Wie die Wüste die Menschheitsgeschichte geprägt hat

Man sieht nichts, man hört nichts
Wüste

Tim de Groot/Unsplash

Trotzdem ist da ganz viel, weiß der Schriftsteller Chaim Noll: Für Juden ist die Wüste heiliger Ort, 
für Christen Inspiration, für Muslime kommt 
von dort die Heimsuchung.

chrismon: Ist die Wüste unsere Zukunft?

Chaim Noll: Ja. Immer größere Teile der Erde werden zu Wüsten. Früher konnten zum Beispiel Nomaden große Teile der Sahelzone nutzen, da waren sie noch Halb­-
­wüsten, nun aber sind sie nicht mehr nutzbare Sand­wüsten. Auch in Südamerika, Asien, in Südspanien und Sizilien versteppen immer weitere Landstriche. Die Ur­sachen dafür sind zum großen Teil menschengemacht. So konzentriert sich ein wachsender Teil der Weltbevölkerung in großen Städten. In China ziehen Millionen Bauern in die Megametropolen. Das umliegende Land verfällt und versteppt. Peking wird von der Wüste Gobi bedroht, die sich jedes Jahr zwei Kilometer weiter an die Stadt heranschiebt. Es kommt zu katastrophalen Sandstürmen, die sich bis nach Japan bemerkbar machen. Wenn in einem so riesigen Land wie China die Wüsten- und Sandflächen zunehmen, dann hat das globale Auswirkungen.

Chaim Noll

Chaim Noll ist ein deutsch-­israelischer ­Journalist und Schrift­steller. Seit 1997 lebt er in der Wüste ­Negev 
und ­beschäftigt sich mit dieser Landschaft. Im März 
erschien von ihm "Die Wüste. Literatur­geschichte einer Urlandschaft des Menschen" in der Evangelischen 
Verlagsanstalt.
Privat

Ist der Klimawandel schuld?

Vor allem ist es eine Folge ruinierter Steppenböden. In Südamerika ist es die Rodung des Regenwaldes. Besonders in Ländern Afrikas, wo die Bevölkerung unkontrolliert wächst, laugen Monokultur und Viehherden die Böden aus. Große Flächen verfallen der Bodenerosion, werden zu Wüste. Es kommt zu gewalttätigen Konflikten um Weideland und Wasser, was dazu führt, dass Menschen fliehen müssen. Meist nach Norden, Richtung Europa. Die Europäer haben diesen Zusammenhang noch nicht in ­seiner Tiefe begriffen.

Kann man die Wüste wiederbeleben?

Mit moderner Technologie ist das möglich. Zum Bei­spiel, indem man Schutzwälder anpflanzt, um das Fortschreiten der Wüste aufzuhalten. Wie es in Afrika mit dem Green Wall versucht wird oder mit israelischer ­Hilfe in China. Oder man legt große Wasserteiche in der Wüste an und nutzt unterirdische Wasserreservoire. Schon in der altägyptischen Literatur und den Psalmen war die Rede davon, dass unter Wüsten riesige Wassermassen lagern.

"Literatur ist in Städten entstanden"

Wie konnten die Menschen das damals wissen?

Dieses Wasser zeigt sich in Quellen, rätselhaften Rinnsalen, "Wasser aus dem Felsen". Mose wusste, wo er mit dem Stock an den Felsen schlagen musste, damit Wasser herauskommt. Was als Wunder überliefert ist, war ver­mutlich genaue Kenntnis des Ortes. Mittlerweile weiß man auch, dass unter der Sahara riesige Wasserpools ­liegen. Dieses Wasser eignet sich zum Bewässern von ­Pflanzen und zum Anlegen von Fischteichen und Seen. Man muss es nur hochpumpen. Aber damit sich die ­Menschen ­solchen Projekten widmen können, muss in einem Land Frieden herrschen.

Claudia Keller

Claudia Keller ist chrismon-Redakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln und in den USA studiert und war viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin. Sie interessiert sich für religiöse und ethische Fragen und schreibt gern über Auf- und Umbrüche des Lebens. Einmal ist sie bei Recherchen sogar zufällig auf ein Geheimnis in der eigenen Familie gestoßen und hat einen Bruder gefunden, von dem sie nichts wusste.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Wie haben die Menschen vor 5000 Jahren die Wüstenlandschaft wahrgenommen?

Die Literatur ist in Städten entstanden. Für Städter war die Wüste damals fremd und bedrohlich. Aus der Wüste kamen Nomadenvölker, Sandstürme, wilde Tiere und andere Gefahren. Mit der Zeit änderte sich das Bild von der Wüs­te, ihr wurden auch positive Aspekte abgewonnen. Das zeigen schon früheste Texte wie das Gilgameschepos. Für die Ägypter war die Wüste der Ort des Todes, aber auch die Metalle und Steine kamen von dort, die man zum Bau der Städte und großen Götterfiguren brauchte. Etwa 1900 v. Chr. erscheint in der Erzählung über Sinuhe zum ersten Mal der Gedanke, dass die Wüste auch Freiheit ­ermöglicht. Sinuhe, ein Beamter am Hof, flieht nach dem Tod des Pharaos in die Wüste, weil er fürchtet, dass der neue Pharao ihn umbringen wird. Er durch­quert die ­Wüs­te in Richtung Kanaan, Nomaden retten ihm das ­Leben. Die Rettung durch Wüstennomaden ist ein ­Motiv, das immer wieder in der Literatur auftaucht, bis ins 20. Jahrhundert, etwa bei Antoine de Saint-Exupéry.

Welche Rolle spielt die Wüste im Judentum?

Die Wüste gilt im Judentum als heiliger Ort, denn nach der Überlieferung hat sich dort Gott offenbart und ­seinem Volk das Gesetz erteilt. Anthropologisch gesehen wird in den biblischen Büchern Mose beschrieben, wie ein ­nomadisches Volk sesshaft wird. Nomadisches Leben ist schwer zu regulieren, in der Wüste herrscht traditionell Gesetz­losigkeit. Es ist kein Zufall, dass die großen Reli­gionen in Wüstenregionen entstanden sind, weil dort die Not­wendigkeit für ein Gesetz am größten ist. Nachdem die Israeliten am Berg Sinai von Gott die Zehn Gebote em­pfangen haben, müssen sie erst mal lernen, nach den Regeln zu leben. Dazu müssen sie 40 Jahre in der Wüste bleiben. Erst danach dürfen sie ins Gelobte Land ziehen. Die erwachsenen Männer erleben das Gelobte Land bis auf zwei Ausnahmen nicht. Das ist die Antwort Gottes darauf, dass sich die aus Ägypten ausgewanderten Männer nie ganz an das Gesetz gewöhnt haben.

"Der Mangel in der Wüste trägt zur Vervollkommnung des Charakters bei"

Auch im Christentum ist die Wüste etwas Positives.

Ja, elementar bedeutsam. Es beginnt mit den "Wüsten­vätern" und "Wüstenmüttern" – Christen, die sich vor der Verfolgung durch die Römer in Ägypten und Nord­afrika in die Wüste zurückgezogen haben. Diese frühen ­Eremiten wurden von der Landbevölkerung und sogar von Königen aufgesucht als Ratgeber und geistlicher Beistand und ­haben entscheidend zur Christianisierung Nord­afrikas beigetragen. Von da an gingen die Christen davon aus, dass es dem Menschen guttut, wenn er sich dem ­Mangel in der Wüste aussetzt, dass es zur Vervollkommnung seines Charakters beiträgt, wenn er sich geistig und körperlich diszipliniert. Auch Jesus hatte sich immer ­wieder in die Wüste zurückgezogen, um sich zu sammeln und Ins­piration zu empfangen. Oft haben ihn allerdings seine Anhänger dabei gestört.

Die Wüste ist für Jesus aber auch ein Ort der Versuchung.

Im christlichen und jüdischen Bewusstsein wird die Wüste immer auch als Herausforderung verstanden, als Ort und als Zeit, in der man sich bewähren muss. Trotzdem überwiegt die positive Einstellung zur Wüste, weil sich eben dort Gott offenbart hat. Das ist ein großer Unterschied zu anderen Kulturen, die die Wüste überwiegend als Gefahr und Bedrohung sehen. Deshalb müssen die Ansätze, um die Wüstenbildung aufzuhalten und die Regionen wieder zu beleben, von westlichen Ländern ausgehen, die christlich und jüdisch geprägt sind.

"Mohammed war Städter"

Und nicht aus arabischen, islamisch geprägten Ländern?

Mohammed war Städter, der zwar die Wüstennomaden einbezogen hat, er brauchte sie für seine Kriegszüge, aber er hat sie immer als gefährliche Menschen betrachtet, die seine Lehren nicht richtig aufnahmen. Auch ­später verstanden Muslime die Wüste als Ort, aus dem die Heim­suchung kam. Erst die Sufi-Philosophen haben eine ­positive Einstellung zur Wüste entwickelt – wohl unter dem Einfluss christlicher Mystiker.

Hat die Wüste auch das Denken der Nordeuropäer beeinflusst?

Natürlich über das Christentum und das Judentum. Aber die Nordeuropäer haben viele Vorstellungen, die mit der Wüste verknüpft sind, auf den Wald übertragen. Eremiten und Aussteiger aller Art haben sich in den Wald zurück­gezogen, um auf einer geistig höheren Ebene zu leben. Gerade auch in den Notzeiten, etwa als die Pest im Mittelalter grassierte, gingen Menschen in den Wald, um sich vor dem Chaos und den Keimen der Städte in Sicherheit zu bringen. Ein Motiv, das wieder aktuell wird.

Sie wohnen in Beer Sheva am Rand der Judäischen ­Wüs­te. Wie erleben Sie die Landschaft?

Eine Übernachtung in der Wüste ist ein existenzielles ­Erlebnis. Sie erfahren plötzlich, was Stille und grenzenlose Weite sind und wie klein man selbst ist. Für viele ­Städter ist das ein Schock. Auch ich war erst mal schockiert von der Stille, bis ich begriffen habe, wie wohl sie mir tut. 
In unserer Siedlung kennen wir aber auch die seit Ur­zeiten bekannten Schrecken dieser Landschaft: Schakale, Wölfe, Sandstürme.

 

 Chaim Noll: Die Wüste - Literaturgeschichte einer Urlandschaft des Menschen, 688 Seiten, 38 Euro, Evangelische Verlagsanstalt GmbHPR

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