Mail aus Stockholm: Sonderweg in der Corona-Krise

Anderer Weg - gleiches Ergebnis?
Offene Schulen, kaum Verbote - Schweden traut seinen Bürgern zu, dass sie auch so vernünftig handeln.

Zeitweise fühlte es sich an, als sei man in Schweden Teil eines großen Experimentes: Während der Corona-Krise ging das Leben vielfach so weiter wie gewohnt. Kindergärten und Grundschulen waren die ganze Zeit in Betrieb, Geschäfte und Cafés blieben offen. Für mich war diese (vermeintliche) Passivität oder auch Sorglosigkeit anfangs belastend und schwer mit den Entwicklungen im Rest Europas zusammenzubringen. Mittlerweile finde ich es aber spannend zu beobachten, wie in der Pandemie die Eigenheiten dieses Landes deutlich zutage treten: Die Schweden und Schwedinnen trauen ihrem Staat und dessen Institutionen, und der Staat setzt auf den gesunden Menschenverstand seiner Bürger. Das trägt offenbar auch im Stresstest.
Jetzt, Ende Mai, wo überall in Europa die Einschränkungen gelockert und manche Grenzen wieder offen sind, wird sich hoffentlich zeigen, dass die schwedische Herangehensweise kein Irrweg war. Die Menschen hier werden wohl wenige Probleme haben, in die Normalität zurückzufinden. Lautstarke und krude Proteste gibt es kaum.

Michael Dierks

Michael Dierks ist Kirchenmusiker und Kantor der deutschen evangelischen Gemeinde in Stockholm. www.svenskakyrkan.se
Privat

Auch in der Hochphase der Pandemie im April und Mai war kaum Rebellisches zu spüren. Eher eine unaufgeregte Gewissheit, dass der eingeschlagene Weg hierher passt. Kriegsrhetorik oder Starker-Mann-Gehabe in anderen Ländern lösten Kopfschütteln aus, genauso wie die weitestgehend widerspruchslose Einschränkung persönlicher Freiheiten. Nicht die Politik, sondern die Spezialisten und Spezialistinnen der obersten Gesundheitsbehörde entschieden über die Vorgehensweise, in erster Linie mit moderaten Empfehlungen: Ansammlungen bis maximal 50 Personen, Alte und Menschen aus anderen Risikogruppen sollten zu Hause zu bleiben. König und Premierminister beließen es bei Ermahnungen: "Jetzt ist es ernst" – für Schweden war das schon ein außergewöhnlich starkes Statement.

Menschen passen trotzdem auf

Die Krise wird natürlich auch hier als Krise verstanden: Die Menschen meiden den öffentlichen Nahverkehr und gehen seltener in Restaurants. Museen sind geschlossen. Mein Fitnessstudio hat alle Gruppen maßvoll verkleinert, so dass man Abstand halten kann. In den Geschäften versucht man, sich aus dem Weg zu gehen. Die weiterführenden Schulen und die Universitäten machen Fernunterricht, was in der recht weit digitalisierten Welt in Schweden gut funktioniert. Das Ende ist ungewiss. Es gibt seit kurzem die Empfehlung, bis Mitte Juli auf nicht notwendige Reisen zu verzichten. Die Versammlungsbeschränkung kann noch Monate gelten.

Wenig Tests

Wie viele Menschen in Schweden infiziert und gestorben sind, wird nicht verschleiert, allerdings werden die Zahlen nach meiner Wahrnehmung nicht so offensiv medial aufbereitet wie in anderen Ländern. In Stockholm muss die Verbreitung des Virus enorm sein. Da aber nach wie vor wenig getestet wird, sind fast alle Zahlen spekulativ. Man hat sicher auch Glück gehabt, dass sich das Virus vom Süden und der Mitte Europas langsam in den Norden ausgebreitet hat und mehr Zeit für die Vorbereitung da war. Seit Anfang April ist ein zügig eingerichtetes Feldlazarett in der Messe Stockholm einsatzbereit, hatte aber bisher noch keine Patienten. Die erste Welle ist anscheinend gemeistert. Gescheitert ist Schweden allerdings dabei, ältere Menschen zu schützen. Die Infektions- und Todesfälle in einigen Pflegeheimen sind schockierend.

Abwarten

Die meisten Schweden fühlten sich übrigens nicht als Teil eines Experiments. Sondern beobachteten eher befremdet, wie andere Staaten experimentierten und versuchten, ganze Bevölkerungsteile in Quarantäne zu setzen, Volkswirtschaften herunterzufahren, demokratische Grundrechte außer Kraft zu setzen. Alles mit nach wie vor nicht absehbaren Folgen. Es wird interessant sein zu sehen, wie man in einem Jahr das heutige Handeln beurteilt. Vielleicht ist das Resultat am Ende gar nicht so unterschiedlich. Aber der Weg dorthin wird ein anderer gewesen sein. Bis dahin gilt wohl für alle: Denkt selbst nach und handelt verantwortungsbewusst.

 

 


 

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