Die Lyrikerin Nora Gomringer über Glauben und Selbstpflege

Wer viel weint, muss viel schwimmen
Fragen an das Leben -  Nora-Eugenie Gomringer

Dirk von Nayhauß

Nora-Eugenie Gomringer, Lyrikerin und Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg

Fragen an das Leben - Nora-Eugenie Gomringer

Ihr Tipp für Krisen. Und geht’s ihr wieder besser, läuft die Lyrikerin Nora Gomringer. Dazu Kino und Krafttraining: prima Selbstpflege, sagt sie.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Es ist so herrlich, auf einem Markt zu stehen und die Vielfalt der Welt anzusehen und genug in der Tasche zu haben, um etwas davon nach Hause zu holen, zu kochen und zu schmecken. Ich habe wenig Zeit und schätze es sehr, wenn ich einkaufen und schnuppern kann.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Wie alles in der Schöpfung empfinde ich mich als Ausdruck einer göttlichen Zugewandtheit. Ich hatte auch nie eine Vertrauenskrise mit Gott. Meine Gottgläubigkeit ist in einem ruhigen Kinderzimmer meines Gehirns abgespeichert, da passieren keine Stürme. Das Kinderzimmer ist immer offen und leicht auffindbar. Umgeben von Escher-artigen Treppen, und trotzdem habe ich einen direkten Zugang. Ich habe viele Jahre an mir selbst gezweifelt, damit habe ich mich unglaublich sabotiert. Und quasi gegen den Schöpfer gesprochen. Ich denke das bei Frauen, die sich angucken und sagen: "Ich bin hässlich!" Wenn jetzt Gott, der dich gemacht hat, neben dir steht, und du sagst: "Alles scheiße" – das klingt unhöflich.

Nora Gomringer

Nora-Eugenie Gomringer, 1980 geboren, ist Dichterin und Performerin. Mit 20 veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband, zuletzt erschien "Gottesanbieterin" (Voland & Quist, 20 Euro). Sie erhielt zahlreiche Preise, darunter den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache, den Joachim-­Ringelnatz-Preis und den Ingeborg-Bachmann-Preis. Als Gastdozentin war sie in Sheffield, Kiel, Ohio und Koblenz-Landau (zusammen mit ihrem Vater, dem Schriftsteller Eugen Gomringer). Seit 2010 ist sie Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg.
PrivatNora Gomringer

Muss man den Tod fürchten?

2018 war ich furchtbar krank, ich kannte nur zwei Zustände: schlimmen Schmerz und Angst vor Schmerz. Ich habe es mir nun zur Übung gemacht, einmal am Tag an mein Sterben zu denken. Bist du dankbar genug? Ist alles halbwegs so, dass es sich auflösen lässt? Hast du genug auf dem Konto, dass dein Sarg bezahlt werden kann? Was ist mit dem letzten Gedicht? Weiß jemand alle Passwörter, so dass von dir etwas bleiben kann? Hätte ich noch 24 Stunden zu leben, müsste ich im Schock erst mal weinen. Dann würde ich mir auf ­Social ­Media was Kluges überlegen und meinen Abgang vorbe­reiten. Ich würde Geld verteilen. Zehn Leute dürften von ­meinen ­Sachen nehmen, was sie wollen. Ich würde die letzten Momente am liebsten mit einem flauschigen Hundewelpen verbringen. Und mit schön gemachten Nägeln, das ist wichtig.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Mein Körper ist offensichtlich anders als mein vom Willen gesteuerter Rest. Ich habe dann schlechte Träume, ­schlafe schlecht. Ich finde das gerecht, ich habe einem anderen etwas getan, das verdiene ich. In verzweifelten Momenten habe ich aber oft erlebt, dass Menschen unerwartet gütig sind, eine Geste, die wie ein Geschenk wirkt und erleichtert. Ein schwieriges Gleichgewicht bilden Scham und Schuld. Ab einem gewissen Punkt hindert einen Scham nur noch, gerade für Frauen kann das schwierig sein. Ich habe zwei Jahre intensiv Tinder verwendet. Und habe mir furchtbare Beschimpfungen anhören müssen: Ich sei eine Hure, sexuell und moralisch verkommen. Dabei habe ich nur offen dargelegt, dass ich nicht an einer Beziehung interessiert bin, ich wollte niemandem Hoffnungen machen. Das hat diese Männer sauirritiert. Sie haben mich nur getroffen, um mir zu sagen, wie verdorben ich sei. Im ersten Moment denkt man dümmlich: Ich verhalte mich als Frau falsch, man muss warten, man ist die Empfangende. Diese Männer haben ­verbalisiert, was viele denken: Sie sind die Biene, die diese Blume anfliegt, und wehe, die Blume kommt auf sie zu!

"Künstler wollen immer entdeckt ­werden, Ruhm hält nie an"

Wer oder was hilft in der Krise?

Ich habe zwei Krisen im Jahr – vielleicht bin ich unglücklich verliebt, oder ich ersehne mir als Künstlerin Dinge, die nicht eintreffen. Die Selbstpflege funktioniert aber gut. Kino bringt eine gewisse geistige Anregung, indem man ab­schaltet. Schwimmen hilft – wenn man viel weint, muss man viel schwimmen. Und wenn man wieder klare Gedanken fassen kann, rennt man. Ich habe Lauf-Schwimm-Lauf-Schwimm-Phasen. Und Krafttraining ist prima gegen Ohnmachts­gefühle. Einfach zu wissen: Ich kann das hochheben!

Welchen Traum wollen Sie sich unbedingt erfüllen?

Viele meiner Träume haben wenig damit zu tun, ob ich sie mir erfüllen kann. Künstler wollen immer entdeckt ­werden, Ruhm hält nie an. Ich hoffe, dass die Leute auf Neues ­gucken, ohne zu sagen: "Die drei Alben davor hatten aber mehr Substanz."

Wie sieht es aus, ein gelungenes Leben?

Der Lebende hat das Gefühl, sich selbst helfen zu können, er hat Wege gefunden, auch nach großer Verzweiflung, weiterzugehen mit dem Gefühl: "Es lebt nicht mich, sondern ich lebe." Wenn viele dieser Momente zusammenkommen und man das Gefühl hat: Ich konnte gestalten – dann hat man ein gutes ­Leben geführt.

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