Mail aus New York: Polizeigewalt

Gestörtes Vertrauen
Posteingang - New York

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Aktivisten vor dem New York Police Department fordern eine Polizeireform

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Die deutsche Auslandspfarrerin Miriam Groß berichtet aus New York nach dem Mord an George Floyd

Der Menschenstrom floss über die Brooklyn Bridge und ergoss sich über den Vorplatz der Gerichts- und Verwaltungsgebäude in Lower Manhattan. Nach der Trauerfeier für George Floyd gingen in New York unzählige Menschen auf die Straßen. Wut und Empörung ziehen sich durch alle Schichten. Viele Orte in den USA stehen in Flammen, und ich kann nicht verschweigen, dass mir angst und bange ist angesichts der Gewalt und Gegengewalt.

Miriam Groß

Miriam Groß ist Pfarrerin an der St.-Pauls-Kirche in New York und hat vier Kinder. Von ihr erschien 2016 das Buch "Hello, Mrs. Father!" (Claudius Verlag) mit Texten aus ihrem US-amerikanischen Alltag.
Privat

Ich begleite seit Jahren Polizisten und Polizistinnen der örtlichen Wache. Ich weiß, wie sie unter Druck stehen, dass Menschen sie beschimpfen, ihnen ins Gesicht schreien und auch physisch bedrängen. Es sind Menschen wie du und ich. Mit Familien, Freunden und eigenen Lebensgeschichten. Und dennoch legen die vielen Morde die Brutalität des Systems offen.
Das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei ist auch in New York sehr brüchig. Programme wie "Stop-and-Frisk" haben ihre Spuren hinterlassen: Zwischen 2002 und 2013 hatten Polizisten in New York City das Recht, auf Verdacht hin Passanten zu durchsuchen und gegebenenfalls festzunehmen. Als Statistiken veröffentlicht wurden, wurde bekannt, dass davon überproportional viele Afroamerikaner und Latinos betroffen waren. Es folgten zahlreiche Proteste, die ein Ausdruck der tiefen Teilung dieser Stadt und des Landes waren: in Reiche und Arme, Farbige, Latinos und sogenannte "Weiße".

Antirassismus-Training

Die New Yorker Polizeibehörde (NYPD) geht offen und konstruktiv mit dieser gebrochenen Vergangenheit um. Polizisten durchlaufen heute ein Antirassismus-Training, und es gibt Quotenregelungen, damit die verschiedenen Bevölkerungsgruppen repräsentiert sind. 2015 wurden unter dem Titel "Neighborhood Policing" Maßnahmen eingeführt, um die Polizei mehr in die Viertel einzubinden. So halten etwa Ortspolizisten den Kontakt zur Bevölkerung und tauchen nicht nur auf, wenn es Probleme gibt. Im Idealfall werden sie zu Vertrauenspersonen. Im Rahmen dieses Programms bin ich als sogenannte "Clergy Liaison", als örtliche Seelsorgerin für die hiesige Polizeistation zuständig.

Gegenwärtig kann ich nicht beurteilen, wie es weitergehen wird in den USA. Ich hoffe und bete, dass den Verantwortungsträgern endlich die Augen geöffnet werden. Sie müssen verstehen, dass alle Menschen, egal welcher Herkunft, Hautfarbe, Nationalität oder wirtschaftlichem Status, im Angesicht Gottes erschaffen sind. Allen müssen die gleichen Rechte und Pflichten zugesprochen werden.


 

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