Über das Christentum und die Demut

Demut – wie geht das?
Religion für Einsteiger - Demut

Lisa Rienermann

Religion für Einsteiger - Demut

Wir schränken uns ein, nehmen Rücksicht auf ­andere – eine urchristliche Tugend. Bescheidenheit tut gut. Wenn sie nicht geheuchelt ist.

Vorgelesen: Religion für Einsteiger "Demut – wie geht das?"

Auch die Moral folgt ihren Moden. Eine Tugend hat besonders krasse Wechsel von Hochkonjunktur und Rezession erlebt: die Demut. Über Jahrhunderte galt sie als Gipfel christlichen Lebens, in der Moderne fiel sie ins Bodenlose, doch neuerdings erfreut sie sich wieder ­einer erstaunlichen Beliebtheit.

Die vorchristlichen, stolzen ­Griechen und Römer hielten nicht viel von ihr – etwas für Untertanen und Sklaven. Das änderte sich mit der Verbreitung des Christentums. Sich vor der Allmacht Gottes zu verneigen, galt als Inbegriff des Glaubens. Der Kirchenvater Augustinus erklärte ­die Demut zur "Mutter aller Tugenden". ­ Je höher sie geschätzt wurde, umso radikaler wurde sie gelebt.

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen, geboren 1964, ist Kultur­beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Von ihm er­schien zuletzt: "Reformation. Die 95 wichtigsten Fragen.", C. H. Beck, München, 175 Seiten, 10,95 Euro.
Andreas Schoelzel(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfrei

Mönche und Nonnen im Mittel­alter versuchten, ihr Leben so vor Gott und seinen kirchlichen Stellvertretern zu Boden zu werfen, dass nichts mehr von ihrer Persönlichkeit blieb. Ihre Demut war mit strengster Askese verbunden, dem Verzicht auf grund­legende Bedürfnisse und Freuden. Und sie war mit absolutem Gehorsam verknüpft – Kadavergehorsam, das heißt: Ein demütiger Mönch sollte wie ein Leichnam ohne eigenen Willen sein, den sein Vorgesetzter nach Belieben hierhin und dorthin wenden konnte. Wer sich so völlig aufgab, der würde – so hofften sie – frei werden, Gottes ­Nähe unmittelbar zu erfahren.

Und plötzlich war die Demut wieder da

Die Reformation erklärte diese Form der Demut für obsolet und lös­te die Klöster auf. Denn sie widersprach dem, was sie unter "Freiheit eines Christenmenschen" verstand. Zudem stießen sich die Reformatoren an der Heuchelei, die mit Demut verbunden sein kann. Hochmut ist wie Wasser und sucht sich seinen Weg. Er sickert sogar in tiefste Demut ein und macht sie zu seinem Werkzeug. So lieferten sich Mönche und Nonnen einen Wettstreit, wer am härtesten verzichten konnte. Nach außen gaben sie sich demütig, nach innen genossen sie stolz ihre fromme Leistungskraft. Damit wollte die Reformation Schluss machen. Da sie aber in einer Gesellschaft begann, in der oben und unten streng hierarchisch geordnet waren, begründete auch sie eine Kultur, in der die einfachen Gläubigen demütig zu sein hatten. Erst die demokratische Moderne löste sich von diesem Ideal, das mit der Würde einer freien Person nicht zu vereinen ist. Die Demut galt als erledigt.

Doch plötzlich war sie wieder da. 2008, mitten in der globalen Finanzkrise, forderten Politiker von größenwahnsinnigen Bankern Demut ein. Einige der Gescholtenen verpflichteten sich zu einer "kollektiven Demut". Man wolle nicht mehr Renditen von 25  Prozent anstreben, stattdessen Gesetze beachten und nicht mehr so arrogant auftreten. War dies Ausdruck einer ehrlichen Einsicht? Und wenn ja, mit welchen Folgen? Auffällig ist, wie viele Mächtige, Reiche und Prominente sich seitdem auf die alte christliche Tugend berufen. Politiker wie Sebastian Kurz, Emmanuel Macron und Theresa May erklärten, sie würden ihr Amt "mit tiefer Demut" antreten. Das klang allzu bombastisch: "Respekt" und "Verantwortung" hätten genügt. Auch Stars der Unterhaltungsindustrie beteuern inzwischen regelmäßig, wie demütig sie sich angesichts ihrer Erfolge ­fühlen. Soll man sich über diese aktuelle Konjunktur der Demut freuen?

Demütig ist, wer da­rüber schweigt

Äußert sich hier ein neues Bewusstsein für die Grenzen des Menschen? Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, dass man eben doch nicht alles planen und vorhersagen kann. Dass man selbst nicht der Mittelpunkt der Erde ist, man nicht alles tun darf, man sich in seinen Bedürfnissen be­schränken und auf andere Rücksicht nehmen sollte. Das könnte für das persönliche Leben, für Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Umwelt eine wertvolle Lektion sein – auch für die Zeit, wenn Corona überstanden ist. ­Einen religiösen Grund hätte solch ­eine umfassende Bescheidenheit dann, wenn der Mensch in der Unendlichkeit Gottes eine letzte Grenze erkennt, vor der er sich klein fühlen kann, ohne sich schämen zu müssen. Vor Gott könnte er Abstand gewinnen von sich selbst und beginnen, das Ganze des Lebens zu betrachten. Ob jemand in diesem Sinne demütig ist, erkennt man allerdings am besten daran, dass er da­rüber schweigt.

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Lesermeinungen

Die Frage ist doch, ob Demut angebracht ist ? Heute gilt es , die Schöpfung zu erhalten, nicht mehr , sie zu verteidigen, d.h. sie ist Gegenwart,( siehe Klimawandel ! ).
Demut muss bei denen vorausgesetzt werden, die die Schöpfung lieben und diese am Leben erhalten wollen.
Der Mensch an sich, im Speziellen der Bürger, ist jemand, der diese Schöpfung nutzt, und dem sie zunutze sein soll, ohne dass er sie hinterfragen muss ! Weil sie ihm eine Welt offenbart, die schön, lebenswert, schützenswert ist. Aber eben nicht selbstverständlich, weil sie fragil und verletzlich ist.
"Soziale Gerechtigkeit" ist dabei ebenso Voraussetzung, denn, wer die Schöpfung erhalten will, muss sie lieben, und wer sie liebt, der liebt auch Mensch und Natur, welche die Schöpfung sind.
Ohne eine solche Voraussetzung reden wir, auch als Gesellschaft, aneinander vorbei.
Das Wesentliche aber ist die Nächstenliebe, die gegenseitige Unterstützung, die dazu beiträgt, dass diese Werte erneut in die Welt getragen werden können.
Fazit: Wenn Chrismon also weiterhin die Fackel des Christlichen in die Gesellschaft tragen will, dann darf sie es mit der Autorität nicht übertreiben.
" Auch die Moral folgt ihren Moden."
Nicht die Moral, sondern der Mensch ist es, der seine Ansichten solchem Diktat nicht nur unterwirft, sondern es selbst entwirft.
Herr Claussen, beispielsweise, muss als Person hinter seinen Ansichten zurücktreten, das wäre die an seine Person gerichtete Demut. Denn wie sonst könne man seine Ansichten als diskutabel anerkennen ?

Sehr geehrte Damen und Herren,
J.H. Claussen schreibt in der Ausgabe 05.2020 unter „Demut – wie geht das?“ von Mönchen und Nonnen im Mittelalter, die vor Gott ihr Leben „zu Boden … werfen, dass nichts mehr von ihrer Persönlichkeit blieb.“ Der Begriff „Kadavergehorsam“ fällt auch noch. Wann, frage ich Sie, wann werden wir endlich aufhören, die Polemik des 16. Jahrhunderts überwinden, und anfangen, zu respektieren, wenn Menschen ernsthaft nach dem Willen Gottes suchen und ihr Leben ganz (!) nach dem Evangelium ausrichten? In einer Zeit, in der christliche Werte nach und nach verschwinden, meint Claussen immer noch, jene Menschen kritisieren zu müssen, die sich entschieden auf Gott ausrichten. Ich glaube, diese Konfrontation hat genug Leid ausgelöst und sollte endlich, endlich überwunden werden.
Ihr katholischer Mitchrist Gerhard Wachinger

Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Interesse lese ich jedes Mal Ihre Zeitschrift. Texte, die nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern tiefgründig wirken.
Gestatten Sie mir zu dem Artikel "Demut - wie geht das?" die nachfolgenden Ausführungen.
Im Zusammenhang mit dem Titelthema "Demut" als urchristliche Tugend birngen Sie die Bescheidenheit ins Spiel ("Bescheidenheit tut gut"). Hierbei handelt es sich jedoch um unterschiedliche, wenn auch manchmal im selben Atemzug genannte, Tugenden.

Das Wort Bescheidenheit stammt vom althochdeutschen "bisceidan", was soviel wie "zuteilen" bedeutet. Diese Zuteilung nahmen unsere Vorfahren, die alten Germanen, nach ihren Eroberungszügen vor. Die "Beute" wurde den Stammesfürsten zugeteilt, wobei diese wiederum nicht kleinlich waren. Bekamen sie auch mal weniger als ihnen zustand, akzeptierten sie es einfach. Nicht aus Angst vor einem Streit, sondern weil sie ziemlich egalitär waren. Sie verzichteten aus einer Position der Stärke heraus. Beim nächsten Mal würde es sich wahrscheinlich wieder ausgleichen So ist die Bescheidenheit auch heute zu verstehen, als gezügelte Kraft: Ich könnte, wenn ich wollte, aber ich will nicht. Die Voraussetzung, um Bescheidenheit ausüben zu können, ist der Anspruch auf etwas, und der selbstbestimmte Verzicht darauf. Eine sehr soziale und rücksichtsvolle Einstellung.

Die Demut setzt keine Stärke oder einen Anspruch voraus; im Gegenteil, sie geschieht oftmals aus einer Schwäche oder gerade aus der Erkenntnis, nicht bescheiden gewesen zu sein. Beispiel Corona: Die Überlegung, vielleicht über die Verhältnisse hinaus gelebt zu haben, oder die wichtigen Dinge im Leben nicht entsprechend gewürdigt zu haben, die Besinnung auf das wesentliche also. Die Ahnung, vielleicht etwas falsch gemacht zu haben, und in Zukunft besonnenener zu agieren. Ebenfalls eine soziale und rücksichtsvolle Einstellung. Aber nicht mit der Bescheidenheit zu verwechseln.
Nichts für ungut, und bringen Sie weiterhin Artikel zum Nachlesen und Nachdenken.
Mit freundlichen Grüßen
Norbert Wertheim

Quellangabe:
Alexander von Schönburg