Und nach der Corona-Krise? Muss Solidarität normal werden

"Diesen neuen Zusammenhalt müssen wir pflegen"
Kita

Julian Stratenschulte/dpa Picture-Alliance

Nicht Blumenkinder, aber Blumenstiefel: Weil die Kleinen nicht da sind, schmücken ihre Stiefel den Zaun einer Kita in Laatzen bei Hannover

31.03.2020, Niedersachsen, Laatzen: Mit Blumen geschmückte Gummistiefel hängen am Zaun eines Kindergartens in der Region Hannover. Kindergärten sind aufgrund der Corona-Pandemie derzeit gesperrt. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Der Theologe Christoph Markschies im Interview über die Mitarbeit an der Stellungnahme der Leopoldina, Lockerungen in der Corona-Krise, die Pflege des neuen sozialen Zusammenhalts - und seinen Wunsch, dass wieder mehr Menschen auf Friedhöfen gemeinsam trauern dürfen.

chrismon: Die Resonanz auf die Stellungnahme der Leopoldina, an der Sie mitgewirkt haben, war geteilt. Neben Lob gab es - etwa auf Twitter - viel Kritik, teilweise war sogar Wut darüber zu spüren, dass die angedachten Lockerungen zu weit gingen. Denken Sie im Nachhinein: Das Wissen hätten wir lieber nur mit der Politik, aber nicht mit der Öffentlichkeit teilen sollen?

Christoph Markschies: Nein, in der Stellungnahme steht vollkommen zurecht, dass man Verständnis für das Herunterfahren des öffentlichen Lebens nur wird wecken können, wenn die Menschen die Gründe hinter den Maßnahmen verstehen. Und was verstanden werden soll, muss diskutiert werden. Dazu haben wir beigetragen. Ich finde es auch nicht schlimm, auf Twitter Unmutsäußerungen zu lesen. Man wird aufmerksam, dass man bestimmte Stichpunkte vielleicht noch besser hätte ausführen können. Im Großen und Ganzen hat die Politik unsere Überlegungen und Anregungen aufgegriffen und, wie ich finde, zum Wohle aller konkretisiert.

Welche Kritik konnten Sie nachvollziehen?

Viele Menschen haben sich darüber aufgeregt, dass wir angeblich empfehlen, Kindergärten bis zum Sommer nicht mehr zu öffnen. Aber die hatten offenbar das Stichwort vom Notbetrieb nicht gelesen, für den wir uns auch aussprechen - und für den Regelbetrieb mit reduzierten Gruppengrößen am Übergang zur Grundschule. Anders formuliert: Das Stichwort "Notbetrieb" war vielleicht nicht deutlich genug hervorgehoben. Ich wohne neben einem Kindergarten und sehe, dass die Eltern, die Unterstützung brauchen, auch Hilfe bekommen. Das war vielleicht nicht allen bei der Lektüre und beim Stichwort "Notbetrieb" vor Augen, weil nicht jeder neben einer Kita lebt.

Christoph Markschies

Christoph Markschies ist Professor für Ältere Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er studierte evangelische Theologie, klassische Philologie und Philosophie in Marburg, Jerusalem, München und Tübingen. Markschies ist Mitglied der Arbeitsgruppe der Nationalen Akademie Leopoldina, die die Ad-hoc-Stellungnahme zur Lockerung der Maßnahmen in der Coronavirus-Pandemie verfasst hat.
Thomas Meyer/OSTKREUZChristoph Johannes Markschies

War es hilfreich oder hinderlich, dass die Bundeskanzlerin Erwartungen an die Stellungnahme hatte?

Es entspricht dem Auftrag der Leopoldina, solche Stellungnahmen abzugeben. Es gibt ja auch andere Papiere, die andere wichtige Organisationen in die Debatte einbringen, zum Beispiel das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Eine Akademie der Wissenschaften hat da kein Monopol, aber als Wissenschaftler freut man sich natürlich über das Interesse der Politik.

Hat Sie etwas an den Reaktionen besonders überrascht?

Nein, denn an dieser Stellungnahme wird deutlich, was ohnehin in Zukunft zu diskutieren angestanden hätte. Zum Beispiel: Muss außer der Wissenschaft noch jemand dabei sein, wenn Politik und Gesellschaft wissenschaftlich über entscheidende Fragen der Zukunft orientiert werden? Das ist die Frage nach Citizen Science. Konkret: Hätte bei unseren Beratungen auch jemand aus einem Kindergarten dabei sein müssen? Oder Lehrkräfte aus Schulen? Schülerinnen oder Schüler? Auf Twitter habe ich auch gelesen: "Wer ist denn bitte eigentlich die Leopoldina?" Dahinter steht die Frage, kraft welcher Autorität Wissenschaft redet. Und diese Frage ist ja auch wichtig. Sie kann aber auch beantwortet werden.

Was sah Ihr Beitrag als Theologe aus?

Religion always matters; Religion betrifft alle Lebensbereiche, und spielt bei deren Reflektion eine wichtige Rolle. Die Stellung der Theologie im Haus der Wissenschaften war nie unangefochten. Deshalb mussten sich Theologen immer Gedanken um die Wissenschaftstheorie machen. Die Theologie kann deshalb gut mitreden, wenn es um Fragen geht wie: Welche Aussagen kann man überhaupt sicher treffen? Welche sind unsicher? Wie kann man auf Basis von unsicheren Aussagen Empfehlungen geben? Solche Fragen sind nun natürlich besonders wichtig. Und ich habe mich eingebracht bei den Fragen wie der, welche Folgen die getroffenen Maßnahmen für bestimmte Gruppen von Menschen haben und was das für Konsequenzen haben sollte. Natürlich interessiert mich auch die Frage, wie man mit dem Konflikt zwischen Grundrechten wie dem der Religionsfreiheit und dem Schutz der Gesundheit von Menschen umgeht.

Geben die Mediziner und Virologen mittlerweile den Ton an?

Eigentlich nicht. Allen ist klar, dass Wissenschaft nur möglichst präzise, aber eben unterschiedliche Logiken bereitstellen kann: die virologische Rationalität, die soziologische, die erziehungswissenschaftliche - und so weiter. Das ganz schwierige Problem der Abwägung dieser Logiken muss von der Politik gelöst werden. Das ist ja gestern mit den ersten Beschlüssen zu Lockerungen geschehen. Auch alle Mediziner wissen, dass eine radikale Form der Segregation ebenso wenig durchsetzbar und wünschenswert ist wie eine kontrollierte Durchseuchung aller.

Sehr klar war der Hinweis zu der Aufgabe, Ältere und Vorerkrankte gezielt zu schützen, wörtlich zitiert: "So wäre etwa eine vorbeugende Segregation einzelner Bevölkerungsgruppen, beispielsweise älterer Menschen, allein zu deren eigenem Schutz als paternalistische Bevormundung abzulehnen." Warum dieses deutliche Nein – es scheint ja klar zu sein, dass bestimmte Gruppen durch eine Isolation besser geschützt werden könnten?

Die Faktenbasis ist erstens nicht so eindeutig, wie es scheint. Auch jüngere Menschen gehören unter Umständen zu einer Riskogruppe. Zweitens muss schon jeder selbst entscheiden, wann eine Ausnahme von der Regel "Stay at home!" unabdingbar scheint.

Wie erhalten wir den Zusammenhalt, der sich in dieser Krise immer wieder zeigt?

Indem wir ihn pflegen. Ich habe von den Kolleginnen und Kollegen in der Leopoldina gelernt, dass so etwas habitualisiert werden muss. Das ist ein bisschen so wie damals, als wir gelernt haben, Fahrrad zu fahren. Das verlernen wir nicht mehr, weil wir es eingeübt haben, bis es uns in Fleisch und Blut übergegangen und selbstverständlich geworden ist. In der Tagesschau war neulich ein Mensch, der war einfach aufs Feld gegangen und half bei der Spargelernte. Großartig! Das müssen wir in Erinnerung halten, damit wir nach der Krise nicht einfach zurückfallen auf die bisherige Normalität.

Gab es Krisen, bei denen uns das schon mal gelungen ist?

Nein, was wir jetzt sehen, ist so besonders, das ist nicht mit 1945 vergleichbar, auch nicht mit der Spanischen Grippe 1918/19. Und zwar auch wegen der Bedingungen der Massenkommunikation, die wir heute haben. Diese neuen Formen der Kommunikation bieten die Chance, breit davon zu erzählen, wie gut der Zusammenhalt uns tut. Es gibt unglaubliche Solidaritätskräfte in unserer Gesellschaft. Da kommt den Kirchen in Zukunft eine große Funktion zu, sie zu stabilisieren.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten: Welche Lockerung wäre als erste dran?

Die Frage möchte ich ungern beantworten. Ich bin Wissenschaftler, kein Politiker. Und es wäre nicht der richtige Ansatz, etwas, dass wir besonders lieb haben, als bevorzugte Lockerung herauszustellen – es muss, auch nach dem 3. Mai, immer ein Gesamtplan sein, mit einzelnen Schritten, die aufeinander abgestimmt sind. Aber eine Sache gibt es da doch: Man kann wunderbar Gottesdienste streamen, aber als ganz schwierig empfinde ich es, wie wir uns in Corona-Zeiten von Verstorbenen verabschieden müssen. Wenn ich doch dürfte, würde ich sagen: Die Möglichkeit, uns auf dem Friedhof mit ein paar mehr als zehn Menschen zu versammeln, in großem Abstand zueinander, aber gemeinsam – die wäre mir persönlich wichtig.

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