Arnd Brummer über Demokratie, Debatten und Corona-Einschränkungen

"Streit füllt ­meinen Tank"
Auch in Krisenzeiten kann niemand "absolut" recht haben.

Die Tankstelle bleibt geschlossen! Wer in diesen Tagen einen solchen Satz schreibt oder spricht, darf mit zahlreichen gerunzelten Stirnen und irritierten Blicken rechnen. Auf den Besuch von Gast­stätten, Modegeschäften oder Kaufhäusern können wir eine Weile verzichten, Sprit aber brauchen wir.

Die Debatte über Gottesdienstverbote erinnerte mich an den Satz eines erfahrenen Religionslehrers. Konfirmanden ließ er wissen: "Gottesdienste sind nicht die Zentren christlichen Seins. Sie sind Tankstellen, in denen wir neue Energie gewinnen, um alltäglich im Sinne Jesu unterwegs sein zu können."

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Als ich dies neulich Joe erzählte, ­reagierte mein Neffe mit breitem Grinsen: "Tja, da siehst du, dass auch der Glaube e-mobil werden muss. Statt einander nach dem Abendmahl die Hände zu schütteln oder gar in den Arm zu nehmen, sitzen meine Mama, Onkel und Tante zu Hause vor ihrem Notebook und hören, wie das Orgelspiel der Kantorin durch die ­leere Kirche hallt." Das Ziel der Corona-­Pandemie, fügte er hinzu, sei es, die Menschen gegen den Drang zur körperlichen Nähe zu immunisieren.

Ohne es zu wissen, wandert Joe auf alten Wegen der Kulturphilosophie. Der menschliche Drang zu Nähe und Gemeinschaft, so stellen zahlreiche Autoren fest, habe keine Urform, die ewig gelte. Humane Realität und technologische Innovation sorgten stets für neue Formen, die das Bedürfnis nach Gemeinschaft erfüllen helfen. So wurde aus dem Theater, in dem Menschen für Menschen spielten, das Kino, in dem das Publikum Darstellungen auf der Leinwand als quasi real erlebte. Und dann mussten die Zuschauer nicht mal mehr aus ihren Wohnzimmern raus, weil der Fernseh­apparat zum Heimkino wurde.

Starrsinn hilft niemandem

Was also bedeuten "Nähe" und ­"Gemeinschaft"? Ich habe es in den vergangenen Wochen sehr vermisst, mit größeren Gruppen von Freunden und Bekannten in Vereinen, Kirchen und Weinstuben zusammen zu sein. Und ich fand es geradezu fürchterlich, als von einigen gefordert wurde, diesen Zustand noch über Monate als allgemeingültig anzusehen. Aber auch die Forderungen der anderen Seite, möglichst sofort alle Einschränkungen aufzuheben, irritierten mich.

Einmal mehr erwies sich ein Satz als Trostspender für mich: Menschen können keine absolute Wahrheit besitzen! Starrsinn hilft niemandem. Es tut mir gut, wenn in der demokratischen Öffentlichkeit über "richtig" und "falsch" heftig debattiert wird und neue Erkenntnisse Positionen der politisch Verantwortlichen verschieben, verändern oder bestätigen. Streit ist der zentrale Antrieb der Demokratie. Für unbestreitbar halte ich, was Bundestagspräsident Schäuble formulierte: "Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen."

Freiheit und Würde der Menschen zu erhalten, ist die Aufgabe jeglicher Politik. Wie in unserer Gesellschaft um den richtigen Weg zu diesem Ziel ge­stritten wird, füllt meinen Tank mit neuer ­Energie. So nutzt man die ­Chancen der Krise! Gott sei Dank!

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Brummer,
Ihr Artikel spricht mir aus der Seele. Ich sehe das genau so wie Sie:
Die Kirche in Corona-Zeiten
So etwas haben wir noch nicht erlebt!
Alles ist zu: die Schulen, die Kitas, die Geschäfte und Gaststätten, die Theater und Fußballstadien und auch die Kirchen. Widerstandslos haben wir uns den Anordnungen unterworfen. Aber je länger dieser Zustand dauert, desto lauter wird der Ruf nach Lockerungen. Wann darf was wieder geöffnet werden? Was ist für die Gesellschaft am wichtigsten? Es geht um Existenzen, um Arbeitsplätze, um Familien mit Kindern.
Wann dürfen in den Kirchen wieder Gottesdienste stattfinden? Darf der Staat darüber entscheiden? Im Grundgesetz ist die Religionsfreiheit verankert.
In der Wochenzeitung DIE ZEIT las ich den Satz „Kirchen sind wichtiger als Kneipen“. Wie viele Deutsche würden diesem Satz zustimmen? Wir alle möchten uns gern wieder mit Freunden treffen und gemütlich in der Kneipe sitzen. Und wir Christen möchten uns gern wieder als Gemeinde im Gottesdienst versammeln, statt allein vor dem Fernseher zu sitzen. Was ist uns wichtiger?
Diese Ausnahmezeit ist für uns auch eine Zeit des Nachdenkens darüber, was uns im Leben wichtig ist und worauf wir eher verzichten können.
Die Politik hat als oberstes Ziel festgelegt: „Die Gesundheit muss geschützt werden“. Alle haben zugestimmt. Kein Kirchenvertreter hat dem widersprochen, wohl aber unser Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Er sagte in einem Interview: „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“ (26.4.2020 im "Tagesspiegel")
Wie oftt haben wir mit Martin Luther gesungen:
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
lass fahren dahin,
sie haben‘s kein‘ Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.
(Mai 2020)