Die Bessermacher - Folge 4: Ohne Auto auf dem Land

Ohne Auto auf dem Land?
Bessermacher - Ohne Auto auf dem Land

Studio Käfig

Bessermacher - Ohne Auto auf dem Land

Das geht! Und wo früher der Parkplatz von Familie Rathert war, wächst nun Gemüse. Willi Weitzel hat sie besucht.

Willi: Oh, draußen fährt gerade die S-Bahn vorbei. Warum hupt die denn?

Linus: Bestimmt war jemand an den Gleisen.

Willi: Wie weit ist der Bahnhof entfernt?

Christine Rathert: 350 Meter.

Willi: Und ihr habt kein Auto mehr?

Christine: Ja, wir hatten früher sogar mal zwei. So ganz ohne ist es eine Erleichterung: Keine Reifenwechsel, wir müssen nicht tanken, nicht zum TÜV und nie mehr zur Inspektion.

Frieda: Aber wenn man zum Geburtstag muss, ist das auch blöd ohne Auto.

Christine: Dann leihen wir uns eines.

Frieda: Und wir haben ein cooles E-Bike.

Linus: Das hält 250 Kilo aus!

Nick Rathert: Vier Leute können mitfahren.

Willi: Wie auf einem Tandem?

Linus: Nein, hinten ist eine Art Sitzbank.

Willi: Wie seid ihr mobil?

Willi Weitzel

Willi Weitzel, Jahrgang 1972, ist Moderator, Reporter und Autor. Er wurde bekannt als Gesicht der TV-Sendung "Willi wills wissen", in der er von 2001bis 2009 einer ganzen Generation an Kindern die Welt erklärte. Viele Folgen sind heute noch auf "YouTube" zu sehen. Samstags ist er im BR Fernsehen mit der Sendung "Gut zu wissen" zu sehen. In der edition chrismon ist sein Buch "Der Islam. Fragen und Antworten für alle, die’s wissen wollen" erschienen (mit Mouhanad Khorchide).    
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Nick: Zu Fuß, mit dem E-Lastenrad, mit dem Statt-Auto und mit S-Bahn und Bus.

Willi: Wann ist das Lastenrad eine Last?

Nick: Wenn Bahnhöfe nicht barrierefrei sind. Dann muss man das schwere Rad tragen.

Willi: Wie kommt ihr zur Arbeit?

Christine: Wir fahren mit der Bahn. Ich bin Lehrerin, Nick ist Lehrer. Weil wir beide Teilzeit und an je unterschiedlichen Tagen arbeiten, teilen wir uns die Karte für den Zug.

Nick: Viele arbeiten Vollzeit, damit sie in der knappen Freizeit nur noch mehr konsumieren können. Was kostet richtig Geld im Leben? Wohnen – und das Auto. Unser Familienbus kostete uns 600 bis 700 Euro pro Monat, wenn man Wertverlust, Inspektionen, ­Reparaturen und Betriebskosten einrechnet.
Christine: Wo früher ein Auto stand, ist heute ein Gewächshaus. Man gewinnt viel Platz, wenn man Autos loswird.

Willi: Andere sagen: Wenn mein Auto im Abendlicht glänzt, bin ich glücklich.

Christine: Das stimmt. Wir freuen uns darüber, mehr Platz zu haben. Dort haben wir im Sommer Linus’ Geburtstag gefeiert.

Willi: Ich kann mir ganz schwer vorstellen, aufs Auto zu verzichten. Aber wenn der Bahnhof so nah ist . . .

Nick: Die Bahn brauchen wir nur für den Arbeitsweg. Was hier anfällt, machen wir zu Fuß, mit dem Rad oder dem Linienbus, mit dem die Kinder auch zur Schule fahren.

Familie Rathert

Linus, Christine, Frieda und Nick Rathert mit ihrem E-Lastenrad vor dem heimischen Gewächshaus
PrivatFamilie Rathert

Willi: Wie kauft ihr ein?

Christine: Wir bekommen eine Biokiste. Sogar Putzmittel liefern die. Eier haben wir von unseren Hühnern. Im Ort ist ein kleiner Supermarkt, da holen wir den Rest.

Willi: Fangfrage: Die Leute mit der Biokiste – kommen die mit dem Fahrrad?

Christine: Nein, aber die sind schon früher hergefahren, da unsere Nachbarn dort schon lange bestellt haben.

Willi: Wie geht das mit dem Leihauto?

Christine: Mit einer App bucht man das Auto. Wir haben zum Beispiel schon für eine Fahrt im Mai reserviert. Es ­kostet ­sieben Euro Gebühr im Monat, dazu ­kommen die gefahrenen Kilometer und die Zeit, in der man das Auto nutzt. Einmal ­die Woche bin ich drei Stunden beim Yoga. Die Fahrt kostet mich zehn Euro.

Willi: Wie flexibel seid ihr wirklich?

Christine: Wenn du das Auto brauchst, ist es besser, wenn du es ein paar Tage vorher buchst, sonst ist es vielleicht weg. Man teilt es eben. Wenn etwas ganz wichtig war, haben wir es trotzdem geschafft, überall hinzukommen. Viele Nachbarn bieten uns auch ihr Auto an, Begründung: Es stehe doch eh meist nur rum.

Willi: Wie ist das Lebensgefühl ohne Auto?

Christine: Man ist freier, wir haben Platz gewonnen, und sonst ist nicht viel anders. Wir sind mobil – nur ohne eigenes Auto.

Nick: Ich kann mit dem Rad direkt unter den Carport fahren, weil da sonst nichts mehr ist.

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Lesermeinungen

Betreff: Ohne Auto auf dem Land?
Sehr geehrte Damen und Herren
Die oben gestellte Frage beantworten Sie in der Ausgabe vom April mit einem forschen "Das geht!".
Nachdem dann im Text aber klar wurde, daß die befragte Familie 350 Meter vom nächsten S-Bahn-Anschluß entfernt wohnt, bin ich aus dem Lachen kaum noch herausgekommen.
Welche Vorstellung von 'Land' haben Sie? Vielleicht nehmen Sie sich bei Gelegenheit die Zeit und fahren wirklich einmal auf's Land. Nehmen Sie dafür aber besser ein Auto, sonst könnte die Reise sehr lange dauern.
Beste Grüße
Bernd Fünfsinn

Lieber Herr Weitzel,
Ihre Texte unter der Rubrik "Die Bessermacher" lese ich immer wieder gerne. Ich versuche, in meinem Alltag möglichst viele klimaschonenende Möglichkeiten zu nutzen und die Rubrik gibt da immer wieder Denkanstöße, das finde ich super.
Bei der Lektüre des letzten Textes unter der Überschrift "Ohne Auto auf dem Land?" musste ich jedoch etwas schmunzeln und ein wenig hat es mich auch geärgert. Die Frage, wie man ohne Auto auf dem Land überlebt, ist ja durchaus richtig, denn bei all den vielen schönen Verkehrskonzepten, die so entwickelt werden, wird die Bevölkerung außerhalb der großen Städte leider oft vergessen. Allerdings glaube ich nicht, dass eine Familie, die eine S-Bahnstation in 350 Metern erreichen kann und ein Carsharing-Programm zur Verfügung hat (beides sei ihnen von Herzen gegönnt), als Beispiel für diese Frage taugt. Denn die meisten Menschen auf dem Land haben weder das eine noch das andere. Ich beispielsweise lebe auch ländlich, rund 4,5 Kiometer vom Zentrum einer kleineren Stadt mit 36.000 EinwohnerInnen entfernt. Zur Bushaltestelle sind es rund 1,5 Kilometer, der Bus fährt einmal in der Stunde und in den späteren Abendstunden gar nicht mehr. Ein Carsharing-Programm gibt es in unserer Stadt nicht (ich würde es liebend gerne nutzen) und in dem ländlichen Gebiet, in dem ich wohne schon gleich gar nicht. Ich bin also auf das Auto angewiesen, wenn ich mal spät am Abend unterwegs bin, sperrige Dinge transportieren muss oder ähnliches. Zur Arbeit kann ich mit dem Zug fahren, aber auch zum Bahnhof muss ich irgendwie hinkommen. In den meisten Fällen nutze ich dazu mein Fahrrad (übrigens auch ein Pedelec), aber immer geht das leider nicht. Von daher würde ich mich freuen, wenn Sie in der nächsten Rubrik der spannenden Frage, wie man ohne Auto auf dem Land sein Leben organisiert, noch einmal nachgehen, diesmal aber bei einer Familie, die wirklich auf dem Land lebt.
Herzliche Grüße aus dem Rheinland
Yvonne Giebels

Sehr geehrte Redaktion,
dieser Artikel, der ja unter dem Motto "Bessermacher " läuft, hat mich doch ein wenig geärgert.
Es ist sicher leicht, in der Stadt mit ihren ÖPNV-Möglichkeiten ohne Auto auszukommen. Aber das Beispiel der Familie Rathert ist ganz sicher kein Vorbild für ein Leben ohne Auto auf dem Land.
Ich wohne in einem kleinen Dorf nicht allzu weit von einer Kleinstadt entfernt. Zum Bahnhof sind es nicht 350 m sondern 7 km und es fährt auch keine S-Bahn, sondern ein Regionalzug alle 2 Stunden. Ein Bus vom Dorf zum Bahnhof fährt 6 x am Tag, und wenn man Pech hat, und vom Bahnhof zurück ins Dorf will, muss man u.U. mehrere Stunden warten oder ein Taxi nehmen, Kosten 14,- €. Eine Fahrgemeinschaft war wegen der unterschiedlichen Anfangszeiten und Arbeitsorte nicht zu organisieren. Die meisten von uns fahren mit dem Auto zum Bahnhof und von dort weiter mit der Bahn. Einen Lebensmittelladen geschweige denn Supermarkt gibt es weder in unserem Dorf noch im Nachbardorf, wir müssen in die Kleinstadt. Natürlich versorgen wir uns selbst mit einigen Lebensmitteln wie z.B. Eiern, aber keiner meiner Nachbarn baut Gemüse für mehr als den Eigenbedarf an und schlachten tut man hier auch nur für den Eigenbedarf. Vom Bahnhof der Kleinstadt bis zum Supermarkt fährt zwar ein Bus, aber wie komme ich von dort zurück ins Dorf?
Es fängt doch sogar schon bei den Kindern an: Es gibt im Ort keine Kita, die Schulen sind in der Kleinstadt. Es fährt ein Schulbus, aber wenn die Kinder mal nicht zur ersten Stunde müssen, müssen sie gebracht werden. Und Kitakinder müssen ebenfalls gebracht werden. Unsere Hauptkirche, in der z.B. auch der Religions- und der Konfirmandenunterricht stattfindet, ist eine Autobahnabfahrt weiter oder für die älteren Kinder nur mit 3 x umsteigen und schlechten Anschlüssen über die nächste Großstadt zu erreichen. Und später zur Lehre brauchen sie dann das 3. Auto der Familie, oder zumindest ein Motorrad.
Ich denke, so geht es vielen Orten sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern. Und ich habe es wirklich satt, immer so hingestellt zu werden, als gäben wir uns keine Mühe und die Umwelt wäre uns egal. Wir brauchen 2 Autos in der Familie, um unsere unterschiedlichen Arbeitsorte zu erreichen. Und es dreht sich auch alles im Kreis: Da der Bus so selten fährt, fahren alle mit dem Auto und deshalb sind die seltenen Busse ebenfalls ziemlich leer und werden dann noch mehr ausgedünnt.
Wenn man so viele Vorteile hat wie Familien Rathert, dann kann ich leicht sagen, wir kommen ohne Auto aus. Ich würde da auch nicht von "auf dem Land" sprechen, höchstens von "ländlich" mit S-Bahnanschluss und Supermarkt. Erst wenn es überall regelmäßigen ÖPNV auch in die kleinen Dörfer gibt, dann wäre sowas möglich. Bis dahin taugt es nicht als Vorbild.
Mit freundlichen Grüßen
Jutta Neuhaben