Und nach der Corona-Krise? Prostitution in Kenia

"Sie sind in Gefahr - jetzt noch mehr als sonst"
Kenia, Mombasa, Prostitution

TONY KARUMBA/AFP/Getty Images

Prostitution in Kenia - vor Corona

Mombasa, KENYA: TO GO WITH AFP STORY : KENYA-TOURISME-PROSTITUTION-ENFANTS by Beatrice Debut Photo taken 19 June 2007 shows a mixed-race couple walking on a beach at Kenya's coastal town of Mombasa where sex-tourism, increasingly involving minors, has become rampant. Between 10 and 15 thousand under-aged girls are now involved in the growing industry that has prompted the Kenya government and hotel owners and managers to introduce a code that must be adopted by hotel operators along the Kenyan coast to prevent the prostitution of minors, many of them girls, by denying suspected under-age clients that are unaccompanied by a related adult admission without proof of age. AFP PHOTO / TONY KARUMBA (Photo credit should read TONY KARUMBA/AFP via Getty Images)

Ordensschwester und Prostitutionsgegnerin Lea Ackermann über Mädchen in Kenia, die sich verkaufen müssen.

chrismon: Die Bordelle in Deutschland sind geschlossen, Prostituierte verlieren in der Corona-Krise Einkünfte und oft auch ihre Bleibe. Wie geht es den Prostituierten in Kenia?

Lea Ackermann: Ich spreche nicht von Prostituierten, sondern von Frauen in der Prostitution. Das ist ein Unterschied. "Prostituierte" ist vielerorts ein Schimpfwort, gleichzeitig wird es wie eine Berufsbezeichnung verwendet. Beides ist falsch und schreibt die Frauen fest. Prostitution ist nicht ihr Beruf.

Was ist es dann?

Es ist eine Tätigkeit, die die kenianischen Frauen und Mädchen aus der Not heraus machen. Sie sind arm und haben keine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen. Viele von ihnen wurden als Kinder missbraucht, andere gezwungen. "Meinen Sie, es macht mir Spaß, mit irgendeinem Trottel abzuziehen und mir Krankheiten einzufangen?", fragte mich erbost eine Siebzehnjährige, die ich in einem Kontaktcafé ansprach.

Ein Kontaktcafé?

Das sind normale Lokale oder Bars, in denen die Mädchen und Frauen mögliche Kunden treffen. Sie erkennen solche Läden gleich: Dort sitzen erwachsene, oft weiße, alte Männer mit jungen Kenianerinnen zusammen. Sie trinken etwas und gehen dann gemeinsam fort.

Sie betreiben Ausstiegszentren in verschiedenen kenianischen Städten. Was passiert da?

Unsere einheimischen Sozialarbeiterinnen überlegen mit den Frauen, wie diese ihren Lebensunterhalt anders verdienen können: Brot backen, Schmuck herstellen, schneidern … Viele Frauen können das in unseren Ausbildungszentren lernen, und sie tun sich dann zusammen. Wir helfen ihnen, eine Backstube einzurichten, die sie gemeinsam nutzen. Die Produkte verkaufen sie an kleinen Straßenständen oder auf dem Markt. Die Sozialarbeiterinnen suchen auch nach Schul- und Ausbildungsplätzen und unterstützen die Schülerinnen finanziell.

Wie geht es den Frauen und Mädchen jetzt, in Zeiten von Corona?

Sehr schlecht. Die noch in der Prostitution sind, verdienen kaum mehr etwas. Die Touristen bleiben weg, und nachts ist Ausgangssperre. Auch die Ausgestiegenen haben ein riesiges Problem, weil sie ihre Waren nicht mehr verkaufen können. Polizisten haben ihre Straßenstände umgestürzt und sie verjagt. Die Sozialarbeiterinnen in den Zentren versuchen, den Kontakt zu halten und Lebensmittel zu verteilen, damit niemand hungert. Sie bekommen schreckliche Nachrichten. In den Slums nimmt die Gewalt zu. Eine junge Frau, die regelmäßig in eines der Zentren kam, wurde vor kurzer Zeit von einer Gruppe Männer vergewaltigt und starb dabei. Es ist eine furchtbare Ausnahmesituation. Und dabei zeigt sich noch mehr als sonst, wie gefährdet diese Frauen sind. Sie sind in Gefahr - jetzt noch mehr als sonst.

Sie machen diese Arbeit seit über 30 Jahren – wie kam es dazu?

Als ich in den Achtzigern das erste Mal nach Mombasa kam, setzte ich mich in diesen Kontaktcafés einfach zu den Mädchen und unterhielt mich mit ihnen. Ich wollte wissen, was sie antrieb.

Schwester Lea Ackermann

Lea Ackermann ist Ordensschwester, Prostitutionsgegnerin und Gründerin der international tätigen Hilfs- und Lobbyorganisation Solwodi ("Solidarity with Women in Distress": Solidarität mit Frauen in Not). Als Lehrerin in Ruanda und Kenia kam sie in den achtziger Jahren mit den Themen Sextourismus, Prostitution und Menschenhandel in Berührung. Sie erhielt für ihr Engagement viele Auszeichnungen, unter anderem 2012 das Große Verdienstkreuz.
Thomas Frey/dpa /Picture-Alliance

Und was trieb sie an?

Ganz einfach: die Armut. Viele dieser jungen Frauen lebten in den Slums, hatten keine Ausbildung, keinen Schulabschluss. Manche waren auch Analphabetinnen, viele mussten schon eigene Kinder durchbringen. Die Siebzehnjährige etwa hatte ihren dreijährigen Jungen zu versorgen. Und sie zeigte auf ein Mädchen ein paar Tische weiter: Dieses sei vierzehn Jahre alt und habe am Tag zuvor ein Baby bekommen und im Plumpsklo ertränkt. Es gibt kaum aktuelle Zahlen. Aber laut einer Unicef-Studie von 2006 prostituieren sich bis zu 30 Prozent aller zwölf- bis 18-jährigen Mädchen in der kenianischen Küstenregion gelegentlich oder sogar täglich. Jede zehnte von ihnen hat damit begonnen, als sie jünger als zwölf Jahre alt war. Zwei Drittel der Kunden waren wohlhabende Touristen aus den Industrieländern - darunter auch viele Deutsche. Die Lage hat sich seit der Studie nicht verbessert. Die Mädchen haben den Verkauf ihres Körpers nicht selbst gewählt, sondern sie sind in so elenden Situationen, dass sie gezwungen werden können.


Was ist mit den Jungs? Nach Ostafrika kommen auch Sextouristinnen, sogenannte "Sugar Mummies".

Ja, das gibt es auch. An den Stränden vor den Hotels etwa sieht man immer wieder junge Kenianer mit älteren ausländischen Frauen. Das sind aber eher junge Männer als Jugendliche, und das Ausmaß ist nicht so groß.

Wie ist Prostitution in Kenia gesetzlich geregelt?

"Bummeln zum Zweck der Prostitution" ist in Mombasa verboten. Die Polizei kann die Frauen jederzeit aufgreifen, eine Geldstrafe verlangen oder sie ins Gefängnis bringen. Dies geschieht oft willkürlich, wenn die Polizisten, die selbst wenig verdienen, gerade Geld brauchen. Und es betrifft nur die Frauen. Die Kunden werden nicht belangt, auch wenn sie erwischt werden. Eine Frau erzählte mir, dass sie in ihrer Wohnung aus ihrem Bett herausgeholt wurde und der Kunde liegen bleiben konnte.

Sie sind für ein Sexkaufverbot in Deutschland: Damit würden sich Freier strafbar machen. Würden dann nicht noch mehr deutsche Sextouristen in Urlaubsländer wie Kenia fliegen?

Ich denke, es würde sich anders entwickeln. Von Schweden weiß man, dass ein solches Gesetz ein anderes Bewusstsein mit sich bringt. Es ist für die Männer in Schweden nicht mehr normal, dass Frauen käuflich sind – auch nicht im Urlaub.

Was, wenn ich in einem armen Land Urlaub mache und ein junges Mädchen sehe, dass sich offensichtlich prostituiert? Soll und kann ich etwas tun?

Nein, als Touristin wohl eher nicht. Auch ist es falsch, einfach Geld zu geben. Das spricht sich rasch herum, und Sie werden extrem belagert. An solchen Orten kaufe ich aber immer etwas an kleinen Ständen: Hüte, Sandalen, etwas zu trinken. Und dort handele ich den Preis auch nicht mehr runter.

Spendeninfo

www.solwodi

Spendenkonto:
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