Arnd Brummer über offene Grenzen in der Europäischen Union

Wo Corona trennt
Auch offene Grenzen machen aus Nachbarn nicht immer Freunde.

Europäischer Alltag, so hoffen es besonders Leute an der Saar, am Bodensee, in Jütland oder im Bayerischen Wald, werde bald wieder selbstverständlich sein. Zur Arbeit, zum Einkaufen oder zum Abendessen schnell mal über Grenzen, die keine mehr sind. Daran haben sich die Deutschen und ihre Nachbarn in den letzten Jahren so sehr gewöhnt, als sei das schon immer normal gewesen. Dass der sogenannte Schengen-Raum erst 1995 in der Europäischen Union Realität wurde und viele Staaten erst nach der Jahrtausendwende Grenzkontrollen abschafften, lässt auch meine Nachbarin Rita stutzen: "Ja stimmt! Das war mal ganz anders."

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Rita wuchs an der Saar auf. Ihr Ehemann Ferdy stammt aus dem polnischen Zgorzelec an der Neiße, das auf Deutsch Neu-Görlitz heißt und sich mit Görlitz jenseits des nicht einmal ­50 ­Meter breiten Flusses seit 1998 "Europastadt" nennt. An der Neiße wie an der Saar war friedlich freundschaftliche Nachbarschaft in der langen Geschichte oft nicht möglich. Die deutschen Herrscher stritten sich dort mit Franzosen, Polen oder Dänen um Macht, Land und wirtschaftliche Zentren wie Bergwerke, Städte, Flüsse und Wälder.

Während wir über die wegen der Pandemie verhängten Sperren plaudern, erzählt Ferdy, wie es war, als er in Zgorzelec aufwuchs. "Ich bin 1970 geboren. Als Kind erlebte ich die acht Jahre, in denen es möglich war, ohne Pass und Visum hin und her über die Neiße zu gehen. Die Regierungen hatten es so vereinbart." Im Jahr 1980 ließ das Ostberliner SED-Regime die Grenze jedoch wieder schließen. Ihre Angst vor der in Polen wirkenden ­Solidarnosc-Bewegung war zu groß.

Nachbarschaft bestätigte auch in den Corona-Wochen nicht immer grenzfreie Freundschaft. Als bestimmte Übergänge zwischen dem Saarland und Lothringen wenigstens für Pendler wieder passierbar wurden, kam es mancherorts zu heftigen Hasstiraden. Vor Läden und Betrieben wurden Franzosen als "schmutzige Einschlepper" des Coronavirus beschimpft und ihre Autos mit Eiern beworfen. "Mag sein", meinte Rita, "Idioten gibt es überall. Aber bedeutende Saarländer wie Außenminister Heiko Maas verur­teil­ten das sofort. Und die meisten Leute in unserer Gegend fanden das klasse."

In Zeiten wie diesen gibt es immer etwas zu lernen

Offene Grenzen habe ich mir, aufgewachsen in Konstanz am Bodensee, immer gewünscht. Unsere Kulturmetropole hieß "Züri" oder hochdeutsch Zürich. Und mit den schwäbischen Nachbarn jenseits des Sees verband uns weniger als mit denen aus dem Thurgau, aus Zürich oder St. Gallen.

Nach dem Beitritt der Schweiz zu "Schengen" und der Grenzöffnung 2008/09 begann die Bevölkerung, hin und her zu wirbeln, und zwar nicht nur zum Einkaufen. So zog eine junge Verwandte aus Konstanz wegen ihres Jobs in ein Dörfchen im Thurgau. Was sie in diesen pandemischen Wochen sehr ärgerte: Sie durfte ihre Mutter nicht besuchen, bis dies vor sechs Wochen wenigstens mit Passkontrolle und einem "Selbstauskunft" genannten Formular wieder erlaubt wurde.

In Zeiten wie diesen gibt es immer etwas zu lernen. Auch hinsichtlich der Grenzen. Wer sich an Einheit in Vielfalt gewöhnt hatte, erlebte, wie labil – politisch wie emotional – die sogenannten Realitäten sind.

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