahaha – ich werde nichts mangeln, also Wäsche mangeln ­vielleicht.

Der Text schob Bilder in meinen Kopf, die mir gefielen: grüne Wiesen, klar, Ruhe, Stille, aber auch: beschützt werden. In Sicherheit sein. "Zuversicht" hätte ich falsch buchstabiert, aber das war das Gefühl, das mir der Text vermittelte. Ich habe wohl gespürt, dass alles gut ist, im Chor, in der Schule, und dass ich mich auf meine Familie verlassen kann und dass auf mich aufgepasst wird.

Der Schulchor trat oft auf: Schützenfest, Altersheim, Schulaula, auch im TV. "Musik ist Trumpf" war ein Highlight! Aber wenn wir "Der Herr ist mein Hirt" in einer ­Kirche sangen, fühlte ich mich trotz der uncoolen Chor­uniform gut. Erst die Stille, dann unsere Stimmen, dann der Hall. Überhaupt: unsere Stimmen, die hier in der ­Kirche einfach viel besser klangen als im Proberaum in der Schule: Ich kann das Gefühl immer noch abrufen.

Weitersingen!

Wenn ich heute mit dem Rad durch Köln fahre, ent­spannt und nicht nur während des Lockdowns total entschleunigt, dann singe ich leise und habe den Mut zum Improvisieren. "Der Herr ist mein Hirt" mit Improvisationen. Wenn das einer hört: puh. Nur habe ich jetzt andere Bilder im Kopf, und die Unbeschwertheit beim Singen ist futsch. Weil ich nicht mehr zehn bin und wir heute mehr wissen über den Zustand des Planeten und über die Zustände auf der Welt und viele von uns oft zweifeln und verzweifeln. Alles gut? Null.

Und hier kommt mein Plan: Weiter­singen! Gern "Der Herr ist mein Hirt", gern andere Lieder mit vielleicht auch rätselhaften Bildern vom Beschütztwerden. Und durch die Auseinandersetzung das eigene Verhalten überprüfen. Die anderen anschauen. Anderen Sicherheit geben. Anderen friedliche Ruhe zuge­stehen oder sogar ermöglichen.

Bibelzitat

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

- Psalm 23

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