Und nach der Corona-Krise? Mehr Hilfe für Pflegekräfte

"Wir brauchen mehr Schutz und Kontrollen"
Mehr Hilfe für Pflegekräfte

Jörn Neumann / epd-bild

Sie lebt allein und ist auf Hilfe angewiesen: eine 93-jährige Kölnerin.

Mehr Hilfe für Pflegekräfte

Die Corona-Krise ist da, viele Pflegekräfte aus Osteuropa sind weg. Sie fehlen nun - und verdienen in Zukunft mehr Schutz, sagt die Ethik-Professorin.

Sie forschen zu polnischen Pflegekräften und kennen auch viele persönlich. Die Reise von und nach Polen ist derzeit erschwert. Und jetzt?

Barbara Städtler-Mach: Ich kenne eine, die zurück nach Polen möchte, weil der alte Herr, den sie begleitet hat, gestorben ist. Eine andere will unbedingt zu ihren Kindern zurück nach Polen. Aber beide kommen nicht zurück. Und das größte Busunternehmen Sinbad hat jetzt auch den Betrieb eingestellt.

Und das heißt?

Bis Ostern verlängern jetzt die meisten. Aber dann? Die Verbände reden von 300 000 Frauen,  ich schätze, es sind dreimal so viele.

Barbara Städtler-Mach

Prof. Dr. Barbara Städtler-Mach, 64, ist Professorin für Ethik im Gesundheitswesen und Präsidentin
 der Evangelischen Hochschule Nürnberg  
PrivatBarbara Städtler-Mach

Ich habe einen Kollegen, der jetzt "seine" Polin selber mit dem Auto an die Grenze fährt und sie bei Nacht und Nebel eintauscht gegen die Ablöse, die vom Bruder zur Grenze gebracht wird.

Merken Sie, wie Sie reden? Die Polin? Nacht und Nebel? Das zeigt schon, wir sprechen hier von einem Graubereich, der dringend reguliert werden muss!

"Die Polin" geht gar nicht. Wie sagen Sie?

"Die Polin" ist schon deshalb falsch, weil es um Slowakinnen und Weißrussinnen genauso geht. Alle Wörter mit "Pflege" lehne ich ab, weil die meisten keine Pflegeausbildung haben. Ich plädiere für "Haushaltshilfe". Aber dazu gehört eben nicht, jemanden zum Toilettengang zu begleiten. Die Agenturen sagen "24-Stunden-Betreuungskraft", aber niemand kann 24 Stunden arbeiten. Unser Forschungsverbund befasst sich gerade mit diesem Wording, es gibt keine perfekte Bezeichnung.

Viele Familien in Deutschland waren bislang heilfroh, dass sie eine  polnische Hilfe haben ...

Das wird immer als Win-win-Situation dargestellt. Alte Menschen, die in ihren vier Wänden bleiben möchten. Osteuropäische Frauen, die gut dazu verdient haben. Dritter Gewinner ist der deutsche Sozialstaat.

Wo ist der Rechenfehler?

Die Familien, die über eine Agentur buchen, denken, das ist alles korrekt – aber selbst das stimmt oft nicht, weil das deutsche Arbeitsrecht nicht eingehalten wird. Und die Frauen, die schwarzarbeiten, sind alle, wirklich alle ohne pflegerische Vorbildung. Und sollen dann mit Demenz umgehen, mit Diabetes. Nehmen Sie alte Menschen, die nach einem Schlaganfall blutverdünnende Medikamente nehmen. Wenn Sie da am Oberarm fester zupacken, weiß jede Fachkraft: Achtung! Blaue Flecken! Aber eine Frau ohne Ausbildung?

Aber für die Polinnen ist es doch eine gute Sache! Sie schicken Geld nach Hause!

Diese Frauen sind in Polen oft nicht gut angesehen. Ich unterrichte auch Pflegestudierende in Koszalin/Köslin – die schauen böse auf diese Konkurrenz aus dem Graumarkt. Hinzu kommt: Viele lassen ja ihre Familie zurück in Polen, während sie drei Monate in Deutschland arbeiten. Eine Frankfurter Studie hat aufgezeigt, unter welchen Entbehrungen sie arbeiten. Klar, sie schicken Geld fürs Studium der großen Kinder nach Polen. Aber sie vermissen ihre Familie!

Nach Corona – was muss sich ändern?

Es gibt keine einfache Regelung, die für alle gut ist. Was wir brauchen, ist ein arbeitsrechtlicher Schutz. Es gibt gute Agenturen, aber es gibt auch viele schwarze Schafe – also muss viel mehr kontrolliert werden! Auch, ob das Pflegerische stimmt. Pflegeheime werden in Deutschland sehr stark kontrolliert. In der Familie gibt es so gut wie keine Kontrolle.

Was haben wir durch Corona gelernt?

Es fällt jetzt etwas mehr Licht in diesen Graumarkt. Viele Familien, die so eine private Lösung haben, fühlten sich schon vor Corona nicht gut damit. Es ist ein bisschen wie - illegal im Garten Kartons verbrennen. Man macht es und denkt, wird schon keiner was sagen.

Was Sie vorschlagen – mehr Kontrolle, mehr Qualifikation, mehr Rechte  -  wird teurer. Dann können sich viele Familien diese Art der Betreuung nicht mehr leisten.

Deshalb reden wir mit der Politik. Wenn Sie morgen in ein Pflegeheim kommen und können es nicht bezahlen, springt der Sozialstaat ein. So könnte es hier auch laufen. In der Corona-Krise sind ja auch plötzlich Milliarden da.

Produktinfo

Barbara Städtler-Mach ist Mitherausgeberin eines Buches zum Thema: Grauer Markt Pflege, 190 Seiten, mit 14 Abb., kartoniert ISBN: 978-3-525-73328-8, Vandenhoeck & Ruprecht, 1. Auflage 2020, ab 18,99 €

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