Entwicklung der Mitgliederzahlen in den Kirchen

Hoffen und Haltung zeigen, trotz allem
2019 haben die Kirchen zusammen über 800 000 Mitglieder verloren. Das ist ein Verlust - auch für die Gesellschaft.

Der jährliche Statistiktag der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz ist ein trauriger Anlass für alle, die überzeugt sind, dass die Kirchen und ihre Botschaften wichtig sind. 2019 sind die Mitgliederzahlen erneut deutlich zurückgegangen: In den 20 evangelischen Landeskirchen um 427 386 auf rund 20,7 Millionen Mitglieder, im Bereich der 27 katholischen Bistümer um 401 757 auf 22,6 Millionen. Damit gehören nur noch knapp die Hälfte der Deutschen einer der beiden großen Kirchen an. Vor allem die vielen Austritte bereiten Kirchenvertretern Sorgen, zu Recht: 2019 kehrten 270 000 Protestanten der Kirche den Rücken, 22 Prozent mehr als im Vorjahr. 272 700 Katholiken traten aus, 26,2 Prozent mehr als 2018. Das ist dramatisch, denn hinter jedem Austritt steht eine bewusste Entscheidung, nicht mehr dazugehören zu wollen, sei es aus finanziellen Gründen, sei es, weil man mit den Botschaften nichts mehr anfangen kann. Oder weil man meint, die Kirche habe durch die Missbrauchsfälle ihre Glaubwürdigkeit vollkommen verspielt.

Claudia Keller

Claudia Keller ist chrismon-Redakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln und in den USA studiert und war viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin. Sie interessiert sich für religiöse und ethische Fragen und schreibt gern über Auf- und Umbrüche des Lebens. Einmal ist sie bei Recherchen sogar zufällig auf ein Geheimnis in der eigenen Familie gestoßen und hat einen Bruder gefunden, von dem sie nichts wusste.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Damit wird es für die Kirchen immer schwerer, gesamtgesellschaftlich durchzudringen. In der Debatte um die Sterbehilfe konnten sich die Bischöfe mit ihrer mehrheitlich ablehnenden Haltung nicht mehr durchsetzen, wie das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Februar zeigte. In der Corona-Krise konnten die allermeisten gut damit leben, dass es nur online Gottesdienste gab. Wie viel sich Pfarrerinnen und Pfarrer einfallen ließen, um Einsame, Kranke und andere Hilfsbedürftige trotz Lockdown zu erreichen, wurde außerhalb der Kirchen ebenso wenig wahrgenommen wie die Predigten, mit denen sie versuchten, das Verstörende einzuordnen. Die Talkshows laden halt lieber Soziologen als Theologen ein, wenn gesellschaftliche Entwicklungen gedeutet werden sollen, und auch in den sozialen Medien dominieren andere.

Man muss nicht an Gott glauben, um das für einen Verlust zu halten. Denn gute Theologinnen und Theologen können trösten und zuhören, gerade sie sind Experten im Umgang mit Unsicherheit. Pfarrer und engagierte Christinnen und Christen kritisieren auch nicht erst jetzt, wie es in Schlachthöfen und anderswo in Fabrikhallen und Unterkünften zugeht und erheben Einspruch, wenn Menschen nur noch nach ihrer Leistung beurteilt werden. Klar, nicht alle Kirchenvertreter sind gute Theologen, und manche Kirchengemeinde schmort im eigenen Saft. Aber viele sind es und mühen sich ab, um Menschen auch jenseits der Kirchenmauern zu erreichen.

Manchmal kommt die Botschaft doch an

Die EKD will jetzt mit einer Studie genauer erforschen, warum so viele Menschen austreten. Kann man machen, aber an Analysen und Tagungen mangelte es in den vergangenen Jahren nicht. Es gibt kein Patentrezept, und alle Konzepte und Projekte konnten den Trend bisher nicht umkehren. Es ist schwierig, das auszuhalten. Es ist eine Kunst zu akzeptieren, dass so vielen Menschen andere Dinge wichtiger sind und trotzdem fröhlich und mutig für die eigenen Positionen zu werben. Und hinzunehmen, dass man für naiv gehalten wird, wenn man dennoch von der Hoffnung spricht.

Manchmal passiert es aber eben doch, dass die Botschaft ankommt. Die Schriftstellerin Thea Dorn erzählte in einer Talkshow, dass ein Bibelvers von Paulus der beste Kommentar war, den sie zu Corona gelesen hat. Sie hatte ihn auf einem Transparent an einer Kirche gelesen, an der sie zufällig vorbeikam. Darauf war zu lesen: "Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit."

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Lesermeinungen

Die Kirchenaustritte sind nachvollziehbar. Die Begründung dürften 1. in der hohen Abgabe der Kirchensteuer liegen (können mehrere 10.000 Euro sein), die man in seinem Arbeitsleben bezahlen muss. 2. die Missbrauchsfälle, die endlich in den Medien kundgegeben wurden. 3. der in den Medien als "Protz-Bischof" Tebartz van Elz, bekannt wurde, indem er durch seine Bauaktionen für seinen Dienst- und Wohnsitz in Limburg, laut Presse, 31 Millionen Euro ausgegeben hatte. Bestrafung für diese unglaubliche Verschwendung ... Fehlanzeige. Anstatt einer Bestrafung erfolgt eine Versetzung in den Vatikan. Diese Entscheidung kann wohl nur im Bereich der Kirche getroffen werden??!! Aus meiner Sicht ist dies eine Sache für den Staatsanwalt. Woher hatte er wohl diese Millionen??? Durch die offene Medienwelt kommt ja viel in die Öffentlichkeit und das ist gut so. Da ich selbst eine Erfahrung über die fehlende Glaubwürdigkeit der Mitarbeiter vom Bistum Limburg machen musste, werde ich dieses Jahr mit Familienmitglieder aus der Kirche austreten. Damit geht für mich nicht der Glauben zu Gott verloren, sondern ich bin nicht mehr bereit, Jahr für Jahr solchen großen "Kirchenmitglied-Beitrag" zu zahlen. Es geben Länder in Europa die keine Kirchensteuer erheben. Aber jeder hat in Deutschland die Möglichkeit aus der Kirche auszutreten und keine Kirchensteuer zahlen zu müssen und dafür vielleicht einen monatlichen Betrag für soziale Fälle ausgibt (es geben genug arme Menschen). Ich kann nur hoffen, dass die Kirche in ihrem Verhalten gegenüber Ihrer Mitglieder eine Wandlung durchläuft und wieder mit Ehrlichkeit und Menschennähe sich präsentieren.

Als leicht verstörend kann man die Aufforderung an die Atheisten ansehen, gefälligst über die Kirchenaustritte traurig zu sein. "Man muss nicht an Gott glauben, um das für einen Verlust zu halten." Um bei der Einordnung behilflich zu sein: Klar gibt es unter den Kirchenflüchtlingen nicht wenige, denen die Kirchen nicht schwarz-braun genug sind. Leserkommentare, nicht nur bei chrismon, zeigen das ziemlich regelmäßig. Solche politischen Ansichten sind zu kritisieren, nicht der Entschluss, sich die Kirchensteuer zu sparen.

Traugott Schweiger

Aha, die öffentliche Wahrnehmung der Kirchen ist also unter anderem deshalb so gering, weil deren Vertreter so selten in die Talkshows eingeladen werden ...
Vielleicht sollten die Kirchen einmal ihren weltweit einmalig hohen Einfluß auf die Politik zielführender einsetzen ! Spontan und ohne Googeln fallen mir Dutzende von höchsten Beratungs- und Entscheidungsgremien ein, in denen beide Großkirchen seit Jahrzehnten Sitz und Stimme haben : Ethikrat,Datenethikkommission,Rat für Nachhaltige Entwicklung, die Rundfunkräte, Hochschulrektorenkonferenz etc.etc.
Derartig umfangreiche,institutionalisierte Einflußmöglichkeiten durch Religionsführungen gibt es nur noch in islamischen Ländern !
Und wie nutzen die Kirchen ihre Möglichkeiten ? Sie übertreffen einander in der Unterstützung einseitiger politischer Tendenzen und wundern sich, wenn sich immer mehr kritische Bürger enttäuscht und verbittert abwenden.