Mail aus Oslo: Obdachlosigkeit

Armut in einem reichen Land
Gateteam Oslo

Torstein Bøe/NTB scanpix/picture-alliance

Können in Corona-Zeiten auch nicht so helfen wie sonst: Helfer des Gateteams Oslo

Oslo 20171227.
Street-team Oslo distributes food and clothing in the Christmas week at the 'Council of Europe's square' in Oslo. This they have done every Wednesday throughout 2017.
Photo: Torstein Bøe / NTB scanpix

Wir sind alle gleich wohlhabend - das ist leider nur die halbe Wahrheit in Norwegen.

Es ging hier durch alle Medien: Der norwegische Staatsfonds machte 2019 einen deutlichen Gewinn. Er bleibt der größte der Welt. Würde man den Fonds unter den rund fünf Millionen Einwohnern ver­teilen, erhielte jeder fast zwei ­Millionen ­Kronen. Das entspricht knapp 200 000 Euro. Rein rechnerisch ­wären ­also alle Norweger Millionäre . . .

Rein faktisch gibt es aber auch hier Altersarmut, Obdachlosigkeit, so­ziale Not. Wenn ich in Oslo durch die ­Straßen gehe, sehe ich immer Bettler und Menschen, die offenbar kein Dach über dem Kopf haben. In einem reichen Land mit einem ­hohen Durchschnittseinkommen und ent­sprechend hohen Preisen fallen ­manche besonders tief.

Sebastian Wilhelm

Sebastian Wilhelm ist Pfarrer der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Oslo.
Foto: Privat

Aber es gibt auch viele diakonische und auch unabhängige Einrichtungen, die Menschen in schwierigen Lebenssituationen helfen.
So etwa die Freiwilligen des Gate­teams – "Gate" heißt Straße. Jeden Mittwoch zwischen 18 und 20 Uhr stehen sie an einem Platz nahe dem Hauptbahnhof, egal ob es regnet, schneit oder stürmt. Sie verteilen warme Mahlzeiten und Getränke, Lebensmittel, Hygieneartikel, gebrauchte und neue Kleidung an alle Bedürftigen, die vorbeikommen. Das Vereinslogo zeigt Menschen mit Rucksäcken: also solche, die auf dem Weg sind oder die nicht mehr an Besitz haben, als in einen Rucksack passt.

Alles kommt aus Spenden

Alles, was verteilt wird, kommt aus Spenden. Der private, 2011 gegründete Verein arbeitet heute mit vielen Geschäften und Händlern ­zusammen, die etwa überschüssige Lebensmittel abgeben. Auch wir haben 
in unserer Gemeinde eine Kiste für das Gateteam stehen. Es ist gut, dass Dinge, die wir nicht mehr benutzen, nicht im Müll landen, sondern an jemanden geraten, der sie braucht.

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