Frieden braucht Vertrauen

Man muss sich in die Augen blicken
Frieden stiften, Frieden überwachen - schwierig in Zeiten von Corona.

chrismon: Macht das Coronavirus die Welt friedlicher oder gewalttätiger?

Josefina Echavarría: Es macht die Welt auf jeden Fall weniger demokratisch. Trump, Bolsonaro und viele andere Staatenlenker sprechen in Kriegsvokabeln. Auf der ganzen Welt entscheiden Regierende über unsere Freiheit, uns zu bewegen. Und es macht die Armen ärmer, viele können ihren kleinen Geschäften nicht mehr nachgehen und sind schlechter medizinisch versorgt. Das Virus lenkt den Blick auf diese Ungerechtigkeiten. Aber wir vermessen hier nicht den Frieden, sondern untersuchen konkret, wie Friedensverträge implementiert werden.

Kann man das messen?

Wir haben die Peace Accords Matrix entwickelt (PAM). Damit erforschen wir 35 Friedensprozesse auf der ganzen Welt – von Nordirland bis Sierra Leone. Gab es eine Amnestie? Wie wichtig sind Frauenrechte? Gibt es freie Wahlen? Die meisten sind abgeschlossen, wir haben viel daraus gelernt, was wir in Friedensverhandlungen einbringen können.

Josefina Echavarría Álvarez

Dr. Josefina ­Echavarría, geboren 1977 in Kolumbien, ist Friedensforscherin und Ko-Direktorin des Peace Accords Matrix (PAM) am Kroc Institute for International Peace Studies der University of Notre Dame in den USA.
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Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Wo laufen zurzeit Friedensgespräche?

Im Südsudan und auf den Philippinen, dort sind Teams unserer Universität. Sie können sich vorstellen, wie schwer unter Corona-Bedingungen solche Verhandlungen sind. Klar, es gibt Video-Calls. Aber Frieden stiften geht nur mit Vertrauen, man muss sich in die Augen sehen. Dazu kommt: Zugang zu Laptops haben zum Beispiel in Afrika nur wenige. Und die Software kann gehackt werden.

Wie sieht es in Kolumbien aus?

Im Friedensvertrag von 2016 steht, dass unsere Universität das Monitoring der Implementierung macht: Wir haben 35 Kollegen verteilt auf ganz Kolumbien. Sie schauen, ob der Friedensvertrag wirklich mit Leben gefüllt wird. Ob Ex-Guerilleras sich wieder eingliedern, ob politische Versammlungen stattfinden, ob die Bedürfnisse der indigenen Gruppen berücksichtigt werden. Das war der Plan. Er heißt "Friedensbarometer".

Und jetzt, mit Corona?

Schwierig. Nehmen Sie die Wahrheitskommissionen. Sie sollten bis 2021 ihren Bericht abliefern, was im Bürgerkrieg wirklich passiert ist. Wir Friedensforscher haben viele Methoden entwickelt, wie man unterschiedliche Wahrheiten zu Gehör bringen kann. Das geht nicht nur mit Worten, man braucht Theater, Kunst – Versöhnung braucht Bewegung. Körperliche Bewegung. All das wird unter Quarantäne ganz anders, zum Beispiel fokussieren sie sich auf Dokumentationen und schriftliches Material. Die Wahrheitskommissionen müssen sich neu erfinden.

Und jetzt?

Wir werden neue Methoden finden und uns dem Virus anpassen müssen. Wir machen das Monitoring der Implementierung unter den Bedingungen, die es gibt. Umso wichtiger ist, dass unsere Finanzierung für längere Zeit abgesichert ist. Wir werden von der EU, den UN, dem US-Außenministerium und großen Stiftungen getragen, aber immer nur von Projekt zu Projekt. Ich möchte den Kolumbianern versprechen können: Wir passen die nächsten zehn Jahre wirklich auf, dass der Friedensvertrag mit Leben gefüllt wird. 

Wie geht es Ihnen selber in dieser Krise?

Ich bin seit drei Monaten von Mann und Kind getrennt, weil sie als Österreicher nicht einreisen dürfen in die USA. Ich wusste intellektuell immer, dass Tausende Vertriebene auf aller Welt von ihren Kindern getrennt sind. Jetzt weiß ich selber, wie sich das anfühlt. Sicher bin ich privilegiert. Aber die Sehnsucht bleibt.

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