Kinderklinik-Seelsorgerin Christa Schindler über ihre Arbeit während Corona

Klar bin ich systemrelevant!
Christa Schindler

Sandra Stein

Wenn sie zu den kleinen Patienten geht, trägt sie Maske: die Kölner Kinderklinik-Seelsorgerin Christa Schindler

Still ist es in der Kinderklinik seit dem Ausbruch von Corona. Wenig Besuch ist erlaubt, die Pfarrerin wichtiger denn je.

chrismon: Wie arbeiten Sie als Seelsorgerin seit Corona im Kinderkrankenhaus?

Christa Schindler: Ich arbeite einfach weiter. Ich darf nur nicht mehr meine Rundgänge machen, also von Tür zu Tür gehen und mich vorstellen. Aber ich begleite einige Eltern und Kinder schon sehr lange, und die darf ich auch besuchen.

Mit Schutzanzug?

Nein, mit Maske, mit desinfizierten Händen und zwei Metern Abstand. Ich selber habe keine Angst, mich anzustecken. Kinder machen Corona ja offenbar anders oder gar nicht durch. Wir hatten in der ganzen Zeit hier nur zwei Kinder mit Corona, beide mit ganz leichtem Verlauf. Überall sind Desinfektionsspender. Und die Kinder haben das superschnell verstanden mit dem Abstand. Die wissen, man darf sich nicht umarmen. Sie fangen - statt mich zu umarmen - zum Beispiel vor Freude an, mit den Füßen zu trampeln. Alle wissen, dass sie Hände waschen müssen, alle haben Mundschutz und vergleichen, was hab ich auf der Maske drauf, was hast du ...

Christa Schindler

Christa Schindler, 60, ist evangelische Pastorin und Klinikseelsorgerin in der Klinik Amsterdamer Straße in Köln, eine der größten Kinderkliniken Europas.
Sandra Stein

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Und die Eltern?

Es durfte immer nur ein Elternteil rein – das ist schon eine große Umstellung. Früher durften alle kommen, Oma, Opa, Geschwister. Das ist jetzt zu gefährlich – für die Omas. Es ist jetzt schon stiller hier auf der Station. Einige Kinder sind einsamer als sonst. Die Eltern wechseln sich meistens ab, einer vormittags, einer nachmittags.

Zu wem gehen Sie denn gerade?

Zu einer Dreijährigen, die einen schweren Verbrennungsunfall hatte. Ihr ist oft langweilig. Mit ihr setze ich mich ans Fenster und höre Vogelstimmen. Ich habe da eine App. Neulich haben wir einen Kormoran gehört. Und eine Blaumeise! Wir reden viel über Bienen, vor denen hat sie Angst, weil ihre Haut ja eh so juckt. Und heute kriegt sie von mir ein Einhornhandtuch, sie steht total auf Einhörner.

Wie geht es den Frühchen?

Wir hatten hier weniger Frühgeburten als sonst. Die Ärzte vermuten, dass es weniger Stress gab durch die allgemeine Entschleunigung. Die Schwangeren waren zu Hause, haben nicht, wie sonst oft, bis zum letzten Moment gearbeitet und das Haus umgebaut und noch einen Urlaub gemacht ... ob das wirklich der Grund ist, keine Ahnung. Aber vielleicht hatte Corona da eine gute Wirkung.

Ist ein Kind gestorben während der Corona-Zeit?

Ja, ein Kind mit einer ganz schweren Krankheit. In solchen Momenten gilt die Eine-Person-Regelung nicht, die Eltern durften sich verabschieden und meine Kollegin hat das Kind ausgesegnet. Sie wurde von den Schwestern gerufen. Die jüngeren Schwestern sind manchmal unsicher, was ein Notfall ist ...

Was ist denn kein Notfall in einer Kinderklinik?

Ich traf im Parkhaus einen Vater, der so deprimiert aussah, dass ich ihn ansprach. Er war einfach traurig, weil er nie gemeinsam mit seiner Frau und dem Baby zusammen sein durfte. Inzwischen dürfen wieder beide Eltern rein, und auch wenn es bei Neugeborenen kritisch wurde, durften beide auf die Intensivstation. Die Kinder haben einen unheimlichen Lebenshunger, die wollen gar nicht, dass alle traurig und ernst sind, die wollen lachen.

Und die kleinen Krebspatienten?

Die erleben immer schon das, was wir mit der Corona-Zeit neu kennengelernt haben. Krebspatienten sind in der Regel ein Jahr hier. Ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne Besuch. Die dürfen nicht auf die Straße, nicht zum Supermarkt, nicht auf Feste gehen. Immer nur Fernsehen und Internet. Für die ist die Corona-Zeit der Normalzustand.

Klingt in Ihrer Klinik gar nicht so nach Ausnahmezustand ...

Nein, die Ärzte hier wissen, dass Ruhe das Wichtigste ist für diese Kinder hier. Das Dramatische, das Sie im Fernsehen sehen, gibt es in der Kinderklinik nicht.

Erzählen Sie auch von Jesus?

Ich habe mit den Kindern in der Kapelle einen Osterstrauch gebastelt und geschmückt, das war toll. Mit Masken und Abstand, klar. Aber wir haben uns erzählt: Kennt einer die Ostergeschichte? Kennt überhaupt einer die Bibel? Alle waren froh, dass wir so was Schönes zusammen machen konnten. Und ich habe gerade erst mit sehr frommen Eltern über ihr Gottesbild diskutiert. Da geriet alles ins Wanken, als der 18-jährige Sohn mitten im Abitur eine seltene, sehr schwere Krebserkrankung bekam. Aber ich bin als Seelsorgerin für alle zuständig, nicht nur für die Frommen.

Sind Sie systemrelevant?

Klar, das hat mir die Landeskirche gleich zu Anfang geschrieben. Und im Intranet der Klinik, das täglich aktualisiert wird, stehen wir gleich auf der ersten Seite. Wir sind da, wir sind zu erreichen, wir sind wichtig!

Schicke Masken haben Sie da. Mit Kölner Dom drauf ...

Habe ich auf einem Foto in chrismon gesehen, da habe ich die Schneiderin gegoogelt und angerufen. Die näht sonst Karnevalskostüme, jetzt macht sie Masken. Wenn ich genug Spenden zusammenkriege, will ich für jedes Kind auf der Onkologie eine kaufen. Ich will während der Corona-Zeit mal so eine große Aktion machen. In meiner Autowerkstatt gab es Seifenblasenfläschchen als Werbegeschenk. Habe ich dem Autohändler 100 abgeschwatzt. Ich freue mich schon: Alle Kinder kommen um 11 mit den Kölner Masken raus und pusten dann Seifenblasen vom Balkon. Dann ist hier was los.

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