Bäume für die Sahelzone: Die große grüne Mauer

Der Sahel grünt
Der Sahel grünt

Stefan Borghardt

Die Herden sind längst nach Süden gezogen. Nur Schirmakazien überdauern die Trockenzeit. – Eselskarren mit Wasservorräten

Im Senegal entsteht ein Savannenwald. Eines Tages soll er quer durch Afrika gehen, 15 Kilometer breit, 8000 Kilometer lang. Ein Band aus Akazien, Jujuben, Datteln, Mimosen stellt sich der Wüste entgegen.

Dunkelgraue, rissige Borke, eine flache Krone, kurze Blätter: die Schirmakazie Acacia raddiana. Tausende stehen in Mbar Toubab, 300 Kilometer nordöstlich von Dakar in der nordsenegalesischen Savanne Ferlo. 200 bis 300 Millimeter Regen träufeln hier oft erst ab August auf verstreute Felsen und Lehmsenken und versickern in Sanddünen, mal sind es sogar 400 im Jahr – in Deutschland fallen 65 Millimeter pro Monat! Hier wächst die große grüne Mauer heran, ein 15 Kilometer breiter Baumstreifen, der sich eines Tages quer über den afrikanischen Kontinent ziehen soll. Ein Savannenwald von Saint-Louis am Atlantik bis Dschibuti am Indischen Ozean – einmal der Länge nach durch die Sahelzone.

 Akazien und Jujuben, Setzlinge in der Baumschule von Widou ThiengolyStefan Borghardt
Schirmakazien sind Meisterinnen des Überlebens. Ihre tiefen Pfahlwurzeln speichern Wasser aus der kurzen Regenzeit. Ihre Flachwurzeln halten den Sand und beleben den Boden. Ihre ausladenden Kronen spenden kühlenden Schatten. Um die Schirmakazien siedeln sich weitere Pflanzen und Tiere an, es entsteht ein neues Ökosystem.

Präsident Obasanjo holte die Idee wieder hervor

Bäume wie die Schirmakazie könnten einen Schutzwall gegen die vordringende Wüste bilden, glaubte bereits der britische Forstwissenschaftler Richard St. Barbe Baker Anfang der 1950er Jahre. Seine Vision landete zunächst in der Schublade. Auf Dürreperioden etwa im sudanesischen Sahel in der Region Darfur Anfang der 1980er folgten Hungers­nöte und Bürgerkriege. 2005 holte der damalige nigerianische Präsident Olusegun Obasanjo die alte Idee einer grünen Mauer wieder hervor. Elf Länder waren 2010 von Anfang an dabei: der Senegal, Mauretanien, Mali, Burkina Faso, der Niger, Nigeria, der Tschad, der Sudan, Äthiopien, Eritrea und Dschibuti. Heute forsten 21 Länder teils auch nördlich der Sahara und südlich der Sahelzone auf.

 Sergeant El Hadji Goudiabi leitet freiwillige Helfer an, vor allem StudentenStefan Borghardt
Dass Menschen der Wüste Land abtrotzten, das gab es in Afrika schon immer. In Maradi, einer Region im südlichen Niger mit 650 Millimeter Regen pro Jahr, zogen Bauern auf eigene Initiative Baumsprösslinge groß, die sich auf ihrem Land ausgesät hatten. Die Bauern wussten: Mit den Bäumen verbessern sich Bodenqualität und Ernte­erträge. In zwei Jahrzehnten wuchsen auf Abertausenden Hektar 200 Millionen neue Bäume heran.

"Kein Krieg, keine Dschihadisten, keine Rebellen."

"Glücklicherweise ist der senegalesische Abschnitt der großen grünen Mauer friedlich", sagt Aliou Guisse, ­Professor für Pflanzenbiologie an der Scheich-Anta-­Diop-Universität in Dakar, "kein Krieg, keine Dschihadisten, keine Rebellen." Guisse begleitet das Projekt von Anfang an. Er betreut Doktoranden im Tschad, macht vergleichende Studien mit der Universität von Ouagadougou, Burkina Faso, und organisiert internationale Symposien über ­Trockenzonen in Afrika. Er forschte: Welche Bäume sind für die Sahelzone geeignet? Was wollen die Anwohner? Welchen Nutzen haben die Pflanzen für sie?

 Im Gemüsegarten von Mbar Toubab versorgt ein Schlauch den Zitronensetzling tröpfchenweiseStefan Borghardt
An die 20 Millionen Setzlinge wurden seit 2008 herangezogen. Ein Netz von neun Baumschulen spannt sich von Saint-Louis am Atlantik bis Oudaleye im Osten des ­Landes. Frauen legen Gemüsegärten zwischen den Bäumen an. Studenten helfen in drei- bis vierwöchigen Einsätzen.

Datteln, Jujuben, Mimosen, Akazien

In der Baumschule von Mbar Toubab leitet Sergent El Hadji Goudiaby Freiwillige an. Sie stecken neue Flächen ab, lockern den Boden, pflanzen Setzlinge aus, verwalten Parzellen für Gemüsegärten, zeigen Anwohnern nach­haltiges Wirtschaften und halten Schneisen gegen Buschbrände instand. Goudiabys Baumschule züchtet vor allem Ägyptischen Schotendorn (Vachellia Nilotica) und Schirmakazien. Andere Baumschulen der Ferlo ziehen auch­ Gummiarabikumbäume, Wüstendatteln, Indische Jujuben, Weißkopfmimosen und Schwarzdornakazien heran.

 Kommt viel Regen, haben die Setzlinge eine Überlebenschance von 60 bis 80 Prozent. Aber der Regen bleibt aus, der Freiwillige soll nun doch nur Samen aussäenStefan Borghardt
Bleibt der Regen zu lange aus, überlebt nur die Hälfte der Setzlinge, sagt der Sergeant. Jungpflanzen müssen vor Herdentieren geschützt werden. Für die Trockenzeit lässt er Futterbanken anlegen. "Ich will den Hirten nicht den Weidewechsel abgewöhnen", sagt Goudiaby, "sondern ­sicherstellen, dass mittellose Hirten unsere Vorräte nutzen."

Stefan Borghardt

Stefan Borghardt war zur Regenzeit angereist, um mit Fotos zu erzählen, wie Betroffene des in Europa verursachten Klimawandels selbst das Heft in die Hand nehmen. Dann blieb der 
Regen aus.
Diana Paola Cabrera Rojas

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz war für diese ­Recherche nicht im Senegal. Er hat wissenschaftliche Untersuchungen gewälzt, darunter auch Beiträge von Dr. Aliou Guisse und Sergent El Hadji Goudiaby.
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Auch um die Grundschule von Mbar Toubab ­werden Bäume gepflanzt. "Die Kinder sollen verstehen, wie ­wichtig Pflanzen für uns sind." Von der nächsten Generation hängt ab, ob die grüne Mauer überlebt.

Leseempfehlung

Lauter grüne Gürtel fürs 
Land: Mit Hartnäckigkeit ­verschaffte Wangari Maathai 
Kenias Frauen mehr Selbstbewusstsein
Zwanzig Kilometer hin, zwanzig zurück. Jeden Tag. Das zehnjährige Massai-Mädchen möchte einmal Lehrerin werden. Oder Krankenschwester
Seit Jahrzehnten wird die Westsahara von Marokko besetzt. Die Friedensaktivistin Aminatou Haidar, Trägerin des Alternativen Nobelpreises, spricht über gewaltfreien Widerstand und die Ungeduld der jungen Generation
Fordern der Entwicklungsminister Gerd Müller und die Publizistin Veye Tatah. Ohne Coltan aus dem Kongo würden im Westen die Fließbänder stillstehen
In Uganda bekommen Frauen im Schnitt 5,3 Kinder. In Deutschland 1,5. An beiden Zahlen lässt sich nur schwer etwas ändern

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen