Die Bessermacher - Folge 7: Müll reduzieren

Die Müllabfuhr kommt nur dreimal im Jahr!
Bessermacher - Müllabfuhr

Foto: Sebastian Arlt Illustrationen: Studio Käfig

Willi Weitzel trifft Menschen, die vorangehen beim Umweltschutz –
in Corona-Zeiten virtuell und leider nicht vor Ort.

Bessermacher - Müllabfuhr

Tina und Ronan Murphy aus Ludwigsburg haben drei Kinder: Luke, 6, Phil, 9, und Nic, 10 Jahre alt. Alle machen mit bei Foodsharing und Second­hand.

Willi Weitzel: Luke, du hattest Geburtstag! Was hast du geschenkt bekommen?

Luke Murphy: Ein Kuscheltier, einen Esel!

Willi: War der denn verpackt?

Luke: In einem Karton für Lebkuchen. Die Oma hat ihn geschickt.

Tina Murphy: Meine Mutter ist Schwäbin, da wird nichts verschwendet. Kaputte Socken stopft sie, und wenn mehr Loch als Socke übrig ist, kann man damit das Fahrrad putzen. Aus Bratfett und altem Brot macht sie leckere Croutons.

Willi: Ah, da kommt der Nic – mit Erdmännchen-T-Shirt!

Nic Murphy: Das ist Secondhand!

Willi: Du erzählst das ja sogar mit einem gewissen Stolz!

Nic: Ja, ich kriege oft voll coole Sachen von unseren Freunden.

Willi: Ah, da ist ja dein anderer Bruder. Phil, wie findest du das?

Phil: Ich finde es voll okay, gebrauchte Sachen anzuziehen. Und weil die Sachen nicht neu sind, kriegen wir auch selten Ärger, wenn mal was 'nen Fleck oder ein Loch hat.

Willi Weitzel

Willi Weitzel, Jahrgang 1972, ist Moderator, Reporter und Autor. Er wurde bekannt als Gesicht der TV-Sendung "Willi wills wissen", in der er von 2001bis 2009 einer ganzen Generation an Kindern die Welt erklärte. Viele Folgen sind heute noch auf "YouTube" zu sehen. Samstags ist er im BR Fernsehen mit der Sendung "Gut zu wissen" zu sehen. In der edition chrismon ist sein Buch "Der Islam. Fragen und Antworten für alle, die’s wissen wollen" erschienen (mit Mouhanad Khorchide).    
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Willi: Ronan, du trägst deinen Ehering links, nach irischer Art. Ist der auch nachhaltig?

Ronan Murphy: Nein, leider nicht, 2007 haben wir geheiratet. Damals waren wir zwar schon sehr umweltbewusst…

Tina: ...Sekt und Essen für die Feier kamen aus der Region. Ich freue mich über meinen Ring, aber heute würde ich keinen Schmuck mehr kaufen. Es ist unmenschlich, wie andere dafür schuften müssen, zum Teil sogar Kinder.

Willi: Tina, trägst du ­Secondhandkleidung?

Tina: Ja, 80 Prozent meiner Anschaffungen hatten Vorbesitzer. 

Willi: Kriegst du Komplimente?

Tina: Klar! Ich habe eine schicke Jeans, die passt wie angegossen. Und eine Handtasche für drei Euro, ein richtiges Schmuckstück.

"Das Wichtigste, wenn man secondhand kauft, ist Offenheit."

Willi: Was ist dein Tipp, wenn man ­secondhand einkauft?

Tina: Das Wichtigste ist Offenheit. Ich sage nicht, dass ich eine blaue Bluse möchte, sondern: Ich brauche ein Oberteil. Und ich bin tolerant. Ein Stiefel von mir hat einen Fleck. Den trage ich trotzdem, denn ich will nicht, dass ein Rind stirbt, nur damit ich einen Schuh ohne Fleck habe. Ich kaufe übrigens immer in Läden ein. Übers Internet gibt es zwar mehr Auswahl, aber der Versand ist ökologisch nicht so der Hit. Und ich sichere den Job der Verkäuferin.  

Ronan: Ich trage Hemden, bis sie zer­fleddern. Meinen Lieblingspullover hatte ich schon, als ich vor 30 Jahren aus Irland nach Deutschland kam.

Nic: Wir gehen auch oft in den "Ohne PlaPla"-Laden. Dort kannst du dir Sachen abfüllen. Zum Beispiel Müsli. Plas­tikverpackungen gibt es nicht. Vieles ist teurer als im Supermarkt, aber dafür von hier. Die Gummibärchen sind übrigens die Besten, die ich je gegessen habe.

Willi: Und ihr spart Geld an anderer Stelle.

Tina: Ja! Ich bin bei Foodsharing aktiv. Wir retten Lebensmittel, etwa aus Supermärkten. Die landen sonst im Müll. Das gesparte Geld kann ich anderswo ausgeben. Letztes Jahr habe ich einen Rappel gekriegt, weil ich mal wieder was Neues wollte. In Stuttgart gibt es einen schönen Nachhaltigkeitsladen. Da ­habe ich für eine Handvoll Teile fast 500 Euro ausgegeben. Ronan hat schon kurz geschluckt, als er die Rechnung gesehen hat. Da ich sonst aber immer secondhand ­kaufe, kann ich mir das auch mal gönnen.

Willi: Phil, wie gefällt dir das Foodsharing?

Phil: Cool! Es gibt immer wieder tolle süße Sachen, die würde die Mama uns nie kaufen.

 Tina Murphy mit Luke, 6, Phil, 9, und Nic, 10 Jahre fahren Einkaufen mit dem LastenradPrivat

"Viele Verpackungen sind unnötig."

Willi: Wie kann ich Müll reduzieren?

Ronan: Viele Verpackungen sind unnötig. Zum Metzger nimmst du eine Dose mit, zum Bäcker einen Beutel, Milchprodukte kaufst du im Glas. Und Obst nur lose. Wähle immer das Produkt, das am wenigsten verpackt ist. So beeinflussen wir auch die Hersteller. Tina schreibt denen auch immer wieder Mails, wenn Sachen besonders sinnlos verpackt oder umweltschädlich sind. Je mehr Menschen die Konzerne mit Kritik konfrontieren, umso schneller wird sich etwas ändern.

Willi: Nic, gibt es Diskussionen, wenn sich deine Freunde Limo in der Dose kaufen?

Nic: Nein, ich bringe meine eigene Flasche mit. Auf meinen besten Freund hat das schon abgefärbt. Seine Familie kauft auch immer mehr ohne Verpackung ein.

Willi: Und ärgern andere Kinder euch?

Nic: Selten, aber es kommt vor. Meine Schuhe waren kaputt, und die neuen – also die waren auch gebraucht – waren noch zu groß. Einer hat mich ausgelacht.

Willi: Wie war das?

Nic: Ich habe mich ausgeschlossen gefühlt. Aber wir machen es für die Umwelt, und ­dieser Gedanke hilft uns.

Willi: Das tut mir leid. Konsumieren ist leichter, als "nein" zu sagen. Tina, hast du in Deutschland keinen gleichgesinnten Mann gefunden?

Tina: In Irland auch nicht. Ich musste Ronan erst reformieren (lacht).

Ronan: Man wird durch Kultur und Erziehung konditioniert. Werbung hatte einen großen Einfluss auf mich, über vieles habe ich nicht so viel nachgedacht. Aber da ich in einer Großfamilie aufgewachsen bin habe viel secondhand getragen. Da war ich schon mal gut im Rennen. Außerdem kann ich gut Dinge reparieren. Es war nicht so schwierig mit mir.

Tina: Wir sind auf einer guten Basis gestartet, stimmt. Ich war zeitweise auch verbissener.

"Der Hebel ist: Vorbild sein für andere."

Willi: Erstaunlich, dass ihr mit drei Kindern so sparsam lebt.

Tina: Ich hatte eine Zeitlang eine Weltuntergangsstimmung und schaute viele Dokus über Umweltprobleme. Jedes Plastikfitzelchen war zu viel. Heute sage ich: Jede weitere Ersparnis würde uns viele Anstrengungen kosten. Aber wir inspirieren andere. Wenn ich eine Freundin mit durchschnittlichem Müllaufkommen begeistern kann, ihre Müllmenge um zehn Prozent zu reduzieren, dann ist das mehr, als wir in Summe erzeugen. Und wenn die Nachbarn ausprobieren, mit dem Rad zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren, weil wir es tun, dann ist das klasse. Meinen Chef konnte ich nach langen Diskussionen dazu bringen, mal ins Büro zu radeln. Er war sehr skeptisch. Inzwischen fragt er sich, wieso er je das Auto genommen hat. Hier ist also der Hebel - indem man Vorbild ist für andere.

Willi: Phil, es ist lange her, ich weiß, aber weißt du noch, wie das mit den Windeln war?

Phil: Haha, das ist wirklich lange her, nein!

Tina: Wir hatten Stoffwindeln. Die habe ich schon secondhand bekommen, für alle drei Kinder verwendet und hinterher noch weiterverschenkt. Mittlerweile haben die bestimmt schon fünf Kinder getragen. Unterwegs hatten wir aber auch Einwegwindeln. Und unsere Kinder wurden früh sauber. Wir konnten ganz gut erkennen, wann sie mussten. Der Reflex, das zu zeigen, ist Menschen angeboren.

Willi: Ihr habt eine ansteckende, positive Haltung, keine verbissene! Wie verpackt ihr eigentlich Geschenke?

Tina: Das kommt auf den Anlass an. Für kleinere Dinge nutze ich gerne Zeitung. Ich schau dann, dass auch ein schönes Motiv auf der Seite ist, und nicht gerade die Todesanzeigen. Größere Dinge lassen sich hervorragend in Stoff einwickeln. Ich nehme Stoffstreifen von einem alten Vorhang und verwende sie immer wieder. Für Weihnachten habe ich im Gartencenter schöne große Jutesäcke besorgt. Eigentlich sind die für das Überwintern von Topfpflanzen gedacht. Sie machen sich aber ganz hervorragend unter dem Christbaum. Vor zwei Jahren gab es bei uns Kapla-Steine, Schlafsäcke und Kopfkissen. Da hätten wir rollenweise Geschenkpapier verbraucht. Ganz zu schweigen von der Zeit, wenn man alles mühsam einwickeln muss.  

Nic: Ganz oft verschenken wir inzwischen auch gemeinsame Zeit. Vor drei Jahren habe ich mir zum ersten Mal bei meinem Kindergeburtstag von meinen Freunden gewünscht, dass wir als Geschenk etwas miteinander unternehmen. Es war toll. Ich durfte zum Beispiel mit dem Schlauchboot fahren, war bei einem Fussballspiel, beim Minigolfen und im Tierpark. Die anderen fanden es so cool, dass viele sich seitdem auch gemeinsame Erlebnisse wünschen, statt billiges Spielzeug, das meist schnell kaputt geht.

Willi: Wie oft kommt die Restmülltonne raus?

Ronan: Zwei- bis dreimal im Jahr. Unsere Welt ist dominiert von Konzernen, die wollen, dass wir viel konsumieren. Man braucht viel Eigenwilligkeit, um sich dem zu entziehen.

Willi: Schadet so viel Sparsamkeit nicht der Wirtschaft?

Ronan: Wir horten unser Geld ja nicht, wir ge­ben es nur anders aus. Wenn ich einem Klein­bauern hier aus der Region das Dreifache für ein gutes Produkt zahle, ist es doch besser, als Massenware über die Ozeane zu schippern. Und wenn die Schneiderin für zehn Euro die kaputte ­Hose flickt, sichert das einen Arbeitsplatz - ganz ohne Ressourcenverschwendung. An einem fair gehandelten T-Shirt verdienen die meisten in der Herstellungskette übrigens mehr, als an drei billigen Shirts vom Discounter. Mich kostet beides gleich viel.

Willi: Euer Lebensstil gibt euch mehr, als er euch abverlangt. Aber ist das nicht unbequem?

Tina: Das Wichtigste ist die Begeisterung für die Sache. An vielen Stellen macht es das Leben leichter, wenn man nachhaltig lebt. An anderen Stellen spannender. Zum Beispiel, wenn man statt mit dem Auto mit Bahn und Rad Freunde besucht. Wenn ich an unseren Umgang mit Ressourcen denke, ist es wie bei einem Buffet. Wir Industrienationen drängeln uns vor und nehmen uns sehr viel mehr als wir brauchen. Dadurch bleibt für die hinten in der Schlage nicht genug übrig. Das sind Menschen aus ärmeren Ländern und spätere Generationen. Eventuell auch schon unsere Kinder. Wenn sich jeder nur nimmt, was er wirklich braucht, ist mehr als genug für alle da.

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